The National – I Am Easy to Find

Rezensiert von am 19. Mai 2019

       

Mit the National bin ich nie wirklich warm geworden, obwohl mir bereits alle MusikliebhaberInnen aus meinem Freundeskreis die Musik der New Yorker ans Herz gelegt haben. Auch als das neue Album “I Am Easy to Find” angekündigt wurde, hat mich die Nachricht nicht vom Hocker gehauen. Dazu gibt es zu diesem Album noch einen Film. Mein erster Gedanke – was ein genialer Promo-Gag. Doch meine gesamte Einstellung zu der Band um Sänger Matt Berninger sollte sich in dem Moment schlagartig ändern, als ich mir den gleichnamigen Film “I Am Easy to Find”, ohne große Erwartungen, angeschaut habe.

Ohne den Film würde es das Album nicht geben. Denn nach ihrem hochgelobten 2017er Album “Sleep Well Beast” wollte sich die Band zunächst eine wohlverdiente Pause gönnen. Doch wenn Regisseur Mike Mills, der mit seinem Film “Jahrhundertfrauen” bereits Oscar nominiert war, anruft und fragt ob man nicht ein gemeinsames Projekt starten wolle, dann kann man seine Ruhepause auch mal schnell unterbrechen. Der aus der Zusammenarbeit resultierende Film handelt von der Vergänglichkeit des Lebens. Der gesamte 24-minütige Film ist in grau gehalten und Oscar Preisträgerin Alicia Vikander durchlebt die Stationen eines menschlichen Lebens, von der Geburt bis zum Tod. Geredet wird nicht viel, denn das übernehmen the National, aus deren Musik mit jedem Klang bittersüße Melancholie tropft. So erleben wir den ersten Kuss, die erste Liebe, die Hochzeit. Doch vor allem führt der Film vor Augen, dass nicht alles im Leben rosarot ist. Während “Oblivions”, läuft erleben wir wie die Protagonistin erfährt, dass ihr Vater ein Mädchen angefahren hat, die Eltern immer wieder streiten und sie läuft das erste mal von Zuhause weg. “Oblivions” handelt dabei von der Angst, sich nach der Hochzeit auseinander zu leben. Ganz seicht haucht die französische Folk Künstlerin Mina Tindle, nebenbei Frau von the National Gitarrist Bryce Dessner, den Pre-Chorus: “Do you think you can carry me over this threshold / Over and over again into oblivion?”. Ach, was tut es dem gesamten Album gut, so viele wunderschöne weibliche Stimmen mit dabei zu haben.

Eine weitere Gastsängerin ist die Unglaubliche Lisa Hannigan, die leider hierzulande kaum bekannt ist, aber eine bewegende, feengleiche Stimme besitzt und allein durch ihren Gesang zu Tränen rührt. Sie passt perfekt zu dem Song “So Far So Fast”. Ein Song darüber, zu altern, die Zeit vorbeifliegen zu sehen und die eigene Persönlichkeit zu reflektieren. “We have friends in good houses, we have kids in the trees / Now I have nothing but sleepless nights, about everything”. Im Film sehen wir zu den Klängen des Songs, wie die Protagonistin zunächst ihrem mann fremd geht, sich daraufhin wieder versöhnt, umzieht und das erste mal den Duft der neuen Stadt einatmet. Gege Ende des Songs setzt der Gesang des, auf dem Album häufiger vertretenen, Brooklyn Youth Chorus ein und verursacht ein Gefühl wie vom Wind durchweht zu werden.

Höhepunkt erreichen Album und Film mit “I Am Easy to Find”, dem Song der den Album- und Filmtitel stellt. Neben Berningers imposanter Bariton Stimme, ist hier Kate Stables, besser bekannt als This is the Kit, zu hören. Ein Song der sich ganz sanft aufbaut und durch seine Reduziertheit bis ins Mark geht. Dazu vielleicht die schönste Liebes- und Treuemessage überhaupt: “There’s a million little battles that I’m never gonna win anyway / I’m still waiting for you every night with ticker tape, ticker tape”. Im Film erreicht die Protagonistin zu diesem Film ihren Lebensabend. Ihr Sohn zieht aus, bekommt Kinder, ihr Mann stirbt und am Ende muss auch sie gehen, während ihr Sohn ihr am Krankenbett die Hand hält. Das ist der Moment, wo spätestens jeder Gefühlvolle Mensch die ein oder andere Träne verdrücken muss. Audiovisuell ein Meisterwerk.

Und so lässt sich das gesamte Album viel Intensiver hören, wenn wir den Film kennen. Überall begegnet uns der Vanitas Gedanke – Alles ist vergänglich. Ganze 16 Songs laufen über mit Emotionen, Melancholie. Allein zwei von ganzen 16 Songs, fallen ein wenig aus der Reihe. “Where is Her Head” passt mit seiner chaotischen Melodie nicht wirklich in das glattgebügelte Graue Samttuch von Album und “Not in Kansas” ist schlicht zu lang geraten und ist melodiös der plätscherndste Song des Albums.

Ansonsten fällt hier alles weg, was mich vom vorherigen the National hören abgehalten hat. Der klischeehafte Charakter des Männertränen-Indie a la Leonard Cohen oder Nick Cave kommt nicht auf, da sich mit Lisa Hannigan, Kate Stables, Mina Tindle, Bowie Weggefährtin Gail Ann Dorsey und Feuilleton Dauergast Sharon van Etten, einige der schönsten weiblichen Stimmen zu Berninger gesellen. Dazu das allgegenwärtige Thema Verlust und Angst in und vor der Liebe. “I Am Easy to Find” ist der bittersüße Indie Film für die Ohren.


Label: 4 AD
Veröffentlicht am: 17.05.2019
Interpret: The National
Name: I Am Easy to Find
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