Grüne Augen werden blau und was Gustav Maler´s “FAE-Sonate” mit den Songs von Jeremias zu tun hat – Ein Interview mit Jeremias

Written by on 30. November 2021

Jeremias – Das sind vier Jungs aus Hannover, die seit 2018 als Band gemeinsam Musik machen. Sie sind ein bisschen Funk, ein bisschen Disco und vor allem viel Indie. Seit ihrer Entdeckung bei einem Auftritt im niedersächsischen Helmstedt und der anschließenden Untervertragnahme ist allerdings viel passiert. Nach dem Veröffentlichen ihres ersten Albums “golden hour” in 2021 und mitten in ihrer gleichnamigen Tour hat Radio-Q-Redakteurin Neele Hoyer die Jungs getroffen. Entstanden ist ein Gespräch mit Frontsänger Jeremias Heimbach und dem Bassisten Oliver Sparkuhle über Sehnsüchte, Corona-Erfahrungen und das Musikmachen.

© Lucio Vignolo

RadioQ: Ich bin Neele Hoyer, Musikredakteurin bei RadioQ, dem Campusradio für Münster und Steinfurt, und sitze hier mit Jere (Jeremias Heimbach) und Olli (Oliver Sparkuhle) von der Band Jeremias. Moin Jungs, danke dass ihr euch Zeit genommen habt! Zum Aufwärmen erstmal ne kleine Runde Entweder-Oder-Fragen und ihr antwortet möglichst intuitiv.

Q: Konzert oder Festival spielen?

Olli: Festival

Jere: Festival

Q: Grüne oder blaue Augen?

Jere: Oh! Jetzt blau

Q: Woran liegts?

Jere: Die verwandeln sich manchmal. (lacht)

Q: Frühling oder Herbst?

Jere: Herbst

Olli: Frühling

Q: Das war’s schon mit den kurzen Fragen. Steigen wir mal direkt damit ein, wie ihr das Künstlerdasein während des Lockdowns so erlebt habt. Ihr habt euch ja Wege gesucht, um mit den Fans zu connecten und ich hab zum Beispiel was von Einkaufswagen-Konzerten gehört? Erklärt das mal.

Jere: Also das muss man ein bisschen unterteilen zwischen der Phase, in der gar nichts ging, für niemanden, und in die Phase, in der es unter bestimmten Umständen möglich war, Sachen zu veranstalten. In der Phase, in der gar nichts möglich war, das war erstmal für uns alle ziemlich blöd. Auch grad weil wir eine Generation sind, die ja eigentlich immer raus wollte und da sprech ich glaub ich für alle, wenn ich sage, dass das echt n kleiner Pain war. Die Phase danach, in der bestimmte Sachen wieder möglich waren, haben wir tatsächlich alle sehr dankend angenommen, aber in der Retrospektive ist es dennoch komisch. Du hast es eingangs schon erwähnt, wir haben Einkaufswagen-Konzerte gespielt, wir haben Picknickkonzerte gespielt, wir haben Auto-Konzerte gespielt, also alles irgendwie mal durchgespielt. Das einzige, was davon geblieben ist war immer der Eindruck, dass es irgendwie nicht das richtige ist. 

“Wir haben alles irgendwie mal durchgespielt während Corona. Aber das einzige, was davon geblieben ist, war immer der Eindruck, dass es irgendwie nicht das richtige ist.”

Q: Was hat euch da genau gefehlt?

Jere: Alles eigentlich, alles was ein normales Konzert ausmacht. Das größte Ding ist der Abstand, immer, bei allem. Beim Singen, beim Tanzen, weil sobald Abstand da ist, ist es schwierig, irgendwie so nen Funken zu vermitteln. Es war ja super wichtig, dass es so war, ich will das gar nicht kritisieren. Wir sind aber umso dankbarer, dass in der November-Tour, in der wir gerade stecken, jetzt alles möglich ist. Dass Leute schwitzen können, sich anfassen und anbrüllen können und dass Moshpits wieder möglich sind.

Q: Ist wahrscheinlich mal ne interessante Erfahrung gewesen, aber reicht dann  jetzt auch wieder.

Jere: Auf jeden Fall! 

Q: Statt eurer Headliner-Tour Anfang diesen Jahres, die jetzt erst stattfindet, gabs ja dann euer erstes Album “golden hour”. Was ist denn euer persönlicher Lieblingssong und warum?

Olli: Manchmal verändert sich sowas ja auch, aber in dem Kontext ist es glaub ich immer “weniger”. Wegen des Songs und Jere hat ziemlich lange am Text gesessen. Auf der musikalischen Ebene war der Song ziemlich schnell da, und irgendwie hatte es so nen Rahmen, so nen Vibe oder nen Sinn, dass das alles so soll. Und textlich war es für Jere auf jeden Fall anstrengend, aber als der Song da war, wars für alle geil. Es ist halt n Song, der ne schöne Geschichte hat und der auch live gut performt.

weniger

Q: Welcher Song von euch kommt den live am besten an?

Jere: Sommer! Das war ne Single von der ersten EP vor zwei Jahren. Ich kann das vorwegnehmen – der ist auf jeden Fall unter den Zugaben und deswegen rasten da alle immer am meisten aus. Aber auch da gibts verschiedene Perspektiven. Da möchten alle tanzen. “mit mir” ist zum Beispiel n Song, wo alle mitsingen, was auch super berührend und schön ist. Dann gibt es in “paris” auch ne Stelle, in der wir Platz lassen, wo alle plötzlich rumbrüllen. Also jeder Song hat auf jeden Fall seine Momente, darauf haben wir beim Konzeptionieren auf jeden Fall geachtet, dass jeder Song seinen Special Vibe hat.  

JEREMIAS – Sommer (Offizielles Musikvideo)

Q: Ihr wart ja auch Support-Act für die Giant Rooks, dann gabs n paar Konzerte vor dem Lockdown und jetzt könnt ihr endlich eure Tour spielen. Wie fühlt sich das für euch an, der Hauptact zu sein?

Jere: In erster Linie unglaublich schön! Was aber auf jeden Fall der Hauptfaktor ist, ist diese gewisse Verantwortung, die man als Support immer gut abgeben kann. Wenn man Support spielt ist es egal, wie viele Tickets verkauft worden sind, wann Einlass ist, wer das Konzert veranstaltet hat oder wie die Venue ist. Da bist du einfach nur dankbar. Wenn man dann beachtet, dass Leute Geld für einen ausgeben für nen Abend, dann spielt Verantwortung ne große Rolle, die nicht mit Druck gleichzusetzen ist, aber dennoch einen gewissen Geschmack hat. 

Q: Wie läuft denn Komponieren bei euch ab? Kommen alle Ideen zu Texten oder Melodien irgendwie allen oder ist das irgendwie bestimmt aufgeteilt? Ich hab mal gehört, dass vor allem du, Jere, die Texte schreibst.

Olli: Nicht vor allen Dingen, sondern einfach nur, das kann man ganz schwarz weiß so sagen.

Jere: Ja.

Olli: Und musikalisch ist es immer unterschiedlich. Im Moment ändert sich das interessanterweise auch. Früher wars so, dass wir gemeinsam im Proberaum gesessen haben und irgendwer kam mit ner Idee oder hatte schon Akkorde oder Fetzen von irgendwas und dann hat man das gemeinsam ausgearbeitet. Jetzt arbeiten wir ganz anders. Ich kann gar nicht wirklich beschreiben, wie, aber wir verändern das irgendwie, damit uns nicht langweilig wird. 

Jere: In erster Linie aber zu viert. Text kommt von mir und die Musik, alles drumherum, das passiert viel dadurch, dass jeder seine Expertise am eigenen Instrument hat. Das ist alles sehr organisch und gesund, glaube ich, wie wir schreiben. 

Q: Die Hauptsache ist doch eh, dass am Ende was gutes dabei rauskommt.

Jere: Absolut, das ist die Devise!

Q: Dann hab ich ne Frage zu dem Musikvideo zu “hdl”. Da spielt ihr ja mit der Zahlenkombination “443555”, die ja ausgeschrieben hdl bedeutet. Wer denkt sich denn diese kleinen Hints aus und gibt es noch mehr davon? Ist das so euer Ding?

Jere: Ja, richtig! Das ist witzig. Ich kam damals auf die Idee weil der Text ja “hab dich lieb” ist und man hat das damals immer, zu meiner Zeit, ich bin Jahrgang 2000, das ist auch noch nicht so alt, aber da hatte man ja Tastenhandys mit T9. Und da gabs halt diese Zeile “hab dich lieb”, kurz “hdl”, und dass hab ich damals immer geschrieben als ich in der 5. oder 6. Klasse war, als man das halt getippt hat. Und was tippt man, wenn man “hdl” schreiben will?`”443555”, und das war der Aufhänger. Ich glaub ich sprech da für alle, wenn ich sage, dass wir ne große Freude an diesen Gimmicks haben, dass es immer vielschichtig ist. Klar könnte man den Song “hab dich lieb” nennen, man kann ihn “hdl” nennen, man kann ihn “443555” nennen. Ein weiteres Beispiel ist der Song “mio”, der hieß ganz lang “wenn ich es nicht mache” und die Hook-Line ist “wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes”. Das wäre dann sehr einseitig gewesen. Wenn man aber “mio” sagt, was auch das erste Wort des Songs ist, dann bedeutet das im Spanischen “meins”. Dann kannst du es so ankündigen, dass du nen Teaser machst und da schreibst du “tujo”, das bedeutet deins. Damit zu spielen, dann ist es deins, dann ist es meins, dann heißt der Song “mio”. Dann haben wir ne Kooperation mit “Mio Mio Mate” gemacht. Also weißt du, diese ganzen Sachen, das ist so n ganzes Spielfeld, hat nichts mit Musik zu tun, ist aber genauso geil.

JEREMIAS – hdl (Offizielles Musikvideo)

“Ich glaube ich spreche da für uns alle, wenn ich sage, dass wir ne große Freude an diesen Gimmicks haben; dass es immer vielschichtig ist. Diese ganzen Sachen, das ist ein ganzes Spielfeld. Hat nichts mit Musik zu tun, ist aber genauso geil.”

Q: Ey richtig interessant, das alles mal erklärt zu bekommen! Wenn ihr neue Songs schreibt, dann habt ihr euch ja bisher immer in abgelegene Orte verzogen, um da dann zu schreiben. Wie läuft das dann mit euren Songs? Sind die vorher schon da und fast fertig und werden dann nur noch finalisiert oder macht ihr dann alles in den ein oder zwei Wochen? 

Jere: Das hängt ganz von der Phase ab, in der wir gerade stecken. Es gibt die Phasen, in denen man einfach nur ins Blaue schreibt sag ich mal, in der keine Deadline da ist, also wo du kein Album fertig schreiben brauchst. In der Phase passiert alles einfach so, aus dem Nichts, da lebst du in den Tag hinein und schreibst und schreibst. Und entweder hat man nach der Woche etwas oder nicht. Und dann gibt es die Phasen, in denen es ein konkretes Ziel gibt. Bei “golden hour” wars zum Beispiel so, wir hatten ein paar Songs im Proberaum fertig gemacht, haben uns ne Woche zurückgezogen an ein stilles Örtchen und haben dann gesagt, dort soll die Platte fertig sein. Und dann arbeitest du danach. Und je nachdem, in welchem Stadium man steckt, ändert sich die Arbeitsweise. Wir hatten jetzt grade wieder ne Phase, in der wir 10 Tage in Dänemark waren und dort war es so, dass es einfach nur darum ging, zu schauen, was wollen wir eigentlich, wie wollen wir uns neu definieren und im Hinterkopf zu haben, dass es sicherlich irgendwann aufgenommen werden soll. Aber in erster Linie gings darum, zu schauen, was entsteht.

Q: Das hört sich richtig schön an!

Jere: Es macht auch richtig Spaß. Ich weiß gar nicht, wann wir damit angefangen haben, aber wir haben nen Proberaum, in den man immer Sachen hochschleppen muss und das hat uns teilweise so abgefuckt, dass wir jetzt immer alles im Hänger lassen und dann wegfahren. Also wir müssen´s nicht mehr hochschleppen, sondern fahren einfach in andere Orte und lassen alles im Hänger. 

Q: Umso besser, wenns an anderen Orten dann sogar mehr Spaß macht. Was ich mich dann nur immer frage, geht man sich dann nicht irgendwann extrem auf die Nerven?

Olli: Ja!

Jere: Ja! Da muss man auch aufpassen und das irgendwie schützen. Vor allem, weil wir diese Abhängigkeit eingegangen sind zu viert, die unglaublich viel wert ist. Deswegen ist es umso wichtiger, aufzupassen, dass alles funktioniert. Ist n ganz spannender Prozess, aber auch dafür sind wir alle sehr dankbar, weil das echt ein Privileg ist, das hier leben zu dürfen. 

Q: Das könnten sich viele Menschen mal zu Herzen nehmen! “weniger” zum Beispiel ist ja auch eher ein aufregender Song und weniger minimalistisch, wie kams denn dazu?

Jere: Das ist wieder ne Frage für den verkaterten Olli.

Olli: Wie es dazu gekommen ist, dass der musikalisch aufregender ist, war einfach nur rumprobieren. Wir saßen im Studio, wir hatten ne Grundstruktur für den Song mit Schlagzeug, Bass und Klavie und es war schon ein Gerüst erkennbar. Dann hatte Tim die Idee, wie es denn wäre, wenn man ne Geige einspielt und dass man ne 70er-Orgel aufnehmen könnte, weil der Song was souliges hat an manchen Stellen. Es war einfach Spielzeug-mäßig, da könnte man das Wort Gimmick benutzen. Wie kann man den Vibe, den der Song anteasert, wie kann man das Klischee ausreizen? Wir saßen alle zusammen im Raum und es war wirklich einfach nur rumprobieren.

Jere: Aber das ist in dieser Hinsicht ne gute Frage, weil wir das in der ersten EP und auf den anderen EPs total verleugnet haben, dieses Rumgespiele.

Olli: Wir haben das da total abgelehnt.

Jere: Genau. Da war noch alles super straight und super genau. Alles war irgendwie super durchdacht und “weniger” ist ein gutes Exempel dafür, dass wir uns in dieser Hinsicht weiterentwickelt haben. Dass wir gesagt haben ey, es ist okay, Sachen vorher nicht zu wissen, die man spielt, die trotzdem aufzunehmen und dann zu schauen, ob das passt oder nicht. Dieses Zelebrieren vom Spielen, das ist “weniger”.

“Wir haben uns gesagt ey, es ist okay, Sachen vorher nicht zu wissen, die man spielt, die trotzdem aufzunehmen und dann zu schauen, ob das passt oder nicht. Dieses Zelebrieren vom Spielen – das ist der Song “weniger”.”

Q: Hat euch das in irgendeiner Form Mut gekostet oder wusstet ihr, dass das eh angenommen und gefeiert wird?

Olli: Ach nein, darum gehts gar nicht.
Jere: Darüber denkt man nicht so wirklich nach. Also das, was Leute über einen denken, wollen wir glaube ich alle nicht wissen. Deshalb, darum gehts nie, und sollte es glaube ich auch nicht. Es war einfach für uns spannend, das zuzulassen auf jeden Fall, aber Mut ist ein großes Wort. Mut hat es nicht gekostet, es hat vielleicht Zeit gekostet. (lacht) Ein bisschen Zeit und ja, Neugierde auch. 

Q: Zeit darfs doch bei guter Musik immer kosten. Und “einfach” war zum Beispiel für mich persönlich der berührendste Song von “golden hour”. Ich kann mich nämlich noch daran erinnern, wie ich eure Live-Premiere vom Album auf Youtube geschaut habe, von Anfang an Gänsehaut hatte und bei “einfach” dachte, wow, okay, das ist DER Song. Und Olli meinte ja auch, dass die Texte ausschließlich autobiografisch von dir sind, Jere. War es für dich genauso berührend, den Song zu schreiben? Und was steckt da konkret hinter?

Olli: Also was da konkret hinter steckt, ist, dass wir uns vier immer auf den Song einigen können. Der Song ist ja gefüllt mit einer universalen, aber nicht unkonkreten Aussage. Aber ich glaube dadurch, dass wir so viel aufeinander hängen, erleben wir auch einfach viel zusammen. Gefühlt 90% von dem, was in unseren Leben passiert, passiert in dem Kontext von uns vieren oder uns zehnen, wenn wir auf Tour sind. Deswegen ist diese Erfahrung oder diese Idee von Leben, die dieser Song vermittelt, ein Satz, auf den wir uns alle irgendwie einigen und verständigen können.

Jere: Ja das trifft es gut Bruder. Das trifft es gut. Konkret zu dem Song fällt mir noch eine Geschichte ein, zu der ich ein bisschen ausholen muss, aber es ist witzig, weil es in dem Motiv um die Töne F, A und E geht. Und es gab im 18. Jahrhundert eine Sonate von Gustav Maler, die die FAE-Sonate heißt. Die hab ich dann gehört und “FAE” stand damals für ein Künstlerkollektiv. “FAE” ist ein Akronym für “Frei aber einsam” und das ist eigentlich der Grund für einfach. Dass dieses Akronym so prägnant war und schön war, dass man diese Töne, die in dem Titel stecken, aufs Instrument anwendet, dadurch ein musikalisches Motiv entsteht, was sich dann durch den Song trägt. Das ist der Grund, wieso einfach entstanden ist. Und der Text, der dazu gekommen ist, da hast du absolut recht, das ist einfach ne Philosophie vielleicht.

einfach

Q: Ziemlich nice Geschichte! Ihr habt ja auch mal in einem Interview gesagt, dass ihr bis spätestens 2025 auf großen Festivals wie dem Dockville spielen wollt. Das hat ja jetzt schon deutlich früher geklappt. Geht das Hand in Hand mit der Einsamkeit und der Sehnsucht, die ihr so oft thematisiert, und die ja auch jeden Anfang 20 irgendwie tangieren, dass das jetzt so schnell geklappt hat?

Jere: Ne, die Themen sind Gott sei Dank komplett raus und es gibt jetzt neue Themen. Also ich glaube ich kann für uns alle sprechen, dieses Sehnsuchts-Ding, das war mal. Das war jetzt das Album, dieses Liebesding war die EP und man entwickelt sich weiter. Und vielleicht ist ein Grund dafür auch, dass wir merken, dass sich diese Sehnsüchte langsam erfüllen und natürlich neue Sehnsüchte entstehen, aber die schreien dann nicht mehr so danach, thematisiert zu werden. Aber du hast Recht, das Album ist voll damit, “ist mir alles zu langsam / ich will, was grad nicht sein kann” bla bla bla. Aber das war vor zwei Jahren. Jetzt ist vielleicht einiges eingetreten, wofür wir sehr dankbar sind und das ermöglicht dann, über neue Sachen zu schreiben. 

Q: Ihr habt dieses Jahr euer erstes Album rausgebracht, ihr könnt jetzt endlich die Tour spielen, ihr wart sogar bei Klaas bei Late Night Berlin. Was war denn dann eigentlich, wenn so viel passiert, euer persönliches Highlight dieses Jahr?

Jere: Das ist ne sehr gute Frage!

Olli: Das Ding ist, das ist vielleicht ne Antwort, die wirkt, als würde es uns super scheiße gehen, aber mein persönliches Highlight ist dann immer die eine Woche Pause. Einfach, weil man dann hier sitzt und nicht weiß, was man antworten soll, was das geilste war, weil so viel passiert, dass man gedanklich und emotional nicht hinterherkommt. Mir gehts auf jeden Fall so. Dass einfach innerhalb von einem Monat so viel passiert im direkten Kontrast zu der Lockdown-Geschichte, die man in den zwei Jahren davor zusammen erlebt hat, an Gesichtern, an Städten und an Eindrücken, alles mögliche. Die gesunde Antwort wäre, zu sagen, die eine Woche Pause, weil man dann die Chance hat, das alles sacken zu lassen. Das wirklich wertzuschätzen, weil während man da so drin rumschwimmt in dieser ganzen Welle hat man da gar nicht so die Zeit für. 

Jere: Aber es sind schon tolle Sachen passiert!

Olli: Ja, safe!

Jere: Ich glaub bei mir ist es tatsächlich ein Erlebnis zu Beginn des Jahres. Da hatten wir ein Projekt mit einem Orchester. Da war noch alles zu und alles tot, und bis zwei oder drei Tage davor dachten wir alle ja, diese Produktion bestehend aus 100 oder 200 Menschen wird safe abgesagt. Das kann gar nicht durchgezogen werden, wenn die Inzidenzen so hoch sind. Aber das hat stattgefunden als Livestream. Unsere Songs sind neu arrangiert worden und das war echt n Highlight ganz zu Beginn, auf jeden Fall.

“Mein persönliches Highlight ist immer die eine Woche Pause. Einfach weil man dann hier sitzt und nicht weiß, was man antworten soll, was das geilste war, weil so viel passiert, dass man gedanklich und emotional nicht hinterherkommt.”

Q: Witzig, dass du das jetzt gerade gesagt hast, weil genau dazu ist auch meine nächste Frage. Und zwar war das ja mit dem WDR Funkhausorchester und diese Orchesterarrangements hinter euren Songs zu hören ist ja nochmal was komplett anderes. Man kennt die natürlich vorher von euch und dann hört man diese Orchesterarrangements und denkt so wow, so kanns also auch klingen. Hat euch das irgendwie nachhaltig geprägt im Hinblick darauf, dass ihr noch offener fürs rumprobieren seid oder wie ihr eure Arrangements zukünftig gestaltet? 

Jere: Das ist auch wieder ne gute Frage! Eigentlich hast du schon recht, ich glaube aber diese Sachen, die man sich denkt, wie zum Beispiel dass es ja n schöner Sound ist oder dass die Arrangements cooler sind oder so.

Q: Cooler würde ich da gar nicht sagen, aber einfach anders.

Jere: Ja genau! Dass das halt einfach auch funktioniert. Ich glaube, das spielt alles mit rein, passiert aber unterbewusst. Also in erster Linie haben wir das als sehr sehr schöne Erfahrung abgestempelt, aber ich bin mir eigentlich sicher, dass sich diese Erfahrung natürlich dann in der Musik wiederfindet, die man dann später schreibt, weil man das erlebt hat. Ist ja bei vielen Dingen so. Aber aus musikalischer Sicht trifft das auf jeden Fall zu, ja.

Q: Wie ist das denn für euch, jetzt endlich wieder auf der Bühne zu stehen. Ohne Corona-Abstandsregelungen, mit Moshpits, mit in die Crowd gehen und das alles wieder erleben zu dürfen. Das muss doch ein unfassbares Gefühl sein.

Olli: Darum gehts. Das ist der ganze Inhalt dieser Band und warum wir das machen. Das kann man so kurz und knapp sagen. Wir sitzen immer alle sehr viel im Auto zusammen und man sitzt, wenn man das mal so hochrechnet, auf nen Monat Tour 90% der Zeit im Auto, ist müde oder verkatert, wem auch immer sowas passiert. (lacht) Dann ist man 90 Minuten auf der Bühne und das fühlt sich immer so richtig und so gut an für alle, die daran beteiligt sind, nicht nur für uns auf der Bühne, dass sich alles dann total lohnt. Das ist die Kernessenz und das fühlt sich einfach richtig und schön an.

Q: Versteh ich, ist für uns Zuschauer ja genauso. Was steckt denn eigentlich hinter den Polaroid-Bildern, die ihr bisher immer versteckt habt? Wer kam auf die Idee?

Jere: Es gibt nen sehr guten Freund von uns, Lucio Vignolo heißt der. Der Luci, der ist unser Fotograf und macht auch Videos und so weiter und der ist auch bei anderen Bands unterwegs. Wir haben das Rad auf jeden Fall nicht neu erfunden. Diese Tradition von man versteckt etwas, macht es öffentlich und in dem Versteckten steckt eine Möglichkeit, auf ein Konzert zu kommen. Das ist ja ein altes Prinzip, aber wir haben das in der Hinsicht neu definiert, dass wir Fotos von uns machen, dann auf der Rückseite mit weißem Edding draufschreiben, dass man zwei Gästelistenplätze hat für die Show und wir dann diesen ein bisschen versteckteren Ort posten. Und dann geht im Prinzip die Suche los, dass sich Leute dann das Pola ziehen können, um dann auf ein unverhofftes Jeremias-Konzert gehen zu können. Das ist die Idee, aber das Prinzip ist ein altes. Das haben viele Bands gemacht, ich glaube Kraftklub hat damals damit angefangen. Die hatten goldene Tickets und haben die irgendwo random in der Stadt versteckt und dann ging das Ganze los. Aber es ist auf jeden Fall witzig.

Q: Das ist ne richtig coole Idee. Weil eigentlich wärs auch cool, nur dieses Polaroid zu haben.

Jere: Ja, danke! Das Pola spielt da auf jeden Fall nochmal mit rein, das ganze zu suchen.

Q: Habt ihr eigentlich ein Pre-Show-Ritual? Ich find sowas immer spannend, von Bands zu hören, weil manchmal sind es so unerwartete Sachen wie bei den Giant Rooks, dass die gemeinsam Happy Birthday singen vor der Show. Das schweißt ja auch nochmal zusammen und manchmal ist es ne Show-Vorbereitung mit Augenzwinkern, aber für alle ist es irgendwie geil. Was ist das bei euch?

Jere: Voll! Wir machen das so, dass jemand einen Ton anfängt zu singen, ob hoch oder tief, ob schief oder nicht schief, egal, dann stimmen alle ein und dann hört sich das wie ein Geschrei an. Irgendwann haben alle die Augen zu und versuchen, nur aus dem Gefühl heraus den einen Ton zu finden, wo sich jeder dann draufsetzt. Also aus diesem Gewühl von verschiedenen Tönen und verschiedenen Stimmen entwickelt sich irgendwann der eine, auf dem bleiben alle hängen und dann machen wir den ganz laut und brüllen irgendwann und dann gehts raus.

Q: Ist das dann immer derselbe Ton, auf den sich alle irgendwie einigen können?

Jere: Nö, das ist wirklich immer anders.

Q: Ach nice, auch ne tolle Idee. Und für den entspannten Ausstieg hab ich auch nochmal ein paar kurze Fragen, und da gibt´s natürlich ein bisschen Bedenkzeit, aber antwortet doch trotzdem so intuitiv wie möglich.

Jere: Alles klar!

Q: Wenn ihr euch ein Feature aussuchen könntet, völlig egal wer, welches wäre das?

Jere: Santana!

Q: Aktueller Lieblings-Newcomer?

Jere: “Loose yourself” heißt der Song und Philine Sonny ist die Künstlerin.

Q: Und wenn ihr für den Rest eures Lebens nur noch einen Song hören könntet, welcher wäre das?

Jere: “Ne me quitte pas” von Sting.

Olli: “Heute schütte ich mich zu” von Karl Dall. (Alle Bandmitglieder lachen)

Q: Abschließend würde ich gern noch wissen, wenn Jere ein Song wär, welcher Song wäre er?

Olli: “Heute schütte ich mich zu” von Karl Dall. (Wieder lachen alle)

Q: Und welcher wäre Olli?

Jere: Olli wäre irgendwas von Metallica oder so.

Q: Alright, danke für eure Zeit Jungs! Hat Spaß gemacht, mit euch zu quatschen!

Jere: Ja voll, dankesehr!

Olli: Danke!

Und wenn ihr die Stimmen von den Jungs hören wollt, gibts hier noch das KG über das Jeremias-Interview von Neele Hoyer:

https://www.nrwision.de/mediathek/jeremias-indie-pop-band-aus-hannover-211129/


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