Various Artists – Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s “The Midnight Organ Fight”

Rezensiert von am 28. August 2019

       

Vor etwa zwei Jahren bin ich auf einen echten Schatz gestoßen: Meine damalige Freundin spielte mir die Musik ihrer Lieblingsband, der schottischen Band Frightened Rabbit vor. Lange hat mich Musik nicht mehr so sehr ergriffen. Die Musik von Frightened Rabbit ist wie die Person die in einer schwierigen Phase zu dir kommt, dir ihr Ohr leiht und weiß, dass sie dir gerade nicht wirklich helfen kann aber trotzdem lieber mit dir zusammen unglücklich ist als alleine glücklich. Die Person die als Gründer und Kopf hinter Frightened Rabbit steht und für deren düstere, poetische und philosophische Songtexte verantwortlich ist, ist seit über einem Jahr tot. Am 10. Mai 2018 wurde der leblose Körper des 36-jährigen Scott Hutchinson von der schottischen Polizei am Ufer des River Forth gefunden. Auch wenn die genaue Todesursache bis heute unklar ist , wird von Suizid ausgegangen. Scott Hutchinson litt unter Depressionen und verarbeitete diese in vielen seiner Texte. 

Das letzte Projekt an dem er mitgewirkt hat, war das Zusammenstellen einer Coverplatte zu Gunsten des zehnten Geburtstages des Frightened Rabbit Albums “The Midnight Organ Fight”. Dafür hat die Band mehrere befreundete Musiker*Innen und Bands eingeladen ihre eigenen Versionen der Songs des Albums einzuspielen. Ursprünglich sollte die Platte im Sommer letzten Jahres veröffentlicht werden. Durch Scotts Tod wurde das Release Date nun um ein Jahr nach hinten verschoben und den Songs ist anzumerken wie sich das ursprüngliche Jubiläums-Cover-Projekt nun zu einer emotionalen Tributplatte für eine der wichtigsten und traurigsten Indie-Rock Bands des 21. Jahrhunderts verändert hat.

Alleine die Auswahl der Gäste ist ein Genuss für alle Freund*Innen emotionalen, melancholischen Indie-Rocks. Der Opener “The Modern Leper” wird gleich doppelt gewürdigt: einmal von Julien Baker, die bereits auf ihrem 2017er Album “Turn Out the Lights” mit ihrer zarten, zerbrechlichen Stimme die Musikwelt begeistert hat und die Verzweiflung des Songs über eine ungesunde Beziehung in bester , trauriger Singer-/Songwriter Manier mit Gitarre einfängt. Das andere Cover des Songs hat sich keine geringere Band als die schottische Band Biffy Clyro gewagt. Diese schwanken auf dem Song zwischen Noise-Rock und Folk-Punk. So experimentierfreudig hat man diese Band schon lange nicht mehr gehört!

Auch sehr Mitreißend ist die Verison von “Keep Yourself Warm”, zum besten gegeben von Benjamin Gibbard, Frontmann der musikalisch ähnlich düsteren Death Cab for Cutie. Eine Version arrangiert mit Geige, Glockenspiel und der LoFi Aufnahme der verzweifelten Stimme Gibbards. Doch die stärkste Gänsehaut erzeugt die Daughter Coverversion von “Poke”, einem der ehrlichsten Breakup Songs. Allein wenn Elena Tonra die ersten Verse “Poke at my iris / Why can’t I cry about this?” gewohnt flehend singt, gehen diese Zeilen direkt ins Mark.

Auf “Poke” folgt dann mit “Floating in the Forth” der Song, der oft als Vorbote von Scotts vermeintlichen Suizid gedeutet wird. Nach dessen Tod ist es besonders schwer die folgenden Zeilen zu hören: “Is there peace beneath / The roar of the Forth Road Bridge? / On the northern side / There’s a Fife of mine / And a boat in the port for me /  Fully clothed, I’ll float away / Down the Forth, into the sea / I’ll steer myself / Through chopping waves / As manic gulls / Scream „it’s okay“ / Take your life / Give it a shake / Gather up / All your loose change / I think I’ll save suicide for another year”. Die Band die diese Zeilen nun auf “Tiny Changes” singt, sind die Shoegazer von the Twilight Sad. Mit ihrer verzerrten shoegaze Version hätten sie den Song nicht besser würdigen können. James Alexander Grahams verzweifelter Gesang entfacht eine intime Atmosphäre in der es nahezu nicht möglich ist keine Träne zu verdrücken.

Und auch die anderen Versionen haben alle eine eigene Note der Bands. Oxford Collapse, eine ehemalige, längst vergessene Indie-Rock Band aus New York hat sich sogar extra wieder zusammengefunden um eine treibende Rock-Version von “I Feel Better” aufzunehmen. Selbst die kurzen instrumental Songs  des Original Albums werden in neuen Versionen vertont: The Philistines Jr. lassen ein atmosphärisches, experimentelles Klangspiel auf “Bright Pink Bookmark” los und the Nationals Aaron Dessner und CHVRCHES Lauren Mayberry singen im Duett “Who’d you push down the stairs last night? / I would’ve liked to have been a part of that” in ihrer Version von “Who’d You Kill Now?”

Mit “Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s “The Midnight Organ Fight” ist ein Cover Album entstanden dem tatsächlich keine Schwächen anzumerken sind, da alle beteiligten Artists den Frightened Rabbit Songs eine eigene emotionale und stilistische Note verleihen. Das ursprüngliche Album “The Midnight Organ Fight” ist das vielleicht bittersüßeste des 21. Jahrhunderts. Die Neuinterpretationen sind eine Würdigung an eine der einfühlsamsten, melancholischsten und poetischsten Bands der vergangenen Jahre. Scott Hutchinson wäre mit Sicherheit mehr als glücklich über das Ende seines finalen Projekts!



Menschen, die unter Depressionen leiden und Suizidgedanken haben, finden bei der Telefonseelsorge online oder telefonisch unter den kostenlosen Hotlines 0800-1110111 und 0800-1110222 Telefonseelsorge rund um die Uhr Hilfe. Die Beratungsgespräche finden anonym und vertraulich statt.

Angehörige, die eine nahestehende Person durch Suizid verloren haben, können sich an den AGUS-Verein wenden. Der Verein bietet Beratung und Informationen an und organisiert bundesweite Selbsthilfegruppen.


Label: ATLANTIC RECORDS
Veröffentlicht am: 12.07.2019
Interpret: Various Artists
Name: Tiny Changes: A Celebration of Frightened Rabbit’s “The Midnight Organ Fight”
Online: Zur Seite des Interpreten.


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