Little Simz – Sometimes I Might Be Introvert

Rezensiert von on 7. September 2021

       

Ain’t I A Woman?

Die Interdependenz der Marginalisierung von Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Klassenzugehörigkeit oder ihres Geschlechtes ist mittlerweile eine jahrhundertealtes Phänomen und geschichtlich gesehen gehen sowohl der Klassenkampf, als auch die Kämpfe für die Gleichberechtigung der Frau und für den Antirassismus schon lange Hand in Hand. Hier einen vollständigen Abriss über die Entwicklung dieser Bewegungen zu geben wäre viel zu weit gefasst, doch schon in den 1830er Jahren, nicht lange vor dem amerikanischen Bürgerkrieg, schlossen sich ein großer Teil der damals weiß dominierten, frühen feministischen Bewegung der amerikanischen Mittelklasse der derzeitigen Befreiungsbewegung an. Besonders zu nennen sind hier beispielsweise die Grimke-Schwestern, die in dieser Zeit wichtige Aufklärungsarbeit für die Befreiungs- und Emanzipationsbewegung leisteten. [1]

Doch prägend für den Begriff der Intersektionalität war auf diesem Gebiet vor allem eine Frau: Sojourner Truth. Die ehemalige Sklavin hielt im Jahr 1851 auf der Frauenrechtskonvention in Akron, Ohio eine Rede mit dem Titel “Aint’t I a Woman?” [2], die unmissverständlich deutlich klar machte, dass Frauen eben nicht nur wegen ihres Geschlechtes, sondern gleichzeitig auch wegen ihres ethnischen Hintergrundes und ihrer Klassenzugehörigkeit diskriminiert werden und die damalige emanzipative Bewegung tatsächlich tiefgreifend strukturell rassistische Züge aufwies. [3]

That man over there says that women need to be helped into carriages, and lifted over ditches, and to have the best place everywhere. Nobody ever helps me into carriages, or over mud-puddles, or gives me any best place! And ain’t I a woman?

https://www.nps.gov/articles/sojourner-truth.htm

Heutzutage spricht man häufig von Interdependenz statt von Intersektionalität, um die wechselseitige Abhängigkeit der verschiedenen Formen von Unterdrückung zu beleuchten, statt diese als einzelne Stränge darzustellen. [4]

Doch unabhängig davon ist es noch immer außerordentlich bedeutsam, wenn heute, fast 200 Jahre nach Sojourner Truths Rede und nun schon 92 Jahre nach der Einführung des vollständigen Frauenwahlrechts im Vereinigten Königreich, eine junge Frau aus London explizit politische Musik veröffentlicht, die sich nicht nur mit ihren Anstrengungen als schwarze Frau in einer patriarchalen, großteils strukturell rassistischen Gesellschaft auseinandersetzt, sondern gegen diese auf höchstem musikalischen Level mit unglaublichem Mut, Charakter und Stärke  vorgeht. Genau dies tut Little Simz, bürgerlich Simbiatu Abisola Abiola Ajikawo aus London auf ihrem am 5. September veröffentlichten vierten Album “Sometimes I Might Be Introvert”.

Sometimes I Might Be Introvert

“Sometimes I Might Be Introvert” ist übrigens nicht nur eine Line aus dem Opener des Albums “Introvert”, sondern tatsächlich ein Akronym für Ajikawos Spitznamen “Simbi”. Als Kind nigerianischer Eltern wuchs Simz im Nordlondoner Stadtteil Islington auf und fing bereits mit 11 Jahren an, im dortigen Jugendzentrum zu musizieren. Von dort aus bestritt sie einen vergleichsweise steilen Karriereweg und veröffentlichte so nicht nur vier Studioalben, sondern ging unter anderem mit den Gorillaz auf Tour und gründete ihr eigenes Label “AGE 101”, das seit 2018 von AWAL Recordings (Sony Music Entertainment) vertrieben wird. Schon seit 2010 ist Ajikawo außerdem im Schauspiel tätig.  

Selbst beschreibt Little Simz ihre Musik als Rap und Experimentalmusik und “Sometimes I Might Be An Introvert” überzeugt musikalisch auf voller Länge. Unglaublich durchdacht produziert mischt Ajikawo feinfühlige Oldschool-Beats mit fast schon trap-lastigen Parts, funkige Soulpassagen mit aggressiven Grime-Elementen und schafft es dabei tatsächlich, jede Stilrichtung perfekt angemessen aufleuchten zu lassen. 

Introvert

Der Opener “Introvert” macht ohne jegliche Umwege sofort und unmissverständlich klar, in welche Richtung dieses Album geht. Getragen von cineastischen, majestätischen Bläsern, Trommelwirbeln und einem treibenden Oldschool-Beat rappt Simz über politische Korruption und soziale Ungerechtigkeit in England. Dabei zeigt sich die Musikerin verletzlich und betont einerseits die Unausweichlichkeit, sich als BIPoC-Frau (Black, Indigenous, People of Color) in England unpolitisch zu zeigen, andererseits die eigene Introvertiertheit und Schüchternheit.Gleichzeitig wirkt “Introvert” entgegendessen aber wahnsinnig energisch und widerlegt das weit verbreitete Missverständnis, Introvertiertheit sei mit Schwäche gleichzusetzen.

Man, it’s like they can’t sleep till our spirit is crushed

How much fighting must we do? We’ve been fearless enough

All we seen is broken homes here and poverty

Corrupt government officials, lies, and atrocities

How they talking on what’s threatening the economy?

https://genius.com/Little-simz-introvert-lyrics

Woman

Der zweite Track des Albums ist der wohl feministischste Song der Platte und trägt den passenden Titel “Woman”. Unterstützt wird Little Simz durch die Londoner R&B Sängerin Cleo Sol. “Woman” ist eine Empowermenthymne auf jegliche BIPoC-Frauen, die Ajikawo inspirieren, beispielhaft zu nennen sei hier Donna Summer als Disco-Queen der 70er Jahre.

Brooklyn ladies, know you hustle on the daily

Innovatin’ just like Donna Summer in the eighties

https://genius.com/Little-simz-woman-lyrics

Besonders hervor sticht dabei die schiere Positivität und kompromisslose Bewunderung ohne jegliche, von Konkurrenzdenken geprägte Hintergedanken. Erneut setzt sich Ajikawo lyrisch auf selbstbewusste Weise mit ihren nigerianischen Wurzeln auseinander und nennt so unter anderem  “Naija Women” als Inspirationsquelle, eine Abkürzung für die weibliche Jugend Nigerias, die sich explizit für einen positiven Wandel in der nigerianischen Gesellschaft einsetzt. Musikalisch ergänzen sich hier ein Old-School Drumbeat mit feinfühlig eingesetzten Streichern, auf die Little Simz mit scheinbar vollkommen mühelos entspannten Flow rappt.

Die Notwendigkeit der lauten und stolzen Kunst

Wenn im Jahr 2021 polizeiliche Willkür täglich Opfer fordert [5] und emanzipative Bewegungen in Belarus oder Polen immer wieder durch die Machthabenden unterdrückt werden [6], um nur einige wenige präsente Beispiele zu nennen, dann kann es sich noch immer nur ein kaum greifbar geringer Bruchteil der Menschheit erlauben, unpolitisch zu sein. Umso hoffnungsvoller stimmt es deshalb, wenn ein Album wie “Sometimes I Might Be Introvert”, dass nur so strotzt vor Black und Female Pride, sowohl die absolut verdiente Aufmerksamkeit der etablierten Musikpresse als auch der breiten Masse erfährt. Kunst, die laut und stolz ist, wie Little Simz’ Musik, ist gleichzeitig außergewöhnlich mutig und schlichtweg notwendig. “Sometimes I Might Be An Introvert” ist dabei nicht nur lyrisch, sondern ebenfalls musikalisch ein Gesamtkunstwerk und wir sind gespannt auf den Weg, den diese junge Engländerin noch bestreiten wird.


[1] Davis, Angela Y. (1981). Women, Race & Class. (S. 35). London: Penguin Books.

[2] Davis, Angela Y. (1981). Women, Race & Class. (S. 61-75). London: Penguin Books.

[3] Davis, Angela Y. (1981). Women, Race & Class. (S. 53-55). London: Penguin Books.

[4] https://gender-glossar.de/i/item/25-intersektionalitaet

[5] https://policeviolencereport.org/

[6] https://www.tagesschau.de/ausland/europa/belarus-kolesnikowa-haftstrafe-101.html


Label: AGE 101 MUSIC (AWAL Recordings Ltd)
Veröffentlicht am: 05.09.2021
Interpret: Little Simz
Name: Sometimes I Might Be Introvert
Online: Zur Seite des Interpreten.


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