Public Service Broadcasting – Bright Magic

Rezensiert von am 28. September 2021

       

Die Faszination der Großstadt, des anonymen Raums, der gleichzeitig das Potential zur absoluten Entfaltung aber auch zur absoluten Vereinsamung birgt – die Essenz einen einzigen Stadt in Musik einzufangen gelingt selten so metaphysisch und ohne groß beschreibende Worte a la Peter Fox etc. zu benutzen, wie auf dem neuen Album von Public Service Broadcasting. 

Das Trio aus London verfolgt seit 2009 mit ihren Alben immer übergeordnete Konzepte. So lassen sich auf diesen auch keine 2:30 minütigen Radiohits finden, sondern Geschichten, Botschaften und manchmal einfach nur eine große Atmosphäre. Bei Alben über die Luftschlacht um England im zweiten Weltkrieg, den Wettlauf ins All zwischen UdSSR und den USA oder zuletzt die britische Kohleindustrie wirkt die vierte LP mit ihrem übergeordneten Thema “Berlin” schon fast etwas profan. Aber die Musiker J. Willgoose Esq., Wrigglesworth und JF Abraham beginnen schon mit dem Titel einen unglaublichen Raum an Assoziationen für diese Stadt aufzumachen, die nichts mit einer merkwürdig lokal-patriotischen Auseinandersetzung oder gentrifiziertem Kult zu tun haben. Bright Magic ist angelehnt an eine Kurzgeschichte von einem der bekanntesten deutschen expressionistischen Schriftsteller, Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz), womit die Richtung dieses Albums hin zum mythischen, illuminierten Berlin der Stummfilmzeit gelenkt wird.

Wenn du zur Arbeit gehst

am frühen Morgen,

wenn du am Bahnhof stehst

mit deinen Sorgen:

da zeigt die Stadt

dir asphaltglatt

im Menschentrichter

Millionen Gesichter

Kurt Tucholsky – Augen in der Grossstadt

Die Stadt im düsteren, hypnotischen Licht erforscht Willgoose, elektronischer Zaubermeister der Band, für neun Monate in Kreuzberg. Er komponiert in dem legendären Hansa-Studio das neue Material – genau dort wo schon David Bowie, Brian Eno oder Depeche Mode ihre Berlin – Alben aufgenommen haben. So viel ist an Einflüssen und Idee hinter dem so organisch und kinematografisch klingenden Sound, dass die Band selbst bei einer listening-Party auf Twitter die ganzen Verweise auseinandernimmt. Jeder einzelne ist wichtig, um ihre Vision eines Berlins irgendwo zwischen Fritz Langs’ Metropolis (1927), den Golden Twenties, einer dystopischen Blade-Runner Stimmung in den 80ern und expressionistischer Kunst zu verstehen. Jeder Song auf diesem Album setzt diese Essenz zusammen. Aber der Reihe nach.

1. Akt: der physische Aufbau der Stadt und ihre Industrie und ihr Status als Stadt des Lichts

Berlin, gebaut auf Marschland. Der Sumpf (Sinfonie einer Großstadt) eröffnet das Album mit einer direkten Referenz auf den Film von Walther Ruttmann von 1927. Mit lang gezogenen Tönen und einem darunter wummernden und ab der Hälfte heran rasenden Beat hat man die ikonische Zugfahrt in die große Stadt direkt zu Beginn vor Augen. Verhallende Glocken im Hintergrund kündigen die nahende Ankunft an, ein immer schneller und höher werdender Klang vermischt sich mit industriellen Samples aus der Audio-Collage “Wochenende” von Ruttmann. 

Dann folgt eine Anrufung auf deutsch: “Mach schon!” und die Explosion “Im Licht”. Spacige Synthies verschmelzen in vielen kleinen Triolen ineinander, der Beat aus dem Opener pocht leise weiter. Als hätte man in die pulsierende Hauptstadt der 20er Jahre in sphärisches Licht getaucht, die jetzt leuchtet und schimmert und der Mittelpunkt der Welt zu sein scheint – ein Eindruck, der nicht von ungefähr kommt, denn hier wird auf die gleichnamige Ausstellung von 1928 referiert, wo Berlins größten Leuchtmittelfirmen ihre neuesten Kreationen vorstellten. Klar, das man als Musiker dann für den Rhythmus des Songs auf Glühbirnen klopft und ein Stück von Kurt Weill (Berlin im Licht) sampelt, dass dieser für die Ausstellung komponierte. Natürlich, das ist der einfachste Weg. Public Service Broadcasting wären nicht sie selbst, wenn sie ihre Tracks nicht auf aus den Tiefen von Archieven gezogenen Ton- und Filmmaterial bauen würden – oder zur damals ersten voll-elektrisierten Straße in Berlin fahren, dort mit elektromagnetischen Empfänger den Puls dieser Laternen aufzunehmen und daraus ihre Bass Drum bauen würden.

Mit Der Rhythmus der Maschinen endet der erste Akt des Albums auf der dunklen Seite der Stadt. Zu Industrial Techno zerbricht Berlin in eine menschenfeindliche Welt Richtung Metropolis. Hierbei wird nicht nur Langs’ Stummfilm im Video sondern ab Minute 1:38 auch kurz der gleichnamige Song von Kraftwerk zitiert. Erst nach zweieinhalb Minuten steigt Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten, welche Band könnte hier passender sein?) ein und liefert die Lyrics zu dem sehr direkt zitierten, aber ins 21. Jahrhundert geholte Bild. Das Moloch, in dem sich der Mensch als Teil einer riesigen Maschine zugrunde richtet – darunter pocht beschwörend der von Willgoose als “Blade Runner”-Synthesizer beschriebener Klangteppich. Das dystopische Bild in dem düstersten Track des Albums endet plötzlich, wie ein Bild, das von einem Projektor ausgeknipst wird.

2. Akt : Aufbau des Mythos Berlin

Nachdem wir den Grundstein für die Stadt und einige ihrer mythischen Figuren gelegt haben, machen wir den kreativen Sprung durch Kubricks Sternentor, in die reine Abstraktion und den Expressionismus und unseren eigenen, bereits erwähnten Sprung ins Ungewisse.

Public Service Broadcasting

Dieser Sprung startet in die schillernde Diskowelt der 80er Jahre, in denen sich Rollstuhlfahrerinnen in bunten Morphsuits ekstatisch auf verregneten Parkplätzen in den Sonnenaufgang bewegen. Der Gesang von Musikerin EERA fordert so neutral und technisch in People. Let’s Dance, klar, zum Tanzen auf – dass diese Zeitreise sofort funktioniert. So ist es der am wenigsten sphärische, aber dafür eingängigste Song auf Bright Magic.

Andreya Casablanca (GURR) holt mich in Blue Heaven dann wieder raus aus der Tanzstimmung und weiter in Richtung “Heroes”. Der dumpfe Beat aus dem ersten Akt ist wieder da und explodiert in die rockige Energie von in der Großstadt umherstreifenden Kids. Blue Heaven – einst ein von Marlene Dietrich gesungener Song und wieder eine Referenz zu meiner persönlichen Hochzeit der deutschen Films. Im Speziellen auf “Der Blaue Engel”(1930), dessen explosive Emanzipation durch Dietrich, ihr Selbstbild und ihre Kraft von Casablanca neu interpretiert wird und die Stärke dieser Figur wunderbar mit ihrem Gesang ausdrückt. Gib mir das Licht driftet danach in eine etwas beklemmende Richtung wenn EERA, hier auf deutsch, in sehr hohen Lagen nach dem Licht verlangt. In einem traurigen, wiegenden Rhythmus wird auf das Gedicht “Kokain” von Schauspielerin Anita Berber referiert, die im Berlin der Weimarer Zeit das Symbol für Exzess und Schönheit war. Die Schattenseiten der Kokain- und Morphinabhängigkeit stellvertretend für die Schattenseiten des Partylebens – zu denen eine Klarinette sanft einsetzt und in die ausklingenden Glockenlichter der Großstadt verhallt.

The Visitor schließt diesen Akt mit wahrlich epischen Weltraum Vibes ab – oder wieder mit Blade Runner-Theatralität. Da wird das Schlagzeug pompös rausgeholt unter triumphierenden Akkorden, die Metropole strahlt wie zu ihrer besten Zeit, und fast haben wir wieder nur die Lichter aus diesem sehr viel bewegteren Akt im Kopf.

3.  Akt: Bilder der Vergangenheit

Zum Ende von Bright Magic wird es dann symphonisch, atmosphärisch mit den drei zusammenhängenden “Lichtspielen”, die alle filmische Referenzen in sich tragen. Genauer gesagt auf artifizielle Werke der 20er ohne Ton und genau das sollen diese Spiele von Public Service Broadcasting sein – der passende Soundtrack. Der wabernde Sound von Opus (1925, nach den ersten animierten Filmen aller Zeiten von Walther Ruttmann) klingt etwas als würde eine Orgel unter Wasser gespielt werden. Und dann in einem fast schmerzhaften Klangcluster an elektronischen Sound verschmilzt, mit dem eine sanft-verhallende Klaviermelodie am Ende ein beklemmendes Gefühl erzeugt. Schwarz Weiss Grau geht energetischer voran, mit Spoken Word Passagen wird Bezug auf einen Kunstfilm (1930) von Lászlo Moholy-Nagy genommen, einem Vertreter der Bauhaus Bewegung.

Die Symphonie Diagonale führt in ihrer Stimmung dann auf das Ende von Bright Magic hin. Mit einem langsamen Klaviersolo über schimmernden Synthies, die wie die Lichtstrahlen in der Symphonie Diagonale (1925) von Viking Eggeling in die Dunkelheit hervorbrechen. Der Closer Ich und die Stadt ist wohl einer der schönsten Schlusspunkt für ein Alben, die ich je gehört haben und fasst den Kern von Bright Magic zusammen: Schauspielerin NIna Hoss rezitiert über Regengeräuschen (BLADE RUNNER!) aus Schöneberg und dem weißen Rauschen von vorbeifahrenden Autos ein Gedicht von Kurt Tucholsky. Die gleichzeitig einsamen aber auch ruhigen Zeilen über flüchtige Momente der Begegnung in einem Menschenmeer schließen das intime Setting in diesem Akt. Und auf eine merkwürdige Art ist es als glaubte man ein Stück der Seele dieser Stadt nach den vergangenen 45 Minuten mehr zu verstehen.

Zwei fremde Augen, ein kurzer Blick,

die Braue, Pupillen, die Lider –

Was war das? vielleicht dein Lebensglück…

vorbei, verweht, nie wieder.

Kurt Tucholsky – Augen in der Grossstadt

“Bright Magic” ist ein atmosphärisches, kreatives und intertextuelles Meisterwerk. In diesem Album steckt unfassbar viel an Geschichte, an Ästhetik und letztendlich ganz viel persönlich-kultureller Bindung zu der deutschen Hauptstadt. Döblin, Tucholsky, Dietrich, Ruttmann, Blade Runner … Public Service Broadcasting haben mit ihren drei Akten, oder sollte man sagen, Sätzen, hier eine eigene Symphonie einer Großstadt gestaltet, in die man sich stundenlang mit all ihren Referenzen vertiefen – oder sich einfach von ihrer Wirkung überströmen lassen kann.


Label: Play It Again Sam
Veröffentlicht am: 24.09.2021
Interpret: Public Service Broadcasting
Name: Bright Magic
Online: Zur Seite des Interpreten.


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