DIIV - Deceiver

Rezensiert von Jan-David Wiegmann

Die Drogen sind noch da. Auch wenn Zachary Cole Smith, Frontmann von DIIV und früherer Member von Beach Fossils ihnen doch auf den Vorgängeralben “Oshin” (2012) und “Is the Is Are” (2016) so stark abgeschworen hat. So ist “Deceiver” nun das radikal ehrliche Album, auf dem Smith verdeutlicht, dass es das Beste wäre, sich seine (Sucht-)probleme einzugestehen und Verantwortung dafür zu übernehmen. Dementsprechend ist “Deceiver” zudem das düsterste Album der Shoegaze Band aus New York und lässt tief in die Seele eines begnadeten und tragischen Musikers blicken.

Mit “Horsehead” beginnt das Album bereits mit einem sehr langsamen, fünfminütigen Song der sich musikalisch und textlich einer Panikattacke annähert. Starke Wechsel zwischen Shoegaze typischen, wahnsinnigen, verschrobenen Soundausbrüchen und kurzen melodiösen Gitarrenriffs spielen mit der “Ruhe vor dem Sturm”. Wenn der Sturm einsetzt klingt das textlich dann so: “I sat / In a slump so my shadow / Sat slumped too / Then I laid among the / rocks and stones / Fuck it all”. Ein zutiefst mitreißender, depressiver Einstieg in ein Album dessen chaotische Message eigentlich nur durch das Chaos eines Shoegaze Arrangements ausgedrückt werden kann.

Besonders Smith Songwriting begeistert durch den Gehalt jedes seiner Worte. Die Message endlich seine Fehler einzugestehen, wird besonders in “For the Guilty” deutlich. Ein enorm dynamischer Song, auf welchem besonders die starken Drum und Hi-Hat Ausbrüche von Drummer Ben Newman hervorgehoben werden müssen. Dazu Smith Abhandlung (und vielleicht Abschluss?) mit der Vergangenheit: “I’ve been / Curtained in with arms outspread / I was a stranger in our bed / Shut away and getting thin / I was a stranger in my skin”.

“The Spark” geht mehr in die Dreampop Schiene. Glasklarer Gesang und auffällig positive Gitarrensoli für das Album, und auch zum Ende des Textes geht es nach der Auseinandersetzung mit den Geistern der Vergangenheit darum, nun loszulassen um im Hier und Jetzt mit einem Funken (Spark) ein Feuer zu entfachen.

Neben dem mitreißenden songwriting fällt “Deceiver” auch durch einen extremeren und ausgefeilteren Sound im Gegensatz zu den Vorgängeralben erkennen. Dies lässt sich auch darauf zurückführen, dass DIIV sich das erste Mal einen Produzenten für ein Album gesucht haben. Und das ist niemand geringeres als Simon Diperri, der bekannt dafür ist mit künstlerisch und musikalisch Anspruchsvollen Bands zusammenzuarbeiten wie den Dirty Projectors, Protomartyr oder Animal Collective. Somit trägt auch er dazu bei, dass DIIV mit “Blankenship” einen der wichtigsten und musikalisch stärksten Songs des Jahres herausbringen. DIIV entwerfen eine armageddonartige Atmosphäre, sowohl musikalisch als auch textlich und rechnen mit Kohlemagnat und Klimawadelleugner Don Blankenship ab. Doch das entworfene Armageddon stellt sich nicht alleine als düstere Zukunftsvision heraus, sondern als bereits existent. DIIV spielen an auf die schmelzenden Pole, die Amazonasbrände und die unfassbare Gier der Energiekonzerne. Ein brutales Abbild der Realität für diejenigen wie Blankenship die wegschauen. Die letzte Zeile “Destroy those who destroy the earth” kann letztendlich auch als Aufruf gelesen werden, gegen Diejenigen vorzugehen, die weiterhin den Klimawandel und gesellschaftliche Missstände leugnen und ist der radikale Abschluss eines überwältigenden sowie wichtigen Songs.

Das Songwriting und die chaotische Shoegaze Energie macht “Deceiver” zu dem wohl stärksten Shoegazealbum des Jahres und ist bis dato die herausragendste DIIV Platte. Es geht auf “Deceiver” um das Eingestehen des Düsteren, sei es der Abgründe des eigenen Lebens oder auch wie bei “Blankenship” der Zerstörung der Erde. Der Mensch ist sich selbst auf so viele Weisen seine eigene Hölle. Sich dies einzugestehen erfordert Mut und ist der erste Schritt das Armageddon abzuwenden. Smith gesteht sich sein Suchtproblem ein und macht mehrere Therapien durch. Doch auch unsere Erde benötigt dringend eine Therapie - gesteht es euch ein!


Label: 
Captured Tracks
VÖ: 
04.10.2019
Herkunft: 
New York, USA