Vom Bühnenunfall in die Theaterwelt zu Sexismus – ein Interview mit Fatoni

Written by on 8. August 2022

Egal, wo Fatoni auftaucht, es wird interessant. Der Rapper, der seit mittlerweile fast zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft ist, hat auch das Juicy Beats ordentlich aufgemischt. Neben einstürzenden Bassboxen und einem Girls-Only-Moshpit feierte eine “atzige, aber sympathische” Crowd auf dem Dortmunder Festival. 

Nebenbei ist Fatoni Schauspieler oder schreibt Songs für eine Theaterproduktion – und bewegt sich nach wie vor irgendwo zwischen Systemkritik und Selbstreflektion – auf jeden Fall immer ambivalent. Seine Kunst ist weniger als Gegenmodell durchgeplant, sondern kommt meist mehr aus Fatoni’s authentischer Art heraus. Und ist genau deswegen erfolgreich. Radio Q hat Fatoni auf dem Juicy Beats zum Interview getroffen. Es ging um Obstsorten, den kleinen Bühnenunfall bei seinem Auftritt, seine musikalische Zukunft und Sexismus in der Musikszene.

Foto: Janis Hinz

Q: Wir sind gerade auf dem Juicy Beats, deswgen: Himbeere oder Banane?

Miese Entscheidung, aber Banane ist schon ein wichtiges Obst für den Alltag.

Q: Was ist dein wichtigstes Gadget auf einem Festival?

Sonnencreme. Ich bin sehr weiß, das kann ich nicht leugnen und bekomme schnell Sonnenbrand.

Q: Team Moshpit oder eher gemütlich mitviben? Wir haben bei dir ja gerade beides erlebt.

Beruflich gesehen: eher Team Moshpit. Privat mittlerweile meinem Alter entsprechend eher gemütlich mitviben. 

Q: Romcom oder Science Fiction? 

Boah. Das sind beides tolle Genres. Mein Lied Romcom ist auch aus der Realität inspiriert, dass wenn man Stress oder Streit hat, lieber eine Romcom guckt – immer noch gutes Konzept! Sonst gerne Science Fiction. Ah ich muss mich entscheiden: Science Com! Ne! Rom Fiction!

Q: Du hattest gerade deinen Auftritt auf der Himbeer-Stage? Wie juicy war’s? Vom Feeling her? Gutes Gefühl?

Es war sehr juicy, aber es war sehr sehr heiß und wir hatten ein paar technische Probleme. Ich hatte auch schon lange keinen Bühnenunfall mehr. Und das ist mir noch nie passiert: Ich stell mich ja immer auf die Bassboxen vor der Bühne, aber heute waren die Boxen nicht gesichert und sind einfach auseinandergefallen. Aber jeder in der Live Musik-Branche weiß: dieses Jahr ist alles anders. Und ich glaube auch das fällt unter die Kategorie: da hat jemand was gemacht, was er vorher noch nie gemacht hat. Was nicht schlimm ist, aber es hat mir niemand gesagt. Und dann bin ich auf die Box und die fiel dann auseinander.

Q: Wie würdest du das Juicy Beats Publikum beschreiben? 

Leicht atzig, aber sympathisch! Studentisch und ein bisschen atzig, aber nicht zu atzig. Ich kenne Festivals, da will man nicht aufs Gelände gehen. Aber hier denk ich mir: joa, hier könnt ich mich eigentlich so reinwerfen. So wie ich selbst, als ich jünger war. Vielleicht liegt es auch heute an dem Headliner K.I.Z. Das passt ja zu den Fans: schon leicht atzig, aber nicht zu krass atzig. So eine Mischung aus: “Jo, wir haben schon studiert, aber Studenten sind scheiße, wir sind auch Atzen.” So fühl ich mich eigentlich ganz wohl. 

Leicht atzig, aber sympathisch!

Q: Du hast bereits 10 Alben veröffentlicht. – Wie siehst du deine musikalische Zukunft? Worauf hättest du noch so richtig Bock?

Habt ihr das gezählt?!? Ich habe ein Album fast fertig, denn es wird ja auch mal wieder Zeit. Es ist leider immer schwierig, über so ungelegte Eier zu sprechen. Ich bin bei 80%, aber die letzten 20% sind die schlimmsten. Ich muss allerdings ehrlich sagen: Ich glaube es wird ziemlich gut. Jetzt bin ich gerade aus der Zweifelphase raus und denke, das Album wird so oder so gut – jetzt muss ich es perfekt machen. Aber die letzten 20 % fallen mir immer sehr schwer. Das ist die Fleißarbeit: es ist alles schon da, aber jetzt muss man Sachen verbessern und fertig machen und das hasse ich und es fällt mir nicht so leicht. Ich sehe meine musikalische Zukunft so wie es jetzt schon ist: es basiert immer auf Rap, aber es geht immer weiter davon weg.

Ich sehe meine musikalische Zukunft so, wie es jetzt schon ist: Es basiert immer auf Rap, aber geht auch immer weiter davon weg.

Q: Da passt die folgende Frage ganz gut zu: Betrachtet man nämlich deine Biografie, so hast du ja irgendwie überall mal was gemacht: Zivildienst im Kindergarten, Ausbildung zum Kinderpfleger, bis 2010 Teil von Moop Mama, zeitweise bist du in der Poetry-Slam-Szene gewesen und hast bis 2013 auch Schauspiel studiert. Fällt es dir schwer dich festzulegen und an einem Ort zu bleiben? 

Ja auf jeden Fall. Das war schon immer so ein Ding von mir. Ich interessiere mich immer für verschiedene Sachen und dann will ich wieder was anderes ausprobieren. Ich bin ja immer noch Schauspieler und drehe ein paar Serien so nebenbei. Ich glaube, wenn man sich auf eine Sache krass konzentriert und diese durchzieht, dann kann das in der einen Sache zu mehr führen. Dann wäre ich zum Beispiel vielleicht bekannter oder erfolgreicher. Aber mir wird schnell langweilig in einer Sache. Das hat Vor- und Nachteile. Ich schreibe jetzt zum Beispiel Lieder für ein Theaterstück. Das habe ich auch noch nie gemacht.

Q: Für welches Theater?

Es ist tatsächlich das Deutsche Theater in Berlin, also schon ein krasses Theater. Eine Regisseurin namens Anne Lenk, die ich von früher aus meiner Theaterzeit kenne, hat mich gefragt. Ich war seit vielen Jahren nicht mehr in dieser Theaterwelt. Jetzt schreib ich für das Deutsche Theater in Berlin, das hätte ich mir auch nicht erträumen lassen. Wenn sowas kommt, dann muss ich ja sagen, selbst wenn das in eine Zeit fällt, in der ich eigentlich nicht so gut kann. Das ist voll die künstlerische Herausforderung und eine Chance, was Neues zu erleben. Ich kenn zwar auch Leute, die eine einzelne Sache durchgezogen haben und da auch weiter kommen, aber ich bin super zufrieden mit meiner Rolle in der deutschen Musikszene. 

Und ich will auch nicht lügen: Man orientiert sich ja immer nach oben und man denkt, es könnte noch höhere Gagen geben. Nicht mal, damit man reich wird, sondern weil man eine fette Band auf der Bühne oder die krasseste Lichtshow haben kann. Das geht immer erst ab einem gewissen Level. Das haben normale Konzertbesucher vielleicht nicht auf dem Schirm: wenn Bands größer und Konzerttickets teurer werden, dann ist das auch, weil 20 Angestellte und Freiberufler mehr mit auf Tour sind. Sowas würde ich auch gerne machen, aber davon bin ich noch relativ weit entfernt.

Jetzt schreibe ich für das Deutsche Theater in Berlin, das hätte ich mir auch nicht erträumen lassen.

Q: Warum wird im Deutschrap gefühlt gerade nur über Autos, Drogen und Fußball gerappt und wie kommt man da wieder raus?

Schwierige Frage. Ich krieg ehrlich gesagt gar nicht mehr alles mit. Das war auch eine bewusste Entscheidung und damit bin ich auch sehr glücklich. Ich glaube, es ging in der Menschheitsgeschichte und Kultur immer schon viel um primitive Sachen. Das ist einfach so. Es ist auch im Theater so oder in der Hochkultur, wo alle so tun, als ob es nicht um sowas geht. Bei Shakespeare geht’s nur ums Ficken. Es geht um Macht, um Geld, Drogen und bei heterosexuellen Männern geht es um Frauen als Statussymbole, weil wir im Patriarchat leben. Ich bin oft das Gegenmodell, aber das wollte ich gar nicht sein. Ich kann gar nicht über so Sachen reden. Ich kann keinen Song über Sex schreiben, ich cringe mich dann, das ist mir einfach unangenehm. Aber es gibt nunmal Leute, die das können und das ist ja auch cool. Es gibt jetzt auch voll viel Songs von Frauen über Sex und das finde ich auch super, Sexpositivity und so! Ich kann das trotzdem nicht gut hören.

Q: Also würdest du sagen es muss gar nicht zwingend etwas daran geändert werden, es ist irgendwie Teil der Gesellschaft und du machst einfach dein Ding?

Ja genau. Ich sitze manchmal beim Deutschlandfunk und dann sitzen da so intellektuelle Journalisten, die sowas sagen wie: “Bei ihm geht es nicht nur um Drogen, Autos und Frauen wie bei Capital Bra.” (und sprechen es noch falsch aus)(lacht). Capital Bra macht halt sein Ding und ich meins. Seins wollen mehr Leute hören. Das liegt in der Natur der Sache und das ist okay. Der ist ja nicht das Gegenmodell zu mir. Ich kann ja auch nichts dafür, ich mach mir halt andere Gedanken.

Q: Auf der anderen Seite muss man schon sagen, besonders aus der Sicht von Frauen ist es schon ganz nett, wenn es nicht nur um Themen geht, wie bei Capital Bra. 

Da bin ich auch voll bei euch und auch ich habe lange noch nicht ausgelernt. Es gibt ja auch zum Glück coole Rapperinnen. Das gab’s ja peinlich lange nicht. Ich finde voll viele voll cool. Auch solche Rap-Phänomene wie Shirin David. Da gibts ja auch verschiedene feministische Ansichten, manche finden das cool, manche nicht. Aber ich finde es gut, dass es sowas gibt und ich höre das auch. 

Sexismus ist so krass in der Gesellschaft. Rap ist schon sexistischer als die normale Gesellschaft, aber Malle-Pop ist auch sexistischer als die normale Gesellschaft. Das eine ist für den einen Teil der Gesellschaft, um auch ihren Sexismus in der Kunst auszuleben und bei den anderen ist es Malle-Pop. Dieses Layla-Lied ist auch krass sexistisch, und das hört ja der nette Nachbar von nebenan. Man kann nicht immer mit dem Zeigefinger auf Rap zeigen. Menschen sind so, vor allem Männer. Aber vor allem sind Menschen interessiert an oberflächlichen Sachen. Das hab ich in meinem Leben auch oft gemerkt, und als ich jung war, gab es auch Zeiten, in denen ich „schwul” als Beleidigung genutzt habe. Das ist mir heute total peinlich. Erst auf der Schauspielschule hat sich das dann gewendet, als ich mit verschiedenen Menschen, Sexualitäten und Lebensrealitäten konfrontiert war. Diese woke Twitter-Bubble spiegelt nun mal nicht das echte Leben wieder, auch wenn das schön wäre – das erlebt man dann aber z.B. am Badesee, wenn die Jungs nach wie vor „schwul” als Beleidigung über den See brüllen. Dazu muss man auch sagen, dass das Jahrhundertelang gewachsene Strukturen sind, da kann man sich gar nicht radikal in eine Bubble zurückziehen. Aggressiv auf die Menschen zugehen, die anders handeln, wird eben einfach nichts ändern. Das ist ne Wahrheit, bei der ich das Gefühl habe, dass viele die nicht sehen wollen – deshalb gibt’s diese Spaltungen in der Gesellschaft. Dieses Thema ist aber auch ein riesiges Minenfeld.

Sexismus ist so krass in der Gesellschaft. Rap ist schon sexistischer als die normale Gesellschaft, aber Malle-Pop ist auch sexistischer als die normale Gesellschaft. Dieses Layla-Lied ist auch krass sexistisch, und das hört ja der nette Nachbar von nebenan. Man kann nicht immer mit dem Zeigefinger auf Rap zeigen.

Q: Hat dir dein Schauspielstudium eigentlich auch in der Musik weitergeholfen?

Es beeinflusst sich ja alles irgendwie. Sicherlich habe ich auf der Schauspielschule auch noch mehr über Bühnenpräsenz gelernt. Klar, alles ist mit eingeflossen.

Q: Bist du lieber Schauspieler oder Musiker? Oder ist das Situationsabhängig?

Ich hasse diese Frage und weigere mich, das zu beantworten. Aber Musik ist mir schon wichtiger. Als Schauspieler ist man nämlich immer abhängig von anderen Leuten. Als Rapper und Songschreiber bin ich mein eigener Chef, damit komm ich mittlerweile besser klar.

Q: Auf welchem Festival (auf der ganzen Welt) würdest du am liebsten mal spielen (außer dem Juicy Beats, versteht sich)?

Vor einigen Jahren war ich auf dem Sziget-Fest in Budapest, das war mega cool! Da würde ich gerne nochmal hin. Alle kennen Coachella, aber das würde ja, wenn ich ehrlich bin, gar nicht geil sein. Mein Lieblingsfestival ist das Watt-En-Schlick Fest. Das ist ein ganz kleines Festival am Jadebusen. Ich hoffe ich bin da nächstes Jahr wieder.

Q: Dein Tipp für Studis aller Art? Gib uns mal ‘nen Survival-Guide.

Ich habe ja nie wirklich studiert. Hab gehört Ritalin ist gut. (lacht) Ihr sollt einfach chillen und euch nicht so einen Stress machen, das bringt doch alles nichts. Ihr sollt feiern, saufen und ich möchte an dieser Stelle Westernhagen zitieren und mich gleichzeitig davon distanzieren: “Ich hoffe, das heute ‘ne Menge gebumst wird”. Macht euer Ding beim Studium!

Radio Q Reporterinnen Neele Hoyer (links) und Frieda Krukenkamp (rechts)

Q: Wir haben in der Musikredaktion die Rubrik: Platte für die Insel. Du bist also auf einer einsamen Insel gestrandet und hast nur ein Album. Welches wäre das?

Ich höre ja auch gerne melancholische Musik, aber wenn ich jetzt realistisch auf einer Insel gestrandet wäre, dann will man positiv drauf sein. Deswegen braucht man so einen Klassiker wie Bob Marley’s „Legends”. Oder am Liebsten einen Sampler: Bravo Hits oder Kuschel-Rock. Mein erster Impuls wären ja Lieblingsalben, aber die sind schnell so runterziehend. Und es soll ja auch nicht langweilig werden. Also nehme ich „Legends”.

Q: Wenn du dir ein Feature aussuchen könntest: egal ob tot oder lebendig, wer wäre das?

Faber wollte ich mal featuren, aber der hat nie geantwortet. Ich glaube Tom Waits oder Paul McCartney oder Kendrick Lamar. Wobei… was will ich auf einem Album von Kendrick Lamar?! Eigentlich würd’s mir viel mehr um das Treffen gehen. Es ist Paul McCartney! 

Q: Du bezeichnest dich selbst als bester deutscher Rapper der Welt? Wer ist denn deiner Meinung nach die Beste deutsche Rapperin?

Es gibt viele Gute. Nura ist finde ich, auf eine Art die coolste. Aber raptechnisch: ich finde Shirin David schon echt gut und die mit den krassesten Skills, eben auf ihre Art. 

Q: In welchem Film hättest du gerne mal mitgespielt?

Ich schaue gerade die Serie King of Stonks. Mega cool, was Bild- und Tonfabrik machen, da würd ich gern mal mitspielen! Ansonsten ein Ryan Reynolds-Film, so mit Will Ferrell.

Foto: Janis Hinz

Das Interview führten Frieda Krukenkamp und Neele Hoyer


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