Wie die Band Milliarden in der Unruhe zu sich gefunden hat – ein Interview auf dem Deichbrand-Festival

Written by on 16. August 2022

Ihr spielt auf dem Deichbrand nachts um 1.30 Uhr: Habt ihr auf einem Festival schon mal so spät gespielt?

Ben: Ne, aber das liegt uns. Wir sind Nachteulen. Heute sind wir sogar die Letzten.

Johannes: Wir haben uns die Zeit ausgesucht…

Ben: Wir sind sozusagen der Headliner. Also Kraftklub supportet und dann geht’s so langsam rüber an die Jever-Hafenbühne. Wir haben schon mal spät gespielt, also bis eins oder so und das fanden wir auch schon übertrieben.

Inwiefern übertrieben? Was, stellt ihr euch vor, ist das Besondere an so einem Konzert?

Ben: Ich glaube, irgendwann ist man völlig irre vom Tag, weil der ja trotzdem früh begonnen hat. Wir sind ja trotzdem sieben, acht Stunden Auto gefahren und hier gerade aufgeschlagen. Irgendwann wird man einfach verrückt und überdreht. Da müssen wir mal gucken, wie unsere Bühnenshow wird.

Johannes: Das Publikum wird wahrscheinlich auch anders drauf sein. Also ich glaube, da ist die „Hochsuff-Phase“. Ich bin sehr gespannt. Aber ich glaube, das wird geil. Wir werden beim Deichbrand immer ganz lieb empfangen. Wir hatten bis jetzt immer eine schöne Zeit hier.

Das wievielte Mal ist das für euch?

Johannes: Das dritte Mal. Und es wird immer später.

Ich habe auf Instagram ein paar Bilder vom Happiness Festival gesehen. Da habt ihr mit Rikas, Leoniden und Blonde die Open Stage gecrashed. Wie ist das überhaupt zustande gekommen?

Ben: Wir hatten das Glück mit allen nacheinander auf einer Bühne zu spielen. Wir haben uns halt Backstage die ganze Zeit getroffen und irgendwann – wir haben am Nachmittag gespielt und sind übers Festivalgelände getorkelt und haben alle zeitgleich diese Bühne entdeckt. Irgendwie hat uns das allen gefallen, was da los war. Du konntest da einfach an die Instrumente ran, die standen die ganze Zeit rum und Leute saßen besoffen davor und entertainten sich gegenseitig. Und dann entstand beim Abendessen so der Gedanke, dass wir da unbedingt vor Seeed nochmal hin müssen. Dann sind wir alle besoffen losgezogen und haben da noch performt.

Wäre die Kombi denn mal was für einen gemeinsamen Song?

Ben: Also an diesem Abend wurden auch mehrere Bands gegründet. Ich weiß noch von der Band „Tot“. Das ist mehr so eine Hardcore-Band. Und die davor?

Johannes: Irgendwas mit Rumpelkammer.

Ben: Rumpelkammer oder Rumpelbude, Rumpelbein oder Klappstuhl. Es gibt noch mehrere offizielle Bands, die aus dieser Session hervorgegangen sind.

Johannes: Also das ist jetzt schon passiert. Es gibt schon Bands, es gibt auch schon die Songs. Die kann man im Netz finden.

Euer Album „Schuldig“ ist jetzt etwas mehr als ein Jahr raus. Die Veröffentlichung fiel genau in die Lockdown-Phase. Aber ihr wart kreativ und habt einen Van in den kleinsten Club der Welt verwandelt. Wenn ihr da mal zurückblickt: Ist das denn vielleicht etwas, was ihr auch nochmal ohne hohe Coronazahlen aufgreifen würdet?

Ben: (lacht) Ich weiß nicht…Nein.

Johannes: Doch.

Ben: Ich glaube nicht, weil das Schöne oder das Gute aus der Not heraus Tugenden entstehen zu lassen ist ja, dass man irgendwie merkt, wofür die dann in dem Moment gut sind – und die waren dafür gut zu sagen, dass Konzerte nicht notwendigerweise finanziell ausschlachtbare Konzepte sind, sondern einfach, dass sie tatsächlich dieses Ritual des Musikmachens sind und des Dialogs. Egal ob da jetzt Einer oder 1.000 oder 10.000 sind, war es für uns wichtig zu sagen: „Naja, dann zeigen wir das einfach mal, was uns die ganze Zeit daran wichtig ist.“ Wir dachten zuerst darüber nach, ob wir in Gefängnisse reinkommen, um diese Plexiglaswand zwischen uns zu haben und diese Telefone. Um zu zeigen, dass man den Kontakt so schwer kriegt, dass man getrennt ist voneinander, aber trotzdem irgendwie eine Brücke bauen kann, vor allem über Musik. In die Gefängnisse kamen wir natürlich nicht rein (lacht), und deswegen haben wir unseren Van umgebaut und daraus wurde diese Bühne.

Johannes: Ein kleines Gefängnis.

Ben: Ein eigenes kleines Gefängnis. Bei minus 20 Grad sind wir gestartet und im Sommer haben wir das Ding dann wieder umgebaut bei plus 30 Grad. Wir sind da ein halbes Jahr gefühlt in diesem Ding rumgetingelt. Das sparen wir uns für Zeiten auf, in denen es notwendig ist.

Das Ganze wurde ja auch medial recht groß aufgegriffen von Jimmy Fallon unter anderem. Wie war das so für euch, so international mal aufzutreten?

Ben: Das war der Durchbruch in Amerika. Die Leute wissen es nicht, aber wir sind jetzt riesig dort. Wie hieß der andere [Comedian] nochmal?

James Corden.

Ben: Genau, Corden. Das haben wir auch nur so nebenbei mitbekommen, ne?

Johannes: Im ersten Moment ist es natürlich geil, da rufen dich Freunde an und sagen: „Was, ihr seid bei Jimmy Fallon? Hier ist der Beitrag.“ Ich hab‘s erst nicht geglaubt, aber klar, im zweiten Moment wirst du auch erstmal auf die Schippe genommen, dann denkt du: „Ah man scheiße, die haben es nicht so ganz verstanden, was wir da wirklich wollen.“ Aber: Am Ende wars geil diese Aufmerksamkeit einfach zu haben, in dieser Show zu sein…

Ben: …das war natürlich super gut in dem Moment, weil die „Ammies“ haben es natürlich überhaupt nicht kapiert, warum man für eine Person ein Konzert geben kann. Da ist der Kapitalismus nochmal in einer ganz anderen Beschleunigung. Irgendwie war das auch  ein kulturelles Missverständnis. Wir hatten dann Interviews mit England, Interviews mit Japan, Interviews in Australien, aber online. Wir hatten auch ein Live-Frühstücksfernsehen-Interview in…

Johannes: Euronews.

Da hast du auch einen Bademantel getragen, Ben.

Ben: Genau. Und da haben wir versucht den Dialog mit diesen Shows, die uns so verarschen, aufrecht zu erhalten – zu sagen: „Ok, wir geben jetzt nochmal einen drauf und machen es noch döfer und blöder, sodass die wieder darüber berichten.“ Dass wir in einen merkwürdigen Dialog mit diesen Shows treten, hat aber, glaube ich, nicht geklappt. (lacht)

Johannes: (lacht) Das Interesse war auf jeden Fall schnell wieder weg.

Also die Worldtour steht jetzt noch nicht an?

Beide: Ne (lachen).

Mal zum Album selbst: Man merkt, dass ihr euch ziemlich viele Gedanken darüber macht, dass die Tracks ineinander übergehen und dass das ein Gesamtwerk ist. Das erkennt man an Titeln wie „LLLL“. Ist das in Zeiten von Spotify, Deezer und Co., wo eigentlich dieses Playlist-Hören mehr bei den Leuten am Start ist, ein gewisses Risiko ein Album aufzunehmen, wo alles ineinander übergeht, anstatt Tracks zu haben, die an sich geschlossen sind?

Ben: Es kommt darauf an, was man als Risiko begreift. Es ist auch ein Risiko auf „Teufel komm raus“ ein Hit-Album schreiben zu wollen und die Leute lachen dich aus, weil es einfach scheiße ist. Dann landest du damit auch auf keiner Playlist, weil das dir niemand glaubt. Das heißt: Irgendwie muss man das machen, was am glaubwürdigsten für einen selber ist. Das steckt trotzdem auch in uns eine Art Poppigkeit zu haben und Lieder zu schreiben, die man vielleicht hier und da mitsingen kann. Das andere gibt’s aber auch: die Verschrobenheit, die Verspieltheit und die Zeitdehnung. Das probieren wir zusammenzubringen. Also „Schuldig“ war für uns ein Album, wo wir beide ganz gut zu uns gefunden haben und waren da sehr stolz drauf, oder?

Johannes: Sehr.

Ben: Das war ein Album, wo wir danach beide so waren: „Ok, an dem Punkt sind wir, genau da sind wir“.

„Jetzt können wir in Frieden sterben?“

Ben: In Frieden weiß ich nicht.

Ja stimmt, die Tracks regen ja auch zum Nachdenken an.

Ben: Ja, die Tracks sind auf jeden Fall in der Unruhe.

Johannes: Das passt auch voll in diese Zeit. Wir haben uns da auch gerade von unserem Label getrennt, wir haben unser eigenes Label aufgemacht und dieses Album auch noch in dieser Pandemiezeit weiterproduziert, ausproduziert. Da gab es ein paar Hürden, aber  dadurch auch intensive, geile Momente und das spürt man extrem. Diese Auswahl der Songs… Wir hatten noch viel mehr Tracks, das war auch ein ewiges Hin und Her: „Was passt für uns zusammen?“ Wie Benni gerade schon gesagt hat: „Was glauben wir uns selber? Und was wollen wir erzählen?“ Darum hat das alles ein bisschen länger gedauert. Es war aber auch sehr, sehr wichtig, dass wir uns da nochmal neu finden oder wissen, wo es lang gehen soll.

Ben: Wir haben auf jeden Fall Lieder gemacht, wo wir zuerst dachten, dass das die Singles werden und die sind gar nicht auf der Platte gelandet. Da hat sich nochmal viel bewegt.

Landen die vielleicht noch irgendwann auf einer Platte?

Ben: Ey, gute Frage. Da habe ich mir vor Kurzem auch Gedanken gemacht. Weiß ich nicht…

Johannes: …aber aus Erfahrung – das ist ja jetzt schon unser drittes Album, wir haben eigentlich zu jedem Album extrem viele Tracks – passiert da eher nichts mehr mit dem alten Kram, wir haben sehr viel auf dem Müllhaufen.

Ben: Manchmal geistert noch ein Gedanke von einem Lied oder ein Teil der Musik von einem Lied in einem rum und wird dann irgendwo nochmal durch den Fleischwolf in etwas anderes reingedreht. Aber in Wahrheit ist man dann schon drüber gelaufen und lässt es hinter sich.

Johannes, du hast euer eigenes Label gerade erwähnt. Wie läuft es damit aktuell?

Johannes: Ja, das haben wir jetzt gegründet, nur wir sind auf unserem Label und sonst niemand. Da passiert erstmal nicht viel mit, außer dass wir unser eigenes Label haben. Die Arbeit mit den großen Labels ist jetzt erstmal vorbei und das ist auch eine neue und wichtige Erfahrung. Durch die Pandemie hatten wir gar nicht die Zeit da weiterzudenken, sondern mussten uns erstmal selber ein bisschen den Arsch retten oder gucken, wo wir bleiben. Das ist eher ein Ding für die Zukunft. Das Label ist da und es wartet noch ein bisschen auf mich.

Ben: Ja. Ich weiß noch, als wir darüber nachdachten, was wir jetzt machen, wenn wir ein nächstes Album machen. Dadurch, dass wir uns von dem Label, bei dem wir waren, getrennt haben – und das war auch gar nicht so einfach – und von dem damaligen Management, war die Frage: „Ja, aber unterschreiben wir jetzt bei einem anderen Haus, wo wir dieselben undurchsichtigen Strukturen durchlaufen?“ Und dann dachten wir: „Nee, wenn man das richtig machen will, muss man kapieren, wie diese Arbeit komplett funktioniert, alle Schritte durchlaufen, Geld einsammeln, um das zu machen und dann gucken, wie weit man kommt.“ Das Album war so gesehen, wenn man jetzt über Kohle reden möchte, viel günstiger, ein Bruchteil von den Alben davor. Mit dem Album sind wir auf Platz sieben der Albumcharts eingestiegen und es hatte viel mehr Aufmerksamkeit. Es kommt einfach darauf an, wie man mit sowas arbeitet. Dann checkt man sowieso die ganze Medienstruktur, die ganze Musikwelt, und die Branche verändert sich ja. Das macht etwas aus zu begreifen, dass die Qualität der Arbeit und nicht die Quantität entscheidend ist. 

Ihr musstet aber wahrscheinlich schon tiefer in die Tasche greifen, gerade in so einer schweren Zeit.

Ben: Wir haben da nicht reingegriffen, wir sind da reingesprungen und sind da auch relativ lange gefallen, bis da unten auch ein bisschen Cash kam – ja natürlich. Aber als Musiker lebst du in diesem Risiko permanent. Du investierst in dich, in deine Zeit, glaubst an dich und das soll sich am besten über die Jahre amortisieren.

Glaube an sich selbst: Ich finde aber, man hört auch generell bei eurer Musik sehr viel Selbstreflektion und Selbstzweifel.

Ben: Glaube an sich selbst klingt so kitschig, aber ich glaube, was damit gemeint ist, ist, dass man notorisch einfach getriebener ist. Wir können nicht so richtig aufhören mit unserer komischen Selbstverwirklichung. Deswegen glaubt man da einfach an sich – oder glaubt daran, dass das sein muss, dass man das zum Klingen und nach Außen bringt. Drum ist man da sowieso in sich selbst gefangen und will dem weiter nachgehen. Die Inhalte auf den Alben haben wirklich beide Welten. Wir sind mittlerweile Anfang, Mitte 30 und da gibt’s bestimmte Lebenssituationen, in denen man sich wieder neu entdeckt, bestimmte Konstruktionen brechen zusammen, andere Fragen machen sich auf und das tut auch hier und da mal ganz gut und ganz weh.

Zum Abschluss habe ich noch fünf Entweder-Oder-Fragen. Ich nenne euch immer zwei Sachen aus einer Kategorie und ihr müsst euch entscheiden, was ihr davon besser findet.

Wenn ihr auf einem Festival als Besucher seid: Betrinken auf dem Campingplatz oder den ganzen Tag Bands gucken?

Ben: Das ist relativ einfach: Den ganzen Tag Bands gucken.

Johannes: Bands gucken.

Pfeffi oder Mexikaner?

Beide: Mexikaner.

Große Festivalbühne oder kleiner Club?

Johannes: Kleiner Club gerade bei mir.

Ben: Große Festivalbühne heute Abend bei mir.

Welches Album: „Berlin“ oder „Betrüger“?

Ben: Puh…„Schuldig“!

Johannes: Eh…Gerade bei mir „Betrüger“.

Seifenblasen oder Konfetti?

Ben: Seifenblasen.

Johannes: Seifenblasen.

Das war’s von meiner Seite.

Ben: Danke!

Foto: (v.l.n.r.) Johannes und Ben von der Band Milliarden. Copyright: Brigitte Lieb


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