Das Spiel mit Andacht und Humor unterm Apfelbaum – ein Interview mit den Düsseldorf Düsterboys

Written by on 4. September 2022

Das Interview führten Carlotta Rölleke, Mel Winkel und Yunus Gündüz.

Zärtlicher Folk mit Augenzwinkern und unverkennbar-melancholischem Gesang – das ist das Essener Duo Düsseldorf Düsterboys. Auch auf dem Appletree Garden Festival schlagen die beiden eher ruhigere Töne an. In der Abendsonne und unter dem Blätterdach der Waldbühne zaubern Pedro Goncalves Crescenti und Peter Rubel unbekannte Songs aus dem Ärmel und überraschen mit liturgischen Spracheinlagen. Radio Q hat die Düsterboys nach ihrem Auftritt im improvisierten Bauzaun-Backstage getroffen und mit ihnen über das anstehende Album “Duo Duo”, diverse Bandprojekte und Beethoven gesprochen.


Radio Q: Ok, erstmal Hallo. Und wie geht’s?

Pedro: Hallo. Sehr gut. Vielen Dank.

Radio Q: Also, ihr habt mal im Interview mit dem Kaputt-Magazin Ende 2019 erwähnt, dass es durchaus Songs gibt, die ihr nur live performt. Ist das immer noch so? Zumindest haben wir heute schon ein paar Songs gehört, die man auf jeden Fall nur live hören konnte bisher, denn die kamen von eurem noch nicht veröffentlichten Album.

Pedro: Ja, das ist immer noch so. Heute haben wir zum Beispiel den Track “Sommer” gespielt, der ist noch nicht mal aufgenommen. Der kommt auch nicht auf dem nächsten Album raus, das war so einer von denen. 

Radio Q: Der mit den Hochhäusern und dem U-Bahn fahren? Den habe ich übrigens sehr gefühlt. Also ich find U-Bahn fahren im Urlaub auch immer total geil.

Pedro: Ja genau. 

 Seid ihr denn zufrieden mit dem Auftritt? Wir haben beim Auftritt gemerkt, dass viele aus der Crowd darauf gewartet haben euren bekanntesten Song zu hören, “Teneriffa”. Und ihr habt den dann erst ganz am Ende in der Zugabe rausgehauen. Spielt ihr gerne so mit den Erwartungen des Publikums bei einem Live-Auftritt?

Peter: Wir halten uns das immer offen. Wir planen die Setlist ja auch vor jedem Konzert neu und da muss man einfach ein bisschen sich reinfühlen in die Situation. Je nachdem spielt man halt andere Songs oder nicht. Jetzt waren wir leicht drüber zeitlich, aber es ging gerade noch. Die Stimmung war ja total gut und das hat es dann noch hergegeben, “Teneriffa” zu spielen. Das war schön.

Radio Q: Ihr habt gerade schon “Sommer” erwähnt, eines der Lieder, die bis jetzt noch nicht wirklich recorded sind. Oder vielleicht sind sie das ja und liegen in einem geheimen Schrank irgendwo im Archiv. Haben die alle Namen?

Peter: Ja, also wir sind gerade in einer interessanten Phase unserer Bandgeschichte, weil wir relativ viel neues Material spielen live und Teile des Materials kommen auf dem neuen Album raus, was im Oktober rauskommt. Und es gibt aber auch einige Songs, die auch nicht auf dem Album drauf sind. Wir planen im Moment schon irgendwie so, dass wir noch mal Aufnahmen machen wollen, um das Material dann auch noch mal rauszuhauen, vielleicht eine Band-EP zu machen.

Radio Q: Also sind diese Lieder, die ihr bisher noch nicht aufgenommen habt, auch ein bisschen stärker im Fluss noch? Verändern die sich, seitdem ihr die zum ersten Mal gespielt habt, noch sehr stark bis zu der Version, die jetzt da ist?

Pedro: Also Aufnahmen sind ja auch immer so Momentaufnahmen von dem Ist-Zustand, deswegen ist das immer so eine Art willkürliche Festsetzung. Auch die Songs, die wir schon aufgenommen haben, verändern sich ja und können sich eigentlich noch verändern, in Sound und Besetzungen und so.

Peter: Aber wir sind jetzt tatsächlich an einem Punkt, wo wir irgendwie Songs live spielen, die wir noch nicht wirklich fertig erprobt haben. Das ist aber irgendwie auch ganz schön in dem Prozess dann. Dass die sich irgendwie live noch entwickeln. Das ist ein anderer Prozess, als wenn man das alles im Proberaum macht und dann fertig und dann die Aufnahme und das dann live umsetzt. Das ist ein anderer Weg, der auch super schön ist.

Radio Q: Eine Sache bei dem Auftritt heute ist mir besonders aufgefallen: dieser katholisch-angehauchte Singsang zwischen den Songs – das ist, finde ich, nicht nur so nachgemacht, sondern klangt so als wärst du tatsächlich mal bei einem Priester…

Pedro: Ja, die Ansagen dazwischen meinst du? Ich glaube, ich habe das noch nie gemacht. Das war heute das erste Mal (lacht).

Radio Q: Aber hast du  das irgendwo mal gelernt?

Pedro: Nein, aber privat predige ich das schon ganz gerne mal, also so aus Quatsch halt.

Radio Q: Das hat nichts mit irgendeinem studentischen oder theologischen Hintergrund zu tun?

Pedro: Nein, nein ich gehöre keiner Kirche an und ich habe das auch nicht gelernt. (lacht) Ne also, manchmal hat man Glück mit den Ansagen und manchmal nicht, manchmal sagt man mehr, manchmal weniger und manchmal predigt man eben.

Peter: Ich finde das aber gut. Das ist ein schönes Stilmittel, weil das irgendwie die Ansagen musikalisch macht. Und so ein Spiel mit Andacht und Humor ist. Also ich fand das gut heute, wie du das gemacht hast, Pedro.

Foto: Katharina Geling

Radio Q: Wenn wir schon bei den neuen Songs sind, ich habe versucht auf den Text zu hören und ihr sagt in einem “so viele Stars, so viele Sternchen. In meinem Zimmer beginnt ein neuer Tag” Meine Frage dazu: um welche Sternchen geht es denn? Also geht es um Promis? Geht es um Sterne im Weltall oder geht es um Sternburger Pils?

Pedro: Nee, es geht eher um so eine Vorstellung von Weite und Romantik. Das ist gar nichts Konkretes. Ich bin vor kurzem umgezogen und die erste Strophe geht: “So viel gesagt, so viele Wolken in meinem Zimmer, vergeht ein halber Tag”. Ich habe den Song auf jeden Fall in der neuen Wohnung geschrieben und die Stars sind für mich irgendetwas Hoffnungsvolles, was über uns schwebt.

Radio Q: Also es geht nicht um eine durchzechten Nacht, “Ich sehe Sterne und wache morgen in meinem Bett auf”? Ich dachte direkt an einen Kater (lacht). 

Pedro: Kann man denken, darf man denken, das ist total frei. Meine Vorstellung ist nur meine Vorstellung.

Radio Q: Als ich den Song gehört habe und ihr habt ja vorher “Traurige Gesichter” veröffentlicht – da habe ich gedacht, ihr werdet jetzt krass gesellschaftskritisch bei dem neuen Album, denn “Traurige Gesichter” ist ja schon so ein kleiner Seitenhieb Richtung Tinder.

Pedro: Vorsicht “Traurige Gesichter” ist ein Original von unserem Labelchef Maurice Summen und das haben wir gecovert. Das ist nicht unser Song.

Radio Q: Ich fand das passte halt irgendwie zusammen als ich dann den Song mit den Stars jetzt gehört hab. Ich dachte “Oh irgendwie kritisiert ihr Hollywood, ihr kritisiert Prominente...”

Pedro: Da zeichnet sich was ab ja (lacht). Ich find auch wenn es kein Song ist, den wir so schreiben würden, fand ich das schön, den zu covern. Es ist auch schon lange her, also der lag lange auf der Festplatte, aber ich finde der hat vor allen Dingen mit dem neuen Arrangement mit den Synthies so was groovig-nachdenkliches was mir gut gefällt.

Radio Q: Die erste Vorabsingle zu dem neuen Album geht musikalisch meiner Meinung nach so leicht in Richtung Bossa Nova geht. Ich hatte das Gefühl, euer erstes Album klingt eher nach deutscher Folkmusik und bei der neuen Musik wird es südamerikanischer. Ist eine Richtung, in die ihr mehr gehen werdet auf “Duo Duo” , so rein musikalisch?

Peter: Ich glaub, der Song den du meinst, “Ab und zu”, der hat so einen Vibe, der klingt so ein bisschen nach Kuba. Und nach heißer Luft und Sommerhitze, Strand und leichte Bekleidung. Aber ich glaub, sonst ist das Thema, das zieht sich jetzt nicht durch das neue Album. Ob das amerikanischer ist, wüsste ich jetzt gar nicht so genau. Ich finde auch schon beim ersten Album gibt es irgendwie Songs, die so nach Velvet Underground klingen. Das ist so eine Mischung irgendwie aus Folk und anderen Sixties-Einflüssen. Und das neue Album jetzt auf den Punkt zu bringen, würde mir schwer fallen.

Pedro: Ich würde sagen, das erste Album hängt extrem von seiner Instrumentierung ab. Da haben wir ja in der klassischen Band-Formation aufgenommen, Orgel, zwei Gitarren und Schlagzeug. Und das zweite Album, das wir zu zweit aufgenommen haben, mit viel Zeit und vielen verschiedenen Instrumenten, ist einfach dann so ein bisschen experimenteller im Sound geworden. Und dadurch, dass wir die Möglichkeit hatten, verschiedene Klänge, Instrumente und solche Sachen zusammen zu werfen, ist es da irgendwie auch diverser, ja. Aber auch gleichzeitig ein bisschen konzentrierter.

Peter: Es gibt sehr viel Percussion auf dem neuen Album.

Radio Q: Und “visionäre Lyrics” sollen ja angeblich auf eurem neuen Album sein.

Pedro (lacht): Die Pressetexte sind Pressetexte, die schreiben ja nicht wir. Ach Moment doch, das haben wir geschrieben. “Visionäre Lyrics”.

Peter: Ja stimmt (lacht) ja genau. 

Pedro: Genau das kann man so stehen lassen.

Radio Q: Also, da wollt ihr noch nicht mehr verraten?

Pedro: Nee, wir reden auch. Ich finde, manchmal gibt es irgendwie eine Geschichte zu Text, die man erzählen kann. Aber oftmals haben wir nicht das Bedürfnis, das zu analysieren oder aufzuklären. Eigentlich gibt es da nicht viel zu sagen, sondern die Texte kann man so verstehen und hören, wie man will.

Radio Q: Also kein Kaffee mehr, sondern Tee aus der Küche, wir werden sehen. Ein paar von euch sind ja auch alle irgendwie in unterschiedlichen Projekten aktiv wie zum Beispiel bei International Music. Wie ist es denn für euch, wenn ihr mal außerhalb der gewohnten Band Struktur arbeitet? Ist es vielleicht eher anstrengend oder eher befreiend für euch, mal ein bisschen andere Sachen auszuprobieren?

Pedro: Also dadurch das es von Anfang an unsere Arbeitsweise war und ich das auch nach wie vor gerne so mache, ist es ist natürlich… im popmusikalischen Kontext dominieren International Music und Düsseldorf Düsterboys, da  gibt es kein weiteres Projekt, was irgendwie an den Status rankommt. Aber abseits von dem steht sich das alles nicht im Wege. Das ergänzt und befruchtet sich eher oder hat auch mal nichts miteinander zu tun und das ist dann auch ok.

Radio Q: Wir haben gestern zum Beispiel Kid Simius mit Bonaparte gehört – hätte ihr auch mal Lust so eine Band-übergreifende Bühnenshow zu machen, wo ihr euch irgendeinen Partner sucht?

Pedro: Kommt nach Duisburg.  Am 28. August spielen wir ein Konzert zusammen mit TheDorf, als International Music allerdings. The Dorf ist eine grandiose Besetzung, eine Free Jazz Impro-Big Band aus Dortmund. Das wird total geil. Wir haben schon mal ein Konzert mit denen gespielt in Berlin. Das ist wirklich super geil, die spielen total toll mit einer riesen Besetzungen. Alles dabei Bläser, Streicher, Electronics, Drums und wir spielen zusammen mit denen zusammen auf dem Platzhirsch Festival in Duisburg ein Konzert. Von daher, das haben wir schon mal gemacht und das macht Riesenspaß.

Radio Q: Also das wäre auch so ein Feature, was ihr euch vorstellen könntet?

Pedro: Bisher passiert das nur live. Aber ich hätte auch Bock mal eine Aufnahme zu machen. Das ist auf jeden Fall eine Symbiose.

Foto: Yunus Gündüz

Radio Q: Gibt es sonst noch Leute, von denen ihr sagen würdet, ja, mit denen würdet ihr gerne zusammenarbeiten? Vielleicht auch etwas, was erstmal überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was ihr so macht?

Peter: Ich bin ein Riesenfan von Big Thief, der amerikanischen Folk-Band und weil ich so ein großer Fan bin, würde ich die erstens mal sehr gerne kennenlernen und zweitens auch mal was mit denen zusammen spielen. Aber ob das irgendwann passieren wird, keine Ahnung? 

Radio Q: Eine Frage haben wir noch, die hast du vielleicht gerade schon für dich beantwortet, aber: wenn es eine einsame Insel gäbe, auf der ihr stranden würde und da ist auch noch ein Plattenspieler mit euch gestrandet und eine Platte, die ihr euch mitnehmen könntet. Welche wäre das?

Pedro: Beethovens Dritte, die Eroica.

Radio Q: Erbaulich. In dem Moment (lacht).

Pedro: (lacht) Ja genau, erbaulich, erbaulich (summt die ersten Takte der Eroica).. ja. 

Peter: Und ich würd die Zweite mitnehmen (lacht)

Pedro: Und wenn wir das zu zweit landen, haben wir ordentlich was durch zu analysieren.

Radio Q: Das ist auf jeden Fall auch ordentlich viel Musik. Danke euch für das Interview!

Das neue Album der Düsseldorf Düsterboys, “Duo Duo”, erscheint am 7.10.22 (Staatsakt)


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