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My Ugly Clementine & the Seed of Rock – Band Interview

Geschrieben von am 23. Februar 2024

Im August vergangenen Jahres veröffentlichte die Band aus Wien ihr zweites Album “The Good Life”. Momentan findet ihre europaweite Tour statt. Bei ihrem Stop in Münster haben die Musikredakteure Sam Höfers und Ildiko Eßl die beiden Bandmitglieder Sophie und Mira zu ihrem Album und ihrer musikalischen Inspiration interviewt.

Q: Hallo, schön das ihr hier seid. Ihr seid jetzt schon eine Weile auf der Tour unterwegs. Wie geht es euch heute?

Sophie: Gut, es war jetzt eigentlich eine sehr schöne Tour. Wir haben tatsächlich auch Halbzeit gehabt und bis jetzt war das Publikum immer unglaublich responsive und tanzwütig. Und vor allem ist es für uns natürlich auch als Wiener Band schon auch sehr arg, wenn wir so in deutschen Städten fahren und es ist einfach voll alles und auch großteils ausverkauft gewesen. Das ist schon irgendwie ein schräges Gefühl und da freut man sich natürlich drüber. Ja, es war voll toll bis jetzt, finde ich.

Mira: Also ich hatte keinen Tag, wo es richtig blöd war. Irgendwas. Ich bin immer sehr erpicht aufs Essen. Ich rede immer übers Essen, weil das einfach so eine schöne Freude ist, so zwischendurch. Wenn man sonst nichts machen kann, kann man sich aufs Essen konzentrieren. Aber ich muss echt sagen, also jetzt auch noch mal bei dieser zweiten Album Tour. Ich bin davon überzeugt, dass wir das beste Publikum haben, einfach weil sie uns unglaublich gut zuhören und gleichzeitig aber irgendwie abgehen mit uns. Und es ist genau die perfekte Mischung. Also das ist echt toll. Ein großes Geschenk.

Q: Das klingt ja super. Wir fragen uns als Campussender immer, da wir sehr viele Zuhörer*innen haben, die studieren, ob ihr vor eurer musikalischen Karriere eine Ausbildung gemacht oder was studiert habt. Wie war da euer Werdegang?

Sophie: Also ich habe nichts studiert, ich habe mir das alles irgendwie selbst beigebracht mit in den Jahren. Aber Nastie, also unsere Bandkollegin, die hat gerade ihren Master in ganz vielen unterschiedlichen musikalischen Feldern gemacht, was absurd ist.

Mira: Wir haben alle sehr unterschiedliche akademische Reisen hinter uns. Beziehungsweise nicht. Wir haben sehr unterschiedliche Erfahrungen. Also Sophie ist glaube ich, gleich nach der Schule einfach komplett ins Touren gegangen und hat das einfach gemacht. Ist nach wie vor eine Macherin. Und ich habe jetzt Gesang studiert, aber wie ich immer sage, liebevoll rechtzeitig abgebrochen. Kunst studieren ist halt so eine Sache. Aber ich weiß es sehr zu schätzen, was ich gelernt habe und die Community, die ich dadurch gewonnen habe. Aber es war richtig, da dann auch zu gehen.

Sophie: Aber, an alle, die das jetzt hören und studieren, bitte studiert doch fertig. Es ist sicher nicht schlecht, wenn ihr das macht.

Mira: Echt? Ich glaube, das ist scheißegal. Ach so, Campusradio. Ja. Macht, was ihr wollt. Aber Bauchgefühl ist wichtig. Wenn ihr merkt, es passt nicht mehr, muss man es halt doch ändern. Ich weiß nicht, wie einfach das ist in Deutschland. In Österreich darf man ein, zwei Mal die Richtung ändern und dann geht es schon nicht mehr. Jedenfalls die Dritte im Bunde, die Nastasja, hat gerade wirklich in den ersten Master gemacht und hat aber auch schon drei Bachelor in der Tasche gehabt. Mehr oder weniger freiwillig elf, zwölf Jahre studiert. Also wir haben da wirklich sehr unterschiedliche Erfahrungen.

Q: Sehr cool. Ich habe auch schon ein paar verschiedene Dinge studiert, also man kann tatsächlich ganz gut wechseln. Aber ich habe auch mal in euren Podcast reingehört, den ihr ja vor einiger Zeit mal gemacht habt und da gab es eine Folge, wo ihr darüber geredet habt, was ihr so für verschiedene Musik hört. Und da wollte ich fragen, ob es da im Moment eine Band, Künstlerin oder Künstler gibt, der euch so alle zusammenbringt als Band?

Sophie: Ja, ich glaube, da sind wir uns auf jeden Fall einig. Wir sind alle sehr große boygenius Fans. Das ist auch immer cool, weil unsere Tontechnikerin immer, wenn sie die Anlage einhört, da muss man vorher so ein bisschen reinhören in die Musik, auch immer einen boygenius Song auflegt und wir alle auf der Bühne einfach immer mit abgehen. Aber es ist einfach eine großartige Band mit großartigen Mitgliedern.

Mira: Auch schon vor der Gründung, waren wir schon riesen Fans von Julien Baker und Phoebe Bridgers und dann kommen die da irgendwie zusammen. Und man denkt sich okay, did you read my mind?

Q: Die finde ich auch sehr gut. Also ihr habt ja auch für das neue Album jetzt The Good Life, was letztens rauskam, super viel zusammengearbeitet zu dritt. War es dann auch manchmal schwer, irgendwie auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen? Und wie lief da so eure Zusammenarbeit?

Mira: Ich finde, den gemeinsamen Nenner haben wir ziemlich gut gefunden. Natürlich war man manchmal ein bisschen mehr davon überzeugt und die Andere dann ein bisschen mehr von was anderem, aber es war fast langweilig, romantisch oder harmonisch. Also die Sophie ist natürlich auch unsere Produzentin und hat das Ganze gemischt und produziert und hat dann also am Ende so ein bisschen die Hand drüber. Aber wir haben es natürlich gemeinsam auch geteilt, diese Vision. Es ist halt auch leichter, gewisse Entscheidungen zu treffen, wenn man das zu dritt nochmal besprechen kann. Manches geht dann auch schneller, weil man dann Sachen auch ausspricht und zu einem Punkt bringt und dann kann es ausdiskutieren werden. Oder man kann auch überzeugt werden von einer anderen Sichtweise. Das finde ich auch ziemlich cool. Da lernt man auch was.

Q: Ihr habt ja auch zusammen, aber auch schon alleine ziemlich viel Erfahrung gesammelt live mit live Musik spielen oder generell Musik machen. Gibt es dann überhaupt noch Situationen, wo ihr nervös werdet? Oder ist das alles schon routiniert, easy peasy?

Sophie: Also es gibt schon noch Situationen, wo ich ganz nervös bin. Ich muss jetzt sagen, auf Tour eher weniger, aber ich bin auch mittlerweile schon so, also ich weiß einfach, dass die Leute erstmal wegen uns gekommen sind. Das gibt einem schon ein ganz anderes Gefühl als wenn wir jetzt auf einem Festival spielen, wo man irgendwie das Gefühl hat, man muss die Leute erst überzeugen. Und wir haben auch bis jetzt immer so gutes Publikum gehabt, dass uns das einfach eine Sicherheit gibt. Also auf Tour bin ich eigentlich kaum nervös. Aber natürlich, wenn dann plötzlich mal irgendwie eine Situation kommt, wo man normalerweise nicht spielt oder so, wenn man jetzt plötzlich vor 20, 30.000 Leuten spielt, weil man wen supportet oder so, dann bin ich auf jeden Fall schon noch nervös. Ja.

Mira: Ich bin wirklich freudig antizipierend. Ich bin aufgeregt, jetzt vielleicht nicht so, dass ich den Körper verlasse. Zum Glück. Früher hatte ich das genug und nervös war ich auch genug. Ich glaube, ich habe einfach genug nervöse Zustände gehabt, um jetzt endlich ein bisschen entspannter zu sein, weil dadurch stellt sich was ganz anderes ein, nämlich Freude. Und das ist so ein Wort, das ich einfach früher nicht verwendet habe, weil dieses Gefühl war überschattet von Angst. Und jetzt ist es tatsächlich so, ich freue mich einfach. Das musste ich ein paar Jährchen lang lernen, wie das geht. Aber das ist mit dieser Band auch noch mal besonders stark dabei, wir haben wirklich Spaß auf der Bühne und tatsächlich lache ich manchmal laut und hab Spaß. Man kann es verwechseln mit einer Form von Nervosität, weil es halt auch in dieser Magengegend irgendwo stattfindet.

Q: Voll schön. Gibt es denn irgendwelche Bandrituale, die ihr habt? Oder irgendwelche Momente, die ihr euch nehmt, um kurz zur Ruhe zu kommen, innezuhalten, euch zu sammeln vor dem Auftritt?

Mira: Ich will immer stretchen. Ich muss mich dehnen. Aber jetzt habe ich es in letzter Zeit nicht so oft geschafft, weil die Backstage manchmal so klein sind, dass man einfach die Matte nicht auslegen kann und man einfach keinen Platz hat, um sich wirklich groß auszustrecken. Und ansonsten? Wir geben uns immer den Seed of Rock.

Sophie: Eigentlich so peinlich, wenn man das so ausspricht. Ich weiß auch gar nicht, wie das eigentlich zustande gekommen ist.

Mira: Ich weiß auch nicht.

Sophie: Also das ist auf jeden Fall so mit unseren Händen quasi. Eine Person hat zwei Seeds in den Händen und man übergibt es dann einer anderen Person in die Hand. Und diese Person, die lebt dann kurz diesen Energieschub des Rocks aus.

Mira: Wir geben uns gegenseitig diesen Seed of Rock. We plant the Seed of Rock and then something grows out of us and we perform it on stage. Immer irgendwas Lustiges oder Blödes.

Q: Ich hab auch gelesen, dass ihr, um euer Album zu schreiben, euch in eine verlassene Hütte in den Wald zurückgezogen habt. Das ist natürlich jetzt ein Kontrast zum Großstadtleben in Wien. Wie war so das? Zieht ihr eure Inspiration dann eher aus der Natur fürs Songwriting?

Mira: Ich finde das schon immer ganz toll, irgendwohin zu fahren, wo meine Gedanken hörbarer sind und gleichzeitig man ein bisschen stiller wird, innen und außen und so. In dem Fall, ich glaube, wir sind generell Leute, die sehr stark aus dem Innersten schöpfen. Und natürlich geht man auch nach außen, so in den Begegnungen und dann schreibt man halt über das, was zwischen dem Inneren und dem Außen passiert. In dem Fall, das war jetzt nicht so ein verlassenes Haus, es war eher eine alte Familienvilla, oder nicht Villa, vielleicht ein Häuschen. Aber die Gegend war recht verlassen und ich finde es schon angenehm, wenn man sich wieder denken hören kann. Wie ist das bei dir eigentlich Sophie?

Sophie: Ich höre meinen Tinnitus dann immer sehr laut, wenn es so ruhig ist. Aber es ist schon schön, ja voll, wenn man ein bisschen zur Ruhe kommt zwischendrin. Aber ich kann grundsätzlich eigentlich überall gut Musik schreiben, weil, dass es eben, wie Mira auch schon gesagt hat, aus dem Inneren kommt. Das ist halt immer da. Also egal wo ich jetzt sitze, es ist immer was da in meinem Inneren, das ich rauslassen kann. Und ob das jetzt im Wald ist oder bei mir, in meinem Studio oder bei mir auf dem Teppich am Boden in meinem Wohnzimmer. Es ist dann eigentlich ein bisschen egal, aber es ist einfach ein schöner Kontrast einfach mal nicht im Studio zu schreiben, sondern woanders.

Q: Kann ich mir vorstellen. Vor ein paar Tagen hatte eure Band ja auch Geburtstag und ist fünf Jahre alt geworden. Hattet ihr da überhaupt Zeit, das zu feiern?

Mira: Also auf der Bühne kann man super feiern mit den Leuten. Also insofern ja.

Q: Hat sich da viel verändert, wenn man zurückblickt?

Mira: Ja doch sehr anders, also im positivsten Sinne. Wir sind schon ein großes Stück erwachsener geworden, würde ich sagen. Also ein wunderbares Stück Erwachsener, auch wirklich der best part of it. Also das da, wo man einfach weniger Scheiß mitmachen muss und einfach mehr für sich einsteht, gute Boundaries macht und solche Sachen. Ich finde wirklich, dass die letzten fünf Jahre sehr geprägt war von dieser, ich sage jetzt mal Größe, also die innere Größe, auch das lieb sein zu sich selbst. Also das, was wir in den Alben behandelt haben, das haben wir tatsächlich erlebt und leben das auch, und lernen das von uns selbst auch immer wieder.

Q: Habt ihr ein Ziel für die nächsten fünf Jahre oder eine Vorstellung, wo ihr dann sein wollt?

Sophie: Wow. Das ist echt eine schwierige Frage. Vor fünf Jahren war das irgendwie immer ganz einfach so zu sagen, weil man sagt, von Musik leben, das wäre cool. Wir haben jetzt wirklich auch diesen Schritt geschafft, von der Musik zu leben und das ist einfach ein totales Privileg und auch sehr viel harte Arbeit gewesen. Und da wollte ich halt immer hin. Und jetzt bin ich so ein bisschen an dem Punkt, wo ich mir denke: cool und was jetzt? Das wär cool vor noch mehr Menschen zu spielen oder vielleicht noch so verschiedene Dinge zu machen, aber ich habe jetzt nicht dieses extreme Ziel in fünf Jahren muss ich da und dort sein. Wenn ich in fünf Jahren mit boygenius irgendwo in einer Bar sitze und Bier trinke, dann freue ich mich drüber, aber so ein spezifisches Ziel hab ich nicht.

Mira: Ich würde sagen, more of the same. Noch entspannter. Das ist mein Ziel eigentlich. Ich kann nur wahnsinnig dankbar sein für das, was ich jetzt machen kann. Ich sorry, ich kann nur kitschige Dinge sagen.

Q: Ne, das war ein gutes Ding. Dann gibt es jetzt nochmal eine Frage zum Fantasieren. Wenn ihr euer Traumfestival selbst zusammenstellen könntet, wen würdet ihr einladen?

Sophie: Auf jeden Fall boygenius.

Mira: Obviously. Vor allem, weil sie schon ein neues Album angekündigt hat. Und wir haben uns auch Tickets gekauft. Big Thief, Adrianne Lenker. Solo und mit Band am besten.

Sophie: Idles, finde einer der tollsten Livebands. Finde ich auf jeden Fall großartig.

Mira: Albertine Sarges und Kat Frankie mit dem Chor Project Bodies finde ich super, um ein bisschen europäischer zu werden.

Sophie: Ich würde auch Paramore einladen. Die haben mich sehr geprägt früher.

Mira: Kae Tempest und Her finde ich auch toll. Und Joni Mitchell! So ein ganz exklusives Set, wo Sie als Königin irgendwo sitzt. Haim. Tom Waits. Mir fallen jetzt nur noch Tote ein. Jeff Buckley.

Q: Klingt nach einem super Festival, ich würde hingehen. Jetzt zum Abschluss habt ihr noch irgendwas, was euch auf dem Herzen liegt. Eine Frage, die euch nicht oft gestellt wird, die ihr gerne beantworten würdet oder etwas, das ihr sonst gerne loswerden möchtet?

Mira: Deutschland macht doch bitte endlich ein Rauchverbot überall und immer!

Sophie: Und könnt ihr bitte generell auch kein Geld fürs Klo verlangen?

Mira: Ja das wär toll!

Sophie: Man kriegt ja immer diese Zettel, die man dann einlösen kann. Wir sind Stunden auf Autobahnen. Ich habe von der letzten Tour und der jetzigen Tour sicher schon 40 oder 45 dieser komischen Zettelchen und die sind alle mit einem Euro. Das ist einfach so viel Geld. Wenn das irgendwer hört, mit Macht: Aufhören bitte!

Q: Das unterschreiben wir genauso. Dann vielen lieben Dank für das tolle Interview mit euch. Wir wünschen euch noch eine richtig tolle Tour und sind schon sehr gespannt auf das Konzert heute Abend.

Das Interview führten Ildiko Eßl und Sam Höfers