Alvvays – Blue Rev

Rezensiert von am 2022-10-17

       

Als im November 1991 ein gewisser Kevin Shields und seine Band ihr heiß ersehntes Album herausbrachten, hatten sie 19 Studiobesuche hinter sich und mit den 250.000 Pfund Kosten ihr Label mutmaßlich an den Rand des Ruins gebracht. Das Ergebnis war zwar das Ende von My Bloody Valentine, aber immerhin Grundstein für ein eigenes Genre. Shoegaze. Leute die auf ihre Schuhe starren. Introvertierte Gitarrennerds, sagt das Klischee. Was willst du auch machen bei so vielen Effektpedalen?

2022 sind die Spuren davon überall zu finden, von Oasis bis zu Tame Impala – und ab sofort auch bei Alvvays. Vor Sieben Jahren zündeten sie mit “Archie, Marry Me” eine Dream-Pop-Indie-Rakete die sie auf Touren um die Welt schoss und Indie-Pop-Legende Ben Gibbard zum Cover hinriss. Ohrwurmmelodien und ausgiebiges Musikwissen haben sie schon damals gezeigt – “Blue Rev” ist all das – nur in Perfektion.

I dropped out College education’s a dull knife

If you don’t believe in the lettered life

Then maybe this is our only try

And how do I gauge Whether this is stasis or change?

Es ist absolut erstaunlich, dass jeder der 14 Songs auf diesem Album so voll eingängig-mitreißender Hooks ist, das man glatt 5 Jahre damit verbringen könnte Singles auszukoppeln – und dass obwohl es kaum Refrains gibt!

Jetzt könnte man annehmen, man ist dem ganzen nach zwei Durchläufen überdrüssig. Doch Blue Rev steckt voller Überraschungen: Es gibt Whitney Houston-würdige stimmliche Höhenflüge (“Lottery Noises” & “Belinda Says”), saubere Jangle-Gitarren wie zu den Hochzeiten der 60er, dreckige Gitarrenlicks wie sie Pavement nicht schöner hätten zusammenquengeln können (“Pomerian Spinster”), jede Menge 80s Vibes (“Very Online Guy”) und natürlich ohne Ende Echo. Echo. So schwebt der charmant-zuckrige Pop stets über eine Wall of Sound die auch Oasis oder besagte My Bloody Valentine stolz machen würden.

After the earthquake

Pictures hanging diagonally

Drive-thru crying in a milkshake

It wasn’t built to last

“Blue Rev” lebt vom ständigen Gefühl der Nostalgie, hoffnungsvoller Melancholie und Vergänglichkeit. Es ist so ein bisschen der rote Faden, der die collagenartig-eloquenten Texte von Sängerin Molly Rankin durchzieht. Man blickt selten durch, worum es konkret geht und doch mangelt es nicht an einprägsamen Textzeilen. Wenn sie in einem Song davon singt wie ihr nach einem Erdbeben Tränen in ihren Milchshake kullern und sie danach fragt warum man sich je wieder verlieben sollte, hat man das Gefühl, man sitzt auf dem Beifahrersitz ihres Autos.

Oder wenn sie die Schmetterlingsphase einer Beziehung mit Lotterielos-Geräuschen vergleicht und ermuntert doch nochmal einen “Shot” zu wagen. Dann denkt man sich gleichzeitig “Hä?” und “irgendwie schönes Bild”. Und darum geht es hier ja schließlich – du sollst den Wall of Sound nicht verstehen, du sollst ihn fühlen! Intuition > Rationalität. 

Alvvays dritte Platte ist so etwas wie das perfekte Dream Pop Album geworden – es ist der treibende Nostalgie Sound einer Band die auf ihrem Zenit zu sein scheint. Dabei hätten die Vorzeichen kaum schlimmer sein können: Während der Aufnahmen wurde bei der Sängerin eingebrochen, Instrumente geklaut, Demos versehentlich gelöscht und irgendwann war dank Corona die Rhythmus-Fraktion vom Rest zwei Jahre durch den Atlantik getrennt. Das Ergebnis dürfte die Band über all das hinweggetröstet haben. Was sind da schon ein paar Tränen im Milchshake?


Label: Polyvinyl / Transgressive
Veröffentlicht am: 07.10.2022
Interpret: Alvvays
Name: Blue Rev
Online: Zur Seite des Interpreten.


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