sir Was – Let The Morning Come

Rezensiert von am 20. Oktober 2021

       

Bei einem Gros der Alben und Singles, die wir jede Woche in unserer Redaktion abhören, stellen wir fest: “Nice Herbstvibes/ Oh ja, da bekomme ich die Frühlingsgefühle, passt zur Zeit” etc. Manche Alben wollen sich dem aber widersetzen, scheinen sich nicht in dieses komfortable viergliedrige System der Jahreszeiten einordnen zu wollen und geben uns alles gleichzeitig: Das Gefühle mit dem Rad durch die aufblühenden Frühlingswiesen in den Rieselfeldern zu fahren, über den Himmel streifen die zurückkehrenden Zugvögel auf der Suche nach einem Landeplatz; ich liege im Hochsommer mit meinen Leuten am Kanal, bevor das Schiff vorbeifährt nochmal dippen; im Herbst durch’s nahe und ferne Münsterland wandern, wofür hat man denn das Ticket? Im Winter durch einen Meter frisch gefallenen Schnee stapfen – muss zum Markt, Käsetüte holt sich nicht von selbst.

sir Was beschenkt uns mit einem musikalisch interessantem Album, Orgelklänge mit einem Falsettgesang, der mich an Kevin Parker (Tame Impala) erinnert. Witzig, die beiden sehen sich frisurentechnisch sogar ziemlich ähnlich. Der Sound der neuen Veröffentlichung ist von den vorherigen Alben bekannt, bewegt sich noch ein Stück weiter weg von Hip-Hop und Jazz, aber nicht zu weit. Let The Morning Come ist eine konsequente musikalische Weiterentwicklung des Künstlers, der seine Musik auch weiterhin selbst produziert.

Man hört auch auf dem neuen Album definitiv noch die lange Vergangenheit als Jazz-Saxophonist und die musikalische Umtriebigkeit des Künstlers heraus, der zum Beispiel erst während eines ausgedehnten Südafrika-Aufenthaltes seine Liebe zum percussioniern entdeckte. Mit dem Rhythmus, dem Trommelstil der Region machte er seine ersten praktischen Erfahrungen mit dieser Art von Instrumenten und das kommt in seiner Musik durchaus zum Tragen. Besonders in den Bassstrukturen und dem Metrum, welches meist das (sehr prominent auftretende) Schlagzeug und manchmal ein Bass auf dem Album vorgibt, kommt manchmal durch den Einsatz von Brushes oder skip-beats der Jazzeinfluss zum Vorschein.

Auf zehn Tracks arbeitet sich sir Was an unterschiedlichen Sounds ab. Oft dabei sind der schwebend anmutende reverb auf der Stimme von Joel Wästberg (bürgerlicher Name). Unterlegt mit synthetischen Orgelklängen, Piano und ein bisschen dirty geschlagenen Gitarrenseiten in den ruhigeren Songs, gegen Ende des Albums Waiting For The Weekend, You Float und auch im Opener + Closer.

Ein absolutes Highlight des Albums findet sich auf halber Höhe, sozusagen dem Bergfest des Albums. One Day schickt einen Sonarsound, der sich, gepaart mit Staccatoartig vorgetragenen Textzeilen, von einer fernen Quelle zu kommen scheinend, durch einen riesigen Äther reisend, bis er im Mikrofon gelandet ist, wunderschön dahin trägt. So wäre es schon ein schöner Song, nach dem Gitarreneinsatz, bekommt der Song aber einen Break geschenkt, der es in sich hat: One day, one day, one day, wird wiederholt wie ein Mantra, es kommt aus unterschiedlichen Richtungen, aus mehreren Kehlen, Stimmen verzerrt, überschlag! – man möchte es glauben: Ja One Day…

One day one day one day one day

One day one day one day one day

How did I do? (one day one day one day one day)

How did I do?

One day – sir Was

Aber abrollen, spoken word part, zurück zum ursprünglichen Sound, Flöte, nein Gitarre, ganz ruhiges Ende nach dem wilden Break, nächster Song, geiles Album.

Randnotiz: Before The Morning Comes hat es sogar auf den Soundtrack eines Fußballvideospiels geschafft, der, soweit ich das noch aus seeehr alten Ausgaben dieses Spiels kenne, einen Qualitätsgarant darstellt.


Label: Memphis Industries
Veröffentlicht am: 15.10.2021
Interpret: sir Was
Name: Let The Morning Come
Online: Zur Seite des Interpreten.


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