Interview mit First Breath After Coma

Geschrieben von am 23. März 2019

Zum zweiten Mal trat die Band “First Breath After Coma” im Rahmen ihrer Promotionstour im Gleis 22 auf. Promotet wird ihr neues Album „nu“, das die fünf Jungs aus Portugal in ihrem eigenen Unternehmen „Omnichord Records“ selbst abgemischt und verfilmt haben. Da konnten wir von Radio Q es uns nicht nehmen lassen und haben bei der Band mal gefragt, was ihr neues Album so besonders macht.

Okay, fangen wir mit einer leichten Frage an: Beschreibt eure Musik in drei Worten.

Telmo: In drei Worten, okay: Vielseitig, filmisch und introspektiv.

Man kann schon einen Wandel in eurer Musik bemerken; von dem ersten Alben bis zum aktuellen. Vorher ging es ja eher so in die Postrock-Richtung und jetzt ist die Musik minimalistischer und auch souliger geworden. Wieso?

Roberto: In unseren Alben haben wir früher viel mit Hall gearbeitet und das wollten wir jetzt ändern. Wir haben uns auch nicht als Postrock-Band definiert und gesagt, all unsere Alben werden in die rockige Richtung gehen. Wir hören viel Musik und lassen diese Einflüsse in unsere eigene Musik mit einfließen. Deswegen auch “vielseitig” als Schlagwort. Das neue Album ist sehr intim, weil wir in den früheren Alben alles wild zusammengemischt haben. Dieses Mal haben wir uns ein altes Haus in der Nähe unseres Studios gemietet und angefangen, zusammen zu leben – zumindest für die Zeit, in der wir das neue Album aufgenommen haben. Und das hat uns den Raum gegeben, ganz wir selbst zu sein und gleichzeitig hatten wir auch keine Angst, die kleinen Dinge auszudrücken, vor denen man sich manchmal fürchtet, sie auszusprechen. Das würde ich als wichtigsten Unterschied ansehen.

Also würdet ihr sagen, dass dieses Album intimer und persönlicher ist als die vorherigen?

Telmo: Ja, das ist der größte Unterschied. Es gibt auch einen großen Unterschied im Hinblick auf den Musikstil, aber am wichtigsten ist eigentlich die Bedeutung und der Inhalt der einzelnen Lieder. In den letzten Alben haben wir nach außen geschaut und uns von Filmen, unseren Reisen, CDs, Orten und anderen Liedern inspirieren lassen. Im neuen Album haben wir nach innen geschaut. Wir haben uns durch unsere Erfahrungen und wie wir uns im Bezug auf bestimmte Dinge fühlen inspirieren lassen. Manche Dinge passieren jedem, denn wir sind alle auch nur Menschen und deswegen ist es ein wirklich intimes Album.

Der Titel eures Albums ist “nu” – das bedeutet “nackt” und knüpft wahrscheinlich an das an, was du eben gesagt hast.

Telmo: Definitiv, wir haben alle Hüllen fallen lassen. In den vorherigen Alben hatten wir diesen Hall-Effekt und ähnliches, also schon eine sehr stimmungsvolle Musik. Und jetzt haben wir uns dazu entschieden, wirklich minimalistisch zu werden und alle Hindernisse, die es zwischen uns und der Musik gab, abzureißen. Jetzt ist es wirklich nackt.

Acht neue Lieder und welches ist euer Lieblingslied?

Roberto: Meins ist “Feathers & Wax”.

Telmo: Ja, das ist echt gut zum Spielen vor Publikum. Aber aus persönlichen Gründen ist es für mich “Please don’t leave”.

Ihr habt auch einen Song auf dem Album – ich habe ihn heute Morgen gehört – der heißt “I don’t want nobody”. Der ist ziemlich lang, ich finde auch recht einfach gehalten. Hat er eine besondere Bedeutung? Gibt es eine besondere Geschichte dahinter?

Roberto: Manchmal gehst du abends aus und dann trinkst du zu viel und verstehst, dass du ab und an einfach alleine sein willst. Du willst niemanden. Das Lied wurde gemacht und geschrieben von Rui, dem besten Mitglied. (lacht)

Tatsächlich wäre das eine gute Frage für ihn gewesen. Es ist einfach sehr emotional. Das hat er in dieser Nacht gespürt. Er kam nach Hause um 6 Uhr morgens und wollte Musik machen. Ich persönlich finde, das ist ein guter Song um das Album abzuschließen.

So ganz allgemein nutzt ihr nicht viele Worte und mein Eindruck war, dass ihr euch mehr auf die instrumentale Seite fokussiert und wie ihr eure Gefühle dadurch ausdrücken könnt. Ist es nur mein Eindruck oder würdet ihr zustimmen?

Telmo: Ja, doch, seit wir mit der Band angefangen haben, wurden wir von vielen instrumentalen Bands inspiriert. Also haben wir uns auch darauf konzentriert, Musik zu machen, die nicht nur mit Worten, sondern auch durch die Musik selbst eine Message vermittelt. So war das auch bei den ersten beiden Alben – die waren von den Lyrics her auch simpel gehalten. Oftmals ist die Stimme auch einfach nur ein weiteres Instrument, ein Ausschnitt des Gesamtbildes. Wir hatten nie vor, den Vocal Part hervorzuheben oder als etwas darzustellen, das wichtiger ist als die restlichen Bestandteile. Manchmal muss man Wörter benutzen, um sich auszudrücken. Dann wieder funktioniert das durch Musik oder Stille besser. Im neuen Album ist es ein wenig mehr wie letzteres.

Was ist wichtig für euch, wenn jemand eure Musik hört, was soll der Zuhörer davon mitnehmen? Bestimmte Emotionen oder Reaktionen, die ihr euch erhofft?

Telmo: Es ist seltsam darüber nachzudenken, was wir wohl wollen, was unsere Zuhörer beim Zuhören fühlen sollen. Wir machen Musik über das, was wir empfinden und manchmal kann das Publikum das nachempfinden oder doch etwas ganz eigenes. “I don’t want nobody” ist ein gutes Beispiel dafür tatsächlich – es ist ein wirklich intimer und sehr, sehr, sehr, sehr roher Song. Er wurde von nur einer Person geschrieben, aber es war genau über das, was dieses Individuum in diesem Moment gefühlt hat. Trotzdem empfindet jeder von uns diesen Moment, wenn man das Lied hört, anders. Es gibt nicht “die” Art, ein Lied zu hören. Unsere Musik hat keine eindeutige Message. Es gibt solche Musik und das ist wirklich cool. Politische Texte bringen ihre Aussage direkt rüber. Aber unsere Musik ist nicht so.

Ihr singt hauptsächlich auf Englisch – warum nicht auf Portugiesisch?

Roberto: Wir haben einfach mehr englische als portugiesische Musik konsumiert, denke ich. Außerdem wollen wir auch viel außerhalb von Portugal spielen und dann ist es einfacher, wenn man auf Englisch singt. Und wir fühlen uns auch wohler, wenn wir auf Englisch singen.

Ah, überraschend. Man denkt ja erstmal, okay, Portugiesisch ist eure Muttersprache, das ist wahrscheinlicher angenehmer.

Telmo: Anfangs war es auch eine ästhetische Entscheidung. Wie bereits erwähnt, nutzen wir die Stimme eher als Instrument und die portugiesische Sprache ist etwas harsch; ein wenig wie Deutsch! (lacht)

Jaa..!

Telmo: Englisch ist einfach viel zugänglicher für Gesang. Man kann die Sprache viel besser einteilen in Silben und es passt sich besser der Melodie an. Deswegen fühlte es sich nicht richtig an, auf Portugiesisch zu singen.

Heute Abend spielt ihr im Gleis 22. Ihr habt mir vor dem Interview gesagt, dass ihr schon in Deutschland gespielt habt. Glaubt ihr, es gibt einen Unterschied zwischen dem Publikum hier und in anderen Ländern, zum Beispiel Portugal?  

Roberto: Genau, das ist unser zweites Mal in Münster, im Gleis 22. Und letztes Mal war es genial. Einer der besten Auftritte, die wir bis jetzt in Deutschland hatten. Ich glaube, das Publikum in Deutschland ist sehr höflich. Manchmal, wenn wir in Portugal spielen, respektieren die Zuhörer es nicht, wenn ihnen der Musikstil oder so nicht gefällt. In Deutschland ist es meiner Meinung nach etwas anders. Die Deutschen denken sich “Okay, vielleicht mag ich das nicht so sehr, aber ich höre trotzdem zu und bleibe da.” Es ist cool.

Gibt es ein großes Ziel, das ihr als Band verfolgt? Oder geht es euch einfach darum, Musik zu machen und das zu genießen?

Telmo: Ja, genau das. Unser Ziel ist es einfach Musik zu machen. Aufstehen, Musik machen, ins Bett gehen und am nächsten Tag wieder Musik machen. Im Moment erfordert das viel Organisationstalent, weil wir manche Dinge umplanen und viel Zeit investieren müssen, um das neue Album zu promoten – wir sind ja auch auf Tour. Wir versuchen, dass das unser Leben wird. In Portugal ist es ein wenig schwierig, weil es ein kleines Land ist und einem schnell Orte ausgehen, an denen man spielen kann. Es hört sich wie ein sehr einfaches Ziel an, aber ja, wir wollen von der Musik leben.  

Seit wann macht ihr zusammen Musik?

Roberto: Wir spielen zusammen seit ungefähr zehn oder elf Jahren. Aber dieses Projekt mit der Band besteht seit vielleicht sechseinhalb Jahren.

Telmo: Ja, so seit 2012 glaube ich. Es ist wirklich witzig, weil wir aus einer kleinen Stadt in Portugal kommen und wir kennen uns schon seit der Schulzeit, als wir noch so 13 Jahre alt waren. Zusammen fingen wir dann an, diesen klassischen “New Rock” zu hören, was man eben in dem Alter so hört, Nirvana zum Beispiel.

Ja, oh ja..

Telmo: (lacht) Solche Sachen eben. Wir fingen an, Gitarre, Bass und Schlagzeug zu spielen. Wir haben uns in diesem Alter getroffen, nach ein paar Monaten dann Roberto und gründeten dann eine Band. Anfangs nur aus Spaß und um gemeinsam Musik zu machen, Songs gecovered und so. Irgendwann fanden wir es spannend, unsere eigene Musik zu machen. Und so haben wir seit unserer Kindheit [seit sie 13 Jahre alt sind] zusammen Musik gemacht. Deswegen ist es echt cool da zu sein, wo wir gerade sind und zu sehen, wie viel wir schon erreicht haben.

War es denn manchmal schwierig? Ihr habt anfangs gesagt, dass ihr das Haus gemietet habt für die Dauer der Albumaufnahmen, habt ihr euch manchmal auch gestritten oder dachtet so: “Bitte, lass mich einfach in Ruhe!”?

Roberto: Wir haben eigentlich nur darüber gestritten, wer das Geschirr machen muss. (lacht) Wir sind einfach gute Freunde und wenn wir für einen oder zwei Monate in einem Van leben können, dann schaffen wir das auch in einem Haus. Gut, jetzt ist es einfacher, weil jeder sein eigenes Zimmer hat, aber wir hatten nie ein Problem damit.

Ich bedanke mich sehr bei euch für das Interview und hoffe, dass ihr euer Konzert heute Abend genießt.  

Telmo & Roberto: Vielen Dank, dass wir hier sein durften!


Weiterlesen

Radio Q

Wir sind der Campus.

Aktueller Song

Titel

Künstler

Aktuelle Sendung

Aktuelle Sendung