Tusks – Avalanche

Rezensiert von am 15. Juni 2019

       

Pop im Jahr 2019 ist grell, bunt und in vielen Fällen austauschbar. Artists reden in ähnlich aufgebauten Liedern über immer wieder dieselben Themen, die bereits in vergangenen Jahrzehnten zu häufig besungen wurden: Geld, Liebe, Abenteuer – uff…
Umso schöner ist es die Musik von Emily Underhill aka Tusks zu hören – ganz entschleunigt, düster, zerbrechlich und mit reduzierten aber berührenden, diesmal sogar einigen kritischen Worten. Ihr Debüt “Dissolve” aus dem Jahr 2017 wurde direkt zum Feuilleton Liebling und auch ich bekam derzeit Gänsehaut, als Tusks auf einem minimal gehaltenen Elektrogefrickel “It’s all for You” hauchte. “Dissolve” spielte generell mit entschleunigter Elektronik. Viele der Songs an sich waren mit ihrer melancholischen Entschleunigung perfekt geeignet für sentimentale Momente in den Abendstunden. Das ganze Album am Stück zu hören fiel aber deutlich schwerer, denn “Dissolve” als gesamtes Album klingt wie eine Überdosis Morphium.

Umso schöner ist es nun “Avalanche” in den CD Player zu schubsen. Elektronik weicht nun entschleunigtem Rock a la Spiritualized (in ihrer Drogen Zeit). Vermutlich nimmt Tusks jetzt häufiger die Gitarre in die Hand, weil sie im Januar 2018 beinahe das Gitarrespielen für immer hätte aufgeben müssen. Nach einem Unfall war ihr Ellenbogen komplett zertrümmert und es schien so, als wäre das Gitarrespielen von nun an nicht mehr möglich. Was wäre das für ein Verlust gewesen! Aber jetzt ist sie ein Glück wieder da mit ihrer großartigen Stimme die Gänsehaut verursacht und im Gegensatz zu “Dissolve” mehr zur Geltung kommt.

Schon der Opener “Demon” entführt sein Publikum in eine Badewanne voll dunkelster Melancholie. Tusks spricht über die eigenen Laster. Zigaretten werden die “Demons I Smoke”. Wir erleben eine Künstlerin beim Seelenstriptease, während sich der Song im Hintergrund immer mehr aufbaut. Zunächst neurotisch angespannt und gegen Ende hoffnungsvoll ausschweifend. Ein Song der stellvertretend für die Albumatmosphäre ist. Auch das offene Ansprechen von psychischer Labilität kommt nicht von irgendwo. Tusks hat eine zwanghafte Angst davor Auto zu fahren, weil sie immer Panik hat jemanden zu überfahren oder bereits überfahren zu haben. Solche Gedanken lassen sie Nachts nicht schlafen und so versucht sie immer wieder das Thema Mentale Gesundheit in ihre Songs zu packen.

Das Highlight des Albums wartet bereits auf Track Nummer 2. “Be Mine” erzählt zu langsamen, hallenden Gitarren von einer zu Bruch gehenden Liebe. Alles ist verloren, aber sie verspricht es das nächste Mal besser zu machen. Daraufhin bricht der Song aus “Do You Want to Be Mine?” schreit sie zu übersteuernden Gitarren und verursacht direkt Gänsehaut.

Doch auch die Eingangs erwähnten kritischen Töne lassen sich hören. Auf “Peachy Keen” greift Tusks die Verteidiger des Upskirtings an. Sie äußert sich selber zu dem Song “Das ist eine sarkastische Antwort auf Sexismus, die ich schrieb, als ich davon hörte, dass ein Abgeordneter kürzlich gegen das Verbot von Upskirting, also das voyeuristische Fotografieren unter dem Rock einer Frau, gestimmt hat. Das Abstimmungsverhalten dieses Parlamentariers ist so lächerlich. Er stimmt gegen alles, was die Macht von weißen Männern aus der Mittelschicht bedroht. Ich wollte damit Fragen wie man eigentlich glücklich sein kann, wenn man so ein Arschloch ist?”
Worte die man auf einem so einfühlsamen Album gar nicht erwartet und die gerade deshalb so positiv herausstechen! Das ist Pop wie er sein sollte – mit der Kritik am Puls der Zeit.

Im Gegensatz zu “Dissolve” finden sich hier wenige Songs die sich zu sehr in die Länge ziehen, allein “Bleach” ist ein ganz loses Klanggerüst, das gerade über 4 Minuten zu sehr anstrengt.

So ist “Avalanche” ein Album, welches einen psychisch fordert, ein Album zum aufmerksamen Hören, das eine Farbpalette wiederspiegelt, bei dem die hellste Farbe Grau ist. Radikal ehrlich und hochemotional – Musik zum Fühlen.


Label: ONE LITTLE INDIAN
Veröffentlicht am: 14.06.2019
Interpret: Tusks
Name: Avalanche
Online: Zur Seite des Interpreten.


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