Zwischen Familien und Neonazis

Geschrieben von am 31. August 2020

Barfüßige Hippies tanzten neben Reichsbürger*innen, Kinder schwenkten Konföderiertenflaggen: Ein neutraler Boden existierte bei der Corona-Demonstration in Berlin nicht, sagt unsere Autorin.

Ein Kommentar von Nicola Koch

Als ich aus der dunklen, stickigen U-Bahn-Station »Brandenburger Tor« laufe, ist es warm, die Sonne scheint. Mit mir steigen zahlreiche Menschen die Treppe zum zentralsten Touri-Spot Berlins empor, doch heute sind es keine Tourist*innen, die den Pariser Platz füllen. Stattdessen erwartet mich am Ende des Ganges die komplette Reizüberflutung: Trillerpfeifen mischen sich mit grölenden Gesängen und Sirenen klingen zwischen gebrochenen Megafon-Phrasen hervor. Es riecht nach Schweiß, Rauch und Cannabis. Schlagartig finde ich mich in einer riesigen Menschenmenge wieder, unvorbereitet spüre ich etliche abfällige, teils fragende und verwirrte Blicke auf mir liegen. Denn rein äußerlich unterscheidet mich ein kleines Detail von denjenigen, die sich heute hier versammelt haben: Ich trage meine Mund-Nasen-Bedeckung. Sie nicht.

Es ist Samstag, der 29. August 2020. In Berlin findet heute zum zweiten Mal eine große Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung statt, initiiert von der Initiative »Querdenken 711« aus Stuttgart. Trotz des im Voraus herrschenden Rechtsstreits zwischen Initiator*innen, Verwaltungsgericht, der Versammlungsbehörde des Landes Berlin und der Polizei Berlin darf heute sowohl eine Demonstration als auch eine Kundgebung stattfinden. Zehntausende sind dafür aus ganz Deutschland und Europa in die deutsche Hauptstadt gereist.

»Mask off!«

Inmitten der Menschenmasse versuche ich mich zu orientieren. Mein Blick fällt auf eine Reichsflagge, die munter neben einer Friedensflagge geschwungen wird. Der Träger der schwarz-weiß-roten Fahne brüllt einen der zahlreichen Polizist*innen, die den Pariser Platz eingrenzen, an: »Wieso macht ihr jetzt nicht euren Job? Dann schlagt mich doch! Ihr wollt uns doch nur kleinhalten.« Ich mache mich auf den Weg in Richtung Siegessäule, wo die Kundgebung stattfinden soll und versuche, nicht in den Strom der Demonstrant*innen zu geraten. Es ist ein bizarres Bild, das sich mir bietet, als ich die Menge genauer anschaue: Da ist eine kleine Gruppe, die aus vollem Halse in bunten Regenbogenfarben gekleidet Marius Müller-Westernhagens »Freiheit« singt, direkt daneben ein riesiges, blaues »Trump 2020« Banner. Familien mit Kindern sitzen auf Campingstühlen neben einigen Skinheads, eine Frau tanzt barfuß vor einem Stand mit dem Schriftzug »Christian Lives Matter«. Immer wieder fällt mein Blick auf Fahrradhelme, die mit Alufolie überzogen sind. Dazwischen: Eine Flut an Reichsflaggen, versteckte Hakenkreuze, AfD- und NPD-Wahlplakate, Deutschland-Merch wie zur Fußball-Weltmeisterschaft. Ich habe Gänsehaut, fühle mich unwohl und versuche, nicht allzu sehr aus der Menge herauszustechen. Trotzdem spüre ich weiter verächtliche Blicke auf mir. Ein junger Mann kommt breit lachend direkt auf mich zu. Er ist in eine Regenbogenfahne gehüllt, in der Hand hält er eine Flasche Bier. Fragend schaue ich ihn an, schenke ihm fast ein Lächeln zurück, als er mich plötzlich anrempelt und »mask off!« brüllt.

Von Satellitenflotten und Chemtrails

Am Großen Stern haben sich mittlerweile tausende Demonstrant*innen zur offiziellen Kundgebung versammelt. Von Abstandhalten keine Spur, geschweige denn von Masken. Einige selbstgemalte Plakate fallen mir ins Auge: »Zweite Welle, Dritte Welle – Dauerwelle«, »Stoppt Chemtrails«, »Read Mises Not Marx«. Auf der Bühne spricht unter anderem, sehr groß als Ehrengast angekündigt, der US-amerikanische Rechtsanwalt, Impfgegner und Neffe John F. Kennedys, Robert Francis Kennedy junior. Übertragen wird seine Stimme von etlichen Lautsprechern über die gesamte Straße des 17. Juni, auch in weiten Teilen des Tiergartens schallen seine Worte, getragen von Jubelrufen der „Querdenker“. Ich setze mich auf eine Wiese zu einigen jungen Leuten, die andächtig seiner Stimme lauschen. Kennedy junior spricht davon, dass die Regierung Pandemien aus demselben Grund liebe, aus dem sie auch den Krieg liebe: Da die Politiker*innen so das Volk kontrollieren könnten. Schallenden Applaus erntet er, als er von Bill Gates Satellitenflotte erzählt, mit der der Microsoft-Gründer durch das 5G-Mobilfunknetz jeden Zentimeter der Erde ausspionieren könne.

Feindlichkeit statt Friedlichkeit 

Genau wie alle anderen Redner*innen betont auch Kennedy junior eindringlich, dass der Blick des Rests der Welt auf die heutige Demonstration falsch sei: »In the U.S., they think I’m talking to Nazis today. This has got nothing to do with nazism! We’re peaceful.« Krampfhaft und heuchlerisch wirken auf mich die unzähligen Betonungen der Sprecher*innen und Demonstrant*innen, die Versammlung sei friedlich und offen für alle. Denn nur einige Straßen weiter versuchen gewaltbereite Nationalsozialist*innen den Bundestag zu stürmen, Container werden angezündet und es entstehen Handgemenge zwischen Polizist*innen und Demonstrant*innen. Und auch vor Ort ist die Stimmung deutlich aufgeladen: Ordner*innen versuchen mit aller Mühe, die Menge für Abstandsregeln zu sensibilisieren, ständig werde ich angepöbelt. Ich fühle mich allein, als dazu aufgerufen wird, den Medien nicht zu vertrauen und sich eine eigene Meinung zu bilden. In der Luft liegt hier definitiv kein »love, peace and happiness», wie es die Teilnehmenden und Initiator*innen zu vermitteln versuchen.

Inmitten der grölenden Masse auf der Straße des 17. Juni fühle ich mich so unwohl wie selten zuvor. Als Studentin bin ich mir der liberalen Blase, die mich umgibt, meist natürlich bewusst. Aber zwischen zehntausenden lauten Menschen zu stehen, die so offensichtlich gänzlich andere Weltanschauungen zu meiner eigenen vertreten und die sich an diesem Tag bewusst dafür entschieden haben, neben Reichsbürger*innen für eine neue Verfassung zu jubeln, lässt Panik in mir aufkommen. Mir wird bewusst, dass mich die Situation vor allem überfordert, da ich die Menge nicht nach altbekannten Schemata nach »gut« oder »böse« beurteilen kann. Anders als bei rechtsextremen Demonstrationen, die es Beobachter*innen leicht machen, die Protestierenden zu verorten, tummeln sich hier die Gegensätze: barfüßige Hippies neben Reichsbürger*innen, Kinder mit Konföderiertenflaggen. Die Masse ist für mich nicht greifbar, ich kann sie nicht so einfach in mein Wertesystem einordnen, die Situation erfordert mehr Anstrengung als nur ein unüberlegtes Bewerten. 

Ein versuchter Sturm auf den Reichstag lässt sich nicht hinter Artikel 5 des Grundgesetzes verstecken

Was die Demonstration vom 29.08. unmissverständlich klarmacht, ist: Die »Querdenker«-Strömung nimmt nicht nur Menschen mit, die über Corona-Politik diskutieren möchten. Vor allem vereint sie etliche, sehr verschiedene Gesinnungen und gibt den in Deutschland schon lange vorhandenen gewaltbereiten Nationalsozialist*innen, Antisemit*innen und Rassist*innen den nötigen Windschatten, um sich jetzt ganz offen zu organisieren. Hier wurden Allianzen gebildet – zwischen jungen Impfgegner*innen, Verschwörungstheoretiker*innen und Rechtsextremist*innen. Verachtenswert und prätentiös ist deshalb für mich das versuchte Versteckspiel hinter »Friede-Freude-Eierkuchen-«, »Wir-sind-ja-so-offen-für-jeden-« und »Die-Welt-stellt-uns-nur-schlecht-dar-«Phrasen. Wer Seite an Seite mit etlichen Reichs- und Reichskriegsflaggen demonstriert, ist sich seines Verhaltens hundertprozentig bewusst und ein versuchter Sturm auf das Reichstagsgebäude lässt sich nicht hinter Artikel 5 des Grundgesetzes verstecken. Spätestens jetzt sollte einmal mehr klar werden, dass es in Deutschland ein extrem gut vernetztes, großes rechtsextremes Lager gibt, dass auch so benannt werden muss und seine Karten momentan viel zu gut ausspielen kann. Natürlich darf in Deutschland jede*r Bürger*in für seine*ihre Meinung auf die Straße gehen – aber das Kooperieren mit und Salon-fähig-machen von Nationalsozialist*innen ist eine bewusste Entscheidung gegen demokratische Grundwerte und zeigt, dass am Samstag eben nicht die breite bürgerliche Mitte in Berlin demonstrierte.


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