Bicep – Isles

Rezensiert von on 22. Januar 2021

       

Müsste man das zweite Studioalbum Biceps mit einem Wort beschreiben, dann wäre dieses Wort ziemlich sicher “Nostalgie”. Denn einerseits scheint “Isles” vor Erinnerungen an pulsierende Nächte voller Rave-Ekstase, atmosphärischer Melancholie des dämmernden Morgens und der vollkommenen, fast schon stumpfen Zufriedenheit der Afterhour nur so zu triefen. Und andererseits beweist das Belfaster Duo mit dieser Platte einmal mehr, dass wir uns mitten in einem Revival der polyrhythmischen Breakbeats der 90er und 2000er Jahre befinden – kein Wunder also, dass Biceps Musik mit fast allen Mid-20er Elektronik-Liebhaber*innen zu resonieren scheint.

Genau wie das selbstbetitelte Debütalbum von Andrew Ferguson und Matthew McBriar erschien auch “Isles” beim Londoner Independent Label “Ninja Tune”, dem das Duo einmal mehr alle Ehre macht. Hat sich der Sound von “Ninja Tune” in den vergangenen Jahren mit Künstler*innen wie Machine Drum, 박혜진 Park Hye Jin, Romare oder Ross From Friends schon fast zu einem eigenen Genre entwickelt, mischen sich Bicep perfekt in die Reihe dieser großen Namen der modernen elektronischen Tanzmusik ein – wohlgemerkt ohne dabei ihren charakteristischen Klang zu verlieren. 

Eröffnet wird “Isles” mit der ersten Singleauskopplung “Atlas”-  eine energiegeladene Electronica-Hymne, die wechselt zwischen treibenden Bässen und tragenden, Ambient-artigen Klängen. Beide Elemente werden immer wieder dominiert durch eine intensive, eingängige Synth-Melodie. Kurz: das Einmaleins eines Bicep-Tracks – einfach gehaltene, klar strukturierte Komponenten, die durch zahlreiche, teils euphorische und teils nostalgische Einflüsse in den Bann der Nacht ziehen.

Gesetzt wurde eben jener Mix schon auf der ersten Platte des Duos “Bicep”, auf “Isles” entwickeln sich Ferguson und McBriar vor allem auf internationaler Ebene weiter. So arbeitet “Sundial” mit dem Bollywood Song “Jab Andhera Hota Hai” aus 1973, auf dem deep-housigen Track “Rever” nutzt die kanadische Musikerin und Komponistin Julia balinesische Instrumente, im Closer “Hawk” hören wir die Stimme der koreanischen Künstlerin machìna. Immer wieder deutlich wird außerdem die starke Orientierung an der Musik der 90er und 2000er Jahre. “Atlas” samplet den Song “Im Nin’alu” der israelischen Sängerin Ofra Haza –  ein absoluter Charthit der frühen 2000er Jahre in Mitteleuropa, basierend auf einem hebräischen Gedicht des 17. Jahrhunderts. 

Am spürbarsten wird dieses Renaissance der Jahrtausendwende aber wohl auf “Cazenove” und “Saku”. Beide Tracks spielen eindeutig mit den polyrhythmisch geschichteten Beats der 90er Jahre – Stichworte UK Garage, Footwork, Drum and Bass. Während sich “Cazenove” stark mit Lo-Fi Samplern beschäftigt, erhält “Saku” seinen charakteristischen Klang durch ein Feature der Londoner R&B-Künstlerin und Produzentin Clara La San, die neben Bicep unter anderem mit Yves Tumor und Jim-E Stack arbeitete.

Was man “Isles” vorwerfen kann, ist, dass Bicep nicht immer die Gratwanderung zwischen einfach gehaltenen Strukturen und vielseitigen Einflüssen schaffen. Durch den Wechsel von Monotonie und Ekstase wirken ruhigere Parts teils zu gängig und euphorisierende Parts zu ambitioniert. Funktioniert dieser Dualismus allerdings, sei es im Opener “Atlas” oder dem futuristischen Track “X”, sind Bicep in ihrem typischen Sound aus verschwitzten Nächten, pulsierender Euphorie und melancholischer Morgendämmerung unnachahmbar und lassen die Vorfreude auf eine Zeit nach der Pandemie ins Unendliche steigen.

 


Label: Ninja Tune
Veröffentlicht am: 22.01.2021
Interpret: Bicep
Name: Isles
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