alt-J – The Dream

Rezensiert von am 15. Februar 2022

       

Wenn ein Release-Monat so stark ist, dass das vierte Studioalbum der Band, die die Indie-Musik-Szene der 2010er-Jahre wie keine andere prägte, zunächst nicht zum vollkommenen Ausnahmezustand in einem Campusradio führt, dann schafft dies vielleicht tatsächlich erstmal faire Voraussetzungen unter allen Kandidaten für das Album der Woche. Wenn es eben jene Band dann aber trotzdem schafft, die extrem starke Konkurrenz auf allen Ebenen auszuschalten und sowohl lyrisch als auch musikalisch zu überzeugen, dann wird ein intensiver Blick auf diese Platte vollkommen unabdingbar. Alt-J aus England sind zurück mit ihrem großartigen vierten Album “The Dream”. 

Zwischen vermeintlicher Weltlichkeit und scheinender Intimität

Der Opener “Bane” liefert uns textlich und musikalisch einen kompletten vorausschauenden Rundumschlag von “The Dream”. Auf ein zunächst fast verloren klingendes eingängiges Gitarrenriff, unterlegt mit eröffnenden Paukenschlägen, folgt ein sakraler Chor, folgt die charakteristische Stimme des Sängers Joe Newman, folgen Klavierklänge und ein entschlossener Drumrhythmus, der sich Stück für Stück mit den vorangegangen Elementen auf treibende Art zum typisch-hypnotischen Alt-J Sound vereint. Und auch textlich beweisen die drei Musiker aus Leeds hier sofort, dass sie es noch immer perfekt schaffen, mit nur sehr wenigen, geschickt gewählten Worten ein Narrativ aufzubauen und eine szenische Atmosphäre zu schaffen, die die Aussageabsicht des Albums sofort auf den Punkt bringt – eine Taktik, die Alt-J in den vergangenen 12 Jahren seit Veröffentlichung ihrer ersten EP vollkommen perfektioniert haben. Eröffnet wird “Bane” lyrisch mit den Worten “cold and sizzling”, eine Beschreibung, die sich auf den Genuss von Cola in der Sommerzeit bezieht, wie der Track später klarstellt. Und auch der Chor aus weiblichen Stimmen schließt sich dieser Thematik mit den Phrasen “I sold my soul/ For a sip at school/A swimming pool/Ice cold black fuel” an. Im Verlauf des Songs wird darauffolgend der unschuldige und unbeschwerte Verzehr des Softdrinks in der jugendlichen Sommerzeit als Analogie und Gegenüberstellung zu Süchten, die zur vollkommenen gewaltvollen Entmenschlichung führen, charakterisiert: 

Cut the queue, climb the scaffold to ride the flume first

Slap a bigger boy so hard he wakes up on the floor

Schon in dieser zweizeiligen Szenenbeschreibung wird deutlich, womit sich “The Dream” beschäftigt: Das Album betrachtet den Raum zwischen jugendlicher Hoffnung und kalter Radikalität, zwischen Schuld und Unschuld, zwischen vermeintlicher Weltlichkeit und scheinender Intimität. Immer wieder aufgegriffen werden außerdem passenderweise kirchliche Elemente, so endet “Bane” mit der Zitation von Jesus während der Kreuzigung: “My God, my God/Why hast thou forsaken me?” und verbindet so die behandelten Thematiken mit der Debatte um Schuld und Sünde im Neuen Testament. 

Jugendliche Leichtigkeit

Auf den komplexen Opener folgt der zunächst vollkommen unschuldig wirkende, leichte Song “U & Me”. Sofort finden sich auch hier Elemente einer unbeschwerten Jugend: Das Musikvideo zeigt einen Skatepark, der Beat wirkt fast trip-hoppig und der Text behandelt eine sommerliche Liebesgeschichte. Im Laufe des Tracks wird dann deutlich, dass hier ein Drogentrip auf einem Festival beschrieben wird, der zu eben jener jugendlichen Unbeschwertheit führt.

Rationale Kälte und vergangene Wärme

Ein vollkommener Cut zu dieser Leichtigkeit findet sich in “Happier When You’re Gone”. Auf authentische und fast schon schmerzhaft ehrliche Weise beschreibt dieser Song eine toxische Liebesbeziehung, in der sich der*die Erzähler*in emotional vollkommen von seiner*ihrer geliebten Person entfernt. Kälte und Rastlosigkeit ersetzen hier die warme Ungezwungenheit, immer wieder kommt es außerdem zu Beschreibungen von Gewalt. Besonders hervor sticht auch hier wieder der Kontrast zwischen alltäglich wirkenden Elementen und außergewöhnlicher Emotionalität, so nutzt “Happier When You’re Gone” das Subjekt des Smartphones, um auf das Desinteresse der Partner*innen an einer funktionierenden Beziehung hinzuweisen:

My life is bracing for your hug

You pass me to unplug your phone

Erneut greift hier ein sich wiederholendes “Hallelujah” außerdem den sakralen Charakter des Albums auf. 

Im absoluten Gegensatz zu “Happier When You’re Gone” steht “Get Better”. Musikalisch bewusst simpel gehalten, ist dieser rund sechs-minütige Track in der Mitte des Albums der unbestrittene emotionale Höhepunkt auf “The Dream” und auch Joe Newman selbst beschrieb “Get Better” auf Twitter als den emotional ehrlichsten Song, den er je geschrieben habe.

Lyrisch behandelt der Track auf unglaublich durchdachte Weise die Gedanken eines*einer Erzählers*Erzählerin, der*die sich nach dem Tod einer geliebten Person an die sorgenfreien, glücklichen Anfangstage der Beziehung zurückerinnert. Dabei wird immer wieder zwischen Vergangenheit und Gegenwart gesprungen und die erzählende Person scheint sich der Ausweglosigkeit der Situation vollkommen bewusst, was dazu führt, dass sie in treffenden, realistischen Zustandsbeschreibungen ihre Erinnerungen verdeutlicht. 
So wird beispielsweise eine Verbindung zwischen frisch gebackenem Brot und der verstorbenen Person aufgemacht:

You were the baker
I’ll christen this new era with the smell of freshly baked bread

Und auch das Smartphone taucht in “Get Better” erneut auf, indem der*die Erzähler*in sich vorstellt, die geliebte Person sei im Nebenraum anwesend und lächle in ihr Handy hinein.

Zur kindlichen Naivität heranwachsen

Nach einigen weiteren starken Storytelling-Tracks endet “The Dream” mit “Powders” auf einer überraschend positiven Note. “Powders” erzählt, passend zu den Narrativen des gesamten Albums, von der Liebesgeschichte zweier Teenager. Als Analogie wird hier das Element des Parfüms genutzt, die die junge und unbeschwerte Liebe in einem floralen Duft charakterisiert. Gleichzeitig wird mit der Phrase “Hands pulling me/To a whole new place” ein Rahmen zu “U & Me” geschaffen, in dem von heißen Händen als Synonym für Drogen gesprochen wurde. Der Hang zum Düsteren, zur eskalierenden Gewalt und zur erdrückenden Kälte wird in “Powders” allerdings nicht mehr aufgegriffen, es scheint, als sei das Album mit Verarbeitung dieser Dinge über sich hinaus gewachsen und orientiere sich nun nur noch in Richtung sommerlicher, kindlicher Naivität. 



“The Dream” ist ein herausragend authentisches Album, das es schafft, den momentanen Zeitgeist und Zustände zwischen vollkommener Freiheit und zerstörender Abhängigkeit zu portraitieren. Gleichzeitig entwickeln sich Alt-J noch immer auf allen Ebenen weiter und beweisen, dass ein viral gegangenes Youtubevideo über Reiswaffeln doch nicht so leicht Karrieren beenden kann. 


Label: BMG Rights Management
Interpret: Alt-J
Name: The Dream
Online: Zur Seite des Interpreten.


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