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Water from your Eyes – Everyone’s Crushed

Rezensiert von am 6. Juni 2023

       

Es gibt Alben die hat man nach dem dritten Song schon so gut verstanden, dass man eigentlich garnicht weiterhören muss. Und dann gibt es Alben wie “Everyone’s Crushed”. Hier regiert das Chaos. Die Übersteuerung. Die kurzen Momente der wohligen Harmonie, sie machen nur eine ganz ganz kurze Steppvisite. Man will sich gerade an ihnen festhalten und schon folgt der nächste lärmende Gitarrentornado oder schräge Rhythmik. Everyone’s Crushed verblüft auch noch auf dem letzten Track – und trotzdem.. das hier ist bei aller Liebe zum Wahnsinn und zu Anarchie vor allem: riichtig guter Pop.

Nate Amos und Rachel Brown kommen eigentlich aus Chicago. Machen seit vielen Jahren gemeinsam und Solo Musik. Ursprünglich wollten sie ja Stand-Up machen und Jokes fürs TV-Shows schreiben. Zum Glück?! kam da etwas dazwischen: Es ist 2016 als Nate Amos seiner damaligen Freundin Rachel, New Order vorspielt. Brown ist begeistert und die beiden beschließen eine Band zu gründen, scherzhaft sagen sie von sich, sie wären fortan eine “sad dance band” – wie New Order quasi. Die Debüt EP entsteht innerhalb von nur einer Woche. Was folgt sind fünf weitere Alben, die immer schräger und schräger werden. 2021 kommt mit “Structure” sowas wie der Durchbruch – die Musikpresse ist begeistert und schließlich geht’s als Vorband von Interpol sogar erstmals nach Europa.

Water from your Eyes Sound ist bei allem Chaos doch ziemlich durchdacht: Die beiden Musiker bedienen sich vor allem Methoden des Serialismus – der fand schon in den 40er Jahren im Zuge der als “Neue Musik” bezeichneten Avantgarde-Spielart und Dekonstruktion klassischer Musik seinen Weg an die Musikschulen, die Kunst und, natürlich auch irgendwann zu den Beatles & Bowie. Brown und Amos schaffen es jedoch, das bruchstückhafte Aneinanderfriemeln von Ideen so gekonnt groovig zu verpacken, dass die Songs auf diesem Album fast schon als Ohrwürmer durchgehen können.

»There are no happy endings. There are only things that happen«

Die Aufgabenverteilung beim Duo ist klar verteilt: Rachel Brown singt mit Vorliebe lakonische One-Liner über die von Nate Amos produzierten Klangkonstruktionen die klingen wie eine Jam Session zwischen Velvet Underground und den Red Hot Chilli Peppers (manchmal). Im Falle von Brown kommen dabei Sätze heraus, die wie Floskeln aus einem Glückskeks klingen, wenn die Praktikanten sie auf LSD geschrieben hätten. Wie alles bei Water from your Eyes sind die poetisch-vagen Lyrics aber auch hier originell und passen perfekt in die Abgespacetheit ihres eigenen Klanguniversums.

»I’m with everyone I love / and everything hurts«, aber auch: »I’m with everyone I hurt / and everything is love«

Das Amos und Brown Pop mögen, haben sie zuletzt auch mit einem reinen Cover Album gezeigt, auf dem neben “Lose Yourself” auch “Call me Maybe” in wundervoll schiefe Indie-Songs verwandelt wurde. Das die Band genauso gut eine Karriere als Filmemacher von artsy Streifen hätten verfolgen können, kann man sehen wenn man sich die extrem kunstvoll inszenierten Musikvideos zu “14” oder “Barley” anschaut. Das Ganze ist aber kein Zufall: Brown hatte in den letzten Monaten vor Recorden des Album in 12 Stunden Schichten an TV-Shows und Werbevideos gearbeitet. Derweil hatte Amos mit seiner Drogensucht zu kämpfen, die er lediglich für kurze Zeit überwand und dessen Ergebnis unter anderem der Titelsong geworden ist – eine Art Triumphsong eines lebenlangen Kampfes mit den Substanzen (Der Vorgänger erschien noch laut Band in einer Dauerschleife aus Marihuana Konsum.)

Neben den persönlichen Herausforderungen für Amos und Brown, mittlerweile getrennt, sind es vor allem die Strukturen des Systems dass sie weiter beschäftigt. So gibt’s auf dem groovigen Noise-Rocker “Buy my Product” die Kapitalismuskritik ganz unkryptisch schon im Text mitgeliefert. Musikalisch befreit sind die beiden eh auf gefühlt jedem Song: “14” baut aus Streichern aus der Konserve eine tiefsinnige Ballade zum Niederknien, “Open” umschließt einen mit verstörenden Ambient- & Telefon-Geräuschen und “Everyone’s Crushed” klingt, als würden Sonic Youth Jungle machen und dabei von einer Big Band begleitet werden.

Eigen ist auch der Opener des Albums: “1. 2. 3. I. Count. Mountains.” singt Brown mit stakkatoartigem Sprechgesang und wirkt dabei ungreifbar wie die Zwänge eines zu komplexen Systems. Das sich selbst eine Band wie Water from your Eyes mit ihrer Außenseiterrolle irgendwann diesen unterwerfen muss oder einfach geschluckt wird ist so ein bisschen das Paradoxon des Ganzen. Aber so ist das eben. Oder nicht?

I think that there are people out there that probably feel a little bit less stuck because they’re, like, actively participating in the change. Whereas we’re on tour trying to sell some merch.

Rachel Brown

Auch wenn “Everything’s Crushed” zwischen all dem Lärm der Pop durchschimmert, Ausverkauf kann man dieser Band sicherlich nicht vorwerfen. Water from your Eyes schaffen darauf eine so eigenständige und abwechslungsreiche Musik zu machen, dass man die Ehrlichkeit und die Weirdness dahinter eigentlich nur lieben kann. Wenn das 2023 noch eine Band schafft und man trotzdem rotzige Ohrwürmer im Kopf hat, ist das schon eine Leistung.


Label: Matador Records
Veröffentlicht am: 26.05.2023
Interpret: Water from your Eyes
Name: Everyone's Crushed
Online: Zur Seite des Interpreten.