Lauren Sanderson- LAUREN
Rezensiert von Johanna König on 1. Juni 2026
Lauren Sanderson hielt einst professionelle TED Talks und Motivationsreden an lokalen Schulen – so viel Seriosität ist kaum zu glauben, wenn man ihr neues, selbstbetiteltes Album LAUREN hört. Die musikalische Kampfansage mit 10 Tracks ist am 29. Mai 2026 erschienen. Und dieses Werk ist alles außer freundlich: es ist frech, aufmüpfig, wütend, sexuell explizit und trägt dick auf. Sanderson selbst charakterisiert es als: „a sharp left turn into a louder, more maximalist universe“.
Genau das ist es auch: laut, ungebremst und voller Energie. Zwischen Angriffslust und Humor nimmt Sanderson zu keinem Zeitpunkt ein Blatt vor den Mund. Was sich aber schon seit jeher durch ihre öffentliche Präsenz zieht, ist ein klares Thema: queere Selbstermächtigung. Dieser Sache hat sie sich verpflichtet und sie bleibt ihrer Mission stets treu. Schon ihr TED Talk trug den Titel „For God’s Sake, Just Love Them“ und behandelte ihr Coming-Out als lesbisch sowie die Frage, wie Eltern eine Beziehung auf Basis von Respekt und Akzeptanz gestalten können. Lauren Sanderson will ihre Fans bestärken und beschreibt sich selbst als:
“the voice for people who may not be able to speak”
Lauren Sanderson
Und in ihrem aktuellen Album setzt sie das mit ordentlich Nachdruck um. Das self-titled Album LAUREN kann als “a swaggering, queer-pop provocation built for the lesbian underground as much as the mainstream” zusammengefasst werden.
Sanderson wurde 1996 geboren und wuchs in Fort Wayne, Indiana auf. Heute lebt sie karrierebedingt in Los Angeles. Zwar wurde sie nicht am College angenommen, dafür bekam sie mit ihrem TED Talk ,den sie mit nur 19 Jahren hielt, plötzlich so richtig Reichweite. So wurde ihr klar, was sie wirklich mit ihrem Leben anfangen wollte: „Be my authentic self and inspire people along the way.“
Also begann sie in ihrem Schlafzimmer Musik zu machen und teilte alles: die Höhen und Tiefen und „the real stuff“. Erste Bekanntheit erreichte sie mit einem Cover von Maroon 5s „She Will Be Loved“ auf SoundCloud. Im 2016 veröffentlichte sie ihre erste EP, 2020 und 2022 folgten ihre ersten beiden Alben. Ursprünglich wurde sie musikalisch von Künstlern wie Mac Miller, Logic und Tyler, the Creator beeinflusst – ihre frühen Werke vereinen Pop, R&B und Hip-Hop. Mit ihrem nun dritten Album LAUREN schlägt sie jedoch eine ganz neue Richtung ein:
„Drawing from hyperactive futurism of Missy Elliott and the nu-metal bite of Limp Bizkit, Sanderson refracts those influences into something distinctly her own.“
Spotify
Dieses Album auf ein einziges Genre festzulegen ist schier unmöglich. Es vereint Hip-Hop mit Hyperpop, Rock, Metal und Punk-Einflüssen. Vielmehr als an aktuellen Hip-Hop, erinnert es an die Female Rage und den Rock der frühen 2000er á la Gwen Stefani, P!NK oder Avril Lavigne. Sanderson verwendet alles, was laut ist, stark wütet und die Aufmerksamkeit direkt auf sich zieht. Schließlich hat sie ein Ziel, das Durchsetzungskraft und eine gewisse Brutalität verlangt: queeres Empowerment.
Der Opener „COME SAY SUM“ gibt von Sekunde eins an zu verstehen, dass es hier nicht um Höflichkeit geht. Der Track fordert heraus, ist aufmüpfig und mit klarer Attitüde gebaut. Es gibt eine Feature-Version mit Fred Durst, dem Frontmann von Limp Bizkit, welche dem Song zusätzlich eine aggressive, brachiale Kante gibt. So wird der genannte Nu-Metal-Einfluss, der auf dem Album immer wieder auftaucht, unterstrichen. „COME SAY SUM“ ist der perfekte Einstieg, weil er sofort die Richtung dieses Albums vorgibt: Wut, Stärke, Kompromisslosigkeit.
Lyrics wie „Good luck getting out alive, I don’t like to play nice“ zeigen, dass es nicht nur um Ärger geht, sondern um eine tieferliegende Wut, die sich über Jahre angesammelt hat. „I’ve heard that all my life“– hier wird klar, dass Sanderson gegen Abwertung, gegen Herabsetzung und gegen Leute kämpft, die sie kleinreden wollen. Der direkte Befehl „shut the fuck up“ im Chorus ist eine klare Grenze, die sie zieht. Man könnte auch sagen, der gesamte Track ist eine Art musikalischer Mittelfinger.
Ähnlich hitzig geht es mit dem zweiten Track “POSSESSIVE“ weiter. Der Song steigt ein mit einem Cheer wie von Cheerleadern- ein fast schon spielerischer, tanzbarer Moment, der sofort ins Ohr geht und den Titel „Be possessive, be, be possessive“ wiederholt. Doch schon nach diesen ersten Sekunden kippt die Energie in etwas Wütendes und unmissverständlich Dominantes. Schon der Titel gibt die Richtung vor: eng, kontrollierend, wütend, emotional aufgeladen.
Zeilen wie „She’s not interested, so leave a message at the beep / ‘Less you wanna lose your teeth, just some perspective“ sind nicht nur frech, sondern gar drohend – und genau das macht den Track so spannend. Als einer der frühen Tracks auf LAUREN wirkt „POSSESSIVE“ fast wie eine Eskalation nach dem Opener. Er zeigt, dass auf diesem Album keine Gefühle beschönigt werden – stattdessen werden sie laut, rau und unverblümt ausgelebt.
Doch nicht alles auf LAUREN ist pure Rage. Mit „SPELL IT OUT“ nimmt Sanderson eine andere, ebenso markante Rolle ein. Der Song ist clever geschrieben, arbeitet mit einer Alphabet-Idee, ist sexuell aufgeladen und eindeutig queer-coded. Besonders deutlich wird die Doppeldeutigkeit in der Zeile „X-Y-Z, girl, I’ll finish you before me“ – hier wird das Alphabet bis zum Ende durchgegangen, aber in Wirklichkeit geht es um etwas ganz Anderes: Wie ein Fan auf “Genius” treffend schreibt, ist „SPELL IT OUT“ im Grunde:
„a classic educational children’s song about orally pleasing your partner“.
Genius
Es bleibt also weiterhin frech, queer und bewusst alles andere als kindgerecht. Musikalisch bewegt sich “SPELL IT OUT” zwischen Hip-Hop, R&B und Y2K-Vibes, klingt charmant- ein Song mit einem Augenzwinkern.
Mit „SMOKING SECTION“ wechselt das Album ins Clubhafte. Der Song bewegt sich zwischen Hip-Hop und Hyperpop, bekommt im Chorus eine überraschend rockige Note und ist vor allem Eins: überraschend tanzbar. Hier geht es um flirty Club-Vibes, Spannung auf der Tanzfläche und eine Begegnung in der Raucherecke.
Auch „GIRLS NIGHT“ regt zum Tanzen und Feiern an. Er erinnert musikalisch wieder mehr an frühe 2000er und an Hip-Hop, nur eben queer gedacht und mit einem ironischen Unterton. Der Titel verspricht ebenfalls Leichtigkeit und gute Laune, ist aber tatsächlich gezielt sarkastisch: der Mädelsabend ist hier längst kein braves Sleepover mehr, sondern eine klare sexuelle Anspielung. Besonders deutlich wird das in der Zeile „He can’t stay the night, no, he’s not invited / Just decline it“ – der Boyfriend ist nicht erwünscht, die Nacht gehört den Girls, und das hat wenig mit Pyjamas und Popcorn zu tun.
„ARE YOU REALLY HERE?“ ist die kleine Überraschung am Ende des Albums. Die anfängliche wütende Attitüde wird hier zugunsten eines poppigeren, radiofreundlichen Vibe etwas zurückgenommen. Der Track klingt mehr nach Mainstream, ist eingängiger und hat deutliches Ohrwurm-Potenzial – vor allem durch den sich wiederholenden Refrain „Don’t wake me up, don’t wake me up / When I fall asleep, I fall in love“, der sofort im Kopf bleibt. Gegen Ende des Albums funktioniert „ARE YOU REALLY HERE?“ perfekt als kleiner Kontrast: weniger Rage, mehr Pop, mehr Gefühl, mehr Ohrwurm.
LAUREN ist das Album der Woche bei RadioQ – und das aus gutem Grund.
Lauren Sanderson zeigt mit LAUREN vor allem eines: Sie will Kante. Sie will anecken, sie will laut sein, und sie will der Wut einer lesbischen Frau Raum geben – manchmal mit Ironie, manchmal mit purer Aggression, manchmal mit Humor. Um das musikalisch zu transportieren, braucht es genau diese Entgrenzung verschiedener Genres. Das sind Genres, wie Punk oder Hip-Hop, die oft mit Aufstand, Rebellion und Aggression verbunden werden. Wie Sanderson selbst es beschreibt:
„Here, rebellion isn’t an aesthetic — it’s a practiced discipline delivered at full volume.“
Spotify
Und genau darauf macht diese Album auch Lust: Laut aufdrehen, alles rauslassen und Lauren Sanderson in ihrer vollen Wucht genießen.
Label: Pack Records, Inc. & Create Music Group Veröffentlicht am: 29.05.2026 Interpret: Lauren Sanderson Name: LAUREN Online: Zur Seite des Interpreten.
Coverbild: https://share.google/AXDDYhRqQ2IcOajg7