Interview mit Jackie Cohen

Geschrieben von am 29. September 2018

Jackie Cohen hat sich aus dem sonnigen Kalifornien ins verregnete Deutschland begeben. Aber was macht man nicht alles für eine Tour im Vorprogramm von Kult-Slacker Mac Demarco. So verzückt sie mit ihrem verträumten Antifolk nun auch das deutsche Publikum. Im Rahmen des New Fall Festivals hat sich Jackie Cohen mit Radio Q Musikreporter JD Wiegmann zum Interview getroffen und ihm von der Antifolk Bewegung und deutschen Autobahnraststätten vorgeschwärmt…

mde

Gestern bist du noch in München aufgetreten. München gilt hier in Deutschland als ziemlich teure, spießige Stadt. Wie war dein Eindruck?

Ich kannte die Stadt und ihren Ruf vorher nicht. Aber wir hatten dort echt einen richtig guten Abend. Es waren unglaublich viele Menschen dort, so um die tausend. Die Leute waren echt aufgeschlossen und haben uns viel Energie gegeben. So ein Publikum als Vorband zu haben ist super.

Du bist aktuell auf Tour mit Mac Demarco. Mac Demarco wirkt ja bei Auftritten und in Interviews immer wie ein verrückter Slacker. Kommst du auf Tour gut mit ihm klar?

Oh ja, er ist echt lieb. Als wir ihn das erste mal getroffen haben, hat er direkt gefragt, ob es uns gut gehen würde. Dann haben wir noch ein wenig miteinander geredet und er meinte, wenn irgendwas wäre, sollten wir uns bei ihm melden, er hätte ein offenes Ohr.  Er ist echt ein Schatz.

Okay kommen wir zu deiner Musik. Zunächst muss ich die Artworks deiner EPs loben. Ich mag diesen Zeichenstil. Hast du die selbst gemalt oder anfertigen lassen?

Nein, ich habe die nicht gemalt. Die stammen von meinem Freund Eric Deines. Ich kenne ihn schon seit Jahren und er ist echt ein toller Künstler.

Auf deiner Tacoma Night Terror Part.1 EP handelt quasi jeder Song von unerfüllter Liebe. Verarbeitest du in den Songs deine eigenen Erfahrungen?

Ich schreibe Song einfach immer über die Themen, die mich am meisten bewegen. Die unerwiderte Liebe ist ja ein klassisches Thema in Pop Songs. Aber meine Songs sind nicht unbedingt autobiographisch. Wenn ich zum Beispiel über diese unerfüllte Liebe schreibe, dann ist das ein Thema, das mich einfach emotional bewegt. Ich bin jetzt schon seit 11 Jahren in einer Beziehung [mit Jonathan Rado von Foxygen Anm. d. Red.], also kann ich gar nicht so viele Trennungen erfahren, wie ich es in den Songs singe (lacht).

Die unerwiderte Liebe und Einsamkeit sind ja auch große Themen der Antifolk Bewegung. Deine Musik wird auch oft als Antifolk beschrieben. Hast du irgendwelche Bezüge zu der Szene?

Das ist definitiv meine Lieblingsszene! Adam Green ist mein absoluter Lieblingssongwriter – er ist mein Elvis. Als ich das Gitarrespielen gelernt habe, habe ich auch zuerst versucht seine Songs nachzuspielen. Auch alles was ich damals geschrieben habe orientierte sich an seinen Songs.

Du hast selber auch in Lower Manhattan, dem Ausgangspunkt der Antifolk Szene gewohnt. Warst du auch schon im Sidewalkcafe [Cafe, das bekannt für seine Antifolk Sessions ist Anm. d. Red]?

Da hatte ich tatsächlich meinen ersten Auftritt und habe alleine mit meiner Gitarre bei der Open Mic Night gespielt. Ich habe dort auch nur zwei Songs gespielt. Einen habe ich selbst geschrieben und dann habe ich noch einen Prince Song gecovert, aber welchen weiß ich gar nicht mehr genau, vielleicht “When You Were Mine”. Aber danach bin ich auch direkt nach Hause gerannt, weil ich so aufgeregt war… (lacht)

Das glaube ich dir, so viele große Musiker haben dort schließlich auch angefangen. Aber kommen wir zurück zu deiner Tacoma Night Terror Reihe. Das ist ja erstmal ein interessanter Name. Was versteckt sich dahinter?

Das ganze stammt von einer Notiz, die ich mir gemacht habe, als ich in Seattle war. Ich war nicht wirklich in Tacoma, aber auf dem Weg nach Seattle sind wir an einem Autobahnschild vorbeigefahren, auf dem Tacoma ausgeschildert war. Das erinnerte mich an diesen Robyn Hitchcock Song “Viva! Seattle Tacoma”. Den Song habe ich gehört, als ich mit Schlafproblemen zu kämpfen hatte. Diese Schlaf- und Stressstörung habe ich lange unbehandelt gelassen. In dieser Zeit hatte ich oft diese Dinge, die man “Night Terrors” oder “Night Hag Sleep Paralysis” nennt. Dabei fällt dein Körper in den Schlafzustand, aber dein Hirn nicht. Dadurch erlebt man gruselige und psychedelische Situationen, zum Beispiel fühlt man sich besessen oder sieht Hundeähnliche Wesen durch den Raum wandern. Dabei fühlt man sich dann paralysiert und der Situation ausgeliefert. Das ist schrecklich.

An der Produktion deiner Tacoma Night Terror Part 1 EP waren auch Jonathan Rado und die D’Addario Brüder [The Lemon Twigs Anm. d. Red.] beteiligt. Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit diesem, in meinen Augen, Dreamteam?

Jonathan Rado und ich sind schon seit einer langen Zeit zusammen. Er ist dabei so etwas wie mein Coach geworden. Auch wenn er irgendwie ein schlechter Lehrer ist (lacht). Er erklärt mir halt nicht immer alles, aber wenn ich dann etwas zu langsam mache, ist er immer frustriert. Wir hatten sogar ein Studio in der Garage, als wir noch zusammen gewohnt haben. Die D’Addario Brüder, Michael und Brian, sind für die Aufnahmen ihres ersten Albums “Do Hollywood” nach Los Angeles gekommen. Rado hat die beiden eingeladen im Studio vorbeizuschauen und er hat dann deren Album produziert. Als er später auch meine EP produzieren wollte, hat er einfach die beiden gefragt ob sie Lust hätten noch mal vorbeizuschauen und die Backing Vocals für meine Songs zu liefern.
Das Team und das Setup für die “Tacoma Night Terror Part 1 EP” war also das gleiche wie auf “Do Hollywood”.

Ich finde diesen Lemon Twigs Flow kann man auch gut auf der EP spüren! In ein paar Tagen spielst du mit Mac mehrere Shows vor ausverkauftem Haus in Großbritannien. Was ist das für dich für ein Gefühl vor einer so großen Menschenmenge zu spielen?

Das ist echt verrückt. Wir haben gerade erst unsere ersten Veröffentlichungen draußen. Ich habe vorher schon mit anderen Bands auf großen Bühnen gestanden [z.B. als Background Sängerin für Foxygen Anm. d. Red.]. Von daher habe ich jetzt kein Lampenfieber oder ähnliches. Aber mit meiner jetzigen Band kommt die ganze Sache ja jetzt erst richtig ins Rollen. Wir haben vorher vielleicht vor so 15 Leuten gespielt und jetzt wo wir mit Mac touren stehen da plötzlich 800 Leute. Das ist bizarr! Außerdem macht das Publikum bei unseren Songs echt gut mit. Das hätten wir nie erwartet.

Auf jeden Fall ein verrückter Start, wenn man gerade mal zwei EPs veröffentlicht hat! Ihr seid jetzt schon vier Tage in Deutschland. Gibt es irgendwas, was du hier in Europa, vor allem natürlich in Deutschland gefunden hast, was du in Amerika vermisst?

Ich finde die Autobahnraststätten hier viel besser! Das ist echt immer ein kleiner Genuss, wenn wir einen Stopp einlegen und man sich erstmal in ein Cafe setzt und einen Espresso trinkt oder einen Salat isst. So etwas gibt es in den Staaten nicht. Da gibt es vereinzelt mal einen Taco Bell, aber hier in Deutschland haben die Raststätten zum Teil echt eine gemütliche Atmosphäre und es gibt auch viele Grünflächen.

Bei Radio Q haben wir eine Rubrik namens “Platte für die Insel”. Dort wählen unsere RedakteurInnen die Alben aus, die sie mit auf eine einsame Insel nehmen würden. Welches Album würdest du mit auf eine einsame Insel nehmen?

Kommt auf die Dauer an… Wenn ich zehn Jahre dort verbringen würde, dass wäre dann “Astral Weeks” von Van Morrison. Wenn ich aber nur spontan dorthin gehen würde, wäre es “Double Fantasy” von John Lennon und Yoko Ono.


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