Für einen Tag Erntehelferin

Geschrieben von am 2. Juli 2020

Es ist halb fünf, als der Wecker klingelt. Der Himmel ist noch dunkel, aber die Vögel zwitschern bereits. Die sind gerade auf jeden Fall wacher, als ich. Ich bin heute für einen Tag Erntehelferin. Das bedeutet, dass ich um sechs Uhr auf einem Erdbeerfeld in Gittrup stehen muss.

Durch die Corona-Krise wurden Studierende erstmals vermehrt als Erntehelfer*innen in der Landwirtschaft eingesetzt. Jährlich kommen ca. 300.000 Erntehelfer*innen auf die Felder. Dieses Jahr sind es nur 80.000. Viele Studierende haben aufgrund der Krise ihre Aushilfsjob verloren oder mussten ihre Arbeit für unbestimmte Zeit aussetzen. Die Idee Erntehelfer*innen zumindest teilweise durch Studierende zu ersetzen, liegt also auf der Hand. Doch wie sieht der Arbeitsalltag von Erntehelfer*innen genau aus? Ist es wirklich ein Knochenjob? Wieviel verdient man? Und ist die praktische Arbeit im Freien und an der frischen Luft nicht auch erfüllend – gerade für Studierende, die sowieso schon den ganzen in einem Schreibtischstuhl auf einen Bildschirm starren? All diesen Fragen möchte ich mit diesem Tag als Erntehelferin auf den Grund gehen. Doch zuerst mache ich mit meiner Leeze auf den Weg – neun Kilometer nach Gittrup in den Norden von Münster.

Hinter der Fassade des ruhigen Landhauses des Spargel- und Erdbeerhofs Bäcker geht es bereits zu dieser frühen Stunde rummelig zu. Erntehelfer*innen laufen in Gruppen zu den Transportern, die sie auf die Felder bringen werden. Es wird geredet und gelacht in Sprachen, die ich nicht spreche. Hier arbeiten Menschen aus Rumänien, Bulgarien und der Ukraine. Die Erntehelfer*innen leben in Unterbringungen direkt auf dem Hof. In der Menge entdecke ich schließlich Detlef Licht. Er ist mein Ansprechpartner für heute und der Produktionsleiter für die Erdbeeren auf dem Hof. Von der Ernte bis zu Pflanzung, Pflege und der Arbeitsorganisation läuft hier alles durch seine Hände. Mit ihm und einer Gruppe von Erntehelfer*innen aus Rumänien, mit denen ich den Tag heute verbringen werde, steige ich ebenfalls in einen Transport. Auf geht’s zum ersten Feld. 

Als wir ankommen, liegen auf den Erdbeerfeldern noch Netze. Sie dienen als Schutz gegen Vögel. Insbesondere in den Netzen sammelt sich aber auch der Tau von der Nacht. Um nicht nass zu werden, tragen die Erntehelfer*innen deshalb Regenhosen und Gummischuhe. 

Produktionsleiter Licht erklärt mir, was ich bei der Erdbeerernte beachten muss: “Man muss die Erdbeeren mit dem Stiel pflücken. Wenn der Stiel dran bleibt, ist die Frucht nämlich länger haltbar. Außerdem sollen die Erdbeeren nicht so fest gedrückt werden, beim Pflücken. Wenn man die Erdbeere dagegen einfach abreißt, entstehen sofort Druckstellen. “ 

Bei Detlef Licht sieht das Pflücken ganz einfach aus. Er dreht die Erdbeeren einfach einhändig ab. Meine ersten Versuche sind zweihändig und sehr langsam. Auf der Bestenliste der Erntehelfer*innen werde ich wohl nicht landen. 

Und die ist gar nicht mal so unwichtig auf dem Erdbeerhof. Die Erntehelfer*innen werden hier nämlich nach Akkordlohn bezahlt. Das bedeutet, dass Pflücker*innen, die besonders schnell sind mehr verdienen als langsame Pflücker*innen. Gute Pflücker*innen verdienen also mehr als die gesetzlich festgeschriebenen 9,35 Euro. 

Bei der Ernte immer mit dabei ist ein rotes Wägelchen. Auf dem stapeln sich Kisten, in denen die leeren Erdbeerschalen liegen. Die reifen Erdbeeren landen in den Schalen und die schlechten oder seltsam gewachsenen kommen vorne in einen kleinen Eimer. Daraus wird später Marmelade gemacht. Ich schiebe meinen kleinen Wagen durch die Reihen. Um mich herum wird gelacht und geredet. Zwischenzeitlich wird sogar Musik gespielt. Ich habe die Kälte am Morgen aber eindeutig unterschätzt. Meine Füße sind eiskalt und meine Hände nass vom Tau der Erdbeerpflanzen. 

Wir arbeiten uns durch die Reihen bis Herr Licht und sein Transporter wieder auftauchen. Dann geht es auf zum nächsten Feld mit einer anderen Erdbeersorte. Dort wachsen besonders große Erdbeeren. Manche sind so groß wie meine geschlossene Faust. Schmecken tun sie auch. 

Mittlerweile hab ich einige meiner Kleidungsschichten bereits abgelegt, denn mit der steigenden Sonne ist auch die Temperatur merklich gestiegen. Es ist ein idyllischer, ruhiger Tag. Ich merke jedoch, dass ich noch einiges zu lernen habe. Die anderen Erntehelfer*innen ziehen scharenweise an mir vorbei. Bis ich schließlich mit ein, zwei anderen Nachzügler*innen ganz am Ende der Reihe knie. Ich bin selbst ein wenig schockiert wie langsam ich bin, doch immerhin schaffe ich es mit den anderen Nachzügler*innen Schritt zu halten. Außerdem protestiert mein Rücken mittlerweile und auch meine Knie beschweren sich. Ich wechsle häufig die Haltung. Mal sitze ich in der Hocke, dann knie ich mich wieder hin oder stehe und beuge mich zu den Erdbeerpflanzen herunter. Als endlich Mittagspause ist, atme ich erleichtert auf.  

Die Mittagspause dauert zwei Stunden. Danach geht es wieder zum Feld zurück. Wir machen unsere Reihen fertig. Ich pflücke alles, was rot ist. Die Mittagspause hat meinem Körper gut getan. Für ein oder zwei Stunden kann ich wieder entspannt pflücken. 

Um 17 Uhr habe ich Feierabend. Meine Reserven sind nun aber auch vollends erschöpft. Ich bin müde, mein Rücken schmerzt und ich kann keine Erdbeeren mehr sehen. Meine Gruppe von Erntehelfern*innen wird noch eine Stunde länger auf dem Feld verbringen. Dabei muss man aber auch im Hinterkopf behalten, dass heute für Erntehelfer*innen nicht einmal ein langer Tag war. Wenn die Tage wärmer werden und die Menschen mehr Erdbeeren kaufen, sind die Pflücker*innen nämlich teilweise bis 20 Uhr auf dem Feld. Mein Tag war dagegen also ein Klacks. 

Mit einer Schale Erdbeeren und vielen Gedanken fahre ich mit dem Fahrrad zurück nach Münster. Ich bin dankbar diese Erfahrung gemacht zu haben. Ich bin es gewohnt mit einem Griff in das Supermarktregal alle Lebensmittel zu bekommen – Erdbeeren und Spargel inklusive. Ich habe bisher keinen Gedanken daran verschwendet, woher all diese Lebensmittel überhaupt herkommen. Aus diesem Tag gehe ich nun also auch mit der Erkenntnis, was für eine anstrengende Arbeit die Erdbeerernte ist. Wenn ich das nächste Mal Erdbeeren esse, werde ich bestimmt an die ganzen Hände denken, die diese Erdbeeren bis zu mir in den Supermarkt gebracht haben.

Irgendwo in meinem Kopf steckt außerdem die Idee, dass Feldarbeit mit der Natur verbindet und die monotone Arbeit den Geist beruhigt. Quasi ein Idyll auf dem Land zwischen Bambi, Vögelchen und flauschigen Hasen. Die Wirklichkeit sieht dabei ganz anders aus. Die Arbeit kam mir erstaunlich monoton vor, aber vor allen Dingen ist die Obsternte einfach ein Knochenjob. An dieser Aussage lässt sich nicht rütteln. Für mich steht also fest, dass ich meinen Studi-Job in einem Café nicht gegen die Arbeit als Erntehelferin aufgeben werde. Es ist aber auch ein Privileg, dass ich mich gegen die körperlich schwere Arbeit von Erntehelfer*innen entscheiden kann, weil ich noch genug andere Optionen habe. Ein Privileg, dass viele Erntehelfer*innen aus dem Osten Europas nicht haben.  

Hier geht’s zum Audiobeitrag von Radio Q-Reporterin Marleen Wiegmann.


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