Vom DJ-Pult in den Bundestag: Klaus Kretzer im Interview

Written by on 21. September 2021

Mit Klaus Kretzer will die Münsteraner FDP einen einstigen DJ in den 20. Deutschen Bundestag schicken. In jüngeren Jahren mixte er im Dockland und im Cuba Nova Hip-Hop, Funk und Soul  – jetzt soll er das Parlament aufmischen. Wie er überhaupt zum Liberalen geworden ist und wo er dann doch von der Programmatik seiner Partei abweicht, erfahrt ihr im Interview mit Radio Q-Reporterin Anne Waack.

Radio Q-Reporterin Anne Waack nimmt die Aussagen von Klaus Kretzer noch einmal genau unter die Lupe. Warum es sich bei seiner Aufstellung als Direktkandidat um eine sogenannte Solikandidatur handelt und was die FDP für studentische Themen wie BAföG und Wohnraum erreichen will, erfahrt ihr hier.

Herr Kretzer, Sie sind ein viel beschäftigter Mann. Sie haben drei Kinder, eine eigene Firma und sind nun Kandidat für die Bundestagswahl. Wir haben jetzt 13 Uhr. Wo kommen Sie gerade her?


Ich komme tatsächlich gerade aus der Firma, hatte gerade noch eine Videokonferenz und davor habe ich die Kinder weggebracht – und bin schon ein bisschen länger wach.


In Interviews und Wahlspots betonen Sie immer wieder, dass Sie ein Familienmensch sind. Jetzt haben Sie sich so einem großen politischen Engagement angenommen. Wie viel Zeit bleibt da noch für die Familie?


Ja, insgesamt glaube ich im Moment zu wenig. Aber der Wahlkampf ist ja auch mit einem Ablaufdatum versehen. Generell mache ich, glaube ich, gerade niemanden so richtig glücklich. Für die Partei könnte ich viel, viel mehr machen. Natürlich für die Familie sowieso. Und die Firma, die fragen sich auch immer: “Wie lange bist du denn heute da?”


Und während die meisten anderen Direktkandidat*innen früher in irgendwelchen Jugendparteien involviert waren, waren sie hier in Münster als DJ unterwegs. Was für Musik haben Sie denn so aufgelegt?


Ja, erstmal ist das ja gar nicht so unterschiedlich: Also Auflegen und die Tanzfläche, das ist ja auch Politik. Da muss man es mit vielen unterschiedlichen Menschen, mit vielen unterschiedlichen Wünschen aufnehmen und die Leute über einen ganzen Abend lang einigermaßen glücklich halten. Ich habe Hip-Hop und Funk und Soul aufgelegt – in verschiedenen Clubs, zuletzt noch hobbymäßig mit einem Freund im Cuba Nova. Aber das ist auch schon wieder ein paar Jahre her. Irgendwann wird man dann ja gesiezt, so wie Sie mich auch siezen. Und dann merkt man vielleicht auch, dass man – so schön es ist – auch mal Abschied nehmen muss.


Also für Privatfeiern kann man Sie noch buchen?


Es ist alles immer eine Frage, wie nett man gefragt wird.


Sie sind dann nach der großen DJ-Karriere 2018 als Quereinsteiger mit 40 Jahren zur FDP gekommen. Was hat Sie so spät noch politisiert?


Politisiert war ich vorher schon. Aber ich habe eine Firma aufgebaut, meine derzeitige Agentur ist jetzt meine dritte Agentur. Ich hatte vorher schon zwei andere. Ich bin 2017 neu gestartet und habe dann aber auch gemerkt, dass sich familiär und in meinem ganzen Umfeld viel bewegt und dass ich viel zu schimpfen hatte. Und ich hab dann irgendwie gedacht: “Eigentlich bist du doch eher ein konstruktiver Mensch, also vielleicht packst du mal mit an.” Dann bin ich in die FDP eingetreten – ich hatte mich allerdings mit dem Gedanken auch schon vorher so ein bisschen befasst. Es ist so, dass ich 2014 auf einem Marken-Kongress in Koblenz war und da habe ich Marco Buschmann getroffen. Das ist unser Parlamentarischer Geschäftsführer und der hat ein bisschen was über die Neuausrichtung der Partei erzählt und über Liberalismus. Und ja – ich war einer der vielen Menschen, die einfach nicht verstanden hatten, was das Gute an der FDP war. Und danach hatte ich es dann verstanden. Ich habe mich mit ihm länger unterhalten und wir sind dann auch im Austausch geblieben und ich habe dann den Wiedereinzug in den Bundestag miterlebt und habe gedacht: “Jetzt kommen so viele Themen zusammen. Jetzt kannst du dich auch mal engagieren.”


Haben Sie denn ein Herzensthema in diesem Wahlkampf, das Sie besonders anspornt?


Ja, es gibt ja verschiedene wichtige Themen oder eigentlich eine riesen Fülle an wichtigen Themen. Aber ich glaube, was gesetzt ist bei allen Parteien, ist das Thema Klimaschutz. Da müssen wir schnell sein und da müssen wir richtig was tun, um dieses 1,5-Grad-Ziel irgendwie noch zu erreichen. Aber tatsächlich beschäftigt mich das Thema Bildung am meisten. Ich wohne mit meiner Familie in Kinderhaus. Unser Sohn geht dort zur Grundschule und ich sehe, wie unterschiedlich die Chancen verteilt sind bei den Kindern, die aus unterschiedlichen Elternhäusern kommen. Und wir haben in Deutschland überhaupt keine Rohstoffe mehr, vor allem, wenn wir jetzt auf die Kohle noch verzichten. Da bleibt nur noch das, was im Kopf ist. Und ja, da müssen wir einfach viel, viel besser werden, um uns auf die Zukunft vorzubereiten. Und die Zukunft sind die Kinder. Für die Kinder ist Bildung der essenzielle Bestandteil von Freiheit, weil man sich alles erschließen kann, sobald man vernünftige Bildung genossen hat oder lesen kann und so weiter.


In Ihrem Wahlprogramm fällt immer wieder der Begriff “Talentschule”. Was kann ich mir denn unter so einer Talentschule vorstellen?


Das ist ein Projekt, was wir in NRW schon seit ein paar Jahren haben. Im umgangssprachlichen Gebrauch würde man sagen: Es sind Brennpunktschulen. Also dort, wo die schlechtesten Verhältnisse herrschen, wo wir die meisten Kinder mitnehmen wollen, fördern wir die Schulen am besten. Das heißt, es gibt einen höheren Betreuungsschlüssel durch Lehrer und Sozialpädagogen. Wir haben dann bessere Förderung und bessere Ausstattung in den Schulen. Die Schulen sehen sehr gut aus. Also in meinem Heimatstadtteil in Kinderhaus ist so ein Talentschule, das ist die Waldschule – eine ehemalige Hauptschule, wenn man das überhaupt noch so nennen kann. Und wenn man sich einmal anschaut, wie sich das entwickelt hat! Zu meiner Zeit, als ich klein war, sah die noch deutlich anders aus. Das ist jetzt ein ganz, ganz toller Ort, wo Bildung zelebriert wird. Also es ist wirklich ein Anziehungspunkt in dem Stadtteil für junge Menschen, für Bildung.


Und wie führt das dann zu mehr Chancengleichheit später?


Na ja, erstmal indem man das Bildungsniveau erhöht, mehr Angebote macht. Und ja, das führt im Nachgang natürlich dazu, dass man qualifizierter ist für Berufsausbildung, für Jobs später, für eine Selbstständigkeit, für all das, was man an Chancen auch für sich haben möchte.


Bleiben wir bei der Bildungspolitik. Dieses Jahr ist 50-jähriges BAföG-Jubiläum. Dabei steigen die Zahlen an Studierenden, die Bafög beziehen, immer weiter und die FDP stellt in ihrem Wahlprogramm gleich drei verschiedene Formen vor: Midlife-BAföG, Aufstiegs-BAföG und ein elternunabhängiges Baukästen-BAföG. Klingt jetzt erstmal kompliziert. Was genau steckt denn dahinter und was ist wichtig für mich als Studierende?


Dahinter steckt eine staatliche Förderung nach Anreizprinzip. Das heißt, es gibt ein begleitendes Gehalt, das man zum Beispiel als Studierende bekommt, von dem man aber einen Teil zurückzahlen muss.


Also BAföG haben wir, glaube ich, verstanden. Es geht eher um Ihr neues Konzept.


Also die Idee von den verschiedenen Formen von BAföG bezieht sich darauf, dass wir Anreize schaffen wollen, lebenslang zu lernen. In Deutschland gibt es diesen Begriff “ausgelernt sein”. Das ist aber faktisch falsch, weil wir ja jeden Tag lernen – die Welt verändert sich so schnell, wir müssen uns jeden Tag neu erfinden. Also wollen wir Menschen neben der klassischen Ausbildung auch eine eine weitere Fortbildung ermöglichen –  mitten in ihrem Leben und elternunabhängig. Das klassische BAföG ist einfach ungerecht. Warum soll ich mit meinen Eltern, wenn mehr verdienen, darüber diskutieren, ob sie mir dann Geld geben oder nicht. Wir sind ja eigenständige Menschen.


Also soll es dann auch BAföG für Kinder von Milionär*innen geben?


Ja, auch für die, weil die können sich auch mit ihren Eltern  überwerfen und dann sind ihre Chancen dahin.


Ein besonders wichtiges Thema für die FDP ist offenbar die Digitalisierung. Das Wort kommt ganze 29-mal in ihrem Wahlprogramm vor. Die letzten drei Semester erfolgten hier an der Uni Münster an der FH Münster pandemiebedingt natürlich online. Wir mussten uns alle an Zoom gewöhnen, es gab Online-Klausuren das lief mal mehr, mal weniger gut. Was kann ich mir als Studierende von Ihrer Partei erhoffen bezüglich Digitalisierung an den Hochschulen?


Erstmal ist, glaube ich, der Begriff “Digitalisierung” wirklich schwierig, weil er nicht so richtig definiert ist. Also wenn ich Sie jetzt frage, was sie unter Digitalisierung verstehen, sagen Sie wahrscheinlich was anderes, als wenn ich jetzt gefragt werde. Deswegen will ich einmal vorher sagen: Wir haben zum einen das Verständnis, dass es da um Infrastruktur geht, also schnelle Datenleitungen, am besten Glasfaser mit überall Zugang zum Internet. Dann wird viel über Geräte gesprochen. Gerade beim Thema Bildung ist das halt ein schönes Leuchtturmprojekt zu sagen: “Wir haben jetzt Tablets an die Schülerinnen und Schüler ausgegeben.” Aber richtig interessant wird Digitalisierung ja, wenn man nicht nur die Infrastruktur und die Geräte hat, sondern wenn man sich darüber Gedanken macht, wie man mit Daten umgeht. Denn das ist ja das große Potenzial und die große Gefahr. Also wie verknüpfen wir als Staat unsere unterschiedlichen Ämter miteinander, sodass es für die Bürgerinnen und Bürger einfacher wird und Behördengänge nicht mehr so schmerzhaft sind? Und auf der anderen Seite: Wie schaffen wir vernünftiges Datenschutzrecht, das dafür sorgt, dass unsere Daten uns gehören? Für die Universität gilt das gleiche wie für die Schule. Wir brauchen vernünftige Initiativen, die sich damit beschäftigen, wie digitales Lernen, das Vermitteln, aber auch das Festigen von Lerninhalten vernünftig funktioniert. Das Thema Bildung ist eine nationale Kraftanstrengung der nächsten Jahre – da muss einfach wahnsinnig viel passieren. Da reicht es nicht, ein paar Geräte hinzulegen oder die Schulen mit Kameras auszustatten. Da muss auch lerninhaltlich viel, viel mehr gemacht werden, auch was das kollaborative Lernen angeht. Also man sitzt ja nicht nur in Vorlesungen, sondern man muss ja auch gemeinsam Gruppenarbeiten machen und so was.


Das unumgängliche Thema in diesem Wahlkampf ist der Klimawandel und im Wahlprogramm der FDP steht der Slogan “Mobilität ist Freiheit, Innovation statt Verbote.” Sie halten an den Zielen des Pariser Klimaabkommens fest, überlassen den Weg dorthin aber dem Erfindungsgeist von Wissenschaftler*innen. Wie genau soll das funktionieren und wie wollen Sie Anreize schaffen?


Das große Problem beim Klimawandel ist ja, dass wir immer mehr CO2 in die Luft entlassen. Und um dieses 1,5-Grad-Ziel einzuhalten, müssen wir ab einer bestimmten Menge von CO2 den Ausstoß komplett kappen. Das ist der größte Engpass, den wir da sehen –


– Da muss ich einmal kurz einspringen. Keine Partei lässt in ihrem Parteiprogramm so viel CO2-Ausstoß zu wie die FDP.


Moment, ich erkläre es einmal.  Sie beziehen sich auf den Zeitraum bis 2050. Wir gehen aber von einer anderen Situation aus. Wir haben, wenn ich mich richtig erinnere, noch 4,2 Gigatonnen bis zu diesem 1,5-Grad-Anstieg übrig, es mag auch eine andere Zahl sein –


Also eigentlich sind es 2,97, um das zu 50% zu gewährleisten.


Gut, dann sind es 2,97. Wir gehen ja von den Pariser Klimazielen aus. Und da war das die Zahl. Wenn es eine neue Zahl gibt, dann muss man die neu verhandeln. Aber dann sagen wir 2,97. Wenn das die Grenze ist, dann müssen wir da einen Deckel setzen. Und ab da wollen wir gerne den Markt, der am besten mit Knappheiten umgehen kann, als Instrument nutzen. Und zwar, indem wir Zertifikate für die verbleibenden Tonnen CO2 ausgeben. Und mit mehr Konsum werden diese Zertifikate teurer. Das ist besonders dramatisch für die, die am meisten CO2 verbrauchen, wie zum Beispiel Kohlekraftwerke und das führt dann dazu, dass diese Kohlekraftwerke vermutlich wahnsinnig schnell abgeschaltet werden müssen, weil sie einfach nicht mehr wirtschaftlich betrieben werden können. Das ist für uns das bessere Anreizsystem, um einen Kohleausstieg zu schaffen, als einfach ein Jahr festzulegen. Denn wenn wir dieses Jahr festlegen, dann müssen wir auch die Kohle- bzw. die Energiekonzerne entschädigen. Wenn es für die nicht mehr wirtschaftlich ist, dann setzen sie ganz schnell auf erneuerbare Energien. Das wird natürlich für alle Verbraucher teurer und deswegen möchten wir im Umkehrschluss mit dem Geld, das reinkommt, eine Klimadividende  für die Bürgerinnen und Bürger schaffen, ähnlich wie das auch die Grünen fordern. Ich weiß nicht, wie das bei den Grünen heißt. Klimageld oderso? Einmal im Jahr wird eine fixe Summe ausgezahlt  und dementsprechend versucht, diese Mehrkosten deutlich zu deckeln oder zu abzudämpfen.


Ist diese Übertragung der Verantwortung auf die Wissenschaftler*innen und dem Markt nicht einfach eine kleine Ausrede für Sie als Politiker, nicht sofort handeln zu müssen? Sie meinten ja eben gerade selber, dass man schnell sein muss.


Ja, dass das würde stimmen, wenn wir die Marktwirtschaft nicht als Instrument ernst nehmen. Also wenn für ein Unternehmen der Verkauf oder die Produktion von Energie einfach nicht mehr wirtschaftlich ist, dann wird sie sich eine andere Möglichkeit suchen, um das zu tun. Also zum Beispiel haben wir ja jetzt schon 43% erneuerbare Energien, die diesen Ausbau massiv vorantreiben. Dabei müssen wir die Unternehmen aber auch politisch unterstützen. Das heißt, wir müssen mit den Planungs- und Genehmigungsverfahren viel schneller werden. Das sagen aber alle Parteien. Also da sind wir uns offensichtlich einig. Und das kann dann auch vielleicht gelingen, denn wir brauchen ja Mehrheiten für so was. Und wir müssen uns natürlich auch als Bürgerinnen und Bürger darauf einstellen, dass wir in unseren Sichtachsen hier und da das eine oder andere Windrad – oder auch die ein oder andere Stromtrasse mehr haben werden.


Ich bin vor ein paar Monaten umgezogen und ich muss niemandem erzählen, wie schwierig es war, bezahlbaren Wohnraum zu finden, vor allem hier in einer Großstadt als Studierende. Was möchte die FDP gegen steigende Mieten und Wohnungsmangel tun?


Also in Münster ist der Markt auch ziemlich leergefegt, das stimmt. Und das einzige, was man machen kann, damit man eine vernünftige Wohnung findet, ist Wohnungen zu bauen. Das sagt, glaube ich, auch jede Partei. In den vergangenen Jahren haben wir uns, glaube ich, ein bisschen schwer getan, schnell Genehmigungen zu verteilen. Ich habe selbst unser Haus umgebaut und habe auf eine verkürzte Baugenehmigung fast ein Jahr gewartet. In der Zeit hätte man natürlich auch schon da wohnen können oder zumindest umbauen können. Und genau da müssen wir irgendwie hinkommen, dass wir zum einen mehr bauen, vor allen Dingen auch Bauplätze finden, Baulücken schließen, die bestehende Bebauung nachverdichten. Und wahrscheinlich müssen wir auch in irgendeiner Weise Anreize schaffen, dass die Menschen nicht alle im Zentrum leben wollen, sondern, dass sie auch bequem ein paar Kilometer außerhalb der Stadt wohnen können und vielleicht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kommen. Das muss dann genauso reizvoll sein, wie direkt in der Stadt zu wohnen.


In Ihrem Wahlprogramm stellen Sie ein gebündeltes Konzept für Sozialleistungen vor, das sogenannte liberale Bürgergeld. Dabei werden unter anderem Arbeitslosengeld, Wohngeld und Kinderzuschlag zusammengefasst, aber kein fester Regelsatz genannt. Das Bürgergeld ist anders als ein Grundeinkommen nicht bedingungslos. Man muss seine Bedürftigkeit nachweisen und Arbeitsangebote annehmen, sonst drohen Sanktionen. Warum ist das Bürgergeld die bessere Alternative zu Hartz IV?


In erster Linie deshalb, weil wir diese verschiedenen Leistungen bündeln und dadurch weniger Bürokratieaufwand entsteht und wir zum einen als Staat flexibler werden, aber auch für die Menschen schneller Gewissheit besteht. Wer schonmal so einen Antrag auf ALG II gestellt hat, der weiß, wie viele Unterlagen man ranbringen muss und an wie vielen Stellen man sich dann wenden muss, wenn man Zuschüsse haben will. Der zweite Teil der Frage war?


Warum das die bessere Alternative zu Hartz IV ist.


Das macht uns einfach flexibler. Wer bedürftig ist, dem müssen wir helfen. Wer arbeiten kann, der sollte sich aber dann auch im Sinne der Gesellschaft und des Sozialstaates engagieren.


Wie kann ich mir denn solche Sanktionen vorstellen?


Ich glaube, es gibt ja jetzt schon ein Sanktionssystem. Ich glaube, da werden Zahlungen in gewissen Bereichen einbehalten, wenn man sich nicht auf angebotene Stellen bewirbt und ich weiß, dass ich nach meiner Ausbildung – das war kurz nachdem die Twin-Towers zusammengefallen sind – das auch mal beantragen musste und da habe ich aus Faulheit auch mal eine kleine Sanktion gekriegt. Da habe ich was draus gelernt. Also wer fördert, darf vielleicht auch fordern.


Für große Debatten in der Sozialpolitik sorgt auch immer wieder der Mindestlohn. Die FDP konnte sich lange nicht mit ihm anfreunden. SPD, Grüne und Linke möchten ihn nun sogar auf 12 bzw. 13 Euro erhöhen und gerade Studierende würden davon direkt profitieren. Was möchte Ihre Partei für Minijobber*innen tun?


Also für den Mindestlohn haben wir uns anfangs nicht besonders stark gemacht. Ich könnte jetzt sagen: “Das war vor meiner Zeit”, aber das wäre billig. Wir hatten zu große Befürchtungen, was das für Auswirkungen hat, aber das hat sich nicht bestätigt. In Deutschland ist damals eine Mindestlohn-Kommission eingesetzt worden, bestehend aus Arbeitgebervertretern, Arbeitnehmer*innenvertretern und ich glaube auch noch Wirtschaftsweisen. Und die haben den jetzigen Mindestlohn festgesetzt und sich darauf geeinigt. Wenn wir jetzt zu dem Ergebnis kommen, dass dieser Mindestlohn, der da festgesetzt worden ist, nicht richtig ist, dann hat diese Kommission falsch gearbeitet. Ich finde es ein bisschen einfach, als Partei zu sagen: “Wir erhöhen jetzt den Mindestlohn auf 12-13 Euro”, überbieten uns da vielleicht sogar noch – und dann politisch so etwas festzulegen. Wir haben in Deutschland ja auch die Tarifautonomie im Grundgesetz stehen. Es muss mit beiden Tarifparteien besprochen werden. Und da sind politische Einwirkungen vielleicht einfach auch nicht richtig. Was wir tun können und was wir tun müssen ist zum einen bei den Menschen die Zuverdienstgrenze erhöhen, denn im Moment kann man ja bei Hartz IV nur 100 Euro zuverdienen und muss dann danach 80 Prozent abgeben. Das ist wahnsinnig ungerecht. Und zum anderen muss man sich auch überlegen, wie man diese Minijob-Grenzen oder auch Midijob-Grenzen ausdehnt. Denn wenn wir den Mindestlohn erhöhen, heißt das ja eigentlich nur, dass man das gleiche Geld mit weniger Stunden verdient. Da ist nichts für die Studentinnen und Studenten gewonnen.


Jetzt mein persönliches Lieblingsthema. Mit Annalena Baerbock haben die Grünen ihre erste weibliche Spitzenkandidatin aufgestellt. Etwas, das von der FDP in nächster Zeit eher nicht zu erwarten ist. In ihrer Partei liegt der Frauenanteil nur bei knapp 20 Prozent. Warum spricht die FDP eher Männer als Frauen an?


Das ist eine super Frage, die wir uns hier in Münster auch speziell immer wieder stellen. Gerade beim letzten Kommunalwahlkampf hatten wir auf unserer Liste, glaube ich, zwei Frauen. Das ist uns wahnsinnig unangenehm. Ich glaube, dass es vielleicht bei der FDP die Tendenz gibt, wirtschaftlich zu argumentieren und dass diese Argumentationsweise gesellschaftlich nicht so wahnsinnig populär ist und das wahrscheinlich auch darauf hinausläuft, dass wir allgemein nur wirtschaftlich interessierte Menschen bekommen.


Und Frauen sind nicht wirtschaftlich interessiert?


Ja, ich weiß, das ist jetzt natürlich ein sehr einfacher Umkehrschluss. Nein, sind sie natürlich auch. Aber sie haben dann vielleicht die Präferenz auch noch auf anderen Themen. Und wir müssen uns als FDP einfach gesellschaftlich noch viel weiter öffnen für viele Themen. Also wenn wir den Liberalismus ernst nehmen, dann geht es ja um die Freiheit des Einzelnen und der Einzelnen. Und deswegen: Wir haben uns auch aus unserer Situation der außerparlamentarischen Opposition und dann der Opposition sehr stark mit mit unseren Kernthemen befasst. Jetzt, wenn wir aus der Opposition hoffentlich rauskommen, müssen wir noch viel, viel mehr gesellschaftliche Themen ansprechen. Und ich glaube, dann sind wir auch attraktiv für alle Bürgerinnen und Bürger.


Sie wollen mehr Frauen auch in Führungspositionen, lehnen aber auch eine feste Quote ab, wie genau möchten Sie das dann erreichen?


Ja zu der Quote: Soll ich da jetzt als FDP-Vertreter oder Klaus Kretzer antworten?


Sie sind hier als Direktkandidat der FDP, aber Sie können es auswählen.


Ich darf ja auch durchaus mal von von unserer Partei-Programmatik abweichen bzw. da auch ein bisschen kritischer sein. Der Grund, weshalb wir nicht auf eine Quote setzen, ist, weil wir sagen, es gehe um Qualifikation und nicht um Quantität. Ich glaube und ich habe dazu auch viel gelesen, – weil es mich auch interessiert –  dass wir vielleicht als erstes Anreizsystem diese Quote brauchen, damit überhaupt ein Umdenken stattfindet und dass die Chancen überhaupt geschaffen werden. Sobald wir eine einigermaßen gleiche Verteilung von Frauen und Männern in den Führungspositionen haben, wird sich das, glaube ich, von selbst regeln. Und vielleicht werden es irgendwann mehr Frauen als Männer. Das kann ja auch sein.


Das FDP-Wahlprogramm schließt bei der Einwanderungs- und Asylpolitik darauf, dass wir nicht alle aufnehmen können. Ihr Parteivorsitzender Christian Lindner hat vor drei Tagen in einem Interview mit Funk gesagt, dass Geflüchtete aus Afghanistan am besten in ihren Nachbarländern unterkommen sollten. Zieht sich Deutschland damit nicht aus der Verantwortung für ihre Verbündeten in Afghanistan?


Ja, das Thema Afghanistan ist ja ein wahnsinnig komplexes Thema und da würde ich jetzt auch ehrlich gesagt gar nicht drauf eingehen können. Die Idee, die Christian Lindner da geäußert hat, ist ja eher, dass die Menschen, die fliehen, nicht weit von ihrer Heimat weg sein wollen, denn sie fliehen ja aus aus ihrer Heimat. Und deswegen sollten wir in der Nähe der Heimat Schutzräume schaffen. Und natürlich müssen wir die dann in irgendeiner Weise auch finanzieren. Also wir können ja jetzt nicht von den Nachbarländern erwarten, dass die das alles für uns regeln. Immerhin haben wir maßgeblichen Anteil daran, dass die Situation gerade so ist, wie sie ist. Also zu dieser Verantwortung müssen wir stehen.


Aber Sie widersprechen da Lindner ein bisschen.


Na ja, ich habe dieses Interview nicht gehört. Deswegen müsste man das konkrete Zitat mal hören.


Das wurde genau so zitiert.


Aber er hat doch gesagt:  “Wir müssen den Menschen vor Ort helfen.” Das heißt, wir helfen, indem wir finanziell unterstützen. Hat er sich vielleicht an der Stelle unglücklich ausgedrückt? Weiß ich nicht, müsste man ihn selber fragen.


Ist die nächste Einladung dann. In der Einwanderungspolitik fordert die FDP bestimmte Kriterien für Menschen, die dauerhaft in Deutschland leben wollen, also zum Beispiel gute Deutschkenntnisse, ein höherer Bildungsgrad oder keine vorliegenden Straftaten. Was soll mit Geflüchteten passieren, die diese Kriterien nicht erfüllen?


Also wir haben ja drei Säulen der Zuwanderung. Über die muss man einfach auch sehr differenziert sprechen. Wir haben zum einen die Menschen, die einen Asylgrund haben und sich in einem Asylverfahren um Schutz bei uns bewerben. Für die wird sich, sofern diese Kriterien erfüllt sind, überhaupt nichts ändern. Denen müssen wir helfen, das ist unsere Menschenpflicht. Dann haben wir noch den subsidiären Schutz, der quasi für Kriegsflüchtlinge gilt. Und dann haben wir die berufliche Einwanderung. Und wir brauchen in Deutschland bestimmte Schlüsselqualifikationen von Menschen. Wir sind einfach der Meinung, wir sollten feste Kriterien dafür festlegen, aus welchem Grund Menschen zu uns kommen können, damit sie auch wissen, wie sie sich auf den Weg machen können. Denn eine große Gefahr ist ja, dass sich Menschen auf gut Glück mit Booten oder durch die Wüste auf den Weg machen und gar nicht so richtig wissen, ob sie jetzt einen Asylantrag stellen sollen oder ob sie in dem Land arbeiten gehen möchten. Die stellen dann häufig den falschen Asylantrag, werden abgelehnt und müssen dann gehen. Ein Punkt, den wir als FDP fordern, ist: Diese Grenzen müssen aufgeweicht werden. Also warum kann jemand, der ursprünglich mal Asyl beantragt hat, jetzt schon lange da ist und auch schon hier qualifiziert worden ist, nicht einfach einen Spurwechsel machen und dann ganz normal als Bürger, der eingewandert ist, hier leben?


Zu guter Letzt möchte ich ein kleines Spiel mit Ihnen spielen. Ich werde ein paar Satzanfänge vorlesen, die Sie dann bitte vervollständigen, Herr Kretzer. 

Das kenne ich aus dem Fernsehen.

Ich wünsche mir eine Koalition mit…


…den Parteien, mit denen wir am besten unsere Ziele, aber auch die gesellschaftlichen Ziele umsetzen können.


Haben Sie irgendwelche Farben im Kopf?


Ich finde eigentlich alle Farben schön, aber dunkelrot und hellblau finde ich furchtbar.


Große Parteispenden von Wirtschaftsunternehmen finde ich…


Tja, was soll ich dazu sagen? Spenden sind notwendig für Parteien.  Davon leben wir. Große Parteispenden…sind häufig mit Interessen verbunden.


Während Corona habe ich damit angefangen…


Ich habe viel gearbeitet während Corona. Ich habe keine neuen Hobbys gewonnen.

Auch nicht Spazieren gehen?

Ich gehe auch schon so viel spazieren.


Mein Lieblings-Club in Münster ist…


Mein Lieblings Club in Münster war das Dockland. Da habe ich jahrelang aufgelegt und da waren einfach alle Menschen aus der ganzen Welt, die Rang und Namen im Bereich von Hip-Hop und House-Musik hatten. Jetzt muss ich gestehen: Durch meine familiäre Situation bin ich nicht mehr so ganz up to date. Jetzt höre ich mich echt so alt an – aber vielleicht kannst du mir ja mal Tipps geben.


Ja, momentan ist es ein bisschen schwierig, aber wir reden später. Zum Abschluss: Studierende sollten mich bei der Bundestagswahl als Direktkandidat wählen, weil…


…weil wir in Deutschland dringend was verändern müssen. Wir brauchen Aufbruch und zwar wirtschaftlich und gesellschaftlich. Das ist einfach wichtig. Und deswegen glaube ich, dass wir als Partei der Mitte das beste Angebot haben, um auch den einen oder anderen Graben zu schließen. Denn ich bekomme das jetzt auch in den ganzen Debatten immer wieder mit: Es werden viele Pole aufgemacht: Arm gegen Reich, Studierende gegen Auszubildende und so weiter und so fort. Das bringt uns nicht weiter. Wir haben riesen Themen vor der Brust und die sollten wir mit Vernunft und vor allen Dingen auch mit Konsens und Toleranz angehen. Und dafür würde ich mich stark machen.


Dann danke ich Ihnen ganz herzlich für das Interview, Herr Kretzer und wünsche Ihnen ganz viel Erfolg bei der Wahl.


Ich danke Ihnen.


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