Über persönliche Grenzen, Shoegaze und ausgewogene Line-Ups auf Festivals – Ein Interview mit Hatchie

Geschrieben von am 2022-10-06

Titelbild: Hatchie live auf dem Reeperbahnfestival. Foto: Jan-David Wiegmann

Die australische Musikerin Hatchie bewegt sich in ihrem distinkten Sound zwischen Shoegaze, Dreampop und verspieltem Synth-Pop. Das Ergebnis dieser Mischung ist gar nicht so schnell einzuordnen, kommt aber in der aktuellen Indie-Landschaft wunderbar an; So erfreute sich Hatchies zweites Studioalbum “Giving The World Away” allgemeiner Anerkennung der Musikpresse. Auf dem 2022er Reeperbahnfestival haben wir die Multi-Instrumentalistin, mit bürgerlichem Namen Harriet Pilbeam, einige Stunden vor ihrer Live-Performance am Donnerstagabend getroffen.


Radio Q: Hi Hatchie! Dein zweites Album “Giving the World Away” wurde im April veröffentlicht. Seitdem bist du um die Welt getourt und hast eine Menge Konzerte gespielt. Gab es unter deinen Songs einen unerwarteten Fan-Favoriten?

Hatchie: “Giving the World Away”, der Titeltrack von meinem neuen Album, war überraschend beliebt; auf den Shows waren die Leute da immer total energiegeladen. Und auch “The Key”, den wir erst für die letzten paar Shows dazu genommen haben. Ich hatte ursprünglich gar nicht damit gerechnet, diesen Song live zu spielen, aber er scheint bei den Fans wirklich anzukommen. Beide Tracks sind lyrisch eher dunkel, aber trotzdem sehr tanzbar und wurden in Deutschland sehr gefeiert, besonders in Berlin. Ich hatte da sogar das Gefühl, dass  die meiste Verbundenheit und Energie von den Leuten ausging, die auch den Text kannten und tanzten.

Du hast für dieses Album auch zum ersten Mal im Schreibprozess mit anderen Leuten kollaboriert. Wie sah dieser Prozess für dich aus?

Ja, das war definitiv eine Umstellung. Die einzige Person, mit der ich vorher wirklich geschrieben hatte, war mein Mann Joe, der auch in meiner Band spielt. Aber das ist natürlich was ganz anderes, als einen Fremden zu treffen und mit ihm zu schreiben. Trotzdem hat mir Joe sehr geholfen, er kam zu allen Sessions mit mir und wir haben das alles als Duo gemacht. Im Schreibprozess haben wir dem Produzenten Jorge Elbrecht (u.a. Produzent von Sky Ferreira, Wild Nothing, Caroline Polachek; Anm. d. Red.) wirklich viel Kontrolle über die Sounds auf dem Album gelassen, was sehr spaßig war! Ich habe mich da auch nicht verrückt gemacht und mich mit einer Million verschiedener Produzent*innen getroffen, sondern bin es eher langsam angegangen, habe nur ein paar verschiedene Schreibsessions gemacht und so rausgefunden, was mir gefällt und was nicht. Trotzdem ist das Ganze auf jeden Fall sehr ungewohnt, man muss da echt sein Ego loslassen und bereit sein, Ideen anderer Leute auszuprobieren. Ich glaube, ich habe da viel über mich selbst gelernt, meine Grenzen zu erweitern und einfach viel zu experimentieren.

Wie verlief der Schreibprozess dann genau, wer hat wem Ideen gepitcht?

Das war bei jedem Song ganz individuell. Der Großteil der Platte wurde während dem Lockdown geschrieben und aufgenommen, deshalb waren Joe und ich zuhause in Brisbane. Unsere Demos haben wir dann per Mail an Jorge geschickt und er hat und Notizen und Ideen zurückgemailt. Das war also ziemliche Patchworkarbeit. Die meisten der Demos haben wir selbst geschrieben, ein paar stammen aber auch noch aus Schreibsessions, die wir vor dem Lockdown mit ihm in Amerika gemacht haben. Und ein paar auch von anderen Leuten aus Amerika. Mit dem Songwriting war das also echt alles sehr unterschiedlich und vielfältig.

Bild: Lissyelle

Für “Giving The World Away” hast du auch begonnen, mit Secretly Canadian zu arbeiten…

Ja! Wir lieben Secretly Canadian und wir mochten auch unser vorheriges amerikanisches Label Double Double Whammy sehr gerne, die Leute sind großartig und ich würde jederzeit wieder bei ihnen unterschreiben. Aber wir wollten einfach wachsen und jetzt bei einem Label unterschreiben, das mehr Ressourcen hat und in der Lage ist, unsere Musik international ein bisschen mehr zu pushen. Das war eine ziemlich schwierige Entscheidung, aber wir sind letzten Endes sehr zufrieden mit den Fortschritten, die wir seit dem Wechsel gemacht haben. Secretly Canadian haben ein größeres Team und es war cool, mit neuen Leuten zu arbeiten und neue Ideen und neue Gebiete zu erkunden.

Reden wir mal über einige Songs auf dem Album. In “The Rhythm” geht es darum, deinen eigenen Rhythmus zu finden und das zu tun, was für dich selbst am besten ist. Wenn du dein eigenes Leben mit einem bestimmten Rhythmus beschreiben würdest, was kommt dir in den Sinn?

Ui! Das wäre wahrscheinlich ein ziemlich chaotischer, unregelmäßiger Rhythmus, weil ich manchmal ein bisschen durcheinander bin. Also vielleicht etwas, das ein bisschen jazzig und improvisiert ist (lacht).

“Quick Sand” ist auch ein sehr persönlicher Song. Diese sehr introspektiven Tracks im kleinen Kreis zu schreiben und sie dann auf der anderen Seite der Welt vor einer großen Crowd zu spielen, wie ist das?

Am Anfang ist das ehrlich schwer. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt, aber der Anfang war hart.

Es kann sich wirklich beängstigend anfühlen, seine persönliche Musik mit anderen zu teilen, egal ob es Leute sind, die man kennt, oder ob man sie an Radiosender oder Plattenfirmen schickt.

Hatchie Im Radio Q-Interview

Aber ich glaube, man muss sich einfach schnell damit anfreunden, sonst kommt man ja nicht weiter. Ich bin mittlerweile viel besser darin, mich zu öffnen. Aber bei Songs wie “Quicksand”, der offensichtlich sehr ernst und dramatisch ist, war ich mir im Vorhinein sehr unsicher im Bezug auf das Live-Spielen. Ich bin nicht immer der ernsthafteste Mensch, so dass ich mir auf der Bühne manchmal etwas albern und unnatürlich vorkomme, wenn ich dann so ernst bin. Aber ich bin echt froh, dass das Publikum den Ton der Songs versteht und die Leute tanzen und mitsingen.

Deine Musikvideos sind sehr glowy und haben immer so ein nostalgisches 90er- und 80er-Jahre-Feeling, das natürlich zu deinem Musikstil passt. Woher kommen die Ideen für die Videos?

Bei den meisten meiner Videos hat Joe Regie geführt. Wir haben zwar immer zusammen gebrainstormt, aber es sind meistens seine Ideen. Er ist visuell viel kreativer als ich und so können wir gemeinsam an Ideen arbeiten. Ich sage ihm dann ganz offen, womit ich mich wohlfühle und womit ich mich nicht wohlfühle. Wir haben also alles auf DIY-Basis gemacht, was super ist, weil man so die Kontrolle behalten kann. Bei vielen Künstlern, die bei größeren Labels unter Vertrag sind, merkt man, dass sie einen Großteil der Kontrolle an die Labels abgegeben haben. Ich bin also froh, dass wir in der Lage waren, die gesamte Produktion in die eigene Hand zu nehmen und immer innerhalb der Grenzen zu halten, in denen ich mich wohl fühle.

Shoegaze-Bands und Dreampop-Bands wie die Cocteau Twins oder my bloody valentine sind offensichtlich eine große Inspiration für deine Musik. Warum, glaubst du, spricht dich diese Art von “komprimierter” oder noisy Musik an? 

Ich finde, dieser Musikstil weckt eine Menge Emotionen, die Texte nicht immer hervorbringen können.

Ich liebe an my bloody valentine, dass man oftmals nicht sagen kann, ob das Geräusch jetzt eine Gitarre oder eine Stimme oder ein Staubsauger oder ein Laubbläser ist.

Hatchie im Radio Q-Interview

Das hat mich immer inspiriert und das versuche ich auch zu erreichen. Natürlich sind meine Songs manchmal ziemlich poppig, aber diese “Wall of Sound” ist definitiv das, was meine Musik ausmacht. Außerdem habe ich das Gefühl, dass diese Soundelemente nicht mehr viele Leute benutzen, vor allem nicht in der kommerziellen Mainstream-Musik. Viele Musiker*innen bedienen nur ein Ende des Spektrums – aber nicht so viele machen den Crossover in der Mitte. Und ich wollte schon immer diesen Crossover aus Shoegaze, Pop und Dream Pop beibehalten. Ich mag es, dass die Leute meine Musik nicht in eine Genre-Schublade stecken können.

“This Enchanted” hat einen echt shoegazy-Gitarrensound und dann kommt eine Art House-Piano dazu. Das ist vielleicht ein gutes Beispiel für dieses Crossover. Außerdem erlebt House-Musik gerade ein echtes Revival im Mainstream… 

Ja, genau, der Track ist ein super Beispiel. Ich wollte da ein bisschen britische 90er-Dance-Inspiration einbringen. Ich liebe diese Mischung, weil 90er-Jahre-House im Moment so beliebt ist. Sogar das neue Drake Album und die neue Beyonce Scheibe haben einige Housetracks. Ich bin froh, dass ich das Klavier vor den beiden eingebaut habe, damit es nicht so aussieht, als ob ich sie kopiert hätte (lacht). Aber ich habe auch noch einige Songs, die ich jetzt nicht mehr veröffentlichen möchte, weil ich sie vor ein oder zwei Jahren geschrieben habe. Und jetzt, wo es ein großes Wiederaufleben dieser House-Musik gibt, habe ich das Gefühl, dass ich, wenn ich sie herausbringe, wieder zwei Jahre zu spät dran bin und es so aussieht, als ob ich nur einem Trend folge (lacht). 

Gibt es etwas, das du im Moment besonders gerne hörst? Du hast gerade über Drake und Beyonce gesprochen…

Das sind tatsächlich nicht wirklich Künstler*innen, die ich mir oft anhöre. In letzter Zeit stehe ich viel mehr auf Gitarrenmusik aus den 2010er-Jahren. Irgendwie durchlebe ich da gerade einen kleinen Throwback – ich höre viel TOY, Splashh und Yuck. Also Indie-Rock von vor zehn Jahren, das ist irgendwie sehr nostalgisch für mich. Wenn ich von zu Hause weg bin, ist es beruhigend, Musik zu hören, die mir wirklich vertraut ist.

Wenn du mit jemandem kollaborieren könntest, tot oder lebendig, wer fällt dir ein?

Naja, meine ursprüngliche Antwort war immer Robin Guthrie (Cocteau Twins), und ich hatte das große Glück, dass er schon sehr früh meinen Song “Sure” gemixt hat. Ich fühle mich also geehrt, dass ich diesen Wunsch schon von meiner Liste streichen konnte. Ansonsten liebe ich New Order und würde echt gerne mit jemandem von der Band zusammenarbeiten. Vielleicht auch mit The Horrors oder Everything But The Girl. Oder Kylie Minogue. Auch mit einigen Produzenten wie William Orbit oder Guy Sigsworth.

Die letzte Frage ist eine feministische Frage – es gibt eine Menge weiblicher Indie-Musikerinnen, die gerade sehr erfolgreich sind und viel Aufmerksamkeit erhalten, zum Beispiel Stella Donnelly oder auch Japanese Breakfast oder Soccer Mommy und so weiter und so weiter. Aber trotzdem sind da immer noch so viele Festivals, die einfach keine oder kaum FLINTA*-Musiker*innen in ihr Line-Up aufnehmen, looking at you, Rock am Ring. Deine Perspektive als weiblich identifizierende Indie-Musikerin ist total interessant! Was muss deiner Meinung nach geschehen, oder was kann getan werden, damit die Festival-Line-Ups ausgewogener werden?

Die Festivals müssen mehr Menschen in die Vorstände, Ausschüsse und in die Teams, die das Programm zusammenstellen, aufnehmen, die keine heterosexuellen, weißen Männer sind. Ich denke, dass es wichtig ist, auf allen Ebenen der Organisation vertreten zu sein, nicht nur bei den Freiwilligen, Helfer*innen oder Musiker*innen.

Ich denke, es liegt an den Machthabenden, anderen als weißen, heterosexuellen cis Männern die Kontrolle zu überlassen.

Hatchie im Radio Q-Interview

Das ist schonmal ein guter Ansatzpunkt. Und dann braucht man Prozentsätze für die Line-Ups, die auch keine heterosexuellen cis Männer sind. Es ist so einfach! Und die Festivals lügen, wenn sie sagen, dass es nicht so ist, das ist Bullshit. Denn was sie im Moment machen, ist einfach nicht gut genug, das macht mich wütend. 

Herzlichen Dank für das Interview!

Danke!

Das Interview führte Nicola Koch.


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