Current track

Title

Artist

Current show

Current show


TORRES – What an enormous room 

Rezensiert von on 2024-01-29

       

Hört man den Namen TORRES, denkt man unweigerlich an Spanien. Assoziationen zu den Toreros, die traditionellen spanischen Stierkämpfern oder zum Fußballspieler Fernando Torres schießen ins Gehirn. Allerdings muss man gestehen, dass die Sängerin TORRES, die uns unser dieswöchiges Album der Woche liefert, rein gar nichts mit Spanien zu tun hat. Vielmehr verbirgt sich hinter TORRES die US-Amerikanerin Mackenzie Scott. Geboren 1991 im Bundesstaat Georgia, verbringt sie große Teile ihrer Kindheit und Jugend, sowie ihr Studium in Nashville. Sie selbst wächst als Adoptivkind in einer Pflegefamilie auf, leidet unter ihrer christlich konservativen Erziehung und ist queer. Ventil, um mit all diesen Erfahrungen und Emotionen umgehen zu können, ist dabei stets die Musik gewesen. Noch als Studentin nimmt sie in gerade einmal 5 Tagen ihr Debütalbum TORRES auf, welches im Februar 2013 erscheint. Knapp 11 Jahre später, am 26.01.2024 erschien nun ihr mittlerweile sechtes Album mit dem Titel “What an enormous room”. Vergleicht man alleine diese beiden Alben, wird der musikalische Reifeprozess der Sängerin sehr stark deutlich. Sind auf dem Debütalbum noch die rohen DIY-Sounds zu vernehmen, die Irgendwo zwischen Grunge Rock a la Nirvana und und Folk a la Joana Newsom liegen, so ist auf dem neuen Album vor allem elektrisierendes Noir-Pop zu hören, der allerdings die frühen Anfänge der Künstlerin immer mal wieder durchscheinen lässt. 

Gleich der Opener Happy man’s shoes ist eines der absoluten Highlights des Albums. Der Song startet mit Synthies, bei denen man sich gleich in die 90er zurückversetzt fühlt. Erinnerungen an den Madonnaklassiker Frozen werden wach. TORRES Song biegt allerdings in eine ganz andere Richtung ab. Der Drumbeat setzt ein und zwingt einen geradezu zum Mitstampfen. Die düstere Stimme von TORRES setzt ein und wird nach kurzer Zeit von noiserockartigen Elementen durchbrochen, die fast klingen als hätte man eine Orgel an einen Marshall Amp angeschlossen und ordentlich Gain reingeknallt. Gerade nachdem wir von dieser musikalischen Szenerie schon etwas eingelullt werden, überrascht TORRES uns mit einem Spoken-Word-Part. Auch der Text glänzt hier durch seinen Ambivalenz, auf der einen Seite wirkt es so als würden die Künstlerin über den Verlust einer bestimmten Person trauern auf der anderen Seite wirkt der Song wie die perfekte Empowermenthymne die die Masse gerade bei Liveauftritten richtig pushen dürfte: “My star is just on the rise babe”. 

Über den Track Life as we don’t know it der aufgrund der Instrumentierung und der Songlänge mit 1:45 schon eher zum Punkrock gezählt werden müsste, bewegt sich TORRES zu einem nächsten Highlight der Platte. I got the fear verkörpert den wunderbaren Folk-Spirit, der entsteht, wenn lediglich eine Akustikgitarre und eine zarte verletzliche Stimme aufeinandertreffen. Intime Momente, in denen TORRES ihre Verletzlichkeit durchblicken lässt. Dennoch ist dieser Song ungewöhnlich. Eine Kickdrum, die teils auch bewusst verzerrt daher kommt und verschiedene Effektspielereien sorgen für einen konstanten Spannungsmoment im Hintergrund. Diesen Spannungsmoment schafft TORRES auch im folgenden Track Wake to flowers. Die erste Strophe klingt die ganze Zeit so, als würde der Song in jedem Moment in eine Powerpopballade ausbrechen, von dieser Befürchtung erlöst uns TORRES allerdings. Stattdessen geht sie genau den gegenteiligen Weg. Im Refrain wird, statt eines erwartbaren Drops, der bisherige Drumbeat komplett eingestellt und nur Bass und Gitarre bleiben bestehen. Sehr ungewöhnlich in der heutigen Musikwelt. Trotz dieses gelungenen Überraschungsmomentes schafft es der Song es allerdings nicht, sich von einer gewissen Monotonie zu befreien. In diesen monotonen Vibe schließt sich auch der nächste Track Ugly mystery an, der leider im Albumkontext auch sehr untergeht. Vielleicht auch weil er sich im Schatten eines wahnsinnig guten Albumhighlights bewegt. Die Rede ist von dem Lied Collect. Ein Song der eine Art Badass-Version von Shania Twains “That don’t impress me much” ist. Hier ist sie wieder, die Verstärkerorgel, die wir bereits aus dem Opener kennen. Nach kurzer Zeit supported von der leicht nasal rotzig klingenden Stimme von TORRES. Irgendwann knallen die verzerrten Gitarren in den Track und TORRES fragt im Refrain provokativ “Did I hit a nerv?”. Alles wirkt so brachial wie eine ordentliche Schelle ins Gesicht. So macht das Spaß. 

Um sich wieder etwas einkriegen, packt TORRES mit Artificial limits ein ganz langes Brett aus. Sechs Minuten lang nimmt uns die Künstlerin mit in ihre düstere Welt abzutauchen: “If you are here it means you have survived your own death sentence … No more artificial limits … anything can happen”. Sie nimmt die Hörer*innen mit an ihren mentalen Tiefpunkt und gibt die Message mit: Jetzt wo das überstanden ist, kann alles passieren, es gibt keine Einschränkungen mehr. Mitleid und Hoffnung zugleich begleiten durch den tollen atmosphärischen Track. In diesem Zuge erklärt sich auch der Albumtitel “What an enormous room”, der auch in den Anfangszeilen des nächsten Tracks Jerk into joy aufgegriffen wird. Ein riesiger Raum, der voller freier Möglichkeiten ist, sich auszuleben. Auch musikalisch merkt man nun diese positive Freiheit. So ist Jerk into joy der bisher mit Abstand fröhlichste Song. Forever home beschreibt das Festsetzen und sich breit machen in den neuen Möglichkeiten. Ein neues Haus für die Gefühle. Auch hier ist dementsprechend eine positive Note zu hören, die man der Künstlerin nach all dem vorherigen Schmerz auch gönnen muss. Leider ist der Song dann rein musikalisch auch nicht so stark wie andere Tracks vorher. Im Closer des Albums Songbird forever erleben wir dann die komplette Transformation der Gefühle.  Hier wirkt TORRES einfach nur noch beseelt, musikalisch untermalt, indem ihre Stimme auf einmal fast sphärisch durch den Song gleitet, wobei lediglich ein Klavier für die musikalische Untermalung sorgt. Sie scheint in der Glückseligkeit angekommen. 

Insgesamt liefert TORRES mit What an enormous room ein starkes Album ab. Vor allem der Opener Happy man’s shoes und der Track “Collect” sind musikalisch als auch lyrisch unglaublich emotional.  Großartig, wie das von Angst und Zweifel gespickte Album in der Mitte eine Wende bekommt und sich in etwas Positives und emotional Befreiendes umwandelt. Zugegeben, der erste Part des Albums wirkt einfach noch stärker und eindrucksvoller als der zweite Part. Dennoch scheint die Auflösung notwendig und sinnvoll.


Label: Merge Records
Veröffentlicht am: 26.01.2023
Interpret: TORRES
Name: What an enormous room
Online: Zur Seite des Interpreten.


Continue reading