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ENGIN – MESAFELER

Rezensiert von on 2024-02-06

       

Stellt euch vor, ihr seid ein Mensch mit türkischem Migrationshintergrund. Der Enkel von einem nach Deutschland eingewanderten Gastarbeiter. Ihr fühlt euch dem Land zugehörig und auch eure Muttersprache ist Deutsch. Dennoch merkt ihr, dass ihr diese Seite in euch habt. Die Seite der Vergangenheit eurer Vorfahren. Irgendwie ist diese Kultur nah und doch so fern. Fragen kommen in euch auf: Wer bin ich? Wo sind meine Wurzeln? Wo gehöre ich hin? 

So in etwa müssen die Gedankengänge von Engin Devekiran, dem Sänger und Gitarristen der Mannheimer Band ENGIN ausgesehen haben. Die Antwort auf all die Fragen seiner Identität findet er in der Musik. Gemeinsam mit seinen beiden Bandkollegen Jonas Stiegler (Schlagzeug) und David Knevels beginnt er, sich in die türkische Musik der Generation seiner Eltern und Großeltern einzuhören. Besonders der Anadolu Rock a la Barış Manço und Cem Karaca tut es der Band an. Und plötzlich ist die Idee zu Mesafeler da. Das ist der Albumtitel unseres dieswöchigen Albums der Woche und bedeutet übersetzt Distanzen. Die Band versucht auf dem Album die kulturellen und zeitlichen Distanzen zwischen der anatolischen Musik und dem heutigen Inderock ihrer Generation zu überbrücken. Das geschieht mit einem einfachen Konzept. Sie nehmen alte türkische Songs, covern diese und verpassen ihnen ein modernes Gewand. Besonders bemerkenswert ist dabei die sprachliche Barriere, die die Band überwinden muss, denn Frontmann Engin spricht eigentlich nur noch gebrochen türkisch mit deutschem Akzent und auch Jonas und David sind des türkischen nicht mächtig, sind aber trotzdem für die Backgroundvocals zuständig. Damit distanzieren sie sich von ihrem Debütalbum Nacht aus dem letzten Mai, welches ausschließlich auf Deutsch verfass ist. Der Mut sprachtlich zahlt sich aus in einem harmonisch tollen Album von alten türkischen Tracks im modernen Soundgewand. 

Credits: Capadol

Gleich der Opener Ayva çiçek açmış lässt sich als echtes Highlight bezeichnen. Der Titel bedeutet übersetzt “Der Quittenbaum blüht”. Es ist im Original ein türkischer Folksong, der schon so einige Male gecovert wurde. (An dieser Stelle kann ich auch empfehlen sich einfach mal durch ein paar Originale aller Songs auf der Platte durchzuhören. Alle sind hochgradig verschieden aber alle auf ihre Weise sehr gelungen). In der Version von ENGIN erhält der Song nochmal einen deutlich rockigeren Einschlag. Insbesondere Bass und Schlagzeug saugen einen in den Groove rein. Dazu dann die solierende Gitarre, mit der man im Laufe des Songs verschmilzt. Gegen Ende grenzt der Song mit verzerrter Gitarre schon fast an den Alternativ Rock der 90er.Der folgende Titel Anliyorsun değil mi  stammt im Original von Anadolu Rock Ikone Barış Manço aus den 70er Jahren. Ein Song der vor allem durch extrem viele Tempowechsel heraussticht. Während das Original schon zeitweise ein wenig an Polka erinnert, bringen ENGIN hier und da noch etwas Geschwindigkeit und Härte in den Song, sodass der Song schon fast ein wenig nach Punk klingt. Spannend ist vor allem am Ende die Call-and-Response-Stelle, bei der man auch mal das Publikum singen hört. Gerade das dürfte bei Liveauftritten besonders Spaß machen. Öyle Sarhoş Olsam Ki strahlt dann ein wenig Beach Vibes aus. Hier fühlt man sich fast an den Surfrock der frühen Beach Boys erinnert. Das Original stammt von Tanju Okan aus dem Jahr 1975 und ist ein Ballade, die deutlich getragener ist. Übersetzt heißt der Titel “Ich bin so betrunken”. Mit Cemalım wartet wieder ein klassischer des türkischen Volksliedgutes. Der Song handelt inhaltich von dem Mord an einem türkischen Ehrenmann. ENGIN verwandeln ihn in einen treibenden Indiedisco Song mit New Wave Elementen, dabei bewegen sie sich allerdings nicht so weit von der bekanntesten Interpretation des Songs von Erkin Koray weg. Der schafft es, den Song allerdings auf eine deutlich größere Länge zu ziehen. Der Track Gurbet lässt sich danach als definitives Albumhighlight deklarieren. Das liegt vor allem daran, dass er zu den Vorfahren von Engin Devekiran den größten Bezug hat. In dem Song Gurbet, der im Original von Özdemir Erdoğan stammt, geht es um das Leid eines Gastarbeiters, der alleine in einem fremden Land leben muss und auf Nachrichten aus der Heimat wartet. Startet der Song langsam und bedächtig, baut er sich langsam immer weiter. Im Refrain wartet dann ein wunderbarer Indierocksong. Das Highlight bietet aber definitiv das anschließende Gitarrenriff, welches im Stil des anatolischen Psychedelic Rocks regelrecht in den Song knallt und ihm nochmal eine ganz andere Wendung gibt. So verleihen ENGIN diesem Track wirklich eine magische Note.

Etwas mysteriöser schließt sich dann der Track Resimdeki Gözyaşlar an. Das bedeutet übersetzt “Die Tränen auf dem Bild”. Ein Song im Original von Cem Karaca über das Vermissen. ENGIN verpassen ihm fast einen swinghaften Beat. Dieser steht dem Song allerdings nicht ganz so extrem gut. Da klingt das Original aus dem Jahr 1968 etwas interessanter. Den Abschluss des Albums bietet dann der Track Ilgaz. Ein Folkloreklassiker, den Kinder in der Türkei schon in der Schule lernen. Hier werden noch einmal epische Pauken zu ruhigem Gitarrenspiel aufgefahren. Der Song bietet so einen schönen reduzierten Abschluss, der von seinen schönen Harmonien lebt. Am Ende des Songs wartet mit einer Flöte noch einmal ein Überraschungselement und liefert so einen Stimmungsvollen Ausklang aus dem Album. 

Insgesamt liefern ENGIN ein großartiges Coveralbum. Sie versuchen nicht, die Songs möglichst originalgetreu nachzuspielen, sondern drücken jedem einzelnen Song ihren eigenen Stempel auf. Dabei transformieren sie die Songs von denen fast keiner jünger als 50 Jahre ist in die Neuzeit und überbrücken somit albentitelgetreu die Mesafeler (Distanzen). Lediglich etwas länger hätte das Album sein können. Allerdings scheint es bei weiteren Coversongs wohl musikrechtliche Probleme gegeben zu haben. Wer die Band übrigens nach dem Album gerne live sehen möchte, hat dazu am 30.04 die Chance. Da kommen sie mit ihrem aktuellen Album in der Pension Schmidt vorbei.


Label: ENGIN
Veröffentlicht am: 26.01.2024
Interpret: ENGIN
Name: Mesafeler
Online: Zur Seite des Interpreten.