Moritz Krämer – Die traurigen Hummer

Rezensiert von am 2021-10-06

       

An manchen Tagen liege ich mitten im Zimmer Rücklings auf dem Boden und werfe einen Ball in die Luft. Wenn der Ball so nah wie möglich an die Decke fliegt – aber diese nicht berührt – dann war das ein guter Wurf.
So oder so macht es eigentlich keinen Unterschied, nach einem guten wie schlechtem Wurf fliegt der Ball wieder Richtung Decke und dann zurück zum Boden. Egal wie weit er meine Erwartungen erfüllt hat. Das ist eine faszinierend-meditative Wurfaufgabe: Man lässt den kleinen Kreis fliegen, die höchste Geschwindigkeit ist direkt nach dem Start erreicht und dann wird es immer langsamer, träger. Und kurz vor dem Ziel, so knapp davor, kommt es zum Halt und zum Umkehr der Richtung.

Wo willst du hin mit deiner Wut im Bauch?

“Nackt und einsam”

Der Einstieg in Moritz Krämers Album lässt mich das Leben meines Balls nachempfinden. Möchte er eigentlich am liebsten jedes mal wenn er meine Handfläche verlässt, die Decke berühren und quält es ihn, das meist nicht zu schaffen? Oder verfolgt er insgeheim sogar das selbe Ziel wie ich?

Wenn ich dem Ball Emotionen und eigene Wünsche unterstelle, möchte ich ihm noch Sinne schenken. Zumindest den des Hörens. Dann kann er sich mit mir Nackt und einsam anhören. Vielleicht lernt er dann, die Dinge so zu nehmen, wie sie kommen. Teil des großen Plans, in dem auch ich mich irgendwann Richtung Decke bewege, während diesmal der Ball am Boden liegen bleibt.

Mein Mitbewohner hat im letzten Monat seine Kochausbildung angefangen. “Hör dir mal bitte das Lied die traurigen Hummer an.”, rufe ich ihm noch zu, bevor ich die Wohnung verlasse. Eigentlich geht’s da gar nicht wirklich um Hummer, aber ist ja trotzdem ganz witzig vor dem Hintergrund, denke ich mir.

Früher war ich manchmal witzig,

sonst hätt’st du nicht gelacht.

Heut sind meine Witze,

eher traurig maximal Quatsch.

“Austauschbar”

Im Hummerlied geht’s nicht um Hummer und in Nackt und einsam sollen wir trotz allem Glücklich sein. Das zumindest fällt mir bei diesem Album nicht so schwer. In gewohnter Manier werden Geschichten erzählt, die ich so zwar nie erlebt habe, die mich aber trotzdem wie bei einem Horoskop, zustimmend nicken lassen. “Ja so ist es, das fühle ich, gut getroffen”.

In einem Radio Q-Interview von 2019 erzählte Francesco Wilking, der Bandkollege von Moritz Krämer bei der Band Die Höchste Eisenbahn, wie die beiden an das Songschreiben herangehen:

Es kommt alles aus dem Nichts. Wir haben kein Thema dem wir uns anzunähern versuchen. Wir schreiben drauf los und der eine sagt “Ich hab das Bild” und der andere “ne ich hab das Bild.”

Francesco Wilking (Die Höchste Eisenbahn) im Radio Q-Interview

Ich wollte schon lange mal wieder nach Hause fahren und da gibt es kaum etwas, was ich auf der Fahrt lieber hören möchte, als diese Lieder, die es schaffen, so viele Bilder zu malen. Wenn ich dabei nicht sofort alles verstehe, kann ich es auch nochmal hören. Dann verstehe ich es auch jedes mal auf’s Neue nochmal ganz anders.
Das vierte Mal durchhören finde ich jetzt immer noch nicht schlimm. Wieder verwehrt mir jeder Song einen Aspekt seines Ganzen. Die bekannt-abwechslungsreiche Instrumentalisierung und die vernuschelnden Parts, bei denen ich teils wirklich Kopfhörer aufsetzen muss um sie zu verstehen (Beweisen), verleiten mich dazu, das ganze Album mal nebenbei zu hören und mich im Schwebezustand tragen zu lassen. Und dann, nach einer Zeile, die mich wieder voll an die Decke klatscht, komme ich schnell auf den Boden der Tatsachen zurück. Dann muss ich alles zur Seite legen und den Song ganz genau verfolgen.

Moritz Krämer singt auf Die traurigen Hummer über Beziehungen, in Freundschaft in Liebe, zu sich selbst und zu Anderen. Und ich fühle mich beim Zuhören wie der Ball, der immer wieder ganz knapp unter die Decke geworfen wird.

Ein letzter Gegensatz tut sich mir auf passend dazu möchte ich noch ein Wort zu dem Closer des Albums Jetzt schreiben. Ich bin dann nämlich gar nicht in die Heimat gefahren, auch wenn ich das Gefühl habe, meine “alten, besten Freunde” warten dort jetzt tatsächlich schon auf mich. Aber, wie Moritz es singt: “jeder muss gucken wo er bleibt”.

Also biege ich links auf die Promenade ab, lasse den Bahnhof liegen und fahre in Richtung der Redaktion am Aasee. Hier liege ich auf der Wiese, und gucke zum Himmel hinauf. Ich hab auch den Ball mitgenommen und werfe ihn einfach so in die Höhe. Ganz ohne Begrenzung werfe ich ihn hier hoch. Am Scheitelpunkt verharrt er kurz, schwebt, nimmt wieder Geschwindigkeit auf – und fliegt hinauf in den Kosmos. Jetzt ist er Frei.

Link zum Interview mit Die Höchste Eisenbahn: www.youtube.com/watch?v=zq-iQv2VZew


Label: Tapete Records
Veröffentlicht am: 01.10.2021
Interpret: Moritz Krämer
Name: Die traurigen Hummer
Online: Zur Seite des Interpreten.


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