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Zu hören in Münster 90,9 MHz Steinfurt 103,9 MHz

Reden ist silber, screamen ist gold – Nachbericht Rock am Ring 2026

Written by , on 8. Oktober 2026

Ein Wochenende zwischen Regen, Windböen, die selbst dem Hurricane Konkurrenz machen würden, und dazu dermaßen kalten Nächten, dass man nicht einmal das 40 Grad heiße Dosenbier genießen kann. Trotzdem pilgerten rund 90.000 Rock- und Metalfans Anfang Juni wieder an den Nürburgring in die Eifel. Rock am Ring – zusammen mit dem Zwillingsfestival Rock im Park – kommt auf rund 170.000 euphorische Musikfans. Mittendrin: Unsere beiden Radio-Q-Redakteurinnen Sontje Mölders und Anna Mohr, die sich für euch den Arsch abgefroren, aber auch jede Menge gute Musik gegönnt haben. Wir gehen rein in ein Line-Up, das kaum Zeit zum Durchatmen ließ.

“Erstaunlicherweise nicht der Eingang” (Foto: Sontje Mölders)

Bevor die ersten Bässe auf den Bühnen ballerten, mussten Sontje und Anna sich schon jeweils einen zweiten Schlafsack im festivaleigenen Supermarkt kaufen, um nicht doch noch auf Körperwärme und Reibung zurückgreifen zu müssen. Am Morgen konnten sich die beiden Eiszapfen durch ein Wegbierchen auftauen, auch wenn der Weg vom für die Presse geöffneten VIP-Campingplatz für Rock-am-Ring-Verhältnisse super kurz war. Einen lieben Dank deshalb von hier noch einmal an unsere Camping-Nachbarn, die mit ihrem Freibier auf drei Rädern auch die abgeschiedensten Camps beglückten.

Doch die graue Wetter-Tristesse war schnell verflogen – mit einem intensiven wie alkoholgetränkten Auftritt von Mehnersmoos startete der Festivalfreitag. Und egal, wer sich so in die Crowd verirrte, am Ende waren alle von der homoerotischen Energie der Frankfurter Boys angeheizt. “Wer ein Instrument in der Hand hat, kann kein Bier mehr in der Hand haben” – Mehnersmoos bewies auf der Mainstage erstaunliches Bewusstsein für die Problematiken des Musikerlebens und so wurde sich dann doch lieber für die Dose statt für die Gitarre entschieden. Es sollte nicht die letzte sein. Denken wir nun aber nicht nur an das Bühnen-Catering, sondern auch an die Musik: Neben neuen Songs wie “Ausländer” rissen sie mit Klassikern und Fan-Favourites wie “Bir” oder “3 Uhr Nachts” die Bühne ab. Wer kann sich auch schon zurückhalten bei so viel Partystimmung, die zusätzlich mit romantischen Blicken zwischen den beiden Frankfurter Rappern, Küssen und tatsächlich auch platonischem Analsex bereichert wurden.

Später ging es für Sontje und Anna zu der kleinen Orbit-Stage, um bei TX2 vorbeizuschauen. Die beiden Q-lerinnen kannten die Band vorher nur von drei Insta-Reels aus ihren Doomscrolls, aber Halleluja – sie glänzten nicht nur im Hochformat! Nicht nur musikalisch, sondern auch politisch, denn „Trans Rights Are Human Rights“! Protect the Dolls, Leute! 

TX2 (Foto: Sontje Mölders)

Nach diesem Auftritt wanderten die beiden zur Mainstage, auf der man sich direkt festkleben konnte, denn auf dieser kam ein Millennial-Banger nach dem nächsten: Architects, Papa Roach und Linkin Park. Bei Architects hörten die Crowdsurfer*innen gar nicht mehr auf und die Masse hat sich so bewegt, dass Sontje zwischendurch keinen Kontakt mehr zum Boden hatte. Papa Roach startete ihre Kakerlaken-Invasion mit einem Helikopter, der die Bühne umkreiste und das Rock am Ring anvisierte, um es ins Last Resort zu befördern. Spätestens dann waren alle wieder im Jahr 2000.

Während Sontje bei Babymetal vorbeistreunerte, war das persönliche Finale des Abends für Anna Linkin Park. Auch für den Rest der Festivalbesucher*innen war das ein absolutes Highlight. Es war eine schier unglaubliche Masse an Menschen vor der Bühne. Noch tagelang wurde das Sicherheitskonzept in Frage gestellt, denn das Kratzen der Turntables zum Auftakt von Linkin Parks Set versetzte die Masse in einen Zwiespalt zwischen Euphorie und Platzangst. Blaues Licht legte sich über die Bühne, die Gitarre von Emily Armstrong leuchtete rot, als die ersten Töne von „With You“ zu hören waren. Das gesamte Publikum sang von Anfang bis Ende mit, auch bis zum letzten Song „Faint“ kannten alle die Lyrics und drehten durch.

Nach dem Auftritt haben die Menschenmassen teilweise nicht nur für die ein oder andere Panikattacke gesorgt, sondern auch für einen Fußgänger-Stau, dessen bis zu zwei Stunden Verzögerung den Auftritt von Limp Bizkit zu einem unerreichbaren Ziel machten. Auch Anna und Sontje fühlten sich wie im Elbtunnel zur Rushhour und konnten so bei der Nu-Metal-Truppe keinen Stuff für euch breaken.

Der Samstag startete für die Redakteurinnen bei The Pretty Reckless mit einem hinreißenden Auftritt von Taylor Momsen, die seit dem Ende ihrer Karriere als Kinderschauspielerin wenig mit dem Grinch und mehr mit dem Grunge zu tun hatte. Pretty reckless ging es auch Sontjes Knie nach dem Abriss auf der Mainstage. Davon ließ sie sich aber nicht das erste Mal Crowdsurfen bei Bury Tomorrow nehmen, das sie der Band bei der Autogrammstunde am Mittag versprochen hatte. Zusammen mit hunderten anderen Surfer*innen ritt Sontje die Welle Richtung Bühne und gesellte sich danach zu Anna ins Schlummerland. Zum Festival-Bergfest brauchten die beiden eher einen Powernap als Powermetal.

Beseelt von dem Mittagsschlaf konnte Anna bei Electric Callboy vorne an der Mainstage auf den Händen der Massen gleich weiter durch den Tag schweben – bis der Boden der Tatsachen plötzlich ein bisschen zu schnell näher kam und sie den Asphalt küsste…

Electric Callboy (Foto: Anna Mohr)

Die Gehirnerschütterung konnten sich die beiden Redakteurinnen anschließend von fett ingenieurten Sounds bei Bad Omens wegbügeln lassen. Dem aktuellen Hypetrain kam die alternative Metalcore-Band nicht nur mit einer düsteren und cinematischen Inszenierung zum Abschluss des Tages nach – sie hatten auch geschätzte 300 eigene Merch-Stände auf dem Infield aufgestellt.

“Erst die Arbeit, dann das Vergnügen” – hieß es am Sonntag, als Sontje und Anna erst mit Black Veil Brides in den letzten Konzerttag starten konnten, um euch vorher live vor Ort mit qoolem Insta-Qontent zu versorgen. Die Gothrock-Band sieht düsterer aus, als sie ist. Andy Biersack zeigte sein sonniges Gemüt, als er eine kurze Unterbrechung mit herzallerliebstem Gewinke überbrückte. Dass der Frontmann und Sänger während seiner Auftritte permanent Kaugummi kaut, hat man mit keinem Schmatzen im Song bemerkt.

Anschließend ging es für Sontje und Anna musikalisch nach Neu-Delhi. Statt Bollywood kann Indien auch mit der Folk-Metal-Band Bloodywood durchaus überzeugen. Trotz der wirklich, wirklich, wirklich langen Vorgeschichten vor jedem Song, konnte zum Beat der Dhol und den Riffs der traditionellen Bambusflöte niemand mehr still stehen.

Zur Stärkung nach dem Auftritt gab es für die beiden eine Mahlzeit von ihrem absoluten Festival-Favourite-Food-Truck: Pad Thai! Nach intensiver Recherche fanden sie dort für sich das beste Preis-Leistungs-Verhältnis, zumindest neben Sontjes All-Time-Favourite: dem Handbrot-Stand.

Hinter der Menge bei Breaking Benjamin zu sitzen und bei nicer Musik zu schnabulieren, hörte sich ursprünglich nach einem mega Plan an. Gründe kann man nur vermuten, aber die Stimme des Sängers war an dem Tag leider nicht in Topform. Was die beiden da hörten, war weniger Breaking Benjamin als Breaking Sontje, die sich sehr darauf gefreut hatte, die Band bei einem ihrer seltenen Besuche in Deutschland zu hören. Die rasenden Radio-Q-Reporterinnen haben rasch das Weite gesucht, Ohrenzeug*innen zufolge soll der Auftritt im Laufe des Sets allerdings besser geworden sein.

Zum Abend ehrten The Offspring in ihrem Set voller Klassiker Ozzy Osborne und Black Sabbath mit einem Tribute, ein schöner Moment für alle im Publikum, die diese White Guys Pretty Fly fanden. Die Kids auf der Tribüne dagegen waren nicht Alright. Da war die Stimmung ungefähr so mitreißend wie ein Montagmorgen. Nicht einmal der Zweier-Moshpit von Sontje und Anna gab den anderen Tribünianer*innen dort ausreichend Self Esteem, um der Musik angemessen abzugehen. Um die Ring-Besucher*innen zu zitieren: “Scheiß Tribüne!”

Abschließend lieferte Iron Maiden eine Show, die mindestens genauso groß war, wie die Menschenmenge davor. Die britischen Metal-Ikonen versetzten die Crowd mit ihrer Setlist direkt in die Achtziger, während sie dabei von Maskottchen Eddie auf der Bühne attackiert wurden. Es gibt durchaus Acts, die sich auf ihrem Ruhm ausruhen, aber Iron Maiden hat das Wort Pause noch nie gehört, denn mit 780 Tausend Kostümwechseln und einer durchinszenierten Show hatte Anna zwischen vielen 60-jährigen Männern eine Epiphanie.

Danach zogen die Reporterinnen nach einem Abschieds-Handbrot einen frühzeitigen Schlussstrich. Statt der Kriegslieder von Sabaton machten sich Sontje und Anna mit bereits gepackten Koffern auf die Socken zurück nach Münster. 

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