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Moebius

12:00 18:00

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Zu hören in Münster 90,9 MHz Steinfurt 103,9 MHz

Behind The Lyrics – 100 Tage Sommer von beslik

Written by on 4. November 2026

Spätestens seit seinem Auftritt im Interviewformat „Take Me Späti“ von Sara Arslan und dem anschließenden medialen Aufsehen um seine Aussagen dürfte man beslik als – naja, sagen wir mal – politisch klar positionierten Rapper auf dem Schirm haben. Nachdem er im Zuge der BILD-Berichterstattung über ihn bereits mit Chilly Gonzales den Song “Springer Freestyle” veröffentlicht hat, in dem er überspitzt mit dem Axel-Springer-Verlag abrechnet, geht das Duo jetzt in Runde 2. Mit “100 Tage Sommer” liefern der Rapper aus Düsseldorf und der kanadische Pianist und Komponist eine musikalische Rap-Piano-Symbiose, die nicht nur soundlich gut funktioniert, sondern bei der es sich auch lohnt, genauer auf den Text zu achten. Und genau das wollen wir jetzt tun. 

“Ich wollte noch so viel machen
Ich wollte noch so viel sehen
Ich weiß, du wolltest unbedingt noch fahren an den See
Ich wollte mit dir in der Sonne liegen und die Vögel singen hören
Und jetzt ist wieder kalt und wieder mal zu spät”

In gewohnter beslik Manier kriegen wir mit “100 Tage Sommer” keinen klassischen Hip-Hop Track, wie man ihn zuhauf in Modus Mio finden würde. Seit seinem Album “Lieder, die ich geschrieben habe anstatt aus dem Fenster zu springen” verfolgt beslik einen Flow, der irgendwo zwischen Spoken Word und Conscious Rap liegt. Das öffnet Raum für Erzählstrukturen, die sich fast schon tagebuchartig anfühlen und mich als Zuhörerin jedes Mal aufs Neue fesseln. Und so startet auch 100 Tage Sommer, wie der Titel vorwegnimmt, mit einem lyrischen Ich, das in wehmütiger Sehnsucht nach den warmen Tagen und all den unvollendeten Sommer-Plänen schwelgt. Statt diese Konjunktive aber zu erfüllen, sieht sich der Erzähler mit der kalten Realität konfrontiert.


“Ich wollte nicht so viel rumliegen im Bett und nur scrollen im Internet
Inspo aus der echten Welt
Nehm vom RL kein Pinterest
Hau ne Pinte weg und denk mir
Guck, ist alles schon perfekt
Und jetzt ist er wieder weg”

Eine gescheiterte Lovestory, Eskapismus, Resignation, sich das Leben schön trinken – das Versprechen eines glücklichen Sommers hat sich für den Erzähler in Luft aufgelöst. Inmitten der Erinnerung an warme Sommerabende schiebt sich immer wieder die triste Realität

Jetzt denkt ihr euch vielleicht – okay, das ist jetzt erstmal per se nichts, wo man unbedingt ein Behind the Lyrics braucht, um eine weitere Bedeutungsebene rauszuhören. Wir skippen mal ein bisschen rein:

“Kopf in Wolken, ich kann fühlen, wie die Erde sich dreht
Und sie zu rollt auf den Abgrund, Baby, ich hoffe, sie bleibt stehen
Für immer an nem Sommertag”

Als ich den Song zum ersten Mal gehört habe, bin ich an dieser Stelle stutzig geworden. Die Erzählung kippt. Das Framing bleibt gleich, wir bleiben beim ersehnten Sommertag. Statt der persönlichen Gefühlswelt des Erzählers tritt aber nun ein neuer Akteur auf. Die Erde, die auf den Abgrund zurollt.

“Jetzt wird alles übertönt vom Bombenduft
Es ist kalt geworden, der Alarm ist laut
Deck dich fester zu, vielleicht wachst du morgen auf
Warum war’s nur so kurz warm?
Das waren nicht mal 100 Jahre
Warum war’s nur so kurz warm?
Nicht mal 100 Tage Sommer”

Bombenduft löst Sommerduft ab, statt Vogelgezwitscher tönt Alarm durch die Straßen und die Rede ist nicht mehr von den 100 Tagen Sommer, sondern von 100 Jahren. Spätestens hier wird die zweite Lesart der Lyrics im Kontext des gesamten Songs mehr als deutlich. Seit dem Ende des Nationalsozialismus sind gerade einmal gut 80 Jahre vergangen. Und doch erstarken rechtsextreme Kräfte, völkisch-nationalistische und rassistische Narrative nehmen zunehmend Raum ein. Aktuelle Proteste der Gen Z richten sich gegen eine Politik der Aufrüstung, des Sozialabbaus und der rechten Hetze. Dabei geht es nicht darum, dass rechter Extremismus jemals vollständig verschwunden wäre, sondern darum, wie schnell Ideologien, die man durch die historische Erfahrung des Nationalsozialismus überwunden glaubte, wieder gesellschaftlich wirksam werden können. Nicht einmal 100 Jahre hat es gedauert.

“Man weiß erst, was man hatte ist es einmal nicht mehr da
Hätt ich gewusst dass es so schnell geht wär ich an den See gefahren
Dann wär ich an den See gefahren mit dir“

Der Sommer fungiert bei beslik als Gegenbild zu einer Gegenwart, in der es keinen Raum mehr für Unbeschwertheit gibt. Was zunächst wie eine melancholische Rückschau auf eine romantisierte Jahreszeit klingt, bekommt damit eine politische Dimension. Es geht nicht nur um die verpassten Möglichkeiten eines Einzelnen, sondern um die kollektive Sehnsucht nach einem Leben, das so nicht mehr stattfinden wird, in einer Welt, die ihre Wärme zu verlieren scheint. Und auch wenn das ganze ein sehr düsteres, pessimistisches Bild malt, endet beslik zumindest im Musikvideo auf einer aktivistischen Note. In den letzten Sekunden ziert der Schriftzug “Wir werden niemals für euch in den Krieg ziehen” den Frame. Eine unmissverständlich antimilitaristische Absage an eine Politik, die uns unsere Zukunft klaut.

Beitragsbild von Pexels

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