LITfilms- Neues Filmfestival in Münster (Vorbericht)

Geschrieben von am 16. September 2020

Am 16.09. startet in Münster das LITfilms Filmfestival in Münster. Es widmet sich dabei ganz der Beziehung von Literatur und Film, womit es deutschlandweit das erste Filmfestival dieser Art ist.

Veranstalter des LITfilms ist, wie beim regelmäßig stattfindenden „normalen“ Filmfestival hier in Münster die Filmwerkstatt. Dieses findet alle zwei Jahre statt, sodass das LITfilms genau die Lücke füllt, in der sonst kein Filmfestival wäre. Die Idee kommt dabei nicht völlig aus dem Nichts. Bereits die letzten zwei Jahre füllte die Filmwerkstatt diese Lücke mit dem ZEBRA Poetry Filmfestival. Hier kam mit Poetry-Kunst ein Teil der Welt der Literatur in Berührung mit dem Medium Film. Das ZEBRA Poetry Filmfestival kommt dabei eigentlich aus Berlin und hatte 2016 nach Problemen mit der Finanzierung gewissermaßen Asyl in Münster erhalten. Mittlerweile ist die Finanzierung aber wieder für Berlin gesichert und das Festival somit auch wieder nach Berlin zurückgezogen.

Und dann haben wir uns näher mit der Möglichkeit beschäftigt, wie wir […] ein Festival aufziehen können, was wirklich mit den verschiedenen Aspekten zwischen Literatur und Film arbeitet und dieses Feld auch möglichst weit absteckt. Es gibt halt so viele Beziehungen zwischen Film und Literatur. Seien es reine Literaturadaptionen von Romanen oder anderen Büchern. Sei es auch Filmsprache, die wieder auf Literatur zurückreflektiert. Und so ist irgendwann im Laufe der Zeit die Idee zu diesem Festival entstanden.

Carsten Happe (Festivalleitung)

Dieser Ansatz spiegelt sich auch im Programm wieder. Neben einem „Internationalen Wettbewerb“, der Literaturadaptionen in den Blick nimmt, gibt es auch einige Dokumentationen, mehrere Filme mit Gästen, Gesprächsrunden und Werkschauen. Eine genaue Auflistung der einzelnen Events findet ihr unten:

Wir haben auch ein Leitmotiv des Festivals, was sich „Zwischenräume“ betitelt. Es gibt halt so viele verschiedene Aspekte zwischen Literatur und Film – So viele verschiedene Zwischenräume und Schnittstellen zwischen diesen beiden Künsten. Und da war es uns auf jeden Fall auch wichtig, möglichst viele verschiedene Aspekte abzudecken und uns nicht auf einen speziellen Bereich zu fokussieren.

Carsten Happe (Festivalleitung)

Programm:

Der internationale Wettbewerb:

Im Internationalen Wettbewerb sind beim LITfilms sechs aktuelle Filme zu Gast, die allesamt Literaturadaptionen darstellen. Dabei geht die Spannweite von einem Familiendrama mit „Renevier“, einem ungewöhnlichen Skandinavier-Krimi mit „Harz“ über die moderne Adaption der griechischen Tragödie „Antigone“ als Flüchtlings- und Einwanderungserfahrung im heutigen Montreal und eine Geschichte mit „N.P.“, in der ein Buch selbst Handlungstragend ist, zu eher poetischen Filmen mit „The Republics“ und „Last and First Men“. Bei den Filmen „N.P.“ und „The Republics“ wird außerdem der Regisseur und die Regisseurin zu Gast sein und nach dem Film für ein paar Fragen zur Verfügung stehen.

Wir haben einen internationalen Wettbewerb, wo wir sechs höchst unterschiedliche Literaturadaptionen eingeladen haben, die teilweise auch experimentell mit ihren Vorlagen umgehen.

Carsten Happe (Festivalleitung)
  • Last and First Men (Montag, 21.09.2020 um 21 Uhr im Schloßtheater)
  • Revenir (Montag, 28.09.2020 um 21 Uhr im Schloßtheater)
  • The Republics (Mittwoch, 30.09.2020 um 19 Uhr im Schloßtheater)
  • Harz | Harpiks (Montag, 05.10.2020 um 21 Uhr im Schloßtheater)
  • Antigone (Mittwoch, 07.10.2020 um 19 Uhr im Schloßtheater)
  • N.P (Samstag, 10.10.2020 um 16 Uhr im Schloßtheater)

Harz (c)AdomeitFilm

lit:DOK

Man kann natürlich nicht nur Literatur adaptieren, sondern auch ein Film über Literaten und Literatinnen machen oder einfach über die Liebe zu Büchern. So werden zwei interessante Schriftstellerinnen näher beleuchtet: Toni Morrison und Magret Atwood. Toni Morrison ist eine bedeutende afro-amerikanische Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin. In dem Dokumentarfilm von Timothy Greenfield-Sanders bekommt vor allem sie als Person Platz. Aus eigenen Erinnerungen, ergänzt durch Beiträge bekannter Zeitgenossen, wird hier ein Bild der Autorin Toni Morrison geschaffen. Mit Margaret Atwood wird eine zweite alte Dame der Literaturwelt beleuchtet. Bekannt geworden ist sie in jüngerer Zeit durch die Verfilmung ihres Romans „A Handmaid`s Tale“. Für den Dokumentarfilm haben sie Nancy Lang und Peter Raymont zwei Jahre lang auf ihren Reisen durch die Welt begleitet. Unter Rückbezügen auf ihr Werk entsteht so ein Bild dieser Autorin. Außerdem zeigt „The Booksellers“ die Welt von Antiquariaten und die Liebe zu alten Büchern.

The Booksellers (c) Mindjazz Pictures

Filme mit Gast

Einige der Filme, die auf dem LITfilms laufen sind eigentlich schon etwas älter, allerdings sind sie hier in Münster vor allem in Begleitung mit ihren Regisseuren interessant. Der Wohl bekannteste Gast ist Volker Schlöndorff. Seine Bekanntheit verdankt er fast ausschließlich berühmter Literaturverfilmungen. Allen voran die Verfilmung der „Blechtrommel“ von Günther Grass, für die er eine Goldene Palme in Cannes und einen Oscar für den Besten fremdsprachigen Film bekam. Durch seine ungemeine Erfahrung kann er viel über das Verfilmen von Literatur mit all seinen Schwierigkeiten berichten. Dabei hat er eine neue restaurierte Fassung von „Die Fälschung“.

Volker Schlöndorff (rechts)

Eine etwas ungewöhnlichere Literaturverfilmung bietet uns Chritian Petzolts Film „Transit“. Auch er wird zu Gast sein und über den Entstehungsprozess des Films sprechen. Das Festival beginnt mit dem Film „Radio Heimat“. Hier ist nicht nur der Regisseur und Drehbuchautor Matthias Kutschmann zu Gast, sondern auch der Autor der Buchvorlage Frank Goosen.

Dass wir wirklich mal so ein Literaturfilmabend haben, wo wir den Autor der Vorlage dabeihaben, den Drehbuchautor und natürlich auch den Film [„Radio Heimat“] zeigen können. Damit man auch eine Genese entdeckt: Wie wird aus einen Buch ein Drehbuch und dann später ein Film.

Carsten happe (Festivalleitung)

Auch Harald Bergmann wird mit gleich zwei Filmen zu Gast sein, die in ungewöhnlicher und innovativer Weise den Blick auf zwei unterschiedliche Lyriker und ihre Texte werfen. Hier sehen wir nicht eine Romanverfilmung, sondern den Versuch Lyrik in Bilder zu übersetzen.

Gesprächsrunden:

Neben den eingeladenen Filmemachern, die zusammen mit ihren Filmen vorbeikommen, sollen auch die verschiedenen Gesprächsrunden das Gespräch über den Film, insbesondere in seiner Verbindung zur Literatur beleuchten. So wird unter anderem Andreas Barreiss über das „Big Business Bestsellerverfilmungen“ sprechen. Andreas Barreiss hat als Produzent den Film „Nirgendwo in Afrika“ betreut, der mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film ausgezeichnet wurde – auch dies eine Literaturadaption. Daneben hat er auch andere erfolgreiche Filme und Serien produziert, wie unter anderem die Fernsehproduktion „Die Wanderhure“. Auf dem LITfilms spricht er darüber, wie eine erfolgreiche Adaption eines Buches gelingen kann, welche Stolperfallen hier existieren und wie die Zukunft des Kinos in diesem Bereich aussieht.

In „Die Filme in uns“ drehen mehrere Schriftsteller*innen den Blick einmal um. Nicht wie entstehen aus Büchern Filme, sondern wie beeinflusst der Film auch das Handwerk der Autor*innen. Dabei geht es weniger darum, wie die Geschichten von Filmen Wirken, sondern vielmehr darum, wie Filmsprachen und visuelle Inszenierung das Schreiben beeinflussen. Schreiben wir durch das Schauen von Filmen „filmisch“ erzählte Romane?

Außerdem wird es einen Blick in die Entstehung eines Films geben. 2019 wurde ein Film über das Leben des DDR-Lyrikers und Filmemachers Tomas Brasch abgedreht. Fertiggestellt ist er zwar noch nicht, trotzdem wird das LITfilms erste Einblicke in den Film, sowie ein Gespräch mit den Macher*innen bieten. Wobei es sich auch um die Frage dreht: Wie nähert man sich solch einer Person?

Mit Texten, Filmausschnitten und einem Werkstattgespräch nähern wir uns einer herausragenden Literatur- und Film-Persönlichkeit.

Website LITfilms

Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz

Als Alfred Döblins Roman 1931 schon zwei Jahre nach seinem Erschienen filmisch adaptiert wurde, konnte noch niemand wissen, dass zwei weitere Adaptionen folgen würden. Jede dieser Adaptionen versucht der literarischen Vorlage etwas Neues abzugewinnen.

Wir dachten mit diesen drei Versionen von Adaptionen eines einzelnen Romas können wir nochmal ganz gut aufzeigen, wie Literatur überhaupt adaptiert wird. Auf welchen unterschiedlichen Wegen kann man das machen?

Carsten Happe (Festivalleiter)

Während die älteste Version noch sehr nah am Roman bleibt, versetzt die aktuellste Version aus diesem Jahr das ganze Geschehen in unsere Gegenwart und macht aus dem ehemaligen Häftling Franz, der in Berlin klarkommen muss, den Flüchtling Francis, auf den die gleiche Herausforderung wartet. Sicher die ausladenste Variante von „Berlin Alexanderplatz“ bietet uns Reiner Werner Fassbinders Adaption als Fernsehserie.

  • Version aus 1931: Sonntag, 04.10.2020 um 15 Uhr im Schloßtheater
  • Version aus 1980: Samstag, 10.10.2020 und Sonntag 11.10.2020 jeweils um 11 Uhr im Westfälischer Kunstverein (Insgesamt ca. 15 Stunden)
  • Version aus 2020 : Donnerstag, 24.09.2020 um 19 Uhr im Cinema & Kurbelkiste

Werkschau

Um die Zwischenräume von Literatur und Film auszuloten, haben die Organisatoren vom LITfilms einen Autor und eine Filmemacherin eingeladen als „Artists in Residence“ hier in Münster und im Münsterland zu leben.

Einfach mal für drei Monate […] sich in der Region zu bewegen und zu arbeiten, sich gegenseitig zu inspirieren und irgendwie auch Werke zu erschaffen, die dann in diesen Zwischenräumen angesiedelt sind. Gerade dadurch, dass wir dann eine Filmemacherin und einen Autoren aufeinanderprallen lassen, wollten wir sehen, was da entstehen kann. Was für ein Work in Progress entsteht in dieser Zeit? Wie kommt man da zusammen in diesem Spannungsfeld zwischen Literatur und Film? Und die Beiden werden in zwei Werkschauen […] zeigen, was sie gemeinsam und auch einzeln in dieser Zeit erarbeitet haben.

Carsten Happe (Festivalleitung)

Unter dem Motto „Verlust der Jugend“ hat der Autor Thomas Empl andere Autoren und einen Filmemacher eingeladen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. So werden verschiedene Texte gelesen und der Film gezeigt. Im Anschluss wird es eine Diskussion mit einem Schwerpunkt auf Überschneidungen von Film und Literatur geben. In der „Werkschau Residenz Rheine“ werden erste Ausschnitte ein gemeinsames Projekt von Autor und der Filmemacherin Sandra Reyes präsentiert. Hinzu kommen Lesungen von Prosa und es werden zwei kurze Filme gezeigt. In der zweiten Werkschau (Werkschau Residenz Münster) wird dann das fertige Produkt gezeigt, welches die „Artists in Residenz“ erarbeitet haben, ergänzt um das Corona-Projekt „Innenansichten“ und einem Dokumentarfilm über die Arbeit der beiden, erstellt im Rahmen eines Filmprojekts mit Kindern von 10-14.

Poetry und Film

War eine der Inspirationen für das LITfilms die Ausrichtung des ZEBRA Poetry-Filmfestivals, so ist beim LITfilms Poesie zwar nur noch ein Bestandteil des Festivals, er ist aber dennoch nicht verschwunden. Gezeigt werden dabei die Gewinnerfilme der vergangenen Jahre des Weimarer Poetryfilmpreises, welcher sich zu einem Zentrum des Poesiefilms in Deutschland entwickelt hat. Auch kann man beim Litfilms lernen, wie man aus einem kurzen Text eine filmische Interpretation anfertigt. Dafür wird ein „Poetryfilm-Workshop“ stattfinden. Auch kann sich natürlich die Poesie mit dem Thema Film auseinandersetzen. So slammen vier Autoren beim „Poetry Film Slam“ über Film und Filmerleben.

Und sonst so?

Sind die Zwischenräume von Literatur und Film nun all umfänglich ausgelotet? Nein, es gäbe wohl noch eine ganze Menge weiterer und das LITfilms wird wohl nie alle davon abdecken können. Aber zwei weitere Zwischenräume gibt es zumindest noch im Programm: Bei der Präsentation und Drehbuchlesung von „Haus Kummerfeld“ gibt es einen weiteren Einblick in die Arbeit mit Film. Hier geht es um die Wechselwirkung von Drehbuch und späterem Film. Die Präsentation der im Münsterland gedrehten Webserie „Haus Kummerfeld“ ist Teil der Tour durchs Münsterland, bevor die Serie veröffentlicht wird.

In dem Projekt „You are Group [WORK]“ geht es eher in den Randbereich der Filmkunst. Allerdings spielen Videoinstallationen bei Kunst- und Theaterperformances eine immer größere Rolle und gehören damit mittlerweile fest zum Kanon des Films im weiteren Sinne.

Highlight von Festivalleiter Carsten Happe:

Last and First Men aus dem Internationalen Wettbewerb. Regisseur ist der mittlerweile leider verstorbene Jóhann Jóhansson, der vor allem als Filmkomponist von Hollywood-Produktionen wie Sicario und Arrival Bekanntheit erlangte. In „Last and First Men“ hat er einen Science-Fiction-Roman von Olaf Stapledon aus den Jahr 1930 adaptiert und versetzt uns damit zwei Milliarden Jahre in die Zukunft, in welcher lediglich verlassene Monumente von einer Menschheit zeugen, die kurz vor ihrer Auslöschung steht.

Das ist ein so unglaublich monumentalexperimentelles Gesamtkunstwerk. Irgendwo zwischen Stanly Kubrik mit 2001: Odyssee im Weltraum und anderen Größen des Weltkinos angesiedelt.

Carsten Happe (Filmfestival Münster)
Last and first man (c) Sturla Brandth Grovlen

Der Film kommt dabei ohne eine klassische Handlung aus, sondern entfaltet seine Wirkung eher aus dem Zusammenspiel von Bildern, Musik und den von Tilda Swinton rezitierten Romanpassagen. Als Bilder dienen für diese Zukunftsvision jugoslawische Kriegsdenkmäler, die in ihrer Monumentalität auch die Überbleibsel einer der Auslöschung ins Auge sehenden Menschheit repräsentiert.

Man wird in so ein cinematographisches Hörspiel reingezogen, wo man sich irgendwie zwei Milliarden Jahre in die Zukunft versetzt fühlt. Also ich kann das ganz schwer beschreiben, aber das war so ein absolutes Highlight, als wir den bei der Sichtung gesehen hatten. Und es ist vielleicht immer noch mein Lieblingsfilm in diesem Jahr und das ist auf jeden Fall ein absoluter Festival-Tipp. 

Carsten Happe (Festivalleitung)

Während des Festivals berichten wir wöchentlich in einem Podcast über unsere Eindrücke vom Festival.

Das Literatur-Filmfestival LITfilms findet vom 16.09. bis zum 11.10 an verschiedenen Orten in Münster und im Münsterland statt, wobei ein größerer Teil der Veranstaltungen im Schloßtheater stattfindet. Mit dem Kultursemesterticket des AStA der Uni Münster bekommt ihr in der Regel die Tickets etwas günstiger.

zur Website des LITfilms

Unseren Vorbericht zum Nachören gibt es hier:


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