Ein Mathe-Professor mit Leidenschaft zur Metal-Musik – Das Schloss Rockt in Corona-Zeiten

Geschrieben von am 2. Juli 2020

Gähnende Leere herrscht aktuell in den Hörsälen der Universität Münster. Die Hochschule befindet sich im digitalen Sommersemester. Doch Anfang Juli ändert sich das in einem der größten Hörsäle, der Aula am Aasee, und es kommt Leben in die Bude – zumindest für einen Tag. Und zwar mit einem Live-Metalkonzert.

Die Rede ist von Das Schloss Rockt. Organisiert wird es dieses Jahr zum sechsten Mal von Mathe-Professor Christopher Deninger. Ich treffe ihn an einem Dienstagvormittag, anderthalb Wochen vor dem ‚großen Termin‘. Er ist noch etwas müde, denn bis halb drei in der Nacht hat er noch an Zahlentheorien getüftelt. Wir setzen uns nach draußen in seinen Garten und trinken eine Tasse Tee.

Christopher Deninger, Mathe-Professor und Organisator von Das Schloss Rockt

Normalerweise findet das jährliche Event vor dem historischen Schloss in der Münsteraner City statt. Doch wegen Corona ist, gerade im Veranstaltungsbereich, alles anders. Ich frage Christopher Deninger, wann ihm das das erste Mal bewusst war: „Anfang März war mir klar, dass das Open Air nicht stattfinden wird. Wenn man als Mathematiker hört, dass es einen Reproduktionsfaktor von über zwei gibt, dann hat man sofort diese fürchterlich schnelle exponentielle Ausbreitung vor den Augen.“ Es musste also eine Alternative her. Schnell kam ihm und seinem Organisationsteam die Idee, das Konzert online zu übertragen.

Als Ende Mai das „Go“ der NRW-Landesregierung kam, dass Konzerte wieder erlaubt sind und Bands wieder mit Gesang proben dürfen, war die Freude bei Christopher Deninger groß und dann ging es an die konkrete Planung: „Da kam die ganze Veranstalterlust wieder auf. Konzerte zu organisieren macht süchtig, das ist wie eine Droge für mich.“ Ich merke, wie viel Herzblut hinter diesem Projekt steckt.

Als Ausweichort für das gestreamte Konzert haben sich der ‚Metal-Professor‘ und sein Organisationsteam die Aula am Aasee ausgesucht. Das Konzept: Die Musiker*innen auf der Bühne halten sich in vorher abgeklebten Bereichen auf, die Mikros werden nach den jeweiligen Auftritten desinfiziert und für den Rest im Saal gilt die Mundschutz-Pflicht. Mit dem ‚Rest‘ sind allerdings leider keine Zuschauer*innen gemeint, sondern nur die Organisatoren und das Technik-Team für den Live-Stream. Keine leichte Entscheidung für Christopher Deninger:  „Das ist natürlich schade, aber ich wollte das der Universität nicht zumuten, so ein großes Risiko aufzunehmen.“ Um das Konzert veranstalten zu können, braucht Christopher Deninger die Genehmigung von der Universität Münster. Die hat keine Bedenken zu dem Konzert: „Jetzt hat man sich auf diese Variante geeinigt und dann ist es kein Problem. Gerade weil das Leben für alle nicht so normal läuft wie sonst, ist es besonders wichtig, dass man für Kultur-Angebote Alternativen anbietet. Deswegen ist es super, dass das stattfindet“, sagt Uni-Pressesprecher Norbert Robers.

Noch nie zuvor wurde Das Schloss Rockt in einem Livestream übertragen. Ich frage Christopher Deninger, ob er mit Problemen rechnet: „Angst vor der Technik habe ich immer. Aber zum Glück bin ich umgeben von Leuten, die unglaublich kompetent und gelassen sind.“ Die Firma True Sound in Münster kümmert sich um den Livestream. Sie freut sich, dass sie den Auftrag bekommen hat. Denn für sie sind die Umsätze für mindestens fünf Monate weggebrochen. Mittlerweile hat die Firma für Veranstaltungstechnik wieder Aufträge, doch insgesamt sind es noch viel zu wenige. „Wenn das so weiter geht, dann sehe ich uns nicht im nächsten Jahr“, gesteht Marcus Struckamp, der Geschäftsführer von True Sound. Er würde sich wünschen, dass bald wieder möglichst viele kleine Live-Veranstaltungen stattfinden – vorausgesetzt alle Teilnehmer*innen können die erforderlichen Mindestabständen einhalten.

Mit hohen Stream-Abrufzahlen rechnet Christopher Deninger nicht, obwohl er nach all dem Aufwand natürlich darauf hofft. Nichts zu machen, kam für ihn jedoch nicht infrage. Das Schloss Rockt ist zu seinem wichtigsten Projekt neben der Mathematik geworden. Und das merke ich in unserem Gespräch durchgehend. „Vorher habe ich den größten Teil meines Lebens hauptsächlich mit Mathematik verbracht, bis ich die Metal-Band Nightwish live gesehen habe.“ Harte Gitarrenriffs in Kombination mit starken Frauenstimmen faszinieren den Professor besonders. „Der Augenblick als die Sängerin Tarja angefangen hat zu singen – das hat mein Leben in dieser Beziehung verändert.“

Einen Zuschauer hat Christopher Deninger auf jeden Fall schon sicher – und zwar Felix Fidorra. Er hat als Gitarrist der Münsteraner Band Draupnir bei der ersten Ausgabe des Konzerts mitgewirkt: „Das Schloss Rockt ist eine echte Bereicherung für die Rock- und Metal-Szene in Münster. Die Online-Version dieses Jahr werde ich mir auf jeden Fall ansehen, auch einfach, um solch ein kleines unabhängiges Festival zu unterstützen.“

Die große Frage, die sich mir am Ende des Gesprächs im Garten von Metal-Professor Christopher Deninger stellt, ist: Nimmt er etwas von diesem Konzept für die Zukunft mit und überträgt die nächste Open Air-Ausgabe parallel in einem Live-Stream? „Die Finanzierung ist immer ein riesen Problem. Den Luxus habe ich noch nicht, darüber nachzudenken. Ich bin froh, wenn wir zu dem normalen Event zurückkehren können. Mit voller Wiese vor dem Schloss, toller Atmosphäre und Bier in der Hand.“

Bei diesem Bild merke ich, wie sehr ich Live-Konzerte und Festivals vermisse. Für dieses Jahr bietet Das Schloss Rockt aber eine gute Alternative.

> Weitere Infos zu Das Schloss Rockt und dem Line-Up findet ihr hier.


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