Der Trend geht zur Beschleunigung! Interview mit dem Elektronik-Duo Blue Hawaii auf dem Reeperbahn Festival

Geschrieben von am 2022-10-01

Den Zeitgeist einer Subkultur oder eines Musikgenres zu ergründen ist nahezu unmöglich, da Kunst und Kultur davon leben, stets im Wandel zu sein. Möchte man sich dennoch auf die Suche nach dem Zeitgeist elektronischer Clubmusik begeben, so lohnt es sich, bei Blue Hawaii vorbeizuschauen. Das kanadische Elektronik-Duo, bestehend aus Ra (Vocals) und Agor (Beats), hat es geschafft, sich in nun über zehn Jahren kontinuierlich soundtechnisch weiterzuentwickeln. In ihrem Repertoire befinden sich sowohl Experimente mit Reggaetonbeats wie “Make Love Stay”, gedämpft-jazzige Deep-House Tracks (“All That Blue”) als auch groovy Synth-Pop Nummern (“L.O.V.E.”). Dabei entstehen die Produktionen stets am Puls der Zeit. Den Sound von Blue Hawaii modern zu halten, sei Ihnen äußerst wichtig, erzählt uns Agor, den wir zusammen mit Ra auf dem Reeperbahn Festival treffen. Die beiden haben zuvor um 18 Uhr eine dreißigminütige Show im Rahmen des “Canada House Thursday” im Club UWE gespielt. Sie haben beste Laune und Agor, der seit einigen Jahren in Berlin lebt, bietet uns direkt an, einige Fragen auf Deutsch zu beantworten. Wir lassen uns gemeinsam vor dem Eingang eines Escape Rooms auf Kinosesseln und einer Schatztruhe nieder. Das folgende Gespräch über die Freundschaft zum Techno-Duo Brutalismus 3000, TikTok Ästhetik-Trends und Italo-Disco führt sich im Nachhinein wie von selbst.

Hallo ihr zwei, ihr seid gerade auf Europa Tour, aber hattet in den letzten Tagen ein wenig Pause. Wie habt ihr die Zeit genutzt?

Ra: Genau, wir hatten ein paar Tage frei und haben diese in Berlin verbracht. Ich liebe Berlin! Vielleicht ziehe ich dort mal hin und lerne Deutsch, so wie Agor (lacht)

Agor: Eigentlich ist es schade, dass wir das Wochenende in Berlin frei hatten, denn wir geben leider kein Konzert während unserer Tour in Berlin. Dabei spielen wir elektronische Tanzmusik und Berlin ist eine Hauptstadt für diese Art von Musik. Vielleicht das nächste Mal…

Seid ihr denn Clubgänger?

Agor: Auf jeden Fall! Wir sind auch gut mit dem Duo Brutalismus 3000 befreundet – ich wohne quasi mit ihnen zusammen. Das ist natürlich sehr praktisch, denn über die beiden kommen wir in jeden Club. Ich bin ein “Schlangevordrängeln-Guy” (beide lachen).

Krass, Brutalismus 3000 gehen gerade ja richtig durch die Decke…

Agor: Absolut! Aber ich würde sagen, dass unser heutiges Set ein wenig wie eine poppigere Version eines Brutalismus 3000 Sets war, wobei die ja mehr in die punkigere Richtung gehen. Wir bewegen uns gefühlt auch immer mehr in diese Richtung. Ich bin echt froh in Berlin zu wohnen und mich von der dortigen Queer- und Techno Szene beeinflussen zu lassen. Als nächstes spielen wir eine Show in Zürich und drei in Italien. Danach werden wir zehn Tage in einer Villa in Italien verbringen, um dort ein bisschen zu recorden. Ich wäre nicht verwundert, wenn es diesmal in eine schnellere Richtung geht.

Agor (links) und Ra (rechts) sind gemeinsam Blue Hawaii. Foto: Nicola Koch

Ich glaube die Entscheidung, nach Italien zu gehen, könnte ganz spannend sein, weil das Land ja super wichtig ist für die elektronische Musik – Stichwort Italo-Disco…

Ra: Oh ja! Unsere Freundinnen Devo B und Marie Davidson sind auch totale Italo-Disco Fans. Wer weiß, vielleicht kommt auch ein wenig Italo Disco auf die Platte… (lacht) 

Aber jetzt nochmal zurück zu dem schnelleren Sound, den du gerade angesprochen hast, Agor. Habt ihr nicht vorhin die Salzbauer Edit eures Tracks “I Felt Love” gespielt? Die ist ja auch im Hi-NRG Stil…

Agor: Ich liebe diese Edit und versuche aktuell, mit Salzbauer Kontakt aufzunehmen. Das ist genau die Richtung, in die wir gehen wollen!

Dabei klingt euer Sound auf der aktuellen EP “My Bestfriend’s House” (Arbutus Records) ja bereits sehr europäisch, quasi wie eure eigene Interpretation von Euro-Dance. Zieht ihr diesen Sound denn der düsteren Techno-Atmosphäre vor?

Agor: Ja, denn wir bewegen diesen Sound in eine sehr moderne Richtung und es ist uns sehr wichtig unsere Musik immer modern zu halten. Wir spielen keine reine Dance Music, sondern haben immer noch einen großen Pop Anteil. Da wir auf unseren älteren Produktionen noch in Amerika gelebt haben, waren wir auch mehr von dem dortigen, eher ruhigen House beeinflusst. In Europa ist elektronische Musik viel schneller und besitzt aktuell gerne mal Trance-Vibes. Wenn wir unseren Sound up-to-date halten, Ra ihre tolle Stimme einsetzt und Texte schreibt, die das Publikum treffen, dann zündet das direkt. Ich glaube deshalb ist ein Song wie “I Felt Love” auch so beliebt.

Ra: (lacht) In dem Song geht es darum, eine Person zu daten, während man eigentlich auf Tour oder auf Reisen ist. Dann entstehen diese emotionalen Situationen, in denen man am Flughafen versucht miteinander zu reden, aber es ist zu laut und es gibt zu viele Eindrücke, um klar miteinander zu kommunizieren. Währenddessen zerbricht das Herz immer mehr.

Zum Thema Flughäfen und Distanzen: Zwischen euren Wohnorten Montreal und Berlin liegen mehrere Tausend Kilometer Entfernung. Wie kommt ihr in einen gemeinsamen Flow, wenn es euch aufgrund der Distanz nicht möglich ist, zusammen in einem Proberaum zu musizieren?

Agor: Es gibt keinen Direktflug zwischen Montreal und Berlin. Das ist natürlich schlecht für mich. Ich muss immer über eine andere Stadt fliegen…

Ra: Aber auch, wenn wir in verschiedenen Ländern leben, zwischen denen das Reisen sehr mühselig ist, beeinträchtigt das nicht unsere enge Freundschaft. Der Großteil von “My Bestfriend’s House” ist via Facetime entstanden (lacht). Wir haben uns die Mixe hin und her geschickt.

Agor: Ich habe das Handy dann oft einfach vor die Boxen gehalten und Ra gefragt, ob das jetzt gut klingt oder nicht (lacht).

Durch Blue Hawaii werde ich wieder mit meinem kindlichen Selbst konfrontiert.

Ra

Ra, du bist ja nicht nur bei Blue Hawaii aktiv, sondern auch mit Braids. Als ich das erste Mal das Blue Hawaii Tape “Under One House” (Arbutus Records) gehört habe, musste ich irgendwie an das Braids Album “Deep in the Iris” (Arbutus Records) denken. Beide Veröffentlichungen klingen sehr verträumt und verwaschen. Würdest du dich als ein sehr verträumter Mensch beschreiben?

Ra: Ich bin wirklich eine sehr verträumte, nachdenkliche Person. Die beiden Projekte präsentieren verschiedene Teile von mir. Braids ist mehr mein bewusstes Selbst, Blue Hawaii hingegen mein romantisches, nach außen gekehrtes Selbst. Das eine ist eher Rock Musik und das andere hat eine Kickdrum und Synthies. Blue Hawaii war lange ein Side Project und jetzt ist es ein Vollzeitprojekt für mich. Aber ich liebe beide Projekte sehr. An Blue Hawaii mag ich besonders, dass ich auf der Bühne so ausgelassen Spaß haben kann. Einmal war meine Mutter auf einem unserer Konzerte in Calgary, wo ich auch aufgewachsen bin. Sie meinte, die Show erinnere sie sehr an die Talentshows, auf denen ich in der Schule immer aufgetreten bin. Da standest du mit zehn Jahren damals auch auf der Bühne, hast die ganze Zeit gelächelt und getanzt. Durch Blue Hawaii werde ich wieder mit meinem kindlichen Selbst konfrontiert und somit irgendwie auch wieder mit meinem wirklichen Wesen. 

Agor: Kidcore

Ra: (lacht laut) Jaaa, Kidcore!

Agor: Neulich habe ich eine Show im New Yorker Club “Elsewhere” mit Das Beat, einem Projekt von mir und meiner Freundin aus Berlin, gespielt. Dort war eine Person, die eine Kinder-Halskette getragen hat. Ich meinte, dass ich das mag und die Person meinte nur: “Oh yeah, das ist Kidcore!” Ich wusste gar nicht, dass das ein Ding ist, aber dann habe ich mich mal umgeschaut und JA, das scheint echt ein Ding zu sein (lacht).

Ra: Also drifte ich mit Blue Hawaii voll in meine Kidcore Phase ab… (lacht)

Ja, diese TikTok Trends wechseln sich gefühlt wöchentlich ab. Gestern war es noch Cottagecore, heute dann Kidcore und immer so weiter…

Agor: Wir haben uns gerade übrigens aus Versehen zu einer TikTok Stage verlaufen. Heute Mittag haben wir bereits ein Konzert in kleinem Rahmen gespielt aber hatten im Vorhinein die falsche Adresse von den Veranstalter*innen bekommen. An der angegebenen Adresse war lediglich eine kleine TikTok Stage aufgebaut, auf der ein Typ, der scheinbar auf Deutsch rappt, gerade mit dem Soundcheck beschäftigt war. Vor allem war das echt außerhalb und entsprechend war auch niemand dort. Aber das sah schon sehr lustig aus. Eigentlich hätten wir doch mal auf der TikTok Stage auftreten können… (beide lachen)

Aber jetzt mal zu dir Agor, du hast in Berlin auch mit Luis Ake zusammengearbeitet, der in seinem Sound leicht kitschige Lyrics, die man eher aus dem Schlager kennt, auf elektronische Beats treffen lässt. Luis Ake trifft aktuell genau den Zeitgeist moderner deutschsprachiger Musikproduktion. Wie habt ihr zusammengefunden?

Agor: Oh ja, Luis Ake ist ein guter Freund von mir! Ich habe zwei seiner Releases gemixt und finde es echt interessant, dass er auch so viele Fans in Russland und der Ukraine hat, obwohl er ja auf Deutsch singt.

Ich finde auf einem Track wie “Lilith” hört man schon einen gegenseitigen Einfluss. Der passt vom Beat her sehr gut zu euren aktuellen Produktionen. Kommen wir wieder zurück zu Blue Hawaii. Aktuell seid ihr auf Europa Tour und performt live. Das ist nicht immer so. Ab und zu spielt ihr auch DJ-Sets. Was sind die Vorzüge am live spielen und was an DJ Sets?

Ra: In letzter Zeit haben wir eher beides kombiniert. Wir haben in Los Angeles, New York und Mexiko City neulich DJ-Sets aufgelegt. Das ist auch die Richtung, aus der wir kommen. Heute haben wir eine Stunde am frühen Abend live gespielt. Aber wir können das auch mal für vier Stunden. Wenn wir auflegen, trete ich mitten im Set als Sängerin in Erscheinung. Das kann die Party im richtigen Moment besonders anheizen. Als studierte Jazz-Sängerin kenne ich mich zudem gut mit dem Improvisieren aus. Ich glaube, das ist auch unsere große Stärke! Bei langen Sets in der Nacht glänzen wir mit unserer Musik am meisten.

Agor: Bei Brutalismus 3000 funktioniert die Konstellation ja ähnlich. Und die Shows werden einfach nicht langweilig. Wenn Vici während des Sets plötzlich das Mikro in die Hand nimmt und zu schreien beginnt, während Theo den Beat droppt, dann schiebt das eine Party einfach an. Und die spielen auch Platten von anderen. Wir verfolgen beide ein sehr ähnliches, hybrides Konzept.

Bei langen Sets in der Nacht glänzen wir mit unserer Musik am meisten.

Ra

Zuletzt kommen wir zu einem besonderen Element elektronischer Musikkultur: dem Remix. Von einigen eurer Tracks gibt es bereits Remixe, u.a. von Catz n Dogs oder Melody As Truth’s Suzanne Kraft. Machen wir mal ein Gedankenexperiment: Wen würdet ihr gerne mal als Remixer engagieren und für welchen Track, wenn die Person in jedem Falle zusagen würde?

Ra: Leon Vynehall, das wäre fantastisch! Ich mag seine Musik richtig gern!

Agor: Theo von Brutalismus…

Ra: (lacht) Das ist hier scheinbar auch ein Brutalismus 3000 Interview… Aber Marie Davidson wäre noch super!

Agor: Oh ja!

Das Interview führte Jan-David Wiegmann


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