“Wir sind die Oasis des Italo-Schlagers” – ein Interview mit Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys

Geschrieben von am 13. Mai 2022

Bild: ©Ludwig van Borkum: Innsite Booking

Nummer 1 der deutschen Album-Charts, nahezu ausverkaufte Tour, 40. Band-Jubiläum: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys sind unbestreitbar die erfolgreichste Italo-Schlager-Gruppe Deutschlands (und wahrscheinlich auch Italiens). 

Dass es sich bei ihnen eigentlich um eine Indie-Band aus Augsburg und München handelt, die die größte Schlagerpersiflage Deutschlands auf die Beine gestellt hat, ist ein Gerücht. Im Radio Q-Interview mit Frieda Krukenkamp und Michael Landwehr sprechen Roy Bianco (Gesang) & Die Abbrunzati Boys (Gitarre, Gesang und, ja, nur eine Person) über ihr neues Album “Mille Grazie”, philosophieren über das Dolce Vita und beantworten endlich die Frage, was denn jetzt eigentlich Amore kostet.

Roy Bianco, Frieda Krukenkamp, Michael Landwehr, die Abbrunzati Boys (v.l.n.r.)

Q: Ihr verkörpert “La Dolce Vita” musikalisch und optisch wie kaum jemand anderes: Bei dieser Begrifflichkeit steckt viel dahinter, aber heruntergebrochen auf drei Begriffe: Was wäre das Dolce Vita für euch?

Roy: Zen-Buddhismus des Bürgertums.

Q: Als Campusradio haben wir ja hauptsächlich studentische Hörer*innen mit eher begrenztem Budget. Habt ihr vielleicht Tipps, wie man da trotzdem das Dolce Vita in den Alltag integrieren kann?

Abbrunzati Boys: Ich habe mir sagen lassen, dass Münster ja die Fahrradstadt ist. Das finde ich schon mal gut. Das Fahrrad ist immer ein sehr preiswertes und sehr nachhaltiges Transportmittel im Vergleich zum Auto. Wir haben ja nicht umsonst unseren Titel “Giro” über das wunderbare Rennrad geschrieben. Da sieht man ja auf jeden Fall die Parallelen zum Studierendendasein und Italo-Schlager. 

Roy: Ich glaube die Zeit, die man als Student und Studentin hat, ist das Schönste. Und das sollte man sich auch immer vor Augen führen. Man wird nie wieder so frei sein wie in dieser Zeit. Und “la dolce vita” bedeutet ein Stück weit auch die Gegenwart zu genießen, auch wenn man nicht die finanziellen Mittel hat. Finanzielle Mittel machen es gar nicht so viel einfacher. (beide lachen)

Q: Ihr seid mit eurer Musik wie ein Bindeglied, ja eine Art kultureller Adapter: Was fehlt Italien, was Deutschland hat? Und was fehlt Deutschland, was Italien hat? Kurzum: Was können die beiden Länder voneinander lernen? 

AB: Was Italien fehlt, was Deutschland hat: funktionierende Elektronik in diversen Hotels und AirBnBs. Ich weiß nicht, was das ist, aber es ist jedes Mal so, wenn wir in Italien sind. Wir geben ein Schweinegeld für Kost und Logie aus. So ist das eben wenn man als Roy Bianco und die Abbrunzati Boys über den Stiefel tourt. Und es gibt dann keine richtigen Steckdosen, keine funktionierenden Kaffeemaschinen! Da kann man noch nachjustieren in Italien.

Roy: Ich glaube, der deutschen Esskultur fehlt es an Frische. Die Kultur des Wochenmarktes gibt es auch in Deutschland, aber nicht so ausgeprägt. In Italien gibt es immer die Möglichkeit, frische Waren zu bekommen. Und in Deutschland geht man in den Supermarkt oder Discounter und nimmt sich nicht so viel Zeit für sein Essen, um auch alles von den Zutaten her so abzustimmen, dass man am Ende eine Komposition auf dem Teller hat, die mundet.

Die deutsche Jugend hat auch wieder ein Ohr für diese Harmonien und auch einen Willen dazu, sich solchen Allgemeinplätzen von Nostalgie und Sehnsucht auch in diesen schwierigen Zeiten hingeben zu dürfen.

Roy Bianco

Q: Ihr habt ja den Anspruch, den Italo-Schlager bzw. den Schlager insgesamt wieder groß zu machen. Habt ihr eine Erklärung dafür, warum er das zwischenzeitlich nicht war? Lag das nur an eurer fast zwanzigjährigen Trennungszeit oder gab es aus eurer Sicht auch allgemeine Ursachen für die “Krise des Schlagers”?

Roy: Ich glaube, die Krise des Schlagers fängt natürlich mit den 68ern an, in der Zeit, in der die Studenten sich gegen ihre Elterngeneration und Großelterngeneration aufbegehrt haben oder man sich einfach distanzieren wollte von deutschsprachiger Musik oder deutschsprachige Musik so irritierend zu machen, dass sie auf keinen Fall mehr harmonisch sein darf. Aber ich denke, in tiefem Herzen jedes Deutschen und jeder Deutschen steckt immer noch der Wunsch nach Harmonie. Und es ist einfach wieder Zeit dafür geworden. Wir haben so viele wunderbare europäische Musikrichtungen: Der Pop in England, der Chanson in Frankreich, der Canzone in Italien. Da tritt man sehr beherzt und selbstbewusst auf. Es ist wichtig, dass es diese Musikrichtungen gibt und jeder hört sie und sie funktionieren in ihren Stimmungen so gut. Ich glaube, die deutsche Jugend hat auch wieder ein Ohr für diese Harmonien und auch einen Willen dazu, sich solchen Allgemeinplätzen von Nostalgie und Sehnsucht auch in diesen schwierigen Zeiten hingeben zu dürfen.

Q: Mit deutschsprachigem Italo-Schlager seid ihr momentan allein auf dem Schlager-Olymp. Zuletzt Platz 1 der deutschen Albumcharts oder auch ein Artikel im italienischen Rolling Stone: Gefallt ihr euch mit diesem Alleinstellungsmerkmal oder wünscht ihr euch, dieses Genre würde von mehr Künstlern bespielt werden?

AB: Es gibt ja einige Künstler, die auf unserer Welle des Erfolgs reiten. Da muss man nur nach Wien schauen, wenn man an die Schlagerformation “Wanda” denkt oder ähnliche Gruppierungen. Da gibt es wirklich einige, die aber auch völlig zurecht, auch mit guter Schlagermusik, in diesem Feld des Italo-Schlagers vertreten sind und auch sein dürfen. Aber es kann natürlich nur eine erfolgreichste Italo-Schlagergruppe Deutschlands und wahrscheinlich auch Italiens geben und das sind natürlich Roy Bianco und Die Abbrunzati Boys.

Q: Wenn ihr euch ein Feature aussuchen dürftet – egal wie realistisch und egal ob tot oder lebendig – wer wäre es?

AB: Ich wünsche mir schon seit langem ein Gastspiel gemeinsam mit Marianne Rosenberg. Wenn sie heute hier zuhört bei Radio Q: Marianne, bitte, bitte, ich flehe dich an! Melde dich endlich! Ich slide dir seit Monaten in die DMs! Wirklich die größte Stimme der Nachkriegszeit! Und natürlich bis heute immer noch, denn es ist ja zum Glück immer noch Nachkriegszeit hier in Deutschland. 

Roy: Ich würde gern mit John Lennon Musik machen. Das fände ich fantastisch. Er ist ja auch überzeugter Pazifist, so wie wir…

AB: …auch eine Nachkriegsikone!

Roy: Imagine all the people, nicht wahr? Living life in peace. Und ich wünschte wir hätten den Song zusammen geschrieben, John! Falls du das hörst bei Radio Q: ruf mich an in meinen Träumen!

Q: Nehmen wir mal den geradezu unerträglichen Fall an, Italien würde nicht existieren und es gäbe dementsprechend auch keinen Italo-Schlager: Würdet ihr dann überhaupt Musik machen? Und wenn ja, in welchem Genre würde man euch dann womöglich am ehesten finden?

AB: Ich glaube, wir würden immer Musik machen. Ich meine, wir sind zwar natürlich die Oasis des Italo-Schlagers und auch aufgrund unserer privaten Geschichte, dadurch dass wir Wahlitaliener sind, haben wir natürlich Italien als Land in unserem Herzen.  Denn wir haben uns 1981/82 in Sirmione am Gardasee kennengelernt, jeder kennt das, das muss ich nicht mehr erzählen. Aber ich glaube, es würde uns auch nicht davon abhalten, wenn es Italien nicht gäbe, Musik zu machen. Denn wir haben ja auch schon anderweitig Musik gemacht. Roy war damals Bassist in der Band von Roy Black bei der Nord- und Ostsee-Bäder-Tour Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Ich habe viel mit Frank Farian produziert damals, Boney M. und so, kennt man vielleicht auch. Und Rockmusik ist auch toll, wie gesagt, Oasis des Italo-Schlagers!

Nur bedingungsloser Konsum kann uns jetzt noch retten

Roy Bianco

Q: Jetzt kommen wir zu einer etwas kritischeren, philosophischeren Frage: Ist “La Dolce Vita” auch ohne Konsum möglich?

Roy: Poah, das tut weh.

A: Das ist die beste Frage, die uns je gestellt wurde.

Roy: Das Dolce Vita ohne Konsum ist möglich. Ich glaube, es kann auch sehr, sehr schön sein. Aber wenn wir ehrlich sind: Wir sind ja alles Geschöpfe, egal ob Mensch oder Tier oder Amöbe. Wir konsumieren alle und wir verzehren uns immer nach irgendetwas. Es ist schwer zu beantworten. Ich kann eigentlich nur sagen, als Roy Bianco und die Abbrunzati Boys: “Nur bedingungsloser Konsum kann uns jetzt noch retten” und so ist es einfach auch. Ich verirre und verrenne mich da gerade und rede mich um Kopf um Kragen, aber was Dolce Vita eigentlich ausmacht, ist diese absolute Gegenwartserfahrung und die kann man mit Konsum haben oder auch ohne. Keine Zukunft, keine Vergangenheit, nur Gegenwart.

AB: Je länger Roy Bianco redet, desto besser war die Frage. Vielen Dank, Radio Q!

Q: Die Italiensehnsucht ist bei vielen Deutschen nach wie vor ungebrochen. Möchtet ihr diese Sehnsucht mit eurer Musik stillen oder befeuern?

R (zu A): Beides, oder?

A: Selbstverständlich, ja. Aber ich finde “stillen” ist das schönere Wort.

R: Nein, also ich finde “befeuern” ist auf jeden Fall das schönere Wort. Wir können mit unserer Musik hier im deutschsprachigen Raum sehr viele Bedürfnisse befriedigen, auch beim heutigen Konzert hier in…äh, in…Münster. Aber ich glaube, das ultimative Italien-Gefühl hat man nur in Italien und dafür sind wir auch von der italienischen Regierung bezahlt worden, quasi den Tourismus da unten nochmal richtig anzukurbeln. Liebe Grüße an Silvio! (Lacht)

Q: “Mille Grazie”, der Name eures Albums – das hört sich fast schon wieder so an, als sei es ein Abschied. Müssen wir uns da Sorgen machen?

Roy: Nein, auf gar keinen Fall. Wir wollten uns nach 40 Jahren Musikgeschichte Roy Bianco und die Abbrunzati Boys bei unseren Fans, bei unseren Partnern und natürlich bei uns selbst bedanken. Und deswegen der Titel.

Q: Was ist denn eure Aufheizroutine vor den legendären Shows? Wie entfacht ihr das Schlagerfeuer in euch? 

A: Ganz unterschiedlich. Wer meine Insta-Stories geguckt hat, der weiß, dass es auch immer ein Warm-Up-Programm von Bungo Jonas (der Schlagzeuger der Band) geben kann, “Bauch, Beine, Bungo” aus unserer glorreichen Zeit des Fernsehprogramms “Dolce Vita TV”. Aber das sind die unterschiedlichsten Dinge. Manchmal geht man auch einfach ins Schweigekloster und trinkt 3 Liter Salbeitee und kommt dann gereinigt und geölt wieder auf die Bühne. Wir sind auch sehr abergläubisch und gleichzeitig auch nicht abergläubisch. Einfach uns im Internet verfolgen, dann findet man da bestimmt immer mal wieder ein paar nette Anekdoten.

Q: Dann hätten wir zum Abschluss noch eine Schnellfragerunde. Also die Antworten pronto per favore, wie der Name schon sagt. 

Welches Auto bringt euch über die Brennerautobahn? Lamborghini oder Ferrari? 

Roy: Ferrari.

Q: Vino Rosso oder Vino Bianco? 

AB: Aperol Spritz.

Q: Dazu noch eine Anschlussfrage: Dürfen wir in Zukunft eigentlich auch noch mit einer musikalischen Liebeserklärung an den Vino Rosato rechnen, um das Trio komplett zu machen?

Roy: (Lacht) Nein!
Q: Wenn ihr nur noch ein Getränk genießen dürftet: Aperol Spritz oder Limoncello?

AB: Aperol Spritz.

Roy: Bier.

Q: Lido oder Lago? 

Beide: Lido.

Q: Seid ihr euch bei der großen Olivenfrage einig? Schwarz oder grün? 

A: Natürlich grün, weil schwarz ist so gut wie immer gefärbt.
R: Schwarz. Aber nur die ungefärbten, du hast Recht.

Q: Was kostet Amore?

AB: Unbezahlbar.

Roy: Ja!

Q: Wir danken für das Interview!
A: Wir sagen Mille Grazie hier in Münster, vielen Dank!

Roy: Grüße gehen raus!

Sputnikhalle, 07. Mai 2022

Italien-Quiz

Q: Wir möchten herausfinden, wer von euch der größere Italien-Connaisseur ist. Wir als Münsteraner Campusradio haben natürlich einen journalistischen Anspruch und möchten das Ganze mal kritisch überprüfen.

1. Schätzfrage: Wie viele Münzen landen durchschnittlich pro Tag im Trevi-Brunnen in Rom? 

Roy Bianco: Offiziell 0, weil man nicht mehr darf.

Die Abrunzzati Boys: 6000!

Q: Die richtige Antwort ist 3000. Das liegt genau in der Mitte. 

AB: (Lacht). Ich bin die Abrunzzati Boys!

Roy: Und ich bin Roy Bianco!

AB: Und wir sind einfach verdammt gut!

Roy: Wir treffen uns immer in der Mitte, haha! 

Q: In Deutschland wird man von Aperol schneller betrunken als in Bella Italia. Ist das wahr oder falsch? 

Roy:  Ich glaube das hat tatsächlich etwas mit der Höhe des Meeresspiegels zu tun

AB: Ja das ist wirklich schwierig, kommt ja darauf an, wo in Italien oder Deutschland man ist. Es gibt Gebirge, Flachland und Meer in beiden Ländern. Was sagt man denn beim Campusradio da dazu? 

Roy zu AB: Ich tippe jetzt einfach mal ja und du sagst nein

Q: Das ist tatsächlich wahr, denn der Alkoholgehalt von Aperol liegt in Italien bei 11 % und in Deutschland bei 15%. Weil das mit der Pfandverordnung zu tun hat, die ab 15% neue Regelungen beinhaltet.

Roy: Clever business!

AB: Deswegen schmeckt der Aperol in Italien auch besser. Das ist die Antwort auf alle meine Fragen. Seit 40 Jahren frage ich mich das. Und habe gedacht es ist die Sonne, es sind die Leute, das Ambiente, das Dolce Vita. Nein ,es sind gesetzliche Forderungen. Sauerei! Liebe Grüße an die Bundesregierung.

Q: 3. Schätzfrage: Um wie viel Prozent ist der schiefe Turm von Pisa geneigt? 

AB: 4!

Roy: Ich sage 7.

Q: 4 ist richtig.

Roy (zu AB): Nicht schlecht, aber du wusstest das, oder?!

AB: Nein, ich wusste das nicht. Doch, ich wusste das. Nein, ich wusste es nicht. Ich wusste es!

Q: Wie ihr ja sicherlich wisst: Durch die Invasion Napoleons wurde die französische Flagge Vorbild für die italienische. Ihre Farben verkörpern drei Eigenschaften: Grün für die Hoffnung, weiß für den Glauben und rot für die Selbstliebe. Ist das wahr oder falsch?

AB: Rot für die Selbstliebe? Nein, das ist falsch. Rot ist immer etwas martialisches. Oft für das Blut, das im Kampf der Revolution vergossen wurde.

Roy: Ja, ich sage auch das ist falsch.

Q: Ja das ist falsch, aber Rot steht tatsächlich für die Nächstenliebe.

AB: Italien ist einfach ein sympathisches Land. Das ist nicht so wie in Frankreich, da weiß ich nämlich: Da steht rot für das Blut, das beim Sturm auf die Bastille vergossen wurde. 

Q: Letzte Schätzfrage: Wie viel Kilogramm Pasta isst die Durchschnitts-Italiener*in pro Jahr? 

Roy: Ich sage 35 Kilogramm.

AB: ich sage 30 Kilogramm.

Q: Richtig sind 26 Kilogramm! Und wir dürfen das Ergebnis verkünden: 4:3 für die Abbrunzati Boys! Gratulazioni! Complimenti!


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