DJ Eavo „Die Nebelmaschine, die macht immer Ärger“

Geschrieben von am 12. Juli 2020

Normalerweise holt DJ Eavo alias Ivo Schweikhart mit seinen “Take Me Out”-Partys Post Punk und Indie Rock der 2000er auf die Tanzflächen in ganz Deutschland. Die Corona-Pandemie stellt den Münsteraner, wie viele Menschen in der Veranstaltungs- und Kulturszene, vor neue Herausforderungen. Radio Q-Reporterin Henrike Hartmann hat mit Eavo über das DJ-Dasein in Zeiten geschlossener Clubs gesprochen.

Seit März haben nun schon alle Clubs geschlossen – Wie waren diese Monate für dich und wie hast du diese Zeit verbracht?

Am Anfang war das ziemlich aufregend. Gerade so die Zeit Anfang März. Am 6. und 7. März habe ich noch in Berlin und Köln aufgelegt. Die Party eine Woche darauf wurde aber dann kurzfristig abgesagt. Fand ich aber genau richtig und ich halte auch jetzt die ganzen Maßnahmen immer noch für richtig. Eine Woche nach meiner ersten abgesagten Veranstaltung habe ich das erste Mal ins Internet gestreamt. Ich hatte dort direkt eine gute Resonanz, weshalb ich das seitdem regelmäßig mache.

Was hast du dir in der Not einfallen lassen?

Am Anfang war das hier noch ganz spartanisch und ich habe mit dem gearbeitet, was ich da hatte. Eigentlich hat am Anfang alles nur mit Gaffa-Tape gehalten. Mit der Zeit habe mein Setting ein bisschen stabiler gebaut, mir ein Studiolicht geholt und bessere Technik. Ansonsten veranstalte ich neben dem Auflegen auch noch ein Online-Quiz. Das hatte ich auch schon vorher offline im Lieschen Müller veranstaltet. 

Woraus besteht dein Wohnzimmer-Studio?

Rein von der Kulisse her ist es so, dass ich mir einen Tisch mitten ins Wohnzimmer gestellt habe, darauf steht ein Mischpult. Und dieser Tisch ist umgeben von vielen Pflanzen, die ich schon vorher hatte und jetzt hier vor dem Tisch zusammengezogen habe. Ein paar neue habe ich auch dazu besorgt, deshalb sieht das hier jetzt ein bisschen Jungle-mäßig aus. Rein technisch sieht es so aus, dass ich einen ersten Computer zum Auflegen benutze, den ich über meinen Plattenspieler ansteuere. Dann habe ich einen zweiten Computer, mit dem ich den Stream ins Internet schicke. Ich nehme das ganze mit zwei Kameras auf, eine von oben und eine frontale. Und dann gibt es hier noch so ein bisschen Diskolicht. Eine Diskokugel zum Beispiel. Und dann habe ich noch zwei bunte Lampen, die durchs Zimmer wabern. Um mich selbst auszuleuchten, habe ich noch einen kleinen Bühnenstrahler besorgt. Und nicht zu vergessen: Die Nebelmaschine. Die macht immer Ärger. Die Rauchmelder in der Wohnung fanden das auf jeden Fall nicht so gut. Das war ein bisschen lustig.

Wie läuft eine Streamparty überhaupt ab?

Ich fange meistens um 21 Uhr an und dann kommen auch so langsam die Leute. Ich glaube einige von denen haben das im Hintergrund laufen, einige gucken die ganze Zeit konzentriert zu und chatten mit. Andere tanzen tatsächlich auch. Das kriege ich dann über Instagram Storys mit, die Leute mir schicken. Da sieht man dann Menschen, die durch ihr Wohnzimmer tanzen – das finde ich immer ganz lustig. Das sind, glaube ich, so die verschiedenen Typen, die an den Streampartys teilnehmen. Je nachdem, wann die Leute irgendwann weniger werden, höre ich dann auf. Meistens ist das  c.a. 3-5 Uhr morgens. Also ich lege eigentlich länger auf als im Club.

Vermisst du irgendwas bei den Streampartys?

Ich vermisse schon die direkte Energie von den Leuten. Also diese spezielle Kommunikation im Club. Wenn man so sieht, wie die Leute tanzen und wie sie sich freuen, das fehlt mir. Und mir fehlt auch so ein bisschen die schlechte Luft. Oder der Geruch. Also es ist halt wirklich etwas Anderes zu Hause, eine größere körperliche Distanz. Man schafft zwar eine andere Verbindung zu den Leuten über den Chat, die ist auch wirklich sehr gut. Aber es ist halt etwas komplett Anderes als im Club. 

Was bedeutet die derzeitige Situation für freie Kunstschaffende wie dich?

Also ich kann nur für mich sprechen und die Situation ist für jeden auch ein bisschen anders. Ich glaube, einige arbeiten inzwischen in anderen Bereichen. Andere, die haben große Probleme. Bei mir ist es so dazwischen, würde ich sagen. Ich konnte die Situation ein bisschen auffangen mit meinen Stream-Sessions und widme mich nebenbei auch noch der Bildbearbeitung. Dadurch kommt auch noch ein bisschen Geld rein. Irgendwie komme ich durch, da ich mir auch ein wenig Geld geliehen habe. Was mich da optimistisch stimmt ist, dass es irgendwann hoffentlich weitergeht. Ich glaube, richtig problematisch ist es für die Clubs, weil die sehr hohe laufende Kosten haben. Die müssen teilweise ihre Mieten weiter bezahlen oder irgendwelche Versicherungen, teilweise noch Kredite – für die ist es halt echt blöd. Deshalb mache ich mir tatsächlich große Sorgen – irgendwie dann aber auch um mich. Wenn es irgendwann weitergeht, ist halt die Frage, ob überhaupt noch Clubs übrig sind, in denen ich auflegen kann. Das finde ich problematisch.

Am 22. Juni haben in der sogenannten „Night of Light“ Betreibende der Eventbranche ihre Fassaden in rotem Licht erstrahlen lassen. Siehst du rot für die Szene der kleinen Clubs und Tanzcafes?

Ja, auf jeden Fall. Da war rot schon die richtige Farbe. Da sind wirklich viele in ganz großer Not. Ich habe ja gerade schon gesagt, dass ich wirklich Sorge habe, dass viele der Läden nicht mehr da sind, wenn die Beschränkungen vorbei sind. Das ist auch so ein grundsätzliches Ding, was ich gerade sehe: Ich habe das Gefühl, dass die Corona-Krise für die meisten Menschen schon ausgestanden ist. Also das Leben geht  eigentlich normal weiter – mit ein paar Einschränkungen. Man muss Masken tragen und Abstände einhalten. Aber ansonsten haben es die meisten Menschen gar nicht mehr so auf dem Schirm, dass die Clubs und die Kulturbetriebe zu sind. Ich habe ein bisschen Angst, dass vergessen wird, dass dort eine kleinere Gruppe von Menschen ist, die gerade immer noch nicht arbeiten darf und kann.

Wie zeigen die Leute dir ihre Unterstützung?

Teilweise unterstützen sie mich per Paypal, aber das ist nur die wirtschaftliche Unterstützung. Ich freue mich natürlich auch total über positives Feedback. Diese ideelle Unterstützung ist eigentlich noch viel wichtiger für mich. Ich bin total dankbar, wenn ich merke, dass die Leute noch gerne einschalten, die Musik gut finden und sich freuen. Das finde ich gut.

Was wünschst du dir, wenn die Clubs irgendwann wieder geöffnet werden?

Grundsätzlich wünsche ich mir natürlich, dass es bald weitergeht. Und ich wünsche mir dann auch, dass es so weitergeht wie früher. Ich hätte keine Lust auf eine halbe Lösung. Also ein viertel-gefüllter Club, wo die Leute dann mit Masken in festgelegten Kreisen tanzen – das würde ich ganz furchtbar finden. Dann müsste ich mir gut überlegen, ob ich das mache oder lieber warte, bis die Clubs wieder uneingeschränkt geöffnet sind.

Würdest du sagen, dass die derzeitige Situation neuen Raum für Kreativität schafft?

Ja, auf jeden Fall. Also ich meine, allein die ganze Technik, die ich mir zugelegt habe. Ich hatte ja bis Mitte März überhaupt keine Ahnung von Streams und wie so etwas technisch funktioniert. Auch das Gefühl vor der Kamera zu stehen war für mich komplett neu. Ich habe in meinem Leben vorher vielleicht eine halbe Stunde vor der Kamera gestanden und jetzt habe ich hier in meinem Wohnzimmer bestimmt schon 250 Stunden auf dem Buckel. Auch beim Online-Quiz habe ich mich das erste Mal in meinem Leben mit Google-Dokumenten auseinandergesetzt und musste komplett umdenken. Die technische Abwicklung von so einem Online-Quiz ist echt schwierig, wie ich finde. Aber inzwischen habe ich es im Griff. Das sind alles solche Techniken, die ich vorher nicht beherrscht habe – aber dann auch mitnehme in die Zeit nach Corona. Vielleicht werde ich weiter aus dem Club streamen, vielleicht werde ich weiter das Quiz von zu Hause anbieten. Ich glaube, da bleiben schon einige Ideen hängen.

Vielen Dank für das Gespräch, Eavo.

Foto: Ivo Schweikhart (privat)


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