Plastikzahnbürsten, Panikattacken & World Pain – Ein Interview mit den Leoniden

Geschrieben von am 2022-06-15

Die Leoniden ​​— das sind fünf Jungs aus Kiel, die seit 2015 die deutsche Indie-Rock-Szene aufmischen. Ihr mittlerweile drittes Studioalbum “Complex Happenings reduced to a simple Design” erblickte im Sommer 2021 das Licht der Welt, jetzt folgte die Single “Smile” –  eine musikalische Versöhnung. Inmitten der Festival-Saison und der neuen Album-Tour haben die Jungs im Zuge ihrer nachgeholten Jahresabschlussshow (im Juni) in Münster Halt gemacht. Radio Q-Musikredakteurin Neele Hoyer hat die Leoniden auf ein Interview getroffen und mit Frontsänger Jakob über das neue Album, eine politisierte Jugend und unsere brennende Erde gesprochen.

Radio Q: Zum Einstieg ein paar Entweder-Oder-Fragen über eure Band-Vorlieben. Über eure Songs würd ich gern wissen: Funeral oder Smile?

Jakob: (lacht) Die legt mich richtig lahm. Das ist einfach genau diese Schwelle zwischen absolutem Weltschmerz mit Erschlagenheit – und absolutem Weltschmerz mit “Im Endeffekt kann man nichts ändern” und man muss sich auf das Besinnen, was da ist. Und genau so sieht ein klassischer Tag eines Leoniden aus. Insofern, keinen Plan – jetzt grade aber Smile. Das waren exakt 30 Sekunden für eine Entweder-Oder-Frage, naja. (lacht)

Q: Konzerte oder Festivals?

Jakob: Samma, jetzt hör auf damit, das kann doch nicht sein! Das ist das gleiche, wie wenn ich mich zwischen Pizza und Nudeln entscheiden müsste. Das  ergibt keinen Sinn. Ich erklär euch kurz warum: Clubshows sind intim. Leute kommen nur für die Band, unfassbare Energie komprimiert in einem Raum — das finde ich richtig geil. Festivals: Leute sind in einem krassen Tunnel abseits der Realität, Leute können dich aus Zufall entdecken, man kann um neue Leute spielen, Leute haben den Vergleich – das finde ich unfassbar geil. Also keine Entscheidung an dieser Stelle, nein.

Q: Indie oder Rock?

Jakob: Ich antworte nicht sondern trink jetzt nur noch Bier. Gibt ja nicht umsonst den Bindestrich, und genau das tun wir.

Q: Haben wir die Würfel noch selbst in der Hand oder brennt die Erde sowieso schon?

Jakob: Oh das ist eine gute Frage! Es ist immer beides und das macht es so schwierig, sich emotional stabil zu positionieren. Man kann immer im Kleinen was verändern und wir wissen, dass die Summe aller Kleinen ein Großes ist. Aber alle konkreten Probleme der Welt zu verbessern, das bringt einen in eine Ohnmacht, aus der man schwer gesund wieder rausfindet.

“Man kann immer im Kleinen was verändern und wir wissen, dass die Summe aller Kleinen ein Großes ist. Aber alle konkreten Probleme der Welt zu verbessern, das bringt einen in eine Ohnmacht, aus der man schwer gesund wieder rausfindet.”

Q: Du hast nach dem Album-Release zum Picky-Magazin gesagt, dass Musik verloren ist, wenn sie kein Publikum hat. Hat sich der Stellenwert von Live-Performances in den zwei Pandemie-Jahren verändert? Und wie ist das Live spielen jetzt für euch?

Jakob: Das erste Pandemie-Jahr 2020 haben wir ja ausnahmslos alle Shows gecancelt, weil wir gesagt haben, wir wollen keine Auto-Konzerte spielen. Die und ähnliche Distanz-Konzepte waren aber die einzigen Optionen. Das war uns dann zu artifiziell und weit weg von einem normalen Konzert. 2021 haben wir dann zu den Picknick-Konzepten “ja” gesagt. Da dachten wir, das wäre nah genug an einem echten Konzert, das wird schon ganz cool sein. Jetzt 2022 haben wir mit nem riesigen Selbstbewusstsein gelernt: echte Konzerte sind nicht zu ersetzen. Tatsächlich ist es sogar so: je näher man rankommt, desto komischer wird es. Das gibts auch, wenn man Roboter baut, das nennt sich Uncanny Valley. Ein Staubsaugerroboter ist süß, der sieht überhaupt nicht aus wie ein Mensch. Aber wenn so ein Roboter wie ein Mensch aussieht und man merkt, es ist keiner, ist das richtig gruselig. “Uncanny” heißt sowas wie super unangenehm – also das unheimliche Tal. Und das sind die Picknick-Konzerte gewesen. Da ist richtig richtig viel richtig, aber nicht genug und man fühlt sich am Ende doch wie in einem Käfig. Es gibt immer noch Publikum und Band, aber es wird nicht zu Einem wie bei einem Clubkonzert. Deswegen: Die Magie eines richtigen Konzertes bleibt unantastbar, was eine super schöne Erkenntnis ist.

“Die Magie eines richtigen Konzertes bleibt unantastbar.”

Q: Hatte das auch Auswirkungen auf eure Band-Dynamik? Oder hat der wachsende Erfolg sich auf eure Dynamik ausgewirkt? Also laufen Dinge wie Songs schreiben und Ideen zusammen entwickeln jetzt anders ab?

Jakob: Gar nicht. Das war aber auch die Insel, die wir hatten während der Pandemie. “Complex Happenings reduced to a simple design” ist gerade der Pandemie wegen ein Doppelalbum geworden. Es war eigentlich schon fertig Ende 2020. Dann haben wir aber gesagt, wir wollen nicht neun Monate nur auf fertigen Songs rumsitzen, bis wir sie überhaupt ankündigen und haben einfach weitergeschrieben. Genau so ist “Smile” jetzt auch entstanden. Leoniden ist die Band, die immer weiter macht. So suchen wir uns eigentlich auch immer das Glück und bauen uns das neu. Wir bauen unseren Proberaum z. B. einfach um zu einem Studio und nehmen dann da auf und schöpfen ganz viel Kraft daraus. Das hat aber auch zwei Seiten. Es ist ein sehr gutes Gefühl, dass die Pandemie uns nicht kaputt gemacht hat. Wenn man das so beantwortet, spürt man aber auch das große Privileg, das wir hatten, schon vor der Pandemie groß genug gewesen zu sein, um das zu überleben. Neben vielen kleinen Bands, die das nicht gepackt haben. Das ist glaube ich eine Sache, über die man in 20 Jahren noch trauert, weil man denkt, es war einfach nur ein scheiß Timing von einem unplanbaren Desaster. Manchen hat das einfach die Musikkarriere nicht vereist, sondern zerstört. Leute die ihre Instrumente verkaufen mussten, um ihre Miete zu zahlen und so. Ich bin ein Freund davon, dass man all die schlechten Erinnerungen irgendwie auch in was Positives umwandelt, aber ich will die Pandemie nicht als was Positives im Kopf behalten. Ich möchte nicht sagen: “Oh die Pandemie hat uns beigebracht, wie wichtig soziale Kontakte sind, weil da waren sie auf einmal weg. Danke Pandemie, dass wir das lernen durften.” So seh ich es nicht. Die Pandemie war die größte Scheiße, die uns jemals passiert ist musikmäßig – und ich hoffe, dass sowas nie wieder passiert.

“Ich bin ein Freund davon, dass man all die schlechten Erinnerungen irgendwie auch in was positives umwandelt, aber ich will die Pandemie nicht als was positives im Kopf behalten.”

Q:  “Complex Happenings” ist ja deutlich experimenteller und folgt einem in sich geschlossenen Gesamtkonzept, was ja vorher nicht so richtig der Fall war. War das einfach dem geschuldet, dass ihr deutlich mehr Zeit hattet, herumzuexperimentieren?

Jakob: Ja, ganz genau. Das ist aber auch geblieben. Wir haben uns gesagt: wir lassen uns bis zum nächsten Album einfach noch Zeit. Wir sind schon wieder super weit mit allem natürlich, aber gehen das dieses Mal langsamer an. Deshalb kommt dieses Jahr vielleicht nochmal ein Song raus, aber es kommt auf keinen Fall ein Album.

Q:  Ihr habt viele Gimmicks und Spielereien drumherum, postet Vlogs auf Youtube, macht viel künstlerischen Kram, wie das Motiv der brennenden Erde oder den Würfel. Wer ist da bei euch der kreative Kopf? Gibt es da eine Person, die sich dem allen annimmt oder entsteht sowas in der Gruppe, dass ihr euch gegenseitig zu neuen verrückten Ideen anstachelt?

Jakob: Es ist definitiv schon mal alles davon. Ich glaub wir als Band sind sehr gut in zwei Sachen: Wir sind super gut im uns Verbessern, wenn wir nicht gut genug sind in irgendwas, weil wir keine Arbeit, Disziplin und Training scheuen. Wir sind aber auch eine Band, die relativ schnell weiß, dass etwas außerhalb unserer Kraft liegt. Deshalb haben wir uns zum Beispiel beim ganzen Album-Design mit unseren Freunden von “No Talent” aus Kiel zusammengesetzt, die das ganze Design mit uns entwickelt haben. Wir haben denen nur gesagt “Macht das mehr so” und “Guck mal dieses alte Plattencover” und “Vielleicht dieses Artcept Poster Design, das wär doch gar nicht schlecht”. Wenn man so nah und freundschaftlich zusammenarbeitet, dann kommt auch meistens ein Entwurf, den alle geil finden. Sonst gerät man ja manchmal in so eine Verlegenheit, bei der man denkt: wir schreiben jetzt DemUndDem, der hat DasUndDas schon gemacht – auch wenn man die Person vielleicht gar nicht richtig kennt. Dann kommt was zurück und man hat das Gefühl, das sieht irgendwie cool aus, aber schießt ein bisschen an uns vorbei und man will die Zweifel dann nicht äußern. Deshalb haben wir für uns festgelegt, immer mit Freund*innen zu arbeiten, die uns schon lange kennen und wissen, was wir machen. Das ist ganz unterschiedlich, wie doll wir da drin stecken. Manche von uns fünf haben Bock, da ganz vieles zu begleiten, andere sagen: macht mal. Bei fast allem, was die Musik angeht, bin ich zum Beispiel so ein Macht-Mal-Typ. Außer ich sehe auf dem Handy von Lennart irgendwas, was mir gar nicht gefällt, dann sag ich (verstellt seine Stimme) “Lennart, was soll’n das sein?” Aber meistens kommt Lennart, zeigt seine Ideen und ich finds sowieso gut.

Q:  Dann kommen wir mal auf das ungefragte Musikvideo von Diffus zu sprechen. Diffus hat euch entführt, um ein Musikvideo zu eurem Song “Freaks” zu drehen, und ihr wusstet nicht, was auf euch zukommen wird. Wie zufrieden seid ihr mit der Umsetzung und ist euch der Gemeinschaftsgedanke des Songs genug rausgekommen?

Jakob: Ich finde das Video kann man konzeptionell total vom Song trennen. Ich würde da gar keine interpretatorische Ebene aufmachen und sagen, das fasst den Song total zusammen. Es war einfach ein richtig geiler Weg zu einer Live-Session. Wir haben den Song da auch live gespielt, aber im Video ist natürlich der Song aus dem Studio. Das war eine super witzige und coole Erfahrung. Manchmal dreht man auch Musikvideos und rockt in irgendeine Kamera rein und findet das ganze selbst sehr künstlich. Ohne Publikum merkt man dann, wie weird das ist was wir machen. Ich stell mir immer vor, dass wir eine Bühnenprobe machen und dann Aliens auf die Erde kommen und gucken. Dann sehen die, dass da fünf Leute auf einer Bühne stehen und es  laut ist und einer springt hoch und dann rennt einer irgendwohin und haut wogegen – Was zur Hölle ist das? Die Legitimation entsteht wirklich nur durch die Leute vor der Bühne. Sonst ist das einfach der verrückteste, sinnloseste, teuerste Zirkus, den man sich vorstellen kann. Und das ist eine schöne Sache in dem Freaks-Video, dass wir quasi durch diesen – für uns – Hindernisparcour geleitet wurden, um am Ende dann doch vor Leuten einen Song zu spielen.

“Ich stell mir immer vor, dass wir eine Bühnenprobe machen und dann Aliens auf die Erde kommen und gucken. Dann sehen die, dass da fünf Leute auf einer Bühne stehen und es  laut ist und einer springt hoch und dann rennt einer irgendwohin und haut wogegen – Was zur Hölle ist das? Die Legitimation entsteht wirklich nur durch die Leute vor der Bühne. Sonst ist das einfach der verrückteste, sinnloseste, teuerste Zirkus, den man sich vorstellen kann.”

Leoniden – Freaks feat. Pabst | Das ungefragte Musikvideo

Q:  “Boring Ideas” ist auch wieder ein Feature-Song vom neuen Album – da ist Drangsal dabei. Wie ist es dazu gekommen? Er macht seine Musik auf Deutsch, ihr auf Englisch. Wie passt das zusammen?

Jakob: Über die Pandemie sind wir ziemlich dicke nerdige Freunde über Instagram geworden. Wir haben uns ganz viel ausgetauscht. Er ist kommt auch aus dem Dorf, so wie ich, und hat sich über das Internet extrem viel mit Musik-Subkulturen beschäftigt, kennt alle B-Seiten von allen Bands und ich auch. Dann haben wir immer hin und her geschrieben. “Kennst du das von 2002 noch” und so, da haben wir uns eine richtige Nerd-Insel geschaffen. Ich hab mich dann abends gefreut, meine DMs auf Instagram aufzumachen und zu gucken, was Max (Drangsals bürgerlicher Name) mir neues Verrücktes geschickt hat. Allerdings waren Pabst die ersten, bei denen wir gesagt haben, dass wir doch auch mal Features machen. Wir wollten aber kein Album, auf dem nur ein Feature ist. Dann haben wir unsere Freundin Ilgen (Ilgen-Nur) gefragt. Max war auch dabei und hat zugesagt, woraufhin wir uns dann zusammen mit Markus Ganter getroffen haben. Markus hat am Album mitgemixt und -produziert und dort haben wir dann Drangsal’s Part geschrieben. Der Song war schon vorher fertig, es gab nur eine Lücke in dem Bridge-Part, und dann ging das ganz schnell. War sehr lustig.

Q:  “Blue Hour”ist dein Song im Kampf um Awareness für Depressionen und mentale Gesundheit. War das ein konkreter Call to Action an Gesellschaft und Politik oder war das mehr dein privates Verarbeiten im Sinne von “Hey Leute, das ist ein wichtiges Thema, beschäftigt euch mehr damit”? 

Jakob: Wir haben den Song nicht geschrieben und schon die Agenda dazu im Kopf gehabt. Ganz anders zum Beispiel als bei “New 68”, bei dem wir direkt gedacht haben, dass wir mal einen Song dazu schreiben müssen und wie das Musikvideo dazu sein könnte. Die meisten Songs purzeln am Ende direkt aus dem Herzen raus – “New 68” auch – und dann guckt man später, was dieser Song tut, jetzt wo er da ist. Die Wichtigkeit oder Dringlichkeit dahinter, so einen Song dann auch zu kommunizieren und nicht nur Herauszubringen, die war dann relativ schnell da. Ehrlich gesagt wurde mir das von den anderen viel mehr gespiegelt als von mir. Die meinten, dass es doch voll wichtig sei, darüber zu sprechen und unsere Freunde haben das auch gemeint. Da fiel mir das erst auf. Die richtige Notwendigkeit wurde mir sogar erst vor Augen geführt, als der Song dann draußen war und gefühlt nach zwei Minuten schon ganz viele Nachrichten zurückkamen. Das war auf jeden Fall die richtige Entscheidung. Wir haben nicht gedacht: “Ich hab Struggle mit Panikattacken, lass mal darüber reden”, sondern der Song war da und er handelt davon. Flucht nach vorne. Solche intimen Songs schwinden manchmal auf einem Album, gerade auf Englisch. Da wird man vielleicht nicht direkt in die Metapher-Welt eingeladen – aber so wusste man direkt: Disclaimer, this is about mental health.

Leoniden – Blue Hour | Offizielles Video

Q: Damit können wir den Bogen passend wieder zurück spannen — und zwar zu “Smile”. Der ist gerade erst rausgekommen und wird als musikalische Versöhnung gehandelt. Inwiefern hat denn z. B. Corona die Entwicklung von “Blue Hour” hin zu “Smile” beeinflusst, kann man da überhaupt so viel reininterpretieren? Und was genau bedeutet dieser Song eigentlich für euch?

Jakob: Rein persönlich ist auf jeden Fall der Weg von “Blue Hour” zu “Smile” gegangen worden (lacht). Das war aber nicht das Ziel des Songs. Der Song behandelt für uns eher das hier: Wir sind fünf manische Freaks, also wirklich. Ich kenne so viele Bands und ich kenne auch so viele verrückte Musiker*innen, die echt alles geben. Aber wir sind einfach wahnsinnig. Das kann man niemandem erklären. Wir machen den ganzen Tag Musik. Leoniden steht immer an Platz Eins. Schlimm, eigentlich. “Smile” war dann dieses resignierende ‘sich mal kurz hinsetzen’ und diesen Fakt auch mal positiv belächeln. Sich akzeptieren als dieser Freak, der man ist und nicht nur mit diesem Verhalten eine Sinnhaftigkeit zu geben. Wie viele Jugendliche, die sagen “Ich hör Slipknot zum Einschlafen, ich bin so ein krasser G”. Und alle sagen “Woah der Typ hört Slipknot zum Einschlafen, dieser Typ ist krass”. Wir sind halt die Typen, die IMMER Musik machen und immer viel arbeiten. Dann merken wir, wir sind so und das ist schön, aber das ist irgendwie auch nicht alles. Das macht uns nicht als Mensch würdig. Das passiert schon vorher. Dann kommt dieser stille Moment, in dem man da sitzt und merkt, dass wir uns vor lauter Manie einfach selbst auch eingemauert haben (lacht). Naja, schauen wir mal weiter.

“Wir sind die Typen, die immer Musik machen und immer viel arbeiten. Das wir einfach dann merken, wir sind so und das ist schön, aber das ist irgendwie auch nicht alles. Das macht uns nicht als Mensch würdig. Das passiert schon vorher.”

Q: Dann eher eine Verbindung zu “Freaks” anscheinend.

Jakob: Ja, nur alle Personen, die in “Freaks” vorkommen, sind alle nur sie selbst. Es ist wirklich wie ein Selbstgespräch, welches man ohne Worte führt, was einfach nur ein stilles Lächeln ist. Ich hab hier ein Tattoo, das ist ein Dino mit einem ganz langen Hals – so lang, dass er sich selbst angucken kann. Der Original-Dino-Kopf schmollt, aber der Rücken grinst zurück. Und so ungefähr ist es. Dass man einfach in sich selbst horcht und denkt: Schon okay, wie du bist. Bist ‘n verdammter Freak, aber das ist okay.

Q: “New 68” hast du schon angesprochen – den habt ihr nach einer Fridays For Future-Demo geschrieben. Seht ihr euch ein bisschen als musikalische Untermalung zum Worldpain? Also symbolisch wie z. B. die Band auf der Titanic? Oder ist das mehr ein Verarbeiten von eigenen Emotionen bezüglich des Klimawandels?

Jakob: Wir sind alle Opfer des Worldpain – mal mehr und mal weniger, das gehört zum Leben dazu. Die Welt brennt eben nun mal. Aber auch nicht so, dass sie morgen abgebrannt ist. Da kann an deine einleitende Frage verwiesen werden: Viele kleine Kämpfe sind ein großer Kampf und die Hauptsache ist, man kämpft  ein bisschen mit. Man sollte sich aber auch nicht aufgeben als Individuum. Dafür ist die Zeit einfach zu wertvoll, die man hier ist, wenn man nur als Agent für eine nicht mehr brennende Welt unterwegs ist. So eine absolut altruistische Haltung ist auch schwachsinnig.

Q: Gibts da eigentlich Dinge, die ihr im Hintergrund macht oder plant? Beispielsweise nachhaltig touren etc.?

Jakob: Was machen wir für Nachhaltigkeit? Passt auch wieder zu: viele kleine Kämpfe sind ein großer Kampf. Natürlich das klassische Plastikbecher vermeiden und so weiter. Aber wir fahren mit einem fetten Bus, der ultra viel Sprit frisst und das ist nicht gut für die Umwelt. Das bleibt auch so. Deshalb ist es glaub ich wichtig, Awareness dafür zu schaffen, dass mehrere Leute kleine Teile machen. Aber auch Awareness dafür zu schaffen, dass der größte Teil des menschgemachten Klimawandels nicht vom Einzelkonsumierenden abhängt, sondern einfach von den Big Industries, die nach wie vor tun, was sie wollen. Ich finde das auch manchmal schwierig, die Verantwortung so lähmend abzugeben und alle sagen “Ich hab 20 Jahre Plastiktüten bei REWE mitgenommen, ich hab die Welt zerstört.” Ja, war nicht geil für die Umwelt, aber was Konzern X macht, um Benzin von A nach B zu kriegen, das ist dein ganzes Leben mal 10. Es ist einfach schwierig, wenn Leute sich gegenseitig dissen, weil jemand noch eine Plastikzahnbürste hat. Come on! Davon wird die Welt nicht weniger brennen.

Q: Was sind denn eigentlich deiner Meinung nach die Parallelen zwischen dem Heute und der 68-Bewegung?

Jakob: Da ging es um die laute, starke und intrinsische Demonstrationskultur, die auf einmal wiederkam und die wir seit unserer Kindheit in den 90s nie so richtig mitbekommen haben. Das kam dann so gehäuft. Die erste Erschütterung war die Weltwirtschaftskrise, da gabs noch nicht so viele Demos. Dann kam aber die Flüchtlingswelle – total polarisierendes Thema anscheinend für die Gesellschaft. Klimawandel und auch so Sachen wie: wie konnte der Brexit passieren, wie konnte Trump passieren? Da kam das Gefühl auf, dass diese negativen Sensationen die Jugend krass politisiert hat. Wir waren als pubertierende Kids das erste Mal auf Anti-Nazi-Demos, da war auch immer was los, aber 20.000 Leute bei Fridays for Future ist einfach mindblowing. Das hat uns so inspiriert, dass wir gedacht haben, das ist einfach krass. Aber auch da gibt es wieder Leute, die sagen “Die wollen doch nur die Schule schwänzen”. Die sollen einfach die Fresse halten. Leute sind einfach scheiße und deswegen brennt die Welt. Aber nicht alle, ihr nicht! Ihr habt es zumindest in der Hand.

Q: Stimmt. Die Jugend versucht auch ihr bestes dafür zu geben.

Jakob: Das beste reicht auch immer! Ihr müsst auch nicht jeden Tag immer das allerbeste geben. Wie gesagt, sich so zu shamen, wenn man mal doch einen McDonald´s Veggie-Burger holt oder ein Taschentuch neben den Mülleimer geschmissen hat. Das bringt nichts, sich nur zu schämen. Damit verschwendet man nämlich wirklich Energie, um was zu verändern.

“Leute sind einfach scheiße und deswegen brennt die Welt. Aber nicht alle, ihr nicht! Ihr habt es zumindest in der Hand.”

Leoniden – New 68 | Offizielles Musikvideo

Q: Was ist für euch eigentlich das Größte, das ihr bisher erreicht habt?

Jakob: Das wir das hier machen können. Ich wache morgens auf und weiß, das ist mein Job und mein Hobby. Das ist so krass, dass ich mich häufig schäme, darüber vor Leuten zu reden, die einen anderen Weg gegangen sind – weil es wie der absolute Traum klingt. Es gehört auch dazu, über seinen Job zu motzen und sich irgendwie einen Ausgleich zu suchen. Aber ich liebe, was wir machen. Ich sitz hier einfach in Münster, ich wohn in Kiel, morgen bin ich in Dortmund, übermorgen bin ich in Augsburg. Dann supporten wir Billy Talent in Tschechien. Das ist so Wahnsinn einfach und es ist wundervoll. Deswegen: das größte Geschenk ist, dass wir das machen können.

“Ich wache morgens auf und weiß, das ist mein Job und mein Hobby. Das ist so krass, dass ich mich häufig schäme, darüber vor Leuten zu reden, die einen anderen Weg gegangen sind – weil es wie der absolute Traum klingt.”

Q: Was sind die nächsten großen Ziele? Billy Talent hast du ja zum Beispiel schon erwähnt.

Jakob: (überlegt) Ich bin mit dem Ziel-Thema tatsächlich schon seit Album zwei am hadern, weil seitdem alles so cool ist. Jetzt will ich auf jeden Fall, dass wir unser Studio in unserem Proberaum noch geiler machen und viel zu unnötig teures Equipment kaufen, was wir einmal benutzen. Da hab ich richtig Bock drauf. Und weil ich im Privaten nicht so ein Reisetyp bin, habe ich noch einen anderen Traum, weil man durch Musik auch so viele andere Orte kennenlernt. Es wäre zum Beispiel mega spannend, wenn es uns mal nach Japan oder so verschlägt. Aber gleichzeitig ist es auch so: wenn das nicht passieren sollte, habe ich auf der Wertvolles-Leben-Checkliste trotzdem nichts verpasst.

Q: Nein, da sollte ja eh “glücklich sein” bei jedem ganz oben stehen.

Jakob: Und ganz viel Geld! (lacht) Wirklich. Sehr viel Geld macht sehr glücklich, hab ich gestern nochmal gehört.

Q: Das können wir dann mit ins nächste Interview nehmen.

Jakob: Könnt ihr mich ja nächstes Mal fragen – wenn ihr mich euch nächstes Mal leisten könnt! Wird nämlich sehr teuer nächstes Mal. Dann brauch ich, äh, zwei Bier.

“Es wäre zum Beispiel mega spannend, wenn es uns mal nach Japan oder so verschlägt. Aber gleichzeitig ist es auch so: wenn das nicht passieren sollte, habe ich auf der Wertvolles-Leben-Checkliste trotzdem nichts verpasst.”

Q: Das Schreiben wir uns auf: wir werden ab jetzt sparen. Aber jetzt runden wir das hier nochmal mit fünf schnellen Fragen am Ende ab.

Jakob: Wieder Entweder-Oder-Fragen? (lacht) Scheiße!

Q: Wird für dich wahrscheinlich wieder zu lange dauern! (lacht) Du musst aber nicht zwischen zwei Dingen entscheiden, sondern nur eine Antwort geben.

Jakob: Okay, jetzt versuch ich es wirklich mit größter Mühe!

Q: Sehr schön! Wir haben bei uns eine Musik-Beitrags-Kategorie, die sich “Platte für die Insel” nennt. Heißt: Du darfst dir eine Platte aussuchen, die du dann auf eine einsame Insel mitnimmst. Eine, die dich immer glücklich macht. Was wäre deine Platte für die Insel?

Jakob: Mein absolutes Lieblingsalbum von meiner absoluten Lieblingsband. Meine absolute Lieblingsband ist sie deshalb, weil sie mich in neue Sphären gebracht und die Grenzenlosigkeit der Musik für mich unterstrichen hat. Wenn sie keiner kennt, ist auch egal. Das Album jedenfalls heißt “Frances the Mute” von The Mars Volta. Ich hab die seltene Collectors Edition zuhause mit nem Siebdruck auf der dritten Vinyl (zählt leise: A, B, C, D, E, F) F-Seite? Ja, F-Seite ist es dann (sagt leise “boah cool” zu sich selbst). Und das kann ich dann in der Sonne so spiegeln lassen und das Etching bewundern und dann verhungern. (lacht) Das ist meine Platte für die Ewigkeit. Die ist es auch schon so lange, dass ich einfach immer weiß: Die ist es.

Q: Wenn ihr euch ein Feature aussuchen könntet, fernab von der Realität, welches wäre das?

Jakob: Kurt Cobain und Michael Jackson auf einem Track.

Q: Wer ist dein/e aktuelle/r Lieblings-Newcomer*in?

Jakob: Wir haben eine gute Freundin aus Kiel, Katja heißt sie und ihr Projekt heißt “Blush Always”. Wir haben zusammen mit ihr ein bisschen Musik gemacht im letzten Jahr und das hat sehr viel Spaß gemacht! Sie ist krass talentiert und macht eine schöne Mischung aus 90s-Alternative-Grungie-Bedroom–Pop-Gedöns, das bedeutet mir viel. Aber eben auch, weil ich da mit drin stecke. Und Pabst zählen natürlich auch nicht. Pabst ist die beste Rock-Band, die es jemals gab. Aber ich hab noch einen kleinen nerdy edgy Tipp: Es gibt eine Band aus Norwegen, die haben sich glaube ich alle im Jazz-Studium kennengelernt, machen aber eher Punk. “Pom Poko” heißen sie und deren Album “Cheater” ist für mich das beste Album des letzten Jahres.

Q: Wenn du für den Rest deines Lebens nur noch einen Song hören könntest, welcher wäre das?

Jakob: (macht eine lange Pause) Ich trink kurz nen Schluck Bier und denk nach. (setzt ab, sagt “ah scheiße”) Das ist schwierig! In solchen Fragen, die kein realistisches Abbild haben, kann man ja auch einfach kreative Antworten geben. Ich würde “Dopesmoker” von Sleep vorschlagen, der Song geht nämlich eine Stunde. Dann hab ich wenigstens ein bisschen was zu hören. Sehr langsamer, sludged doom stoner Song, richtig geil und auch schon sehr alt.

Q: Es gibt jetzt gerade niemanden von deinen Jungs hier, mit dem du dich gegenseitig beschreiben könntest, aber letzte Frage: wie würdet ihr euch jeweils mit einem Song beschreiben?

Jakob: Also Djamin auf jeden Fall mit diesem einen Song von Eddie Murphy, gefühlt heißt der nur “Party Hard”. Müsst ihr nachgucken. (Anmerkung: Der Song heißt “Party all the time”). Lennart und Felix sind beide als Kids über den Zaun beim Michael Jackson Konzert in Kiel geworfen worden – Lennart ist auf jeden Fall “Jam” und Felix ist ein “Smooth Criminal”. JP ist “Samba de Janeiro”, das ist einfach so. Er ist in Rio groß geworden und der beste Mensch. Ich wünsch ihm alles Gute, bald ist er wieder da.

Q: Und was für ein Song bist du?

Jakob: Ich bin Jakob von den Leoniden und ihr habt dieses Interview komplett gelesen, vielen Dank. (lacht) Ich bin “A spoonful of slurry” von Terra Melos. Wenn ihr den Song hört dann macht ihr wahrscheinlich nach fünf Sekunden aus, der ist furchtbar (lacht).

Hier könnt ihr die neue Single “Smile” anhören:

Leoniden – Smile I Offizielles Video


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