Filmfestival Münster 2017: Bilanz des Spielfilmwettbewerb

Geschrieben von am 9. Oktober 2017

Das Filmfestival Münster ist vorbei und damit auch der europäische Spielfilmwettbewerb. Den Preis für die beste Regie hat Guðmundur Arnar Guðmundsson für Heartstone bekommen. Aber es liefen auch noch sieben andere Filme, von denen eigentlich jeder seine Qualitäten hat.

(Fotos: Filmfestival Münster)

Sommerhäuser:

von Sonja Kröner

Sommer 1976, eine Familie trifft sich, wie in jedem Jahr, im Garten der kürzlich verstorbenen Großmutter. „Sommerhäuser“ erzählt in 90 Minuten die scheinbar idyllische Geschichte einer Großfamilie, die bei genauerer Betrachtung zerrütteter kaum sein könnte. Der Zuschauer taucht in einen Film, der das Gefühl gibt, man schaue über den Zaun, hinüber zu seinen eigenen Nachbarn. Die Charaktere wirken, als seien sie der Wirklichkeit entnommen: Drehbuchautorin Sonja Maria Kröner scheut nicht davor zurück, unglamouröse Seiten zu zeigen. Wer in „Sommerhäuser“ perfekt zurechtgemachte, unproblematische Abziehbilder erwartet, der wird den Saal mit großer Ernüchterung verlassen. Auch, wer sich eine ausgetüftelte Geschichte mit vielen Schockmomenten und Wendungen erhofft, wird enttäuscht werden. Es passiert nicht viel, aber genau das ist die Stärke des Films. Die Kinder jagen Wespen um die Wette und zwischen den Erwachsenen entsteht ein sich langsam steigernder Konflikt wegen der Zukunft des Gartens. Der Zuschauer fühlt sich fast ein bisschen wie ein Familienmitglied, dass sich manchmal wünscht, dass alle offener miteinander sprechen würden. Es frustriert, aber genau darum verliert der Film bis zur letzten Minute nicht an Fahrt.

Jeder, der sich auf eine etwas andere, ruhige Art der Kinoerfahrung einlassen möchte, der kann Sommerhäuser, den Eröffnungsfilm des Filmfestivals, ab dem 26.10.2017 auf der Leinwand genießen.

Die Geschwister Gitti (Mavie Hörbiger) und Bernd (Thomas Loibl) mit seiner Frau Eva (Laura Tonke).(Foto: Filmfestival Münster)

 Heartstone (Gewinner des Spielfilmwettbewerbes):

von Guðmundur Arnar Guðmundsson

Ein herzergreifender Film über das Erwachsenwerden zweier Jungs auf dem isländischen Land; von der ersten Schambehaarung bis zum ersten Mal. Der Zuschauer erlebt die Geschichte der unzertrennliche Freunde Thor und Kristján. Doch während Thor seine erste Liebe trifft, entdeckt Kristján seine Homosexualität und seine Gefühle für seinen besten Freund. Da Homosexualität aber weder von den Anderen Kindern, noch von den Erwachsenen akzeptiert wird, kämpft Kristof damit es zu für sich anzunehmen oder gar zu artikulieren. Die Figuren wirken dabei nicht überzeichnet und die Handlung triftet nicht ins Kitschige. Stattdessen ist der Film ist ein liebevolles Portrait seiner Protagonisten, die durch sehr gute jugendliche Schauspieler verkörpert werden. Auch die anderen Figure sind autentisch und gut gespielt. Umrahmt wird das von der wunderschönen Isländischen Landschaft. Ein sehr schöner Film, der fast uneingeschränkt zu empfehlen ist.

Die Protagonisten von „Heartstone“ Thor (Baldur Einarsson) und Kristján (Blær Hinriksson).(Foto: Filmfestival Münster)

November:

von Rainer Sarnet

Der estnische Film „November“ spielt Ende des 19. Jahrhunderts. Gezeigt wird das Leben der jungen Bauerstochter Liinda, die unglücklich in Hans verliebt ist. Dieser liebt nämlich die Tochter des deutschen Barons, wovon diese wiederum nichts weiß. Besonders wird der Film dadurch, dass die Welt einem Märchenbuch zu entspringen scheint. Maschinen, denen nach einem Pakt mit dem Teufel Leben eingehaucht wird, Verstorbene, die Regelmäßig zum gemeinsamen Essen zurückkommen, und eine gestaltwandelnde Plage. Die surreale Stimmung wird von der Musik toll unterstützt.

Anders als die anderen Wettbewerbsfilme im europäischen Spielfilmwettbewerb ist November kein Erstlingswerk. Die Jury hat ihn aber dennoch wegen seiner besonderen Art in den Wettbewerb aufgenommen. Und der Film ist mit seiner schwarz-weiß Optik und der Thematisierung estnischer Sagen in der Tat sehr besonders. Damit ist er sicher nicht etwas für jeden, aber die Macher des Filmes beweisen ein ungeheures Auge für wirkungsvolle Bilder.

Protagonistin Liina (Rea Lest) im surrealen estnischen Wald des Film „November“. (Foto: Filmfestival Münster)

Home is Here:

von Tereza Kotyk

Ein fast wortloser Film aus Österreich über zwei Menschen, die auf der Suche sind. Jeden morgen bringt Hannah ihren kleinen Bruder zur Schule, doch eines Tages wird sie auf dem Rückweg auf das Luxushaus des Finanzmanagers Max aufmerksam. Sie bricht ein, beginnt sich darin aufzuhalten und kleine Dinge zu verändern. Und obwohl sich beide Figuren nie sehen entfaltet sich doch eine schöne Beziehung zwischen den beiden. Durch diese anonyme Interaktion entdecken beide mit dem Zuschauer zusammen ihre eigene Identität neu. Für Max wird das eine Reise zu seinen Gefühlen und der Auseinandersetzung seiner (ehemaligen?) Liebe. Für Hannah wird dieses Fremde Haus zu einem Ort der Kreativität, der sie befreit.

„Home is here“ ist ein introvertierter Film, der einen ganz besonderen Weg wählt Beziehung zu etablieren. Man sollte aber keine tiefe Charakterzeichnung erwarten, denn man erfährt nur ein bisschen mehr über die Hauptfiguren, als sie voneinander.  Wer aber damit und mit der langsamen Erzählweise leben kann, für den ist der Film ein faszinierendes Erlebnis.

Max (Stipe Erceg) schaut aus dem Fenster seiner luxuriösen Wohnung.(Foto: Filmfestival Münster)

All the Sleepless Nights

von Michał Marczak

Die Bässe wummern, Krzysztof tanzt und ertrinkt in dem Moment. „All the Sleepless Nights“ porträtiert das Leben von Krzysztof halb dokumentarisch. Die Figuren sind echt, aber gewisse Dinge sind inszeniert. Er lebt von Partie zu Partie und möchte den Moment nicht verschwenden. Viele Schwarzblenden und das zerschneiden der Gespräche unter den Personen, ist zwar ungewöhnlich, fängt damit aber schön das Partygefühl ein.

In all diesem Trubel ist Krzysztof auch auf der Suche nach einer Freundin. Der Film beginnt damit, wie seine langjährige Beziehung scheitert und zeigt immer mal wieder neue Ansätze und neue Beziehungen, die sich für Krzysztof eröffnen, doch sie verfließen wieder. Generell haben die Filmemacher sich bewusst dafür entschieden eines ziellosen, an Beziehungen scheiterndes und doch nicht unglückliches Leben zu porträtieren. Das kann einen nerven, da die Figuren keine Entwicklung durchmachen, aber wer sich darauf einlässt, wird in dieses ziellos suchende Leben hineingezogen.

Krzysztof mit seiner neuen Freundin Eva. (Foto: Filmfestival Münster)

The Leveling

von Hope Dickson Leach

Clover kehrt nach längerer Zeit in ihre Heimat zurück, weil ihr Bruder sich umgebracht hat. Zur Trauer gesellt sich die Frage nach dem Warum und es gibt ein Wiedersehen mit ihrem Vater Aubrey, mit dem sie ein schwieriges Verhältnis pflegt. Deren Beziehung wird von Ellie Kendrick (Clover) und David Troughton (Aubrey) sehr gut gespielt. Mit der Zeit wird Clover mit ihrer eigenen Verantwortung für ihre Familie konfrontiert. Schließlich war sie nicht da, als es auf dem Hof immer weiter Berg ab ging, was durch eine schlimme Überschwemmung noch verstärkt wurde. Clover hatte sich für ihre eigene Zukunft und ein Studium entschieden. Der Film zeigt schön, wie ihre Beziehung von Vater und Tochter von Enttäuschungen und Sprachlosigkeit geprägt ist, sie sich einander aber doch wichtig sind.  Eine bewegende Geschichte einer Vater-Tochter-Beziehung.

Clover (Ellie Kendrick) in ihrer Heimat, den Sunset Levels. (Foto: Filmfestival Münster)

Lady Macbeth

von William Oldroyd

„Lady Macbeth“ ist ein Kostümfil, der in England das 19. Jahrhunderts spielt. Die Protagonistin Kathrin wird verheiratet und damit zur Gefangene am Hofe ihres Ehemanns. Es beginnt für sie ein langweiliges und ermüdendes Leben. Als ihr Mann und ihr Schwiegervater für eine Weile von Zuhause weg sind, genießt sie ihre neue Freiheit. Sie kann nun rausgehen in die Natur, was diese ihr verboten hatten. In dieser Zeit beginnt sie außerdem eine Affäre mit dem Stallburschen Sebastian, die beide mit zunehmender Dauer nur bedingt geheimzuhalten versuchen. Als ihr Schwiegervater davon Wind bekommt beginnt Kathrien mit Morden ihr neu gewonnenes Leben zu verteidigen. Eine fiese Geschichte, bei der man zwar die Protagonistin im Ansatz verstehen kann, aber die Ausführung schockt.  Dadurch fehlt der Verfilmung der gleichnamigen Novelle von Nikolai Leskow allerdings die Identifikationsfigur. Schließlich neigt die Protagonistin Kathrien nur bedingt dazu. Wem es aber reicht eine schön abgründige Figur zu sehen, kann durchaus auf seine Kosten kommen.

Florence Pug speilt die kaltblütige Kathrine. (Foto: Filmfestival Münster)

Ava:

von Léa Mysius

In ihren Sommerferien erfährt die junge Ava von ihrem Erblinden. Doch nach einem kurzen Schock findet sie ihren eigenen Weg damit umzugehen und stürzt sich mit dem scheinbar heimatlosen Juan in ein Abenteuer. Ab jetzt hat der Film eher Formen eines Roadmovies. Mithilfe von prominentem Einsatz von popmusik Musik und seine Hauptfigur versprüht der Film Zuversicht und gute Laune. Die furchtlose Ava ist eine schön geschriebene Figur. Besonders ihre Augen, gerade da sie erblindet, haben unglaubliche Ausstrahlung.  Auch wenn der Film dabei etwas sorglos mit dem roten Faden umgeht, ist er durchaus zu empfehlen.

Ava (Noée Abita) stürtzt sich in ein Abenteuer. (Foto: Filmfestival Münster)

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