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Typologie eines Lebens – Ebow

Rezensiert von on 18. September 2026

       

Wie packt man ein ganzes Leben in 41 Minuten?

Rezensiert von Carlotta Aupke und Linda Kurtenbach

In “Typologie eines Lebens” gelingt Ebow genau das, was der Titel ihres fünften Studioalbums verspricht. Während die vorherigen Alben immer schon Abbild queerer und migrantischer Identität waren, hatten sie doch einen klareren thematischen Fokus, während Ebow auf ihrem neuen Album alles abdeckt, was ein Leben bewegt. Dabei wird jeder Track aufgefangen vom folgenden und bildet als Gesamtbild eben die Typologie eines Lebens.

Das Konzept der Typologie hat Ebow aus ihrem Architekturstudium. Im Interview mit DIFFUS erzählt sie, dass es sich um eine Technik handelt, aus individuellen Eindrücken eine Mappe über die Typologie von z.B. einer Stadt zu erstellen. Dabei bilden die verschiedenen Blickwinkel am Ende alle unterschiedliche Perspektiven auf ein und dieselbe Stadt – und genau das übersetzt Ebow auf ihrem Album ins Musikalische:

Der Opener “Wasser” stürzt die Hörenden als Ebows erster alleinig produzierter Song in den Flow, dem das Album folgt. Nach ein paar Takten angenehm melodischer E-Gitarren-Melodie setzt mit den Worten “Welcome to Life” ein Drum and Bass Sound ein, der sich durch sein überzogenes Rauschen zu einer fast schon Noise-Musik artigen Atmosphäre verdichtet. Ein Album, das vom Leben erzählt, muss zwangsläufig auch die Frage stellen, was am Anfang des Lebens steht. Was hält unser Leben kollektiv zusammen, trotz aller Differenzen? Ebows Antwort:

“Mein Leben kommt vom Wasser/ Dein Leben kommt vom Wasser/ Mein Leben ist kostbar wie Wasser/ Dein Leben ist kostbar wie Wasser.” 

Direkt zu Beginn wird hier klar, “Typologie eines Lebens” ist kein Album, das sich einfach nebenbei weghören lässt. “Wasser” reißt einen direkt hinein und sticht vor allem klanglich deutlich heraus, wirkt fast schon verwirrend auf Hörer*innen, die einen Sound wie bei den vorab releasten Singles “ARBAYT” oder “BUTCH IM TANK (L.M.S.)” erwartet haben. Im Interview mit Musikblog antwortet Ebow auf die Frage, ob dieser Einstieg Absicht war, mit: 

Auf jeden Fall! Ich wollte, dass es sich so anfühlt, als würde jemand einen ins Leben hinein werfen. „Wasser“ soll sich nicht gemütlich anfühlen, sondern das Stück soll das Gefühl vermitteln: Man ist mitten im Leben. (…) Meine Idee war, die Leute erst ins Chaos zu werfen und danach dort abzuholen und an der Hand zu nehmen.

Ins Chaos geworfen wurden wir also jetzt. Die Hand, die Ebow uns daraufhin reicht, entführt uns auf “Neues Leben” zusammen mit der Soul- und R’n’B-Sängerin Joy Denalane als Feature-Gast in eine futuristische Utopie. Der Sound wird sanfter, friedlicher. Er bildet das kongruente Gegenstück zum Text, in dem Ebow und Joy Denalane uns von einem Leben erzählen, in dem es keinen Stress und harte Arbeit gibt, in dem Gerechtigkeit herrscht, in dem Menschen über ihre Träume reden können. Zu einer Typologie eines Lebens gehören nicht nur der Anfang, die Vergangenheit und die Gegenwart, sondern eben auch die Zukunft. 

Auf “Independent (Cleo)” prangert Ebow die deutsche Musikszene an und verortet sich selbst außerhalb des Mainstreams:

“Independent mache Money ohne Cheat Code/ Major Labels checken nicht die Major Vision”. 

Grund dafür sei unter anderem ihre ausgestellte Queerness. Und diese ist auch auf dem neuen Album Thema, nämlich als selbstverständliche Facette ihres Lebens. BUTCH IM TANK (L.M.S.) –  L.M.S. steht für “Lutsch meinen Strap” – ist eine Art selbstbewusste Weiterentwicklung von Ebru’s Story und hätte wie dieser auch auf dem letzten Album FC Chaya Platz finden können. 

Ebow greift hier die im Hip-Hop ikonische Battlerap-/Provokationsformel “LMS” auf – die auf Kool Savas zurückgeht und sich in ihrem ursprünglichen Kontext als “Lutsch mein Schwanz” auflösen lässt – und rekontextualisiert sie, ähnlich wie damals Kitty Kat auf “Bitchfresse (L.M.S.)”. Bei Ebow wird diese Phrase der männlichen (und heteronormativen) Geste sexueller Dominanz zu einer Darstellung explizit queerer Selbstermächtigung. Im Musikvideo versammelt Ebow einige Butches, sich als eher maskulin präsentierende queere Frauen, die unter anderem das Buch Stone Butch Blues von Leslie Feinberg lesen, eine Verdichtung queerer Historie innerhalb eines Videos. Im Interview mit Diffus stellt Ebru klar, sie habe in den letzten Jahren gelernt, aus mangelnder Kontrolle über die Meinung anderer einfach mal loszulassen. Auf musikalischer Ebene knüpft der Track nahtlos an Independent (Cleo) an, in BUTCH IM TANK (L.M.S.) flext Ebow mit ihren Rap-Skills. Die Reimfolge doppel-k / doppelhart / Doppel-H / Coppola / fuck you up funktioniert vor allem auf phonetischer Ebene mit einer Reihe von Plosiven, die zum eher stereotypisch maskulinen härteren Auftreten einer Butch passen. Nach solchen Parts und fünf Studioalben ist es kein Hot Take mehr zu sagen, Ebow ist bereits fester Bestandteil der deutschen Hip-Hop-Szene. Und so ist es legitim von ihr, sich selbst in eine Tradition zu stellen, etwa wenn sie in “Für Immer” mit der Zeile “Für immer? Immer” eine Referenz zu Outkasts Ms Jackson einbaut. Ebow nimmt sich mit Typologie eines Lebens den Raum, der ihr schon lange zusteht.

Als erste Single des neuen Albums veröffentlichte Ebow passend zum Tag der Arbeit “ARBAYT”. Der Song behandelt die prekären Arbeitsbedingungen von Migrant*innen und Gastarbeiter*innen in Deutschland. Dabei greift hier auch der Anspruch der Typologie, denn Ebow betont stets den systemischen Charakter dieser Erfahrungen und das Versagen der Regierung. Sie legt die rassistischen Einstellungen und Widersprüche, mit denen sich Migrant*innen konfrontiert sehen, offen:

“Mal waren wir zu faul, hatten keinen Bock auf die Arbeit / Mal waren wir zu schlau, nahmen sie weg ihre Arbeit / Mal haben sie uns gebraucht für den Dreck ihrer Arbeit”. 

Dies resultiert in der Feststellung:

“Wir sind so viel wert wie der Zweck unserer Arbeit” 

Ebow spinnt ein rassistische Narrativ weiter, das Migration duldet, solange sie neue Arbeitskräfte schafft und Migrant*innen damit auf ihre Arbeitskraft reduziert. Auch auf klanglicher Ebene ist die Arbeit stets präsent, wenn Ebows Worte im Chorus von industriellen maschinen-artigen Sounds unterstützt werden. Im Anschluss an den Song folgt Semra Ertans Gedicht “Mein Name ist Ausländer”, auf dem die Aktivistin ihre Lebensrealität als Gastarbeiterin in den 90er-Jahren in Deutschland beschreibt und nach dessen Veröffentlichung sie sich damals selbst anzündete. Gesprochen wird der Text auf dem Album von Ebows und Semra Ertans weiblichen Verwandten, unter anderem von Ebows Mutter, die von Semra Ertans Schwester beim Ankommen in Deutschland unterstützt wurde.

Mein Name ist Ausländer
7. November 1981

Mein Name ist Ausländer,
Ich arbeite hier,
Ich weiß, wie ich arbeite,
Ob die Deutschen es auch wissen?
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig.
Das gefällt mir nicht, sage ich.
„Wenn dir die Arbeit nicht gefällt,
geh in deine Heimat“, sagen sie.
Meine Arbeit ist schwer,
Meine Arbeit ist schmutzig,
Mein Lohn ist niedrig.
Auch ich zahle Steuern, sage ich.
Ich werde es immer wieder sagen,
Wenn ich immer wieder hören muss:
„Suche dir eine andere Arbeit.“
Aber die Schuld liegt nicht bei den Deutschen,
liegt nicht bei den Türken.
Die Türkei braucht Devisen,
Deutschland braucht Arbeitskräfte.
Mein Land hat uns nach Deutschland verkauft,
Wie Stiefkinder,
Wie unbrauchbare Menschen.
Aber dennoch braucht sie Devisen,
Braucht sie Ruhe.
Mein Land hat mich nach Deutschland verkauft.
Mein Name ist Ausländer.
- Semra Ertan
© Ebow

Eine kurze Einführung in kurdische Geschichte gibt Ebow mit “Heval“. Der kurdische Songtitel lässt sich mit “Freund” übersetzen. Im Feature mit der Sängerin SAVO entsteht eine Erzählung über die andauernde Unterdrückung und Verfolgung von Kurd*innen und Alevit*innen in der heutigen Türkei, im Irak und Iran und in Syrien. Dabei rufen die beiden unter anderem Erinnerungen an den Anschlag auf Alevit*innen in Sivas wach, der 1993 in der Türkei passierte, sowie an den Genozid an Kurd*innen durch den Irak in den 1980er-Jahren. Mit der Erwähnung weiterer konkreter Ereignisse und Anschläge informiert Ebow in jeder Zeile des Songs. Die Hook bildet der Song “Haydar, Haydar”, der den Verzicht auf Hierarchien im Alevitentum nahelegt. Diesen singt SAVO auf kurdisch, statt wie im Original auf türkisch, was in sich einen politischen Akt darstellt, da es für eine Sichtbarmachung kurdischer Sprache und Kultur sorgt, welche ebenfalls seit jeher Unterdrückung erfährt:

“Sie nahmen uns die Sprache, doch konnten uns nie die Stimme nehmen”.

Einer der wohl persönlichsten Songs auf dem Album ist “Novoline”, der zusammen mit dem D-Dur Dykes* Chor Berlin und einem Streichquartett aufgenommen wurde. Auf dem Song thematisiert Ebow zum ersten Mal die Glücksspielsucht ihres Vaters, allerdings mit einer erzählerischen Besonderheit: Der Song ist bis auf den letzten Refrain aus der Perspektive der Sucht geschrieben. Ohne diese Vorwissen entsteht so beim ersten Hören der Eindruck, es handele sich bei der Ich-Erzählinstanz um eine weitere Person, vielleicht eine Affäre, die eine anziehende Wirkung zu erzeugen versucht. Im Refrain, der vom Chor eingesungen wurde, bekommt das Ganze eine fast schon sirenenartige Qualität:

"Ich bin für dich/ Alles, was du brauchst/ Komm zu mir/ Geh jetzt nicht nach Haus/ Ich glaub an dich/ Wenn du auch an mich glaubst”. 

Enttarnt wird die Tragik darin, dieser Stimme zu folgen, wenn in den letzten beiden Zeilen aus “Gib nicht auf” plötzlich “Gib dich auf” wird. 

Ebow betont, dass sie diese Erzählperspektive bewusst nutzt, um nicht nur die Geschichte der Betroffenen zu erzählen, sondern auch die der betroffenen Familien. Im Song passiert das immer mal wieder, der Text wirft durch den Song hinweg kleine Lücken auf, in denen Zweifel aufkommen: das Kind, das Zuhause wartet, die Frau, mit dem traurigen Blick. Immer wieder werden diese Gedankenfetzen von der Stimme des Gewinns verdrängt. Dadurch gewinnt die Emotionalität des Outros umso mehr an Durchschlagskraft. Nun ist Ebow wieder die Ich-Erzählerin, sie übernimmt die Melodie des Chors, spricht nun aber aus eigener Perspektive mit ihrem Vater. Am Ende singt sie über den Chor hinweg, singt zaghaft gegen ihn an: “Gib nicht auf”. Dass der Satz genau in diesem Moment zwei ganz unterschiedliche Bedeutungen hat, die an konträren Enden einer Suchterkrankung stehen, macht den Song so besonders. 

Am Anfang dieser Rezension stand die Frage, wie man ein ganzes Leben in 40 Minuten packt. Dass Ebow es auf “Typologie eines Lebens” schafft, trotz aller Vielschichtigkeit eine inhaltliche Kohärenz zu schaffen, spricht für die Qualität dieses Albums. Das Album lebt von einem Nebeneinander verschiedener Geschichten, verschiedener Sounds, sogar verschiedener Kunstformen. Letzteres findet auch Ausdruck in der Ausstellung, die vom 12.-13. September im Rahmen des Albumreleases in Berlin stattfand. Neben den Werken von Ebow selbst wurden dabei auch Fotografien von Sophia Emmerich und Eden Jetschmann ausgestellt sowie Zeichnungen von Studierenden der TU Wien, die im Rahmen eines Workshops entstanden sind.

“Typologie eines Lebens” ist in gewisser Weise ein Album, das nicht auf musikalischer Ebene endet. Vielmehr bietet es eine Art erzählerisches Fundament, anschlussfähig für weitere Geschichten, Diskussionen, Erinnerungen. Damit schafft sie genau das, was sie sich mit dem Konzept der “Typologie” vorgenommen hat. Es ist ein Album, von dem man sich wünscht, dass es möglichst viele Menschen hören. Nicht nur Menschen, für die Ebow als lesbische, kurdische Künstlerin aus einer Arbeiterfamilie eine Identifikationsfigur darstellt, sondern auch diejenigen, die vielleicht nicht jeden Song auf Anhieb verstehen – und vor allem dann, wenn diese Schwierigkeit aus einer gesellschaftlich privilegierten Position heraus erwächst. Denn was Ebow auf „Typologie eines Lebens“ in jedem Fall schafft, ist ein Raum für Geschichten und Stimmen, denen sonst zu wenig zugehört wird.


Label: Garip Werkstätten
/Buback Tonträger
Veröffentlicht am: 11.09.2026
Interpret: Ebow
Name: Typologie eines Lebens


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