Ein Vanille-Frucht-Softeis mit ganz vielen bunten Streuseln – Die queerfeministische Hyper Pop-Künstler*in Gigolo Tears im Interview

Written by on 10. September 2022

Das Interview führte Katharina Rücker.

Wenn Chris, aka Gigolo Tears, und die Crybabies loslegen, kann man das Gefühl bekommen, in einer anderen Welt gelandet zu sein. Ist man vielleicht auch: Zum Konzert in der Pension Schmidt haben sich fast nur Flinta*-Personen eingefunden. Nach ein paar Liedern ist der ganze Raum am Tanzen. Wohnzimmerkonzert-Feeling mit Liedern, die sich nicht nur Hyper Pop-mäßig ins Zeug legen, sondern auch Flinta*-Personen aus der Seele sprechen dürften. In der aktuellen Equals-Folge “Feminismus in der Musik” haben wir ebenfalls über das Interview gesprochen.

Radio Q: Ich stelle dir die Einstiegsfrage mal Eva Schulz-like: Wo kommst du gerade her?

Gigolo Tears: Ich komme tatsächlich gerade frisch vom Soundcheck, wo einiges schief gegangen ist. Am Ende haben wir es aber doch hinbekommen, einen ganz nicen Sound zu machen! Sonst sind wir heute Morgen in Berlin gestartet und haben schon ein paar Pannen hinter uns. Wir wollten ein Auto abholen, was dann nicht abzuholen war. Dann sind wir auf der Autobahn nach Münster gerollt.

Radio Q: Herzlich willkommen! Hast du einen Bezug zu der Stadt?

Gigolo Tears: Tatsächlich hab ich einen Bezug zu der Stadt: Das Label, bei dem ich meine Solo-Platte herausgebracht habe, kommt aus Münster: Ladys & Ladys.

Radio Q: Davon hab ich gelesen! Das erste “offiziell sexistische” Plattenlabel.

Gigolo Tears: (lacht) Ja, sehr gut, ne! Es sind ganz offiziell Sexist*innen – Sexistinnen kann man sagen. Es ist ein von Frauen betriebenes feministisches Label. Es ist aber natürlich auch ein bisschen Quatsch, denn es gibt auch Männer, die mit in den Bands spielen und deswegen auf dem Label sind. Aber die Idee war natürlich, die sonst typisch männerlastigen Verhältnisse umzudrehen und zu sagen: bei uns kommen nur Flinta*-Acts auf’s Label!

Es geht mir darum, dass meine Zuhörer*innen flockig mitviben und mitsingen und plötzlich merken: oh, ich singe gerade die Zeile “Ich hab Blut in meinen Underpants”

Gigolo Tears

Radio Q: Dann kommen wir auch direkt zu deiner Musik: Du hast eben schon vom Soundcheck gesprochen. Wie würdest du deine Musik beschreiben?

Gigolo Tears: Ich habe mir tatsächlich eben überlegt, dass ich das Perioden-Pop oder Menstruations-Musik – wegen der Alliteration (grinst) – nennen würde. Ich würde sagen, es gibt Hyper-Pop-Einflüsse und meine Musik streift auf jeden Fall Rap. Basically ist es Popmusik von Flinta*- für Flinta* Personen; sie ist nicht unbedingt für Männer, sage ich mal.

Radio Q: Aber Männer sind trotzdem willkommen, wenn sie deine Musik cool finden?

Gigolo Tears: Absolut. Und natürlich gibt es ja auch Männer, die menstruieren. Die sind auf jeden Fall auch willkommen. Es geht bei sowas vor allem darum, dass es viele Bands gibt, die aus cis Männern bestehen und Musik von Jungs für Jungs machen. Ich finde ganz wichtig, sich ein bisschen davon abzugrenzen, weil man häufig ausgeschlossen wird und einfach mal zu behaupten, dass gerade nicht unbedingt cis Männer die Zielgruppe sind.

Radio Q: Dabei hast du früher viel in einem sehr männlichen Umfeld Musik gemacht…

Gigolo Tears: Tatsächlich habe ich lange mit meiner Partnerin Musik gemacht. Wir sind zusammen als das Duo “Zucker” aufgetreten. Auch heute sind wir noch ein Duo. Wir haben uns damals beide als weiblich identifiziert. In unserer Gang waren sehr viele Männer. Damals ein bisschen aus so einer Optionslosigkeit heraus.

Radio Q: In deiner Musik sind mir super viele Pitch-Effekte aufgefallen, viele Tuning-Effekte. Stell dir vor, es kommt ein Alien auf die Erde. Das kann zwar nicht hören, aber super gut schmecken. Dieses Alien möchte jetzt aber gern wissen, wie deine Musik schmeckt: Wie würdest du deine Musik in Süßigkeiten beschreiben?

Gigolo Tears: Ich würde auf jeden Fall sagen, dass es Eis ist. Eis mit ganz vielen verschiedenen Streuseln drauf. Softeis? Oder ein Spaghetti-Eis. Da bin ich mir gar nicht sicher – obwohl, da sind die Übergänge ja auch fließend.

Radio Q: Oder eine Mischung?

Gigolo Tears: Es wäre ein Vanille-Frucht-Softeis mit ganz vielen bunten Streuseln. Was aber schon ein bisschen über die Hand läuft, weil es so warm ist an dem Tag.

Radio Q: Klingt sehr geschmacksintensiv!

Gigolo Tears: Und es klebt auch richtig schön auf der Hand. (lacht) 

Radio Q: Du hast 2021 ein Album herausgebracht. Seit wann bist du Gigolo Tears?

Gigolo Tears: Ja, man könnte jetzt sowas sagen wie irgendwie war es schon immer Teil meiner Persona… Vorher habe ich mit meiner Partnerin als Duo “Zucker” Musik gemacht. Da haben wir Riot Pop gemacht. Das kam aus einer Wut, aus einer Aggression, aus so einem Ungerechtigkeitsgefühl heraus und dann brauchte ich davon irgendwann mal eine Pause. Ich dachte, ich fänd es mal ganz nice, aus so einem sommerlichen, fröhlicheren Approach Lieder zu schreiben. Dann ist eben dieses Projekt Gigolo Tears entstanden, um inhaltlich was anzusprechen, was eben nicht total banal ist. Das wird aber in ein Gewand packt, was eine Fröhlichkeit ausstrahlt. Wie es in dem Namen Gigolo Tears drin steckt, geht es schon darum, Leute zum Weinen zu bringen. Ich finde die Vorstellung witzig, alle Flinta* zum Tanzen zu bringen und alle Männer* zum Heulen. Industmäßig, en garde.. Ist das eine Antwort gewesen?

Radio Q: Ich finde, es ist total herausgekommen, dass deine Musik und deine Themen ankommen sollen. Dass du Menschen für diese Themen sensibilisieren möchtest.

Gigolo Tears: Genau, es geht mir darum, die Themen wie Menstruation oder empowernde Themen in Musik und Texte zu packen, die nicht aggressiv sind und einen fsozusagen umhauen. Es geht mir darum, dass meine Zuhörer*innen flockig mitviben und mitsingen und plötzlich merken: oh, ich singe gerade die Zeile “Ich hab Blut in meinen Underpants” und so denken, ah ja, irgendwie ganz nett, ganz witzig.

Radio Q: Du hast eben dieses Ungerechtigkeitsgefühl angesprochen. Wie entstehen deine Themen? Entstehen die in deinem persönlichen Umfeld oder gibt es bestimmte Situationen in der Welt, die dich inspirieren, irgendwelche Personen?

Gigolo Tears: Auf jeden Fall, was Personen angeht, gibt es auf jeden Fall krasse Role Models für mich, wie Peaches, aber auch Lady Gaga. Ich glaube, es ist eine Mischung. Es gibt auf jeden Fall private Themen, die da hineinspielen, also das eigene Erlebte oder von Freund*innen Erzählte. Mir ist wichtig, queerfeministische Themen aufzugreifen, also Themen, die mir selbst nicht total fremd sind. Ich finde seltsam, über Themen zu singen, die man nur liest, aber die einen selber gar nicht so sehr betreffen. Und dadurch, dass ich schon länger als Flinta*-Person Musik mache, kenne ich eben diese ganzen Beschwerlichkeiten, die damit zusammenhängen. Dass man es gefühlt grundsätzlich immer schon ein bisschen schwerer hat, ein bisschen mehr kämpfen muss. So ellenbogen-raus-mäßig, was man ja gar nicht möchte. Man möchte eigentlich Leute treffen, sich mit denen verstehen, vielleicht mit denen eine Gang bilden und Dinge zusammen machen. Dieses Ellenbogen-raus kommt vielleicht daher, dass ich im persönlichen Umfeld, aber auch als Musiker*in selbst, schon negative Erfahrungen gemacht habe.

Radio Q: Wenn du Musik machst und merkst, deine Themen kommen an: Denkst du dann, dass die Entwicklung, also diese Bühne für sensible Themen zu schaffen, auf einem guten Weg ist?

Gigolo Tears: Bubble ist auf jeden Fall ein Thema. Man preacht natürlich zu den Leuten, die das wahrscheinlich schon wissen. Mein Wunsch ist, dass man gerade auf Konzerten und Festivals Leute mitnimmt, die sich vielleicht noch nicht oder noch nicht so intensiv damit beschäftigt haben. Die dann aber über so einen witzigen Approach Bock haben, sich in diese Themen einzudenken.

Dass man es gefühlt grundsätzlich immer schon ein bisschen schwerer hat, ein bisschen mehr kämpfen muss. So ellenbogen-raus-mäßig, was man ja gar nicht möchte

Gigolo Tears

Radio Q: Im Rahmen deiner PMS-Tour hast du unter anderem Konzerte auf dem Katapult-Festival in Greifswald und dem About Pop in Stuttgart in Aussicht stehen. Auf welchen Festivals würdest du in Zukunft noch gerne auftreten? 

Gigolo Tears: Das Fusion ist natürlich ein Ding. Und wie du wahrscheinlich weißt, hab ich letztens beim Sampler Cock am Ring mitgemacht. Gerne große Festivals, wo man sonst eher cis Männer-Bands sieht. Die sind natürlich deshalb interessant für mich, weil ich als Flinta*-Person da eben stattfinden möchte. In dem Sinne Rock am Ring und diese ganzen Sachen. Das männerlastige Rock-Lineup interessiert mich eher weniger, aber uns Flinta*-Personen gehören eben auch diese Räume, diese Festivals. Die Menschen sollen nicht nur Männer sehen, die sollen auch Flinta*-Menschen auf der Bühne sehen.

Radio Q: Carolin Kebekus hat Anfang Juni während ihrer Sendung DCKS Festivals verglichen und den Frauen-Männer-Anteil herausgestellt. Bei dem Festival Moon & Stars, was diesen Juli in der Schweiz stattfindet, liegt der Frauenanteil der Bands da bei ganzen 0%…

Gigolo Tears: …und bei Rock am Ring liegt der nicht-männliche Anteil auch nur bei 10%! Es ist 2022! Das passt einfach nicht!

Radio Q: Was denkst du von dieser binären Unterteilung in Mann vs. Frau, von Geschlechterkonstruktionen allgemein?

Gigolo Tears: Ich finde es obsolet ehrlich gesagt. Aber ich verstehe schon, dass Leute es so gelernt haben und aus der Tradition heraus weiterführen. Das kann schwierig sein, es einfach abzulegen. Ich selbst bin ja sozusagen freshly out als nicht-binäre Person und muss schon sagen: Es ist einfach nicht so schön, in binäre Strukturen eingeteilt zu werden, ob man eben will oder nicht. Not a fan, to be honest!

Radio Q: Hast du ein Lied, was darüber geht?

Gigolo Tears: Noch nicht! Es gibt einen Song von Blümchen, “Herz-an-Herz”, den ich gecovert habe. Er ist noch nicht herausgekommen, bisher spielen wir ihn nur live. Darin geht es um nicht-binäres und fluides Gender. Das Thema ist aber noch auf der Liste, das nochmal ein bisschen zu verwursten.

Radio Q: Deinen Song “High On PMS” finde ich besonders interessant. Darin verarbeitest du, dass viele menstruierende Menschen mit PMS, also dem Pre-Menstruation-Syndrom, zu kämpfen haben, bevor ihre Periode einsetzt. Zum Beispiel leiden die Betroffenen unter Depressionen und Angstzuständen. Aber was meinst du mit dem “High”?

Gigolo Tears: PMS ist für viele Menschen unterschiedlich und kann sich ganz unterschiedlich anfühlen und auswirken. Bei mir ist es tatsächlich so, dass es sich wie ein High anfühlt, aber so ein aggressives High. Ich werde richtig wütend auf meine allerliebsten Menschen und das macht mich selbst so fertig. Jeden Monat locker eine Woche damit beschäftigt zu sein, irgendwie meine Hormone zu leveln und damit umzugehen. Dass ich nicht aus meiner Haut kann und so gesteuert bin von diesem Hormon-Scheiß, darum geht’s in dem Stück. Ich würde es heute ein bisschen anders schreiben. Textlich heißt es darin “she’s high on pms”. Man lernt dazu. Ich würde jetzt versuchen, nicht so viel mit den Pronomen zu arbeiten, sondern zum Beispiel schreiben “you’re high on pms”.

Radio Q: Ein anderer Song von dir heißt “Don’t Marry Me”. Um was geht es da?

Gigolo Tears: Wenn ich Männer gedatet habe, haben sie mir als weiblich gelesene Person häufig das Gefühl gegeben: Du willst mich jetzt doch bestimmt direkt heiraten! Gerade weiblich gelesenen Personen wird das schnell zugeschrieben. Ich dachte mir, das drehe ich jetzt einfach um. DU willst mich halt heiraten und das wird halt einfach nicht gehen, weil ich nicht heiraten möchte. Es geht mir um die Freiheit und darum, dass natürlich an der Tradition sehr viel heteronormatives und christliches Gedankengut hängt. So eine kleine 14-Jährige Chris-Maus in mir denkt sich schon, ach heiraten ist irgendwie cute und irgendwie rührt mich das auch, aber eigentlich ist es meiner Meinung nach so over und uninteressant. Eigentlich glaube ich gar nicht daran, dass man immer mit einer Person zusammen bleiben will. Monogame Beziehungen sind für mich kein Modell, was ich so wahnsinnig reizvoll finde. Der Song fasst für mich zusammen, dass heiraten nicht so eine gute Option ist. Wenn Leute das möchten, ist das natürlich super.

Radio Q: Oh da höre ich noch ganz viel Potenzial für weitere Songs heraus! Was denkst du von Margarete Stokowski?

Gigolo Tears: Liebe. Große Liebe. Ein Role Model und eine tolle Autorin. Gute Besserung! Falls du das hier liest! Sie hat ja Long Covid.

Radio Q: Was mir noch aufgefallen ist: Du coverst auf deinem Album auch den Song “Big in Japan” der Münsteraner Band Alphaville: Nach welchen Kriterien wählst du aus, welche Songs du coverst?

Gigolo Tears: Ich mag, wenn man noch ein bisschen Arbeit mit dem Song hat. Wenn man bestimmte Dinge heraushört und Lust hat, was mit denen zu machen. Jetzt ganz aktuell habe ich ein Stück von Scooter gecovert. Bei “Big in Japan” spielt aber noch ein bisschen was anderes mit rein: Das haben meine Eltern auf ihrer Hochzeit – da sind wir wieder beim Thema (lacht) – gehört, deswegen hab ich da eine persönliche Verbindung zu. Irgendwie rührt der mich an. Es geht in dem Song um eine trans Frau. Das hab ich erst danach herausgefunden. Das Lied lief auf der Hochzeit meiner Eltern fünf mal, es war ihr Hochzeitslied.

Radio Q: Mit den ganzen Soundeffekten – siehst du dich in der Tradition der 90er?

Gigolo Tears: Absolut! Ich bin schon ein 90s-Kind. Ich würde sagen, das ist nicht der einzige Einfluss, aber auch diese ganze Girlgroup- und Boygroup-Kultur fühle ich sehr.

Radio Q: Könntest du dir vorstellen, auch mal einen Song zu covern, der aus einer ganz anderen musikalischen Richtung stammt, also zum Beispiel Klassik, Techno, Jazz?

Gigolo Tears: Also ich bin wirklich kein Jazz-Fan. Da müsste ich einen Approach finden, einen Song, der mich irgendwie anrührt. Vielleicht wirklich Klassik!

Radio Q: Die Bühne ruft, bevor wir unser Gespräch nun beenden müssen: Was wünscht du dir gleich vom Publikum?

Gigolo Tears: Ich wünsche mir, dass die Menschen einfach ein bisschen mitviben, einfach Bock haben und sich mitnehmen lassen auf unsere kleine Reise.

Radio Q: Ich freue mich sehr! Vielen Dank für das Interview!

Gigolo Tears: Ich danke dir! Shoutout an Radio Q!


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