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Von “Noise-Krach” zum Nina-Chuba-Feature – Arcane Allies im Interview

Written by on 3. April 2026

Wenn wir an Krautrock denken, dann landen wir zuerst vermutlich in Düsseldorf oder Köln bei Kraftwerk und Can, bei Amon Düül in München oder in West-Berlin, wo Tangerine Dream unter anderem einen gewissen David Bowie maßgeblich in seinem Schaffen beeinflusst haben. Wer auf Krautrock steht, muss aber nicht nur mit staubigen Geschichtsbüchern aus den 70er Jahren Vorlieb nehmen – denn auch heute gibt es eine lebendige Szene, die vielleicht internationaler ist, als sie es jemals war. Seit zehn Jahren tüfteln die Arcane Allies, das sind die Brüder Joel und Sidney Jaffe und Sidneys Partnerin Christiana Bonhaus, an ihrem Sound, der sich wie ein Pflanzentrieb in alle möglichen Richtungen bewegt. Ihre Geschichte steht symbolisch für das Internationale des heutigen Krautrock. In Bielefeld trifft Radio Q sie anlässlich ihres Konzerts zum 10-jährigen Bandjubiläum, veranstaltet von der Kulturgruppe Bielefeld: Ihre Geschichte ist genauso experimentierfreudig wie ihr Genre – und dementsprechend wird auch die Zukunft der Arcane Allies viele Überraschungen für uns bereithalten.

Radio Q: Einen schönen guten Tag, guten Morgen, guten Abend, wo auch immer und wann auch immer ihr das hier gerade hört oder lest, liebe Radio Q Hörerschaft! Philipp ist hier und ich bin hier nicht in Münster, sondern in Bielefeld – weit in Ostwestfalen und ich bin hier nicht allein. Ich habe hier eine ganz tolle Band bei mir, die ihr vielleicht noch nicht kennt, aber unbedingt kennenlernen solltet: Nämlich die Arcane Allies. Ich würde sagen, wir fangen mit einer kleinen Vorstellungsrunde an, damit die Leute auch wissen, dass wir hier glücklich zu Viert zusammensitzen.

Joel: Hey, ich bin Joel, ich spiele Gitarre und Synthies bei Arcane Allies.

Christiana: Hi, ich bin Christiana, ich spiele auch Synthies.

Sidney: Und ich bin Sidney, ich spiele Schlagzeug, auch ein paar Synths und manchmal singe ich auch.

Radio Q: Euch gibt es ja jetzt seit zehn Jahren – heute steht das Jubiläumskonzert an. Ich habe euch das erste Mal live gesehen vor gut anderthalb, zwei Jahren in Münster und ich hatte mich direkt sehr erinnert gefühlt an dieses eine Kraftwerk-Konzert. Das ist eines der ersten Kraftwerk-Konzerte in Soest. 1970 war das, im Rockpalast. Ich weiß nicht, ob ihr das kennt…

Sidney: Warst du auch dabei? (lacht)

Radio Q: Ich war leider nicht dabei, aber ich habe es bei YouTube gesehen und fand es sehr spannend, weil es sich auch noch mal von dem, wofür man Kraftwerk später kannte, sehr abgehoben hat. Aber es erinnerte mich sehr an das, was ihr so an Musik macht. Würdet ihr sagen, dieser Vergleich passt ungefähr?

Joel: Ja, also es gibt auf jeden Fall ein paar Parallelen. Die ganz ganz frühen Kraftwerk-Sachen, die haben ja mehr so psychedelic-mäßige Komponenten und dann die späteren Sachen natürlich mehr Synthesizer- und Sequencer-Musik. Und wir inspirieren uns auf jeden Fall von beiden Sachen. Genau, also es gibt auf jeden Fall ein paar Parallelen, würde ich sagen.

Radio Q: Als Vorbilder habt ihr ja unter anderem Can, Neu! und Tangerine Dream genannt. Was genau fasziniert euch an denen und der Musik, die sie machen und warum ist es bei euch letztendlich – im weitesten Sinne kann man ja sagen Krautrock – in diese musikalische Richtung bei euch gegangen?

Sidney: Ja, also ich würde sagen, dass das eine relativ natürliche Entwicklung war von dem, was wir so gehört haben. Ich meine, dass wir mehr Synthesizer-Musik angefangen haben zu hören und mehr von diesem Jazzigen. Ich glaube, dass Can und diese ganzen Bands natürlich super wichtig sind – einfach generell in der deutschen Psychedelic-Szene. Joel, was würdest du sagen, warum inspirieren dich manche mehr als andere?

Joel: Also ich finde ein spannender Aspekt ist, dass wir einerseits halt ganz viel aus der Psychedelic-Rock oder Stoner-Rock-Szene – also aus der Rockmusik – kommen. Aber halt auch, dass ganz viel experimentiert wird mit elektronischer Musik und auch mit ganz anderen Sachen generell. Dass es da so eine Offenheit anderen Einflüssen gegenüber gibt. Das kann man, glaube ich, so ganz generell sagen: Wenn man mit etwas rumexperimentieren will, dass es immer eine Angle gibt, wie man Einflüsse in die eigene Musik einstreuen kann. Und das ist jetzt hier bei uns bei Arcane Allies einerseits, dass wir ganz klar eine Rockband sind, die auch live Arsch tritt und halt irgendwie energetisch ist. Andererseits haben wir halt aber auch die elektronischen Einflüsse, viele gesequenzte Elemente, Synthesizer und eben auch diese motorischen, meditativen, progressiven, langen Stücke, die sich dann so langsam entwickeln und eher in Richtung Tanzmusik gehen. Wo du halt irgendwie in deiner Zone bist und zu tanzen kannst und vielleicht jetzt nicht unbedingt zu pogen würdest. Das sind so Komponenten, die mich jetzt persönlich auf jeden Fall interessieren.

Christiana: Die Idee war ja auch Rock und elektronische Musik zu verbinden und aus beiden Teilen Elemente einzubringen in unsere Musik. Und das ist ja genau die Idee von Krautrock. Ich würde jetzt sagen, den Sound, den wir machen, der ist schon noch mal eine Weiterentwicklung von diesen ganz alten Krautrock-Sachen aus den 60er- und 70er-Jahren. Aber das macht uns allen auch Spaß, dass wir unterschiedliche Sparten bedienen können. Wir spielen manchmal wirklich eher vor Rock-Crowds und haben auch schon bei elektronischen Festivals gespielt und sprechen da wirklich, glaube ich, verschiedene Zielgruppen dann auch an.

Radio Q: Also so ein bisschen Musik an der Schnittstelle, könnte man sagen. Ich habe auch noch ein Zitat dabei, gerade den zweiten Teil finde ich sehr amüsant und zwar von Holger Czukay, der ja lange bei Can Bassist war, der sagte einmal: “Wir reichten an englische Standards nicht heran. Auch Can, wir waren nach den Maßstäben, die England gesetzt hatte, eine schlechte Band. Wir machten viel zu viele Fehler, aber wenn die Maschine einmal lief, wenn diese Teutonen einmal loslegen – dann sind sie nicht mehr zu stoppen. Die überrollen Alles!” Treibender Rhythmus, die langen Lieder. Das passt eigentlich genau zu dem, was ihr gesagt habt. Ist das auch was, wo ihr sagt, da findet ihr euch irgendwo in diesem Zitat bezogen auf die Musik, die ihr live macht, wieder?

Sidney: Also ich finde das Coole an Can ist, dass die einfach alles machen konnten, was sie wollten. Wenn du jetzt die verschiedenen Alben hörst, gibt es da nicht so ein… Zum Beispiel Kraftwerk ist total durchgestylt dagegen. Das ist natürlich genial, was die gemacht haben. Aber ich finde, bei Can ist das ein improvisierteres Spielen. Das ist weniger so “Okay, wir wollen jetzt das Album machen, was dieses Konzept hat oder sowas.” Bei uns war es so: Wir haben angefangen als Duo und ich habe Schlagzeug gespielt und Christiana Synth. Und da haben wir Freeform-, Noise-Krams gemacht. Also es war nicht so, dass wir uns hingesetzt und gesagt haben, wir wollen jetzt eine Krautrock-Band machen oder sowas, sondern dass das dann so entstanden ist, als Joel dazugekommen ist.

Christiana: Es war auch noch nicht wirklich tanzbar, was wir gemacht haben. Wir haben eigentlich Noise-Krach gemacht, weil wir auch viel experimentiert haben. Wir haben als Intro für eine andere Band angefangen, uns sozusagen gegründet und am Anfang auch immer nur 10, 15 Minuten gespielt und dann als Joel dazugekommen ist, hat er das auf jeden Fall qualitativ noch mal auf eine ganz andere Ebene gebracht, was wir gemacht haben.

Sidney: Und dann hat sich das halt so geformt. Unserer ersten Platte ist halt sehr minimalistisch. Da gibt es einfach nur diese Bassline, die sehr stumpf ist und wir eigentlich nur 40 Minuten darüber improvisieren. Generell ist es jetzt auch immer noch so, dass wir die Sketches haben, wie die Songs sind, aber dass wir live sehr viel improvisieren. Das ist vielleicht eine gewisse Parallele, die man jetzt zu gewissen Krautrock-Bands ziehen kann. Ich habe eine Zeit lang nur Techno gehört und finde diesen Aspekt eigentlich an Krautrock oder einfach mal Early Electronic Music interessant. Also es gibt auch ein paar Bands aus dieser Ära, die das, was eher in Richtung Beat geht, gemacht haben – was dann mehr ein Versuch ist, englische Bands zu covern. Es ist auch cool zu hören, aber das interessiert mich ein bisschen weniger. Aber was ich bei gewissen Bands wie Tangerine Dream cool finde, ist, dass die sich wirklich komplett davon losgelöst haben und dadurch etwas Neues gemacht haben. Deshalb ist das eine inspirierende Ära, weil die halt… so blunt waren, sage ich mal, einfach was Neues zu machen und keine Scheuklappen hatten.

Radio Q: Bleiben wir noch mal ein bisschen bei der Krautrock-Historie. Es ist ja auch irgendwie immer der technische Aspekt sehr zentral, was so Entwicklung an Instrumenten angeht, die es vielleicht so vorher auch gar nicht gab. Wie große Technik-Nerds seid ihr eigentlich?

Christiana: Also ich bin am wenigsten Nerd, obwohl ich ja die Synthies spiele. Ich bin ganz happy mit einem digitalen Ableton-Synth, aber ich habe hier zwei Nerds, die auf jeden Fall auch andere Ansprüche und Ideen und Kenntnisse haben, die das ja auch hauptberuflich machen und da schon sehr versiert sind. (lacht)


Joel: Synthesizer sind super und Technik ist super und macht Spaß und man kann sich davon inspirieren lassen. Aber: Man kann sich auch davon ablenken lassen. Ich würde sagen, dass das bei uns jetzt nicht so unmittelbar eine Rolle spielt. Also es geht eher darum, Musik zu machen, kreativ zu sein und Spaß zu haben. Aber wenn wir jetzt über Krautrock und die Historie reden – Sidney hatte eben auch Tangerine Dream angesprochen – da war das natürlich noch mal ein viel neueres Ding als heutzutage… obwohl es natürlich auch ganz tolle neue Sachen heutzutage gibt, aber in der Form bahnbrechend ist das jetzt vielleicht nicht mehr. Wir inspirieren uns oftmals von irgendwelchen Instrumenten und Technik-related Sachen, die wir halt irgendwie cool finden, aber im Endeffekt geht es im Kern darum, zusammen Musik zu machen, zu improvisieren und zusammen auch Musik zu hören und über Musik zu quatschen, die wir spannend finden. Also ich würde sagen, wir sind jetzt gar nicht so krasse Nerds… Aber okay, das sage ich jetzt aus meiner Position. (lacht)

Sidney: Ich weiß nicht, ob wir besondere Nerds sind, aber wir haben halt viele Synths da rumstehen und mittlerweile ist es oft so, dass Joel oder ich an gewissen Synths, zum Beispiel einem Oberheim, Juno oder Moog, die Sketches für neue Songs oder die erste Idee ausprobieren. Manchmal kommt das auch von einem Gitarrenriff – aber insgesamt baut sich das dann so auf, dass wir meistens ein Skelett aus Synthesizern haben und die anderen Sachen drum herum bauen und im Anschluss nehmen wir dann die Session auf, in der wir darüber improvisieren.

Radio Q: Wir hatten damals vor vier-fünf Jahren beim Campusradio eine grundsätzliche Sendung über Krautrock und über Kraftwerk und wir haben damals in der Musikredaktion viel darüber diskutiert, dass es ja doch etwas überraschend ist, dass so eine progressive Musikrichtung für die damalige Zeit ausgerechnet in Deutschland entstanden ist – wo man ja doch, gerade wenn man auf die Charts damals geguckt hat, in denen noch ganz viel alter Schlager drin war. Wie würdet ihr das sehen als Experten in der Musikrichtung? Hat es vielleicht auch ein bisschen was mit den clichéhaften deutschen Technik-Nerds zu tun?

Joel: Die ganz frühe elektronische Musik kommt ja auch ganz viel aus der, naja, im weitesten Sinne klassischen Musik, also neue Musik oder serielle Musik und so weiter und so fort. Und da fallen dann auch ganz schnell mal so Namen wie Stockhausen, also Komponisten, die neue klassische Musik komponiert haben. Wir waren eben bei Can und auch Kraftwerk: Viele von denen hatten ja auch Verbindungen und haben zum Beispiel teilweise bei Stockhausen Unterricht gehabt in Köln. Und insofern finde ich das jetzt nicht so überraschend, weil es da eine Brücke gibt. Das waren mit Sicherheit einfach total kreative, coole Menschen, die gute Ideen hatten, aber ja: Da gibt es auf jeden Fall eine Brücke, woher diese ganze Elektronik und auch die Technikkomponenten kommen. Es gab eben Studios in Köln, wo es diese elektronische Musiktechnik gab. Und ich glaube, das hat auch viel damit zu tun. Und vielleicht auch mit dem, was du gerade angesprochen hast, dass es ganz viel Schlager gab, also sozusagen “boring” Musik. Dass es da auch einfach in der Jugendkultur dann das Bedürfnis nach cooler Musik und nach einer eigenen kulturellen Identität gab.

Sidney: Und du hattest natürlich auch unterschiedlichen Szenen: Du kannst es so ein bisschen in das, was in NRW passiert ist, unterteilen. Dann was in Süddeutschland passiert ist, Amon-Düül und so weiter und dann war da natürlich die ganze Berliner Szene, die mega wichtig war. Agitation Free, da waren ja auch viele von Tangerine Dream und so weiter, die da ganz influential waren. Und naja, so eine Szene wie in Berlin, das ist natürlich historisch besonders und da war es ja kein Wunder, dass dann Bowie da hingegangen ist, um sich davon inspirieren zu lassen. Also darum würde ich jetzt gar nicht sagen, dass das so überraschend ist, sondern ich würde eher sagen, dass das nicht überraschend ist, weil hier halt cooler Kram passiert ist und auch weiterhin passiert. Ich finde, man guckt immer nur so auf die 60er- und 70er-Jahre, aber die 80er waren mega! Also dann würde ich eher sagen, was jetzt so Synthesizer angeht, waren ja die 90er eher so eine Phase, wo dann alle irgendwie keinen Bock mehr auf Synthesizer hatten. Aber insgesamt ist da die ganze Zeit richtig innovativer Kram passiert, gerade in Deutschland. In Frankreich ist cooler Kram passiert, natürlich in England ist cooler Kram passiert – überall, auch in Amerika, klar. Aber so reiht sich das halt ein in die Historie.

Radio Q: Jetzt haben wir schon ganz viel über die Historie von Krautrock gesprochen, aber wir haben ja heute hier ein Bandjubiläum zu feiern. Wollen wir also einmal auf eure Historie schauen: Ihr hattet es vorhin schon mal kurz angerissen. Euch gibt es jetzt seit zehn Jahren. Die Bandgründung war, als ihr in den USA unterwegs wart. Was war das da genau für eine Reise? Sidney, du hattest mit deinem Bruder noch ein anderes Bandprojekt. Wie sind dabei dann die Arcane Allies entstanden? Was war der Weg damals?

Sidney: Also wir haben auch immer noch eine Band, Burn Pilot heißt die. Und dann bin ich aber irgendwann nach Amsterdam gezogen und habe da Musik studiert und Joel hat Sound-Art in Köln studiert und nach meinem Studium habe ich in einer Band gespielt, das ist so eine Surf Punk Band, die heißt Daikaiju, und die gibt es auch immer noch und da haben wir eine super lange Tour gespielt. Ich glaube, das waren so 45 Konzerte am Stück in den USA und Christiana war in der Zeit in Mexiko und da haben wir uns in Texas getroffen. Dann waren wir da eine Woche auf Tour und das war immer das Gleiche. Also es war geil, aber es ist halt immer: Aufstehen, fahren, im Club, die ganze Nacht Feierei und ein paar Stunden pennen und dann direkt weiter. Nach so einer Woche habe ich gemerkt: Okay, Christiana ist voll langweilig. Und dann hatten wir beide die Idee, weil wir da auch schon öfter drüber geredet hatten, dass es doch ganz cool wäre, mal zu versuchen, zusammen Musik zu machen, weil wir das vorher noch nie gemacht haben… oder?

Christiana: Nee. Du hast mich öfters gefragt und ich hatte schon Lust, aber ich habe mich nicht so richtig getraut. Und da war irgendwie dann eine gute Gelegenheit, weil wir in den USA waren, niemand kannte uns und es war jeden Tag ein Konzert, dass man also auch wirklich einen Anlass hatte, etwas auszuprobieren. Und die Sache war auch noch: Diese Band, mit der Sidney auf Tour war, die haben immer mit Masken gespielt und wir haben für die ein Intro gespielt und dann auch mit Masken gespielt. Das heißt, nach dem Konzert, wenn ich dachte “Okay, das war vielleicht nicht so gut, was ich gespielt habe”, dann konnte ich die Maske abnehmen und wurde sozusagen nicht erkannt. Also es hat mir auf jeden Fall geholfen, ein bisschen die Schüchternheit abzulegen und mich am Anfang ein bisschen zu verstecken. Genau, also am Anfang haben wir immer mit Maske gespielt, aber irgendwann ging es dann auch ohne ganz gut.

Radio Q: Aber hast du vorher schon irgendwie groß was Musikalisches gemacht?

Christiana: Nein, also ich hatte in meiner Kindheit Klavierunterricht, aber klassisch. Ich hab manchmal mit meinem Vater zusammen Musik gemacht, der spielt Saxophon. Aber ich bin jetzt nie aufgetreten und habe mich auch eigentlich nie so auf Bühnen wohlgefühlt. Ich glaube durch diesen klassischen Klavierunterricht, wo es eben immer richtig und falsch gibt, war ich eher gehemmt. Und das Synthesizer spielen war eine schöne Möglichkeit, frei zu improvisieren. Und selbst wenn da mal ein Ton rauskommt, der sich komisch anhört, kann es trotzdem cool, oder eben auch experimenteller Sound sein.

Radio Q: Ihr wart in der Anfangsphase relativ kurz nur zu zweit unterwegs, danach ja dann schon relativ schnell zu dritt. Wenn man sich so die Jahreszahlen anguckt, hat man von außen das Gefühl, dass ihr relativ schnell euren Sound gefunden habt. Ist das ein richtiger Eindruck? Wie war die Entwicklung in den letzten zehn Jahren und wo soll es vielleicht noch hingehen?

Sidney: Also wir haben diese Tour da gemacht, das kann man überhaupt nicht vergleichen. Dann haben wir eine Portugal-Tour zusammen gemacht, dann haben wir Balkan-Tour zusammen gemacht…

Christiana: …und zwischendrin hatte Joel schon mal auf einem Festival bei uns gespielt, aber dadurch, dass wir viel zu zweit gereist sind, haben wir diese Europatouren dann erstmal größtenteils auch zu zweit gemacht. Und Joel war am Anfang oft bei den Deutschlandkonzerten dabei und irgendwann konnten wir auch gar nicht mehr ohne ihn.

Sidney: Wir hatten in dem Raum, wo ich auch immer noch mein Studio hab, das zu dritt einfach mal aufgebaut… Wussten wir eigentlich, dass wir da ein Album aufnehmen?

Joel: Wir haben immer so ein bisschen diesen Work-Ethos, dass wir Sachen auch gerne releasen und nicht auf der Festplatte haben wollen. Also wahrscheinlich haben wir nicht gedacht: “Wir machen jetzt hier bei dieser Aufnahme ein Album”, aber ich glaube, bei allem, was wir machen, ist dann irgendwie klar, dass das so schnell wie möglich auf Platte kommen oder zumindest online released werden soll. Es war jetzt nicht so konkret geplant, aber ich denke schon, dass uns so schon sehr konkret vorgeschwebt hat: “Wir wollen jetzt auf jeden Fall sehr bald was online haben oder vielleicht auch auf Platte haben”, so dass wir als Band noch mehr loslegen können.

Sidney: Ich glaube, das lag auch daran, dass wir damals schon gut 15 Jahre in anderen Bands Sachen gemacht haben und dann schon diverse Musikstile durchprobiert hatten. Joel spielt auch in einer anderen Band Bass und dann mussten wir uns nicht mehr musikalisch die Hörner abstoßen, sondern wussten relativ klar “Okay, das wollen wir machen” und deshalb sieht das vielleicht so aus, als ob wir das so am Reißbrett entworfen haben.

Christiana: Für die Hörer*innen, die das nicht wissen: Sidney und Joel sind ja auch Brüder, das heißt, ihr habt lange zusammen gewohnt und quasi jeden Tag zusammen Musik gemacht. Also mit eurer ersten Band Burn Pilot – da wart ihr noch total jung, als ihr damit angefangen habt. Deswegen wart ihr einfach schon ein sehr eingespieltes Team.

Joel: Und ich finde auch, es hat so eine gewisse meditative Entspannung, ein Musikprojekt zu haben nach vielen Jahren, in denen wir ganz viele Musikstilistiken auch ausprobiert haben. Das ist toll, aber das ist irgendwie auch ein Stück weit künstlerischer Stress: “Ah, okay, jetzt wollen wir das machen und jetzt haben wir irgendwie fünf Songs, die sind so und andere fünf Songs, die sind so, und wie passen die auf dem Album zusammen?” und so weiter und so fort. Und dann nach einigen Jahren dieses Prozesses, ist es für mich persönlich eben auch wie eine Meditation, einfach in eine Richtung reingehen zu können, ohne diesen kreativen Druck. Es gibt tausende tolle Musikstilistiken und wir wollen alles irgendwie machen. Und im Moment habe ich das Gefühl, dass wir sehr konkret dabei in der Kerbe, in die wir jetzt gerade schlagen, bleiben können. Wir können der Musik, die wir bislang released haben, irgendwie treu bleiben und trotzdem ganz viele Sachen ausprobieren. Also das ist gerade unser Standpunkt, dass wir einerseits halt eben dieses motoric, progressive, psychedelic Ding schon konstant drin haben, aber darin dann ganz unterschiedliche Ecken erkunden können. Und genau das fühlt sich halt sehr entspannt an. Vielleicht sogar mehr als das: Das ist so eine Meditation, eben nicht alle möglichen Stilistiken ausprobieren zu wollen, sondern mit einem Musikprojekt ein Ding zu machen.

Sidney: Aber ich würde sagen, dass wir jetzt an dem Punkt sind, dass wir so ein bisschen einen Sound haben und dann aber auch in andere Richtungen gehen können. Also zum Beispiel machen wir manchmal mehr mit Vocals. Dann kann ich mir gut vorstellen, dass wir mal ein Album machen, was nur Synths hat und nicht rockig, sondern nur elektronisch ist. Dann haben wir jetzt zum ersten Mal einen langsamen Song, der so ein bisschen Doom angehaucht ist. Also ich sag mal, wir sind wie ein Vulkan voller Ideen, wo immer mehr rauskommt. (alle lachen) Und ich glaube auch, dass durch unsere Arbeitsweise, diese nervigen Prozesse immer mehr verkürzt werden. Kein Stress, aber ich glaube und hoffe schon, dass wir so in Zukunft eher mehr machen können, weil wir eher das Kreative in eine Platte gießen können, wenn man das schon 15 mal gemacht hat. Dann weiß man, worauf man achten muss und dann macht es einfach mehr Spaß, denn manchmal sind die Prozesse halt super tedious und nervig und langweilig. Da ist es besser, es direkt so aufzunehmen, dass es dann ziemlich easy ein fertiges Ding wird. Wir arbeiten dran.

Radio Q: Also auf jeden Fall noch viel, worauf wir uns in Zukunft freuen können. Ihr hattet es gerade auch schon so ein bisschen angeschnitten: Joel und Sidney – ihr seid Brüder, Christiana und Sidney – ihr seid in einer Beziehung. Helfen diese privaten Verbindungen beim Musik machen oder ist man sich manchmal auch zu nah und dann ist das Musik machen vielleicht doch nicht so meditativ, wie es sein sollte?

Christiana: Also ich glaube, es hilft in diesem konkreten Fall bei uns. Also Sidney und ich haben zum Beispiel auch zwei Kinder und das ist schon richtig schön, dass Joel da immer so verständnisvoll ist, wenn wir die zum Beispiel auch mal mit zu Konzerten nehmen oder teilweise sogar auf Tour mit den Kindern sind. Vielleicht würde das auch funktionieren mit jemandem, der nicht in der Familie ist, aber so fühlt es sich einfach wie ein gutes Bündnis, also wie Allies an! Und jetzt zu Streitereien: Also klar, ihr [Sidney und Joel] könnt euch schon eure Meinung sagen, aber ich glaube, ihr habt jetzt nicht so eine ausgeprägte Streitkultur, wie das vielleicht bei anderen Geschwistern der Fall ist. Also so nehme ich das auf jeden Fall wahr.

Radio Q: Gibt es dazu Zustimmung oder Widerworte?

Sidney: Wenn man nicht in der gleichen Stadt wohnt, ist es eher ein guter Grund, sich oft zu sehen. So würde ich es eher sagen.

Christiana: Sonst würdet ihr euch gar nicht sehen, wenn ihr nicht Musik machen würdet. Aber ihr macht ja jeden Tag Musik, deswegen seht ihr euch jeden Tag.

Joel: Ja, da kann ich auf jeden Fall voll zustimmen. Wir spielen Konzerte und nehmen Musik auf, weil es unsere Passion ist und weil wir da Bock drauf haben. Und dann kommt eben diese Family-Komponente, also ich dann als Onkel, wenn die Kids auch mit dabei sind. Ich glaube, das funktioniert, weil wir uns freuen, zusammen unterwegs zu sein. Das auch von der künstlerischen Seite zu sehen, dass es halt schön ist, Gigs zu spielen und Leuten unsere Musik zu zeigen und dass wir da jetzt auch nicht mehr so verbissen darauf sind, den Deal mit irgendeinem Label absahnen zu müssen. Der Grund, wieso wir das machen, ist halt die Passion Musik und Zusammensein. Und ich denke, das macht es dann auch möglich, eben diesen Reiseaspekt und die gemeinsame Zeit zu genießen.

Radio Q: Dann vielleicht noch mal ein Rückblick zu dem, was ihr vorhin angesprochen hattet, dass ihr am Anfang mit Masken aufgetreten seid. Da würde ich noch einmal Kraftwerk mit ins Boot holen, die versucht haben, Werk und Künstler möglichst weit zu trennen, die ja teilweise einfach nur Roboter auf die Bühne gestellt haben oder Roboter haben Interviews geben lassen: Wie steht ihr zu diesem Punkt, Werk und Autor zu trennen? Wie viel Persönliches fließt in eure Musik ein? Wie ist so euer Rollenbild von euch, wenn ihr jetzt Live Konzerte gebt? Wie viel sieht man von euch in echt oder sind das völlig unterschiedliche Rollen – ihr auf der Bühne und abseits davon?

Sidney: Ich glaube, dass das nicht so durchgestylt ist, dass wir das trennen. Was ich halt gerne als Referenz sehe, sind Leute wie Sun Ra oder Miles Davis. Nicht, dass wir so gut spielen können, aber ich meine jetzt eher so von dem Ethos, einfach viele interessante Musikprojekte zu veröffentlichen. Und dann hast du natürlich so eine Art von Produkt oder wie dieses Kraftwerk-mäßige, dass du dann halt nicht nur Musik machst, sondern dass das wie eine Art von plastischem Objekt ist, was man hören kann, aber, wenn man Platte gerne mag, auch umfassen kann. Es geht uns schon sehr um die Musik und nicht um irgendwas, was wir dazu erschaffen, dass wir irgendwelche Supercharaktere, irgendwelche Superheroes sind. Ich finde, das sieht man ja auch. Ich würde mal sagen, wir werden immer besser darin, das auch darzustellen, was wir machen. Ich meine, ich habe fünf Bands und es ist gar nicht so einfach, auch eine Geschichte zu erzählen, nicht nur in der Musik, sondern auch in dem ganzen…

Joel: Worldbuilding.

Sidney: Ja genau. Dem, was da so drumrum ist und den Leuten, die diese Musik gerne mögen, auch zu ermöglichen, das irgendwie aufzunehmen, interessant zu finden. Und ich glaube, da werden wir immer besser drin, eine gute Geschichte zu erzählen.

Joel: Ich persönlich finde es auch leichter, wenn wir jetzt Konzerte spielen und Menschen treffen, da eben nicht irgendeinen Character oder einen Artist-Character zu haben. Also mir fällt es auch viel leichter, nicht diesen Switch machen zu müssen. Die allermeisten Leute, wenn wir auf Venues kommen oder auf Festivals sind…

Sidney: Die sind schon so Character. Die müssen nicht.

Joel: Genau, die sind Character und die machen es ja auch aus Passionen heraus und man will halt eine gute Zeit haben. Also das ist jetzt nicht unbedingt Teil unserer Band, dass wir da irgendwelche Character noch dazu entwickelt haben.

Christiana: Das Einzige ist höchstens, dass wir Outfits auf der Bühne tragen, die wir sonst auf offener Straße eher nicht so tragen.

Joel: Vielleicht kommt das ja auch noch, das ist ja auch noch Alltag. (lacht)

Radio Q: Wenn man sich mal so die letzten zehn Jahre anschaut, wo ihr gerade die Tour ansprecht: Für die Bandgröße würde ich sagen, vom Gefühl seid ihr sehr viel international unterwegs. Also USA, England, quer durch Europa, Osteuropa, Portugal wurde gerade schon erwähnt. Woran liegt das, dass ihr so international unterwegs seid? Ist das irgendwie, dass das vom Publikum in einigen Ecken sehr gut ankommt oder ist es vielleicht auch eher ein Liebhaber Ding? Weil ich denke mal, gerade international aufzutreten, ist natürlich auch finanziell nicht so entspannt, wie zu Hause irgendwo um die Ecke aufzutreten, oder?

Christiana: Also ich glaube, uns macht es vor allem Spaß. Wir haben Bock drauf zu reisen. Wir haben natürlich auch einfach das Privileg, dass wir ein Auto haben, in dem wir schlafen können und dadurch relativ kostengünstig touren können. Vor allem Sidney und auch Joel haben viele Kontakte durch die anderen Bands – auch internationale Kontakte, die man anschreiben kann. Wir haben halt Lust viel zu spielen! Wenn wir immer nur in Deutschland bei den gleichen Leuten spielen… irgendwann wird denen das auch zu langweilig und es ist einfach eine schöne Art und Weise, Zeit miteinander zu verbringen. Auch gerade mit den Kindern haben wir jetzt auch nicht so ein ganz klassisches Tourleben, sondern machen dann vielleicht auch mal zwei, drei Tage Pause und checken die Natur aus oder gehen mal an den Strand oder sowas. Ich habe auch das Glück, dass ich einen Remote Job habe. Das hilft natürlich auch total.

Sidney: Ich finde es auch cool, andere Szenen kennenzulernen. Das ist dann halt gewachsen über die Zeit. Also wir haben zum Beispiel eine gute Verbindung nach Portugal. Mindestens einmal im Jahr spiele ich in Portugal – nicht immer mit Arcane Allies. Aber ich habe auch ein Duo mit einem Portugiesen, mit Pedro – wir heißen Splitterzelle zusammen. Es gibt zum Beispiel super coole Clubs in Porto, in Lissabon. Das ist auch einfach cool, so like-minded Leute in anderen Ländern kennenzulernen. Zum Beispiel waren wir jetzt diesen Winter in Mexiko und da gibt es auch eine richtig coole Szene in Mexiko City. Das finde ich immer interessant und aufregend, dass einfach Leute, die genau das Gleiche machen wie wir in anderen Ländern, anderen Kulturen kennenzulernen.

Joel: Und auch Musik-Szenen kennenzulernen und auch ganz konkret Bands, die total abgefahrene Sachen machen und die man dann über Zufall kennenlernt. Man könnte es auch übers Netz schaffen, an Bands ranzukommen, aber wir haben schon so viele coole Leute und coole Künstlerinnen und Künstler auf dem Weg kennengelernt und das ist halt total cool. Ich glaube, das hat uns auch musikalisch geprägt – auf das, was wir Bock haben, was wir künstlerisch machen wollen. Also das ist auf jeden Fall auch eine wichtige Komponente.

Radio Q: Damit ist meine nächste Frage eigentlich auch schon gefühlt beantwortet. Nämlich die Frage – unabhängig vom Internationalen – wie wichtig sind euch eigentlich so Live-Auftritte? Weil es gibt ja auch immer wieder Musiker, die würden am liebsten die ganze Zeit im Studio tüfteln. Aber das klingt ja dann bei euch so, als sei das schon ein wichtiger Teil.

Sidney: Das ist schon beides. Wir [Joel und Sidney] haben beide Studios, wo wir viel Zeit verbringen. Wir spielen gerne viel live. Was wir nicht so gerne machen, ist viel zu proben. Wir versuchen das auf das Minimalste zu beschränken, aber manchmal muss man halt auch proben. Aber meistens sind die Proben eher dafür da, die technischen Sachen anzuschließen. Die Musik machen wir dann meistens eher live. Deshalb würde ich sagen 50-50.

Joel: Ja, voll! Also wenn wir Konzerte spielen, dann gibt mir das immer total viel Drive, neue Sachen zu schreiben und wenn wir irgendwie im Studio Sachen austüfteln und irgendwie an etwas Neuem arbeiten, da kriege ich Lust, die Sachen live zu spielen und ich kriege Lust, weiter musikalisch zu experimentieren. Aber ich glaube, die Live-Komponente gibt mir Ansporn, mit Leuten in Kontakt zu treten. Beides ist total wichtig und beides ist aber auch teilweise sehr unterschiedlich. Also ich persönlich kriege ganz unterschiedliche Energien, kreative Energy von dem einen und von dem anderen. Es gehört auch beides zusammen und ich würde jetzt auch nicht auf das eine oder andere verzichten wollen.

Radio Q: Wir merken, es ist viel passiert in den letzten zehn Jahren Bandgeschichte. Blicken wir mal zehn Jahre in die Zukunft: 2036 dann 20 Jahre Arcane Allies.

Sidney: Platin!

Radio Q: Auf was dürfen wir dann zurückschauen, wenn wir uns in zehn Jahren wiedersehen? Was passiert bis da noch alles?

Sidney: Also ich könnte mir ja gut vorstellen, so ein Nina Chuba Feature zu machen. Ich glaube, das könnte auch für sie ziemlich cool werden. (Christiana und Joel lachen) Und sonst… Ja, wie gesagt: Zwei Platten im Jahr, zehn Jahre… das sind dann 20 Platten.

Christiana: Das ist aber sportlich.

Joel: Mal gucken, ob wir das schaffen, aber wir kommen auf jeden Fall nah dran.

Sidney: Dieses Jahr kommen wir dran!

Radio Q: Das klingt auf jeden Fall sehr gut. Dann würde ich sagen, bedanke ich mich schon mal bei euch und wünsche natürlich viel Spaß beim Konzert gleich. Gibt es noch sonstige Konzerte, auf die wir die Radio Q Hörerschaft in den nächsten Wochen und Monaten hinweisen können oder Veröffentlichungen, die noch anstehen?

Sidney: Wir spielen noch in Münster.

Christiana: Ja, in Münster spielen wir… am 29. Mai.

Sidney: Wie heißt der Klub nochmal? Scheiße! (lacht) Also wir spielen bald in Hildesheim, in Regensburg, in Würzburg, in Innsbruck, in Polen spielen wir auf dem Red Smoke Festival. Das wird cool. Dann spielen wir bestimmt nochmal in Berlin, Dann spielen wir auch in Münster.

Christiana: Wir haben das noch nicht gepostet.

Radio Q: Aber wir merken uns schon mal den 29. Mai – in Münster wird es ein sehr, sehr gutes Konzert geben. Wo? Das erfahrt ihr natürlich bei eurem liebsten Campusradio! [Im Kabinett in der Bremer Straße – euer liebstes Campusradio enttäuscht natürlich nie ;-)]

Interview geführt von Philipp Moser, alle Bilder: © Arcane Allies

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