Viagra Boys – Cave World

Rezensiert von on 18. Juli 2022

       

I showed up to the party in my favourite coat
On the back was an image of a shrimp on a boat
When you saw what I was wearing you got real upset
And said, “that’s the jacket that I got from my grandma”

… so heißt es in der Leadsingle “Ain’t No Thief” auf der neusten Platte der Viagra Boys. Doch wer ist diese Band mit dem Potenzmittel im Namen, fremdschambehafteten Satirelyrics und einem seltsamen Faible für Garnelen?

Anders als ihr von Post-Punk und Garage-Rock geprägter Klang es vielleicht vermuten lässt, stammen die Viagra Boys nicht aus Großbritannien; stattdessen finden sich ihre Wurzeln tatsächlich in Stockholm. Dort gründete sich die Band 2015, 2016 kam die erste EP “Consistency Of Energy”. 2018 folgte dann das Debütalbum “Street Worms” – eine Platte, die es scheinbar spielerisch schafft, in satirischen Dada-Texten und überspitzter Symbolik pointierte Gesellschaftskritik zu üben, sei es an der politischen Spitze Schwedens, dem amerikanischen Bild des perfekten Mannes oder an alltäglichem Klassismus. Dieses Rezept des Porträtierens durch provozierende Verhöhnung verfolgten die Viagra Boys sowohl in ihrem Follow-Up “Welfare Jazz” als auch auf der nun erschienenen dritten Scheibe “Cave World”. Während sich “Welfare Jazz” allerdings 2021 an bester Kritik erfreute, musste die Band gegen Ende des Jahres einen herben Schicksalsschlag hinnehmen: Gitarrist Benjamin Vallé, Gründungsmitglied der Viagra Boys, starb unerwarteterweise im Oktober.

“Cave World” beschäftigt sich nun, wie sollte es im Jahr 2022 anders sein, vor allem mit in der Pandemiezeit aufgekommenem Verschwörungsdenken, Anti-Impf-Kampagnen und dem Anarcho-Primitivismus. Dabei schlägt Sänger Sebastian Murphy immer wieder die Kurve hin zur in seinen Augen rückläufigen menschlichen Evolution und vergleicht die moderne Menschheit mit Affen. Am deutlichsten wird dieser Bezug sicherlich im Track “Creepy Crawlers”. Der Song bezieht sich auf den Glauben, der Impfstoff gegen Covid-19 führe dazu, dass Kindern reptilienartige Schwänze und Tierhaare wuchsen und lebt von verzerrtem Sprechgesang über punkigen Gitarrenriffs. Murphy verliert sich in seiner Ausführung aber eben nicht in verbittertem Wettern, in typischer Viagra-Boys-Manier scheint er stattdessen mit einem stetigen Grinsen von oben auf die absurdesten Gesinnungen hinabzuschauen und schafft es so, ihnen jegliche Seriosität zu nehmen.

I just love when things get lost in translation. The whole world is going backwards, and I’m not going to tell anyone what to believe or what side to take. It just feels like the world is so stupid. But I kind of like when stuff is a little stupid.

Sebastian Murphy, Tom Weber Radio PR

Musikalisch bewegen sich die Viagra Boys auch auf “Cave World” zwar weitestgehend im Post-Punk, einem einzelnen Genre lässt sich die Band allerdings nur schwer zuordnen. So geht “Ain’t No Thief” stark in Richtung Punk, immer wieder finden sich außerdem elektronische Elemente, so auch in “ADD”. Allgemein scheint “Cave World” musikalisch ausgefeilter als seine beiden Vorgängeralben und profitiert von anregenden Interludes und vielschichtigen Strukturen.

Der Closer “Return To Monke” treibt die Idee des Albums abschließend endgültig auf die Spitze. Hier werden 1:1 Return To Monke-Memes aufgegriffen, die in den vergangenen Jahren als Reaktion auf die steigende Anzahl von Anarcho-Primitivist*innen aufgekommen und viral gegangen sind. Unter (Anarcho-)Primitivismus versteht man dabei im grobsten Sinne eine Strömung, die den Fortschritt und die Zivilisation als solche hinterfragt und stattdessen eine Rückkehr zu prä-industriellen, “einfachen” Verhältnissen anstrebt. Diese Gesinnung wird in jenen Memes wiederum vollkommen ins Lächerliche gezogen – durch und durch passend also, dass die Viagra Boys mit eben diesem Internetphänomen ihre großartige dritte Platte beenden.


Label: YEAR0001
Veröffentlicht am: 08.07.2022
Interpret: Viagra Boys
Name: Cave World
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