The Düsseldorf Düsterboys – Duo Duo

Rezensiert von am 2022-10-10

       

Eigentlich gab es da bereits ein melancholisches Album der Woche einer kleinen Indie-Formation – es war gut, charmant in seiner weirden Kreativität und seinem zuckrigen zerbrechlichen Pop. Aber dann gabs da eben auch noch die Düsseldorf Düsterboys. Und bei allen berechtigten props an die Band Sorry und ihr zweites Album, es ist “Duo Duo” der zwei Essener von Nebenan das nach drei Songs mein Herz so erobert hatte, dass ich nicht anders konnte.

Nimm meine Füße, Nimm meine Füße.

Schon Vincent Vega wusste, Füße sind was Besonderes! Spätestens wenn Peter Rubel und Pedro Goncalves Crescenti mit ihrem lässig-leicht-lakonischen Gesangsharmonien diese Zeilen singen, denke ich mir ganz platonisch: Ja verdammt! Her damit, gib mir die Füße! Das die beiden in Essen wohnen ist dabei genauso ein Widerspruch wie die Tatsache, dass ihre Texte oft keinen eindeutigen Sinn ergeben aber stets irgendetwas in einem bewegen. Rubel und Crescenti haben es so geschafft, gleich zwei der wohl spannendsten deutschen Alben der letzten Zeit herauszubringen. Mit zwei Bands! Duo Duo halt.

Wo “International Music” der laute, krawallige kleine Bruder ist, der mit fisseligem Krautrock und Kinks-Rotzigkeit das Parkett aufriss, ist “Düsseldorf Düsterboys” das ältere, ruhiger gewordene Geschwisterteil dass alles schon hinter sich hat, lieber schonmal ein Haus baut und einfach den Moment im Freien mit Akustikgitarre genießt.

Schon das Düsterboys-Debüt “Nenn mich Musik” hatte das Wort Charme quasi in Geißelhaft genommen, mit (so vertrauten) Lines wie: “Es gibt ein oder zwei oder drei oder vier oder fünf Parties und wenn die eine nichts taugt, dann gehen wir zu einer von den anderen vier Parties. Ich scheiß auf euch und such mir fünf oder sechs neue Freunde. Und wenn ich die gefunden hab geh ich zu einer der vier oder fünf anderen Parties.” oder natürlich: “Er holt den Kaffee aus der Küche. Er holt die Kippen aus dem Schrank. Er holt den Wein aus dem Keller und schlägt den Nagel in die Wand.”

Auch “Duo Duo” lebt von den großartig-sinnlos-ironisch-doch-sinnvoll?-assoziativen Texten. Diese Mischung aus alltäglichen Textfetzen, albernem Humor und subtiler Poesie ist so etwas wie die geheime Zutat in der Suppe den die beiden kochen. Sie weicht hier aber immer öfter der Musik, die mehr noch als zuvor im Spotlight steht. Dadurch verliert “Duo Duo” etwas von seinem potentiellen Kult-Faktor.  Was es aber zu hundert Prozent erfüllt ist, dass es dem Gefühl stets den Vorrang gibt – The Düsseldorf Düsterboys wollen keinem gefallen und das Rad neu erfinden – dafür gibts ja auch eine Björk.

Lavendeltreppen führen zu deinem Haus. Erkenn ich die Übersicht im Laub. Die Wolken die vorüberziehen, Schatten meiner Königin.

Die wohl schönste Wortneuschöpfung des Jahres geht mit “Lavendeltreppen” trotzdem auf das Konto der Beiden. Im mäandernden Fingerpicking baut sich dieser wunderschöne (Liebes-?)lied zur immer größer werdenden mystischen Hymne auf, bis die Streicher das Crescendo krönen, das man einfach nur laut aufschreien möchte! So simpel, so effektiv!

Wenn man wollte, könnte man diesem Album so ziemlich alles andichten: Ist Duo Duo nicht ein unheimlich starkes Zeichen gegen die Kommerzialisierung der Musik und des krampfhaften Experimentierens mit Digitalität? Eine Ansage gegen die Entfremdung im Kapitalismus! Oder ist es einfach eine Liebeserklärung an die deutsche Sprache, ein Akt der Rebellion gegen bedeutungsschwangere Welt-Erklärungen, klischeehafte Aphorismen und den Zwang alles in unserer globalisierten Welt kommentieren zu müssen? Ist es ein Aufruf dazu, dass weniger mehr ist und die Rettung im Kleinen, in Kommunen, der Freundschaft und der Rückbesinnung auf die natürlichen Kreisläufe des Lebens liegt, in handgemachter Musik und im moderatem Rausch?

“Ab und zu, schau ich mir selbst beim Kochen zu. Und was es gibt? Naja ich mach so gern Musik.”

Naja wahrscheinlich Nicht, Nö. Die machen einfach gern Musik. Und mehr muss es auch nicht. Die Musik der Essener schmiegt sich stattdessen mit seiner Wärme einfach so an dich, dass es wie eine Wolldecke im Herbst einfach gut tut den beiden zuzuhören (und wer braucht bei der bevorstehenden Gaspreisexplosion keine warme Decke!). Nur ganz selten bricht man mal die Gemütlichkeit auf und schreit laut auf (“Schlaf dich aus” – einer Mischung aus Sauflied und Lullaby), trommelt brasilianischen Tropicalismo (“Adieu, Adieu”) oder biegt die Gitarrenläufe in moderate Schiefheit (“Stars/Sternchen”). Diese überraschenden Elemente machen das Album zusammen mit den instrumentalen Interludes nicht nur vielschichtiger, sondern wirklich rund. Wie ein Kieselstein.

“Korn auf Korn, kleiner Kiesel wo geht’s lang?”

Wie meine Kollegin schon so treffend feststellte: das Großartige an der Musik der Ruhrpott-Byrds ist, das sie so frei von Zwängen zu sein scheinen, dass die große Suche nach Originalität der heutigen Zeit zerschellt, bei soviel genügsamer Wärme und freier Assoziation. “Duo Duo” lässt einen Mäuschen sein, bei zwei Freunden die einfach gute, liebevoll-unprätentiose Musik machen von der man nicht wusste, dass man sie braucht. Und da gerade zufällig zeitgleich der Gegenentwurf zu den Boys erschienen ist, kann ich nur empfehlen: wenn ihr die volle Ladung Kunst (aka Hirnfick) wollt, hört euch gern das neue (wirklich faszinierende) Björk Album an, und dann wenn eurer Schädel brummt, dann schmeißt einfach “Duo Duo” hinterher – ich verspreche euch danach fühlt ihr euch wie nach einer warmen Tasse Fencheltee und einer guten Zeit mit euren Freunden!


Label: Staatsakt / Bertus
Veröffentlicht am: 07.10.2022
Interpret: The Düsseldorf Düsterboys
Name: Duo Duo
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