“Kultur findet wieder statt, lasst uns hingehen!”- Ein Interview mit Dota Kehr

Geschrieben von am 25. April 2022

Straßenmusik auf der Bühne, schöne Melodien gepaart mit unschönen Wahrheiten, Aktivismus vermischt mit Bossa Nova – all das vereint die Band Dota (ehemals Dota und die Stadtpiraten bzw. Die Kleingeldprinzessin und die Stadtpiraten) miteinander. Direkt vor dem Auftritt ihrer Band im Münsteraner Jovel hat uns die Frontfrau und Berliner Liedermacherin Dota Kehr im Radio Q Studio besucht. Auf der aktuellen Tour “Wir rufen dich Galaktika” wird es noch viele weitere Auftritte in NRW geben. Über die langersehnte Tour, Aktivismus und die Wiederauferstehung der Kulturbranche durften wir mit ihr sprechen.

Radio Q: Hallo Dota, schön dass du da bist, vielen Dank, dass du dir kurz vor deinem Auftritt noch die Zeit genommen hast. Warst du denn schonmal in Münster?

Dota: Ja klar! Ich hab schon im Gleis 22 gespielt und auch schon in der Sputnikhalle, ja und heute spielen wir zum ersten Mal im Jovel.

Radio Q: Das ist ein super Stichwort, weißt du denn, was jovel bedeutet? Das ist nämlich ein besonderes Wort in einer besonderen Sprache..?

Dota: Oh nee, das war mich gar nicht klar…

Radio Q: Das kennt auch niemand außerhalb Münsters, da es sich um ein Wort aus der alten “Gaunersprache” Masematte handelt. Und jovel bedeutet schön und gut. So wie das Wetter heute.

Dota: Was soll man über das Wetter zur Zeit sagen. Man genießt es und gleichzeitig hat man dieses echt  ungute Gefühl dabei und denkt “Lass uns mal bei dem guten Wetter zur Klimademo gehen”.

Radio Q: Ein gutes Stichwort! Gestern war ja internationaler Klimastreik und du engagierst dich für mehr Klimaschutz und bei Fridays For Future. Wird das beim Konzert irgendeine Rolle spielen?

Dota: Naja, es gibt einige Stücke, in denen das vorkommt. Zum Beispiel “Wir rufen dich Galaktika”, das Titelstück des aktuellen Albums. Das ist ja auf so eine schräge Art ein Hoffnungsstück, was aber gleichzeitig sagt “eigentlich bin ich verzweifelt” und ich kann das nicht wegschieben. Mich überkommt in Angesicht dieser Menschheitsprobleme, die eigentlich die vereinte Menschheit bräuchte, die das gemeinsam angeht, statt gegeneinander zu agieren. Das ist schon ziemlich schwierig, da nicht zu verzweifeln. Aber hey! Das können wir uns nicht leisten, wir müssen das tun, was wir machen können, nämlich an unsere Regierung appellieren, das zu tun, was möglich ist.

Radio Q: Vielen Dank, dass du das so aktiv tust! Spielt den Klimaschutz bzw. umweltfreundliches Reisen auf der Tour eine Rolle.

Dota: Ja klar, wir machen uns schon Gedanken. Wenn wir zu zweit unterwegs sind, fahren wir meistens Bahn. Wenn wir mit der Band unterwegs sind, haben wir zu viel Equipment, um Bahn zu fahren. Das gehört auf jeden Fall zum Tourleben dazu, dieses Problem von Mobilität. Ich mache ganz schön viele Kilometer und ich vermeide das im Privaten und dort, wo es möglich ist.

Radio Q: Da fehlt wohl noch der alternative Lastenzug, der das Equipment hinterher bringt…

Dota: Ja, den gibt es leider nicht. Und es ist auf jeden Fall wichtig, dort hinzuschauen, aber es ist auch wichtig, in den großen Bereichen, in denen jetzt die Weichen gestellt werden, aufzupassen. Zum Einen müssen wir natürlich den Milliardären verbieten, ins Weltall zu fliegen – was soll der Mist…?

Radio Q: Die rufen nur Galaktika….

Dota: Oh nein, das haben sie falsch verstanden… Und zum Anderen: Ich denke dieser digitale Bereich wird viel zu stark ausgeklammert bisher. Ich meine es ist jetzt schon ein Fünftel des globalen CO2-Ausstoßes und es nimmt rasant zu. Natürlich gibt es da auch Einsparmaßnahmen, aber wir haben jetzt schon mehr als die Hälfte machine-to-machine-Kommunikation mit jedem selbstfahrenden Auto und jedem Gerät, was über das Internet kommuniziert, nimmt das enorm zu. 5G sollte uns nicht wegen der Strahlung Angst machen, sondern wegen der Menge an Strom, die irgendwelche Serverfarmen und Rechenzentren verbrauchen. Ich finde es einfach wichtig, sich darüber Gedanken zu machen, da diese Dinge jetzt ausgebaut werden. Genauso wie Kryptowährung. Da kann man sehr viele verschiedene Sachen darüber sagen, aber man muss glaube ich akzeptieren, dass das eine im Ursprung emanzipatorische Idee ist, die aber in der Ausformung katastrophal ist. Und da werden jetzt Entscheidungen getroffen, von Politiker*innen, die darüber nicht mehr wissen, als du oder ich. Darüber mache ich mir einfach viele Gedanken.

Radio Q: Das merkt man auch in deinen Songs! Wenn wir schon beim Thema Inspiration sind: In den letzten Jahren konnte man ja als Künstler*in nur wenig machen. Du hast aber sowohl vor den Lockdowns als auch währenddessen Alben herausgebracht. Hat sich denn am Musik Schreiben etwas für dich verändert?

Dota: Ja das stimmt, ich habe auch im Lockdown ein Album herausgebracht, allerdings hatte ich die Stücke schon davor fertig geschrieben. Und ich habe jetzt auch Stücke geschrieben und viel daran gearbeitet, aber es ist mir sehr schwer gefallen. Weil die “Sogwirkung” der Bühne gefehlt hat oder die Vorstellung, dass man dann mit Menschen zusammenkommen wird und das vorspielen kann. Ich bin fast so ein bisschen verstummt und fand es echt nicht leicht. Auch weil mich dieses Niveau an Aufgeregtheit, die hohe emotionale Angespanntheit, die zum Beispiel bei der Impfdebatte herrschte, mich wahnsinnig anstrengt. Mir fehlt dann der innerliche Abstand, um das dichterisch zu reflektieren. Einen Kommentar zur Gegenwart abzugeben fällt mir da unglaublich schwer. Aber ich ringe mit mir und werde mich weiter darum bemühen.

Radio Q: Das freut die Fans! Aber nun geht es ja erstmal gar nicht mehr nur ums Schreiben, sondern ums Auftreten, denn du bist endlich auf Tour! 

Dota: Ja, das ist die Tour zu dem Album “Wir rufen dich Galaktika” und die Stücke sind sehr aktuell, da das Album noch kein Jahr draußen ist. Und ich glaube, die Lieder passen in die Zeit und gleichzeitig geht alles so schnell, dass man fast schon wieder mit neuen Liedern reagieren müsste. Ich habe also auch ein paar ganz neue, unveröffentlichte Songs dabei, die gibt es aber nur im Konzert. 

Radio Q: Du hast ja auch eine wahnsinnig lange Tour geplant. Wie sieht denn dein Jahr aus?

Dota: Alle Aufnahmen im Studio müssen gerade einfach pausieren, weil wir auf Tour sind. Im April haben wir etwas Pause, aber im Mai sind wir überall. Auch nochmal ganz viel in Nordrhein-Westfalen: in Köln, in Bochum und ganz Deutschland.

Radio Q: Und wie ist die Stimmung in der Band, in Vorfreude auf diese Tournee?

Dota: Alle freuen sich sehr, wieder zu spielen, es hat uns wahnsinnig gefehlt. Gestern war Tourauftakt und es war sehr besonders. Aber wir sind auch ein bisschen aus der Routine. Nicht so sehr spielerisch, aber in den ganzen Abläufen. Boah, ich habe gestern alles vergessen, dann habe ich die Gästeliste nicht abgegeben, dann fehlte ein Kabel….das muss sich alles erstmal einspielen.

Radio Q: Gibt es denn ein Konzert auf der Tour, auf dass du dich besonders freust? Das klassische Heimspiel in Berlin oder ein anderes Städtchen, das dir besonders gefällt…?

Dota: Also ich bin sehr gespannt aufs Jovel, ich finde es aber auch immer schon in Clubs zu spielen, die ich noch nicht kenne. Trotzdem, aufs Gloria in Köln freue ich mich immer total. Und das Täubchenthal in Leipzig war unser größtes Auswärtskonzert überhaupt und dort spielen wir auch wieder. Wenn ich ganz ehrlich bin, und es ist ein Thema, über das niemand gerne redet im Veranstaltungsbereich: Alle Bands haben echt Schwierigkeiten, Tickets zu verkaufen. Die Leute sind noch vorsichtig, wissen nicht, ob man das schon wieder machen kann. Ich glaube, wir werden für immer mit dem Virus leben, der Geist geht nicht zurück in die Flasche, und das was erlaubt ist, sollte man auch anerkennen. Die Veranstalter*innen geben wirklich alles, um die Veranstaltungen sicher durchzuführen. Und deshalb: Habt keine Angst, kommt auf Konzerte! Kultur findet wieder statt, lasst uns hingehen!

Radio Q: Was für ein perfektes Schlusswort. Dann wünsche ich euch eine wunderbare Tour und vielen Dank für deinen Besuch!

Dota: Gerne!

Das Interview führte Leonie Lange.

https://kleingeldprinzessin.de/


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