Florence B. Price – Der Preis weißer Anerkennung
Written by Luka Ray Neumann on 16. Februar 2026
Seitdem ich denken kann, gucke ich dieses Konzert mit meiner Familie an Neujahr und sitze nun mit Tränen in den Augen in meiner Wohnung. Eine kleine queere und intersektional feministische Märchengeschichte am ersten Januar 2026.
Meine Freund*innen bekamen alle zu lange Sprachnachrichten über die Signifikanz dieses Konzerts.
Wer soll dich verteidigen, wenn niemand weiß, welches Unrecht dir widerfahren ist?
Es ist eigentlich eine tragische und doch hoffnungsvolle Geschichte. Florence Price, die erste als Komponistin anerkannte Schwarze Frau, wird die erste Schwarze Person, deren Musik vor ca. 50 Millionen Menschen in über 150 Ländern live beim Wiener Neujahrskonzert gespielt wird. Die Wiener Philharmoniker spielen den „Rainbow Waltz“ – so sagen sie es zumindest – beim Neujahrskonzert. Die Welt lernt eine noch eher unbekannte Komponistin kennen, deren Musik nur durch Zufall in einem alten Haus im Jahre 2009 gefunden und gerettet wurde. Da endet das kleine Märchen aber noch nicht. Das Programm wurde von dem ersten offen queeren Dirigenten des Wiener Neujahrskonzerts Yannick Nézet-Séguin zusammengestellt. Sein Ehemann spielt das letzte Stück als Überraschung auf der Bratsche mit und das Konzert endet mit einem queeren Kuss.
Im Februar kam ich dazu mir das Konzert nochmal anzuhören und recherchierte zwischen den Klängen von Harfenseiten und Zugpfeifen über Florence Beatrice Price. Ein weiterer Klick sollte mein kleines Neujahrsmärchen platzen lassen:
Der „Rainbow Waltz“ von Florence B. Price ist nicht das Stück, was die Wiener Philharmoniker unter Yannick Nézet-Séguin gespielt haben.
Aber wessen Stück ist es dann? Wer profitiert davon, ein fremdes Stück Price zuzuschreiben? Und warum ist das Vermächtnis einer Schwarzen Frau in den Händen von vor allem weißen Männern?
Saiten gestimmt? Bogen gespannt? Holzblatt angefeuchtet? Dann von Anfang an, Takt 1!
Der „Rainbow Waltz“ von Florence B. Price ist einer von vielen Walzern, die sie in ihrem Leben geschrieben hat. Als Schwarze Frau in den USA erfuhr sie bis zu ihrem Tod im Jahre 1953 kaum Würdigung ihres Talents und ihrer Musik. Durch einen glücklichen Zufall wurden Manuskripte von ihr in ihrem alten Sommerhaus beim Wiederverkauf gefunden. Diese werden nun unter anderem von Musikprofessor Michael Cooper editiert und veröffentlicht. Somit erfährt die Musik von Price Jahrzehnte nach ihrem Tod internationale Aufmerksamkeit und Würdigung.
mezzo piano (mittel leise)
Was ist aber nun mit der Version der Wiener Philharmoniker? Florence B. Price hat den “Rainbow Waltz” für das Klavier geschrieben und somit musste es für ein Orchester arrangiert werden. Was heißt das? Ein Stück wird so umgeschrieben, dass (im Normalfall) die Melodien und Rhythmen ähnlich bis gleich bleiben, aber durch Ergänzungen oder Abwandlungen ein Orchester oder andere Zusammensetzungen an Instrumenten das Stück spielen können. Arrangements sind sehr üblich und in klassischer Musik wird regulär wenig vom Originalwerk abgewichen. Das Arrangement von Wolfgang Döner des „Rainbow Waltz“ war auf den ersten Blick also klassisch musikalische Routine.
staccato (stockend)
Mitte Januar veröffentlichte die Musikerin, Komponistin und Musikkommentatorin Katherine Needleman einen Substack-Beitrag. Needleman behauptet, dass die Orchestrierung Dörners des Stückes von Price maßgeblich von dem Originalwerk abweicht. Zudem analysiert sie, dass die Beliebtheit und die Streamingzahlen dieses arrangierten Stückes dem Orchester und anderen Beteiligten viel Geld erwirtschaften.
Der Grund für die Popularität? Der Name Florence B. Price. Profitieren also vor allem weiße Männer von der Reputation einer Schwarzen Komponistin, deren Stück sie nicht mal spielen?
mezzo forte (mittel laut)
Anfang Februar veröffentlichte der zuvor erwähnte Musikprofessor Michael Cooper einen Blogpost zu dem gleichen Thema. Seine Analyse zeigt durch Gegenüberstellung der Orchestrierung und der originalen Klavierversion, ergänzt durch die jeweils erste Seite der Noten, wie grundverschieden diese zwei „Rainbow Waltz“ Versionen sind. Der Professor kommt zu dem Schluss, dass es ein komplett anderes Stück ist und es eine Beleidigung für Florence B. Price ist, dieses Stück als ihres auszugeben. Wolfgang Dörner hätte somit mutmaßlich seine eigene Komposition als eine von Price dargestellt. Zu diesem Zeitpunkt gab es keine Statements des Komponisten, des Dirigenten oder des Orchesters, aber es gab eine Ankündigung: Das Philadelphia Orchester wird unter Leitung des queeren Dirigenten eine neue Orchestrierung des Walzers von Valerie Coleman, eine Schwarze Komponistin, spielen.
crescendo (lauter werdend)
Nach dem Blogpost des Musikprofessors wurden nun auch Nachrichtenbeiträge von internationalen Medien, wie „Slipped Disc“, aber auch deutschen Medien, wie „BackstageClassical“, veröffentlicht. In dem Artikel von „BackstageClassical” analysiert der Komponist Alexander Strauch erneut die extremen Unterschiede des originalen Klavierwerks und des Arrangements von Dörner. Strauch erwähnt unter anderem auch die fehlenden Blue-Noten in dem Arrangement.
Florence B. Price kombinierte in ihrer Musik nämlich musikkulturelle Einflüsse aus Europa, wie Walzer, mit afroamerikanischen Elementen.
Das Arrangement ähnelt somit weder dem Originalwerk noch der Handschrift von Price.
forte (laut)
Das klassische Musik News-Outlet „Slipped Disc” erhielt kurz nach der Veröffentlichung ihres Beitrags einen Kommentar des Dirigenten Yannick Nézet-Séguin:
Der Kanadier sei bemüht gewesen, dass die Musik von Price ein größeres Publikum in anderen Kontexten erreiche und das Arrangement von Dörner hätte Prices Musik zugänglicher gemacht. Dörner hätte die Gemeinsamkeiten der Wiener Walzer Traditionen herausgearbeitet, während die Version von Coleman den amerikanischen Klang in den Vordergrund stelle. Zusätzlich hat der Vorstand der Wiener Philharmoniker Daniel Froschauer in „Die Presse” geäußert, dass das Arrangement das Stück eingemeinden sollte. Also sollte das Stück “passender” zum Rest des Programms gemacht werden.
forte fortissimo (sehr laut)
Um nun mal diese Äußerungen zu kontextualisieren: Auf einer der größten Weltbühnen für klassische Musik stellt sich ein weißer Dirigent hin, der bereits mit einer Symphonie von Price mit seinem Orchester einen Grammy gewonnen hat, und spielt ein Arrangement, welches fernab des Originals der Schwarzen Komponistin ist. Medial wird über das gespielte Stück und Florence B. Price geredet, aber eigentlich wird über das Arrangement Dörners gesprochen; nicht über die Musik und das Talent von Price.
Als wäre das nicht genug radiert dieses Arrangement auch noch die afroamerikanischen Einflüsse von Prices Musik aus. Währenddessen verdienen das Orchester, der Dirigent und Dörner viel Geld durch die musikalische Neuentdeckung von dieser Schwarzen Komponistin obwohl es mutmaßlich ein Stück von einem weißen Mann ist.
Nach längerer Stille der Beteiligten kommen nun Antworten, die despektierlich sind.
Warum müsste man Prices Musik grundlegend ändern bzw. eingemeinden, um diese zugänglicher für mehr Menschen zu machen?
Ist es etwa „too loud, too reckless, too ghetto”?
(Superbowl Performance 2025, Samuel L. Jackson als Uncle Sam)
Fortissississimo (so laut und stark wie möglich)
Diese ganze Geschichte dreht sich um das Vermächtnis einer Schwarzen Frau und die vielen weißen Männer, die ihre Musik editieren, veröffentlichen, arrangieren, spielen oder darüber Artikel schreiben. Jedes Narrativ ist in den Händen Anderer; vor allem weißer Männer.
Die Strukturen, die diese Machtausübung ermöglichen, werden vermutlich noch Jahrzehnte bestehen bleiben. Jedoch ist das Arrangement von Coleman ein erster Schritt und die stetigen Veröffentlichungen von Prices Kompositionen lassen auf bessere und akkuratere Konzerte und Interpretationen dieser hoffen.
Das Märchen ist vielleicht immer noch dabei geschrieben zu werden. Wir können alle zu einem Happy End für Florence B. Price, aber auch von so vielen anderen Schwarzen Frauen und anderen marginalisierten Menschen beitragen.
Denn Zuhören ist nicht nur die Unterbrechung des eigenen Redeflusses.
Es ist die Bereitschaft, verstehen zu wollen und das Gehörte, wie auch die eigenen Gedanken zu hinterfragen.
Schlussendlich ein Tipp von mir: Hört in das Album „Price: Waltzes & Character Pieces“ von Florence Beatrice Price und Michael Clark rein. Diese Versionen sind von Clark auf dem Klavier gespielt und sind wunderschön. Meine Favoriten sind: „Waltzing on a Sunbeam“ und alle 3 Stücke von „3 Roses“ (To a Yellow Rose, To a White Rose und To a Red Rose).