Filiah – A Deep Breath Out
Rezensiert von Sophie Beckord on 10. Juni 2026
Tief einatmen, ausatmen und innehalten, so fühlt es sich an, Filiahs neues Album “A Deep Breath Out” zu hören. Nach einer Zeit voller kreativer Blockaden und Burnout ist die niederösterreichische Sängerin zurück mit einem Album, das Filiah, mit gebürtigem Namen Nina Schwarzkott, selbst als “Zeitdokument von ihren Zwanzigern” beschreibt. Ihr zweites Album besteht aus 11 Indie-Pop-Tracks plus 2 Bonus Tracks, die eine Hörerfahrung erschaffen, die sich anfühlt, als würden die eigenen Gedanken ausgesprochen werden.

Hier werden ruhigere Stücke, die dem Indie-Folk zuzuschreiben sind und poppigere Nummern vereint. Filiah schreibt sehr persönliche Texte, in denen sie viele Erfahrungen verarbeitet. Dabei sind sehr facettenreiche, aber auch eingängige Songs entstanden. 3 Songs sind auch bereits auf der zuvor erschienenen EP “Sad Girl With A Punchline” veröffentlicht worden. Das Album ist das Ergebnis eines 7-jährigen Schreibprozesses, in dem die Songwriterin viele Erlebnisse und Gedanken loslassen und verarbeiten konnte, die sie in ihren Zwanzigern begleitet haben und veröffentlichte nun zu ihrem 28. Geburtstag am 05. Juni 2026 ihr zweites Album.
“A Deep Breath Out” ist intim, emotional, reflektiv, humorvoll, roh. In einer Welt, die immer schnelllebiger wird, ermutigt ihre Musik zum Aufatmen und Innehalten. Sie setzt sich mit ihren Ängsten und Unsicherheiten auseinander, stets begleitet mit einem Schimmer von Hoffnung, den man in verspielten Gitarrenriffs oder Akzenten von Synthesizern wiederfinden kann. Die Musik soll vermitteln, dass Zuhörer*innen den eigenen Gefühlen Raum geben. Filiah sagt: “Wenn ich mir wünsche, dass Menschen etwas aus meiner Musik mitnehmen, dann, dass sie alles fühlen dürfen – und dabei Raum einnehmen dürfen.“

Mit “This Is Not Fun” liefert Filiah direkt einen starken Opener. Schon der Name signalisiert eine gewisse Ernüchterung und wirkt schon fast wie eine Absage an toxischen Optimismus. Als Albumauftakt setzt der Song schon einen emotionalen Grundton: es geht um einen ungeschönten Eindruck in das Leben einer 20-something Jährigen, die von ihrer persönlichen Entwicklung berichtet. Im Opener singt sie über unterdrückte Wut und die Ohnmacht, die entsteht, wenn man diese Gefühle nicht zulässt. Dabei greift sie ihre Erfahrungen als Frau mit ADHS auf. Lange Zeit versuchte sie, so zu sein, wie sie glaubte sein zu müssen: freundlich, angepasst und möglichst unauffällig. Der Song thematisiert Masking, also das ständige Kompensieren und Verbergen von Schwierigkeiten im Alltag. Gerade bei Frauen bleibt ADHS dadurch oft unsichtbar. Gleichzeitig führt die öffentliche Debatte über die Diagnose dazu, dass viele Betroffene Angst haben, nicht ernst genommen zu werden oder sich ihre Probleme vielleicht nur einbilden. Filiah erzählt eine Geschichte über das Loslassen und das Wiederfinden des eigenen Selbstwertes. Gleichzeitig schafft sie durch ihre sanfte, brüchige Kopfstimme über dem geschaffenen Klangraum, nur durchbrochen durch die Akustikgitarre, eine unglaubliche intime Atmosphäre. Filiah erzählt, wie man durch all diese Anpassungsmechanismen irgendwann den Zugang dazu verlieren kann, wer man eigentlich wirklich ist und wie viel Wut sich dabei auch aufstauen kann, die im Selbstzweifel zunächst sich selbst trifft. Wie sie sagt:

“Method Acting” ist eine poppigere Nummer und soll Filiahs jetziges Ich mit ihrem früheren zusammenbringen. Es soll alle ihre Versionen in einem Lied unterbringen. Gleichzeitig ist “Method Acting” ein eindringlicher Song über Selbstinszenierung, Überforderung und den Wunsch, endlich wieder man selbst zu sein und zu sich zurückzufinden. Der Titel spielt auf die gleichnamige Schauspieltechnik an, bei der man so tief in eine Rolle eintaucht, dass die Grenze zwischen Figur und Realität verschwimmt. Genau das thematisiert Filiah hier: Wie man sich als junge Erwachsene in Erwartungen, Rollenbildern und der eigenen Performance verliert. Wie viel von dem, was wir nach außen zeigen, ist wirklich authentisch? Wie viel davon ist inszeniert? Filiah beschreibt das Gefühl, eine Rolle zu spielen, die man irgendwann nicht mehr ablegen kann, während sie sich wünscht, mit ihrem früheren Ich zu versöhnen. Method Acting ist nicht nur ein persönlicher Song, sondern auch ein Kommentar zu einem Zeitgeist, in dem Selbstinszenierung allgegenwärtig ist.

Der Fokustrack des Albums ist “Everybody Knows”. Hier verarbeitet die Sängerin ihren Burnout und thematisiert das Imposter-Syndrom und paranoide Angstzustände, die sich in den dunklen Synthesizern und dem treibenden Beat wiederfinden. Sie erzählt, dass sie sich in diesem Zusammenhang stets beweisen musste als Musikerin in einem immer noch männerdominierten Business. Filiah liegt das Album so sehr am Herzen, weil sie sich selbst damit beweisen konnte, “dass [sie] alles machen kann, worauf [sie] Lust habe.”

Mit “It’s Always Winter (Until It Is Not)” zeigt Filiah eine besonders verletzliche Seite ihres neuen Albums. Der Song handelt von der Angst, gesehen zu werden und vor allem von dem Mut, trotzdem ihr Innerstes nach außen zu tragen. Filiah beschreibt das Gefühl von Lampenfieber, von Unsicherheit und dem ständigen Bewusstsein, beobachtet zu werden.
Dabei erinnert der Song, dass dort, wo Licht, auch Schatten existieren. Selbst in den dunkelsten Momenten gibt es kurze Augenblicke des Aufatmens, kleine Hoffnungsfunken, die einen weitermachen lassen. Die Spannung zwischen Angst und Zuversicht macht “It’s Always Winter (Until It Is Not)” zu einem der eindringlichsten Songs des Albums.

Filiah ist besonders stolz auf “Playground Vision”. Ein zerbrechlich klingender und kunstvoll gesungener Song. Die Instrumentierung ist minimalistisch und wird durch Filiahs samtige Stimme ergänzt. Irgendwie schafft sie es, genau auf diesem schmalen Grat zwischen Zartheit, Stärke und Humor zu balancieren, wobei ihre Verletzlichkeit besonders ihre Stärke ist. Das Thema ist die Vergänglichkeit allen Seins und auch genau diese Vergänglichkeit zu feiern und das Schöne darin zu sehen. Denn klar irgendwie ist es beschissen, dass alles irgendwann endet, aber die Vorstellung ist doch auch schön zugleich. Der Song soll Mut machen und daran erinnern, dass alles, was man im Leben liebt, im Herzen weiterlebt.

Mit “Sad Girl With A Punchline” liefert die österreichische Songwriterin einen Indie-Pop-Track, der verletzlich klingt und dabei trotzdem nicht in Selbstmitleid versinkt, hier treffen Melancholie und Selbstironie aufeinander. Der Song beschäftigt sich mit den Erwartungen anderer und der Angewohnheit, schwierige Gefühle hinter einem gut platzierten Witz zu verstecken. Sie zeigt sich verletzlich und humorvoll zugleich. Sie bezeichnete sich zu Debutzeiten noch als “sad girl with a guitar” heute ist sie aber definitiv ein “sad girl with a punchline”.
Nach Songs über Veränderung und Unsicherheit endet Filiahs neues Album genau dort, wo sein Titel es schon andeutet, mit einem tiefen Ausatmen und dem gleichnamigen Titeltrack. “A Deep Breath Out” ist der Schlusspunkt des Albums und gleichzeitig die zentrale Botschaft. Der Song handelt von dem Moment, in dem man sich von Sorgen und Erwartungen lösen kann. Ein passender Abschluss für ein Album über persönliches Wachstum und die Erkenntnis, dass Veränderung genau dort beginnt, wo man lernt loszulassen. “A Deep Breath Out” ist das Ergebnis eines langen reflektiven Prozesses und zeigt, wie sehr sich die Künstlerin weiterentwickelt hat. Nach dieser letzten Ballade scheint alles gesagt zu sein.

Filiah gehört zu einer der spannendsten Stimmen des modernen Indie-Folk. Das Album ist wie ein erleichterendes Ausatmen, wie das Gefühl, wenn nach einem klärenden Gespräch die ganze Last von der Seele fällt. Sie selbst sagt: ”Für mich war das ganz wichtig, dass ich ein Album mache, das sich so sehr nach mir anfühlt wie nichts anderes.“
Klangtechnisch hat sie sich stark entwickelt und für neue Einflüsse aus Indie-Rock, Folk und Pop geöffnet. Sie selbst beschreibt ihre Musik als “Indie-Folk sparkling with the shine of pop music”. Wo sie zu Debutzeiten in 2022 noch sehr folkig unterwegs war, zeigt sie jetzt mit A Deep Breath Out eine deutlich poppigere, facettenreichere und energiegeladenere Seite.


Label: INK MUSIC Veröffentlicht am: 05.06.2026 Interpret: Filiah Name: A Deep Breath Out