Lupin – „Lupin“

Rezensiert von am 12. Oktober 2020

       

“I think I’ve always loved just manipulating my voice as much as possible.” Viel besser könnte man das erste Soloalbum von Hippo Campus- Sänger Jake Luppen nicht in einem Satz beschreiben. Auf seinem selbstbetitelten Debüt Lupin treibt der Musiker seine Stimme mal natürlich im Falsett, mal ins fast Unhörbare hochgepitcht und mal durch Autotune unwirklich verzerrt an die Grenzen. Letzteres “Stilmittel” wird ja mittlerweile fast von jedem*r Popmusiker*in eingesetzt und meist nicht unbedingt auf eine innovative Art. 

Der amerikanische Musiker Jake Luppen schafft es aber bei seinem Soloprojekt Lupin, die künstliche Bearbeitung seiner Stimme immer genau pointiert einzusetzen, und so raffiniert über einen 80ies New Wave Sound zu legen, dass es an keiner Stelle eintönig wird. Geschrieben und produziert nicht nur direkt nach dem letzten Hippo Campus-Album Bambi, sondern auch während einer Tour mit dieser Band, hat Luppen es geschafft, einen sehr dynamischen, aufregenden und frischen Sound zu entwickeln. Der ist genauso viel von Charlie XCX’s Pop 2 wie von Tears for Fears und vor allem auch Prince beeinflusst, mit der Absicht, die Musik der 80er mit dem Filter der modernen Technik zu überziehen. Gemeinsam mit BJ Burton, der unter anderem mit Bon Iver zusammenarbeitete, entwickeln sie ein Album, dass die musikalischen Interessen von Jake Luppen 100% in den Vordergrund rückt, und all das miteinbezieht, was nicht zum Stil von Hippo Campus gepasst hätte. Der Sänger bringt in den Tour-Pausen neue Texte, Melodien, Instrumente und natürlich seine Stimme mit ins Studio und dann nimmt BJ alles auseinander. Der Produzent manipuliert und dekonstruiert auf Lupin den Gesang und Songstrukturen radikal: fragmentierte Drum-Loops prallen auf angehauchten Falsettgesang, harte Gitarrenlinien folgen über Syntheziserbrüchen. Dadurch entsteht ein sehr intuitiver Klangeindruck, fast so als könnte man dem Künstler beim Experimentieren live zuhören.   

Der Opener “Harbour” startet mit einem sehr hohen, künstlich verzerrten Gesang, der zunächst allein steht und etwas anstrengend wird, bis dann – gott sei dank – kein Trap-Rhythmus einsetzt, sondern ein dahin plätschernder langsamer Beat, im Hintergrund sanfte Bläser ala Bon Ivers’ “22 (Over Soon)”. So gemächlich wie dieser erste Track ausklingt, hat man wirklich das Gefühl, man würde in einem Hafen ankommen. In “Vampire” folgen dann etwas melancholischere Klängen, mit wellenförmigen Synthies wird ein romantischer Abend eines Vampirs beschrieben der ein bisschen endzeit-mäßige Anklänge in den Lyrics birgt. Dieser Song und auch das  darauffolgende “Murderer” haben trotz der leicht depressiven Lyrics durch die etwas hallende, immer wieder nach oben ausschlagende Stimme Luppens’ einen verruchten Anklang, der an die Verspieltheit von Prince’ “Dirty Mind” erinnern. 

Den Gitarrenteil für den “KO-Kid” (Drums von JT BAtes als Feature)  hatte Jake Luppen schon sehr lange in seiner Schubladen, jedoch fiel es ihm schwierig, eine Melodie darüber zu verfassen. Also entschied er sich einfach darüber mit seiner Stimme die Strophen zu improvisieren, definitiv einer der experimentellen Tracks, aber gerade wegen dieser Spontanität unglaublich gut, denn es klingt trotzdem nicht unfertig. Nach “Lazy” in dem der Sänger seine Depressionen nach einer Trennung verarbeitet erreich Lupin in „May” mit nochmal einer volle Ladung chilliger 80ies Vibes, Klatschrhythmen und wieder Falsett-Gesang, der zum Refrain von harschen Noise-Breaks “gestört” wird, seinen Höhepunkt. Über das wieder prince-eske, Richtung R’n’B driftene “Gloomy” endet dieses Album sehr viel leiser und entspannter all das, was zuvor passiert ist: zum Ende von “NZ” verschwimmt der gehauchte Gesang Lupins in einem leisen Rauschen, das dann wie ein Radio abgeschaltet wird.

Jake Luppen liefert mit seinem Soloprojekt Lupin und dem gleichnamigen Debüt ein experimentelles Elektro-Pop Album, das vor Referenzen und überraschenden Brechungen voll ist und zeigt, wie gut man mit Autotune tatsächlich künstlerisch arbeiten kann. Dass sein Album in Zeiten der Isolation rausgekommen ist, findet Luppen übrigens sehr viel besser als unter „normalen“ Umständen. Denn die Menschen sind jetzt hauptsächlich zuhause, können sich mit der Platte auf Bett setzen und wirklich zuhören. 


Label: Transgressive Records Ltd.
Veröffentlicht am: 09.10.2020
Interpret: Lupin
Name: Lupin
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