Ibibio Sound Machine – Electricity

Rezensiert von am 28. März 2022

       

Nicht jedes Album muss zum Glück dem Anspruch genügen, den Durst von geneigten Kritiker*innenherzen nach sozial-kritischen Statements in noch nie zuvor dagewesener Klangkunst zu befriedigen. Es gibt diese Alben, in denen die Botschaft (eine Explosion an Liebe und Lebensfreude) einfach gehalten sein kann und die trotzdem ihren Zweck als Balsam für die Seele erfüllt. Passend zu dem sonnen-durchtränkten Frühlingsanfang macht Ibibio Sound Machine mit ihrem neuen Album ohne Kompromisse genau das. 

Foto: Jeremy De Luna

Musikalisch innovativ ist “Electricity” zum Glück auf ganzer Linie, aber eben nicht auf eine hochgestochen-penetrante Art, sondern mit der Leichtigkeit eines Tanzes im Sommerregen. Gegründet 2010 in London von Produzent Max Grunhard, Leon Brichard und Benji Bouton ist die Band Ibibio Sound Machine mittlerweile zu einer siebenköpfigen Formation gewachsen, die tradionellen Afrobeat der 80er auf Post-Punk und Drum’n’ Bass treffen lassen. Fela Kuti-Vibes in einem futuristischen Gewand quasi, deren Energie man sich kaum entziehen kann. Seit ihrem Debütalbum 2014 bringen sie mit Sängerin Eno Williams, die von ihrer Mutter Ibibio (Sprache des nigerianischen Ibibio-Volks) gelernt hat, eben diese neben englisch in ihre Lyrics mit ein. Electricity ist das vierte Album der Band und gleichzeitig ihr erstes mit mehr externen Einflüssen. Und zwar von niemand geringeren als Electro-Pop Band Hot Chip, die von der Zusammenarbeit begeistert waren:

“There are very talented musicians throughout the band, and Eno is a massively charismatic, skilled singer. The sessions were hugely rewarding as Ibibio brought in friends and collaborators to add a wide array of different instruments— some of which were unfamiliar to us. The songs on this record are uniformly great, and we were really happy to be a part of making it.”

Hot Chip bei djmag.com

Im Opener Protection From Evil ballert die Sound Machine mit Synthies tief aus den Achtzigern entsprungen los. Und Eno Williams spittet einem auf Ibibio ihre gesamte Power in diesen ersten viereinhalb Minuten um die Ohren. Um hier mal klar zu machen, was Sache ist. Die Drum’n’Bass Einflüsse dominieren in diesem Song den Funk, der sich nur durch manchmal pointierte Bläser, Trommeln und eben die Sprache verrät.

Passend dazu fahren im schwarz-weiß gehaltenen Musikvideo Tänzer*innen auf Rollerblades um die ebenfalls schwarz-weiß, aber mit Mustern gekleidete Band. Afrobeat wird ins 21. Jahrhundert geholt, minimalistisch, spacig. Der Titeltrack geht nach der leicht aggressiven Power vom Anfang mit tiefen Basslinien angereichert etwas souliger und vor allem farbenfroher weiter. Electricity, den Ibibio Sound Machine mit ihren Landsleuten Hot Chip produziert haben, wandert auf den Disco-Spuren von Giorgio Moroder. Aber die werden mit westafrikanischen Trommeln und Gitarren ordentlich in Richtung futuristischer Pop gelenkt. Die Botschaft dabei ist ziemlich klar: Begriffe wie Humanität, Demokratie oder Ewigkeit sind nichts wert ohne die Liebe. 

Generell hat man das Gefühl, dass sich die Disco und Drum and Bass auf der einen und der Afrobeat und Afrofunk in jedem Song ein bisschen um die Dominanz “streiten” – auf eine sehr freundliche und vor allem innovative Art. All that You Want leitet eine deutlich funkigere Episode, wo auch der Fokus stärker auf Eno Williams melodischer Stimme liegt. 17 18 19 ist dann eindeutig voll im Afrofunk zuhause, ein traditioneller Ibibio-Sound-Machine Song mit verspielten Sounds und mehrstimmigen Gesang. Aus einem Studio-Jam entstanden kommen die Fragen aus dem Titeltrack nach bedeutungsschwangeren großen Worten ohne Hintergrund wieder auf. Nur um dann von einem ansteckenden Funk-Beat und dem unmissverständlich-direkten Gesang von Williams niedergestreckt zu werden.

Truth No Lie und Oyoyo machen in dem Stil weiter, in letzterem kann man mit der wohl am stärksten die Roots im aus dem Highlife entsprungen traditionellem Afrobeat fühlen. Das Energie-Level wird hoch gehalten und bewegt sich mit mehr elektronischen Sounds von Something We’ll Remember rasend aufs Ende zu. Der Song erinnert von den Harmonien schon fast an fernöstlichen Tonraum – ganz passend zum Titel schließt das Album hier mit diesem Blick auf die traditionellen Ursprünge ab. 

Zum Glück gibt’s bei all den Energieschüben auch kleine Insel der Ruhe: Wenn Afo Ken Doko Mien es nach dem wilden Einstieg ins Album schafft, den Fokus auf entspannten Gesang und meditative Chorälen zu lenken. Und wenn schließlich Almost Flying in eine Sonnenaufgangsstimmung nach einem sommerlichen Rave das Ende von “Electricity” einleitet. Ein Durchatmen vor der letzten Runde und dann wird sich im Closer Freedom endgültig komplett frei-getanzt von allen Genregrenzen, die ja schon mit Beginn des Albums überhaupt nicht bestanden haben. “Electricity” feiert sie einfach nur extrem ab und das macht gerade nach dem düsteren Winter verdammt Spaß.


Label: Merge Records
Veröffentlicht am: 25.03.2022
Interpret: Ibibio Sound Machine
Name: Electricity
Online: Zur Seite des Interpreten.


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