Albenrezension: Deep Throat Choir – “In Order To Know You”

Geschrieben von am 2022-01-29

Was erwartet man, wenn man den Namen Deep Throat Choir hört? Im ersten Moment vielleicht einen Chor aus vielen Männern, eher so Richtung Metal? Vielleicht handelt es sich auch um eine Acapella-Gruppe, die auf tiefe, grölende Stimmen setzt? Hinter dem Deep Throat Choir steckt aber wohl eher genau das Gegenteil: Ein Londoner Chor-Kollektiv bestehend aus derzeit etwa 30 Frauen und nicht-binären Menschen. Im Dezember 2021 veröffentlichte der Chor sein zweites Album: In Order to know you. Damit ist der nächste logische Schritt getan, denn das Debutalbum aus 2017 bestand überwiegend aus Covern. Jetzt aber findet sich eigene Musik auf der Platte. Und diesen nächsten Schritt von Kollektivität und Einheit hört man auf ganz besondere Art und Weise.

“We made this music in order to know and understand each other more fully (…) and that’s what music is in general. We’re saying it to each other, and to the listener.”

Chorgründerin Luisa Gerstein

Schon gleich zu Beginn der Platte schwappt eine riesige Welle an Wärme auf die Hörer*in. Im Song Alchemilla (übersetzt Frauenmantel) geht es um die Stärke von Verletzlichkeit und um die Erkenntnis, dass Emotionen kommen und gehen, wie Ebbe und Flut. Minimalistisch und doch experimentell hört man den mehrstimmigen Chor voller sanfter weiblicher Stimmen, wie sie von eher kalten Percussions begleitet werden. Alles klingt irgendwie luftig und entspannt. Der Albumopener schafft es auf eine so schöne authentische Art, dass ich mich direkt aufgenommen und getragen fühle. Entstanden ist Alchemilla übrigens bei einer Jamsession und einem Gespräch über Männlichkeit. Das Musikvideo des Tracks ist dabei genauso bunt, alternativ und facettenreich wie der Deep Throat Choir selbst.

Ganz im Mittelpunkt des Albums steht der Austausch und das kollektive Wachsen ohne dabei einzelne Künstler*innen zu verstecken. Klingt sehr nach Happy-Hippy-Kommune, ist aber für einen so großen Chor ungewöhnlich wie auch schwierig umsetzbar. “In Order to know you” meistert diesen Balanceakt, als wäre es selbstverständlich. Man wird bei jedem einzelnen Stück mit neuen Solo-Stimmen und deren Geschichten konfrontiert. Untermalt werden diese mit den unterschiedlichsten Instrumenten und -stilen. Durch Bläser, Streicher, elektronische Klänge oder akustische Gitarren entsteht eine erstaunlich unerwartete Bandbreite an Musik.

“This album is the alchemy of all the specific voices and players that make up the choir, and a collaborative process of writing and sharing music and ideas. Sonically, I wanted to move beyond just voices and percussion, to see what richness could be brought with acoustic instruments and electronics, and to transition from a choir that does covers to a band with loads of vocalists.”

Chorgründerin Luisa Gerstein

Die Platte lässt sich musikalisch daher auch genauso vielfältig verorten: sie ist voller musikalischer Feinheiten. Irgendwie zwischen sphärischer jazzy Ambient-Musik, stimmungsvoller Kammermusik und kollektivem alternativ Pop.

11 Songs hat das Album und jeder ist anders. Die Sänger*innen erzählen persönliche Geschichten aus der Kindheit oder verarbeiten persönliche Schicksalsschläge und das in Harmonie mit den unterschiedlichsten Instrumenten. Ob Trompete, cello, Folk-Gitarre, ein Klavier oder Violinen: alle erhalten ihren Platz, treten unerwartet solistisch hervor, übermalen den Chor aber nicht, sondern sind eine ungewöhnlich schöne Unterstützung. Diese ganz sensible angepasste Mischung aus Begleitung und Hervortreten gelingt auf der gesamten Platte und macht sie zu etwas sehr besonderem.

Und dann ist da noch mein Ohrwurm: Gleich zu Beginn des Songs “Firefly” hört man auf einmal einen kleinen Saxophonsatz, der irgendwo zwischen Begleitung und Sologruppe seinen Platz findet. Schließlich setzt stimmungsvoll der mehrstimmige Chor ein. Wenn man Farben hören könnte, so wird man hier geradezu mit bunten satten Farbtönen überschüttet. 
“In Order to know you” ist für mich ein Album voller Sonne, Ehrlichkeit und Authentizität. Man kann die Gemeinschaft und das Vertrauen der Musiker*innen untereinander auch wirklich hören. Der Deep Throat Choir trägt sich mit eigener Kraft, fast schon organisch durch das ganze Album, sodass man einfach mitgetragen wird. Ähnlich wie beim Crowdsurfen. Man lässt los, gibt die Kontrolle ab und kann die Richtung alleine nicht bestimmen. Was bleibt ist ein euphorisches Gemeinschaftsgefühl. In diesem Falle nicht auf einem grölenden Metal-Konzert, sondern eher ganz intim und alternativ.


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