Kikagaku Moyo – Kumoyo Island

Rezensiert von am 2022-05-15

       

Rezensiert von Katharina Rücker

Kumoyo Island heißt unser Album der Woche und ist das neue Album der fünfköpfigen japanischen Band Kikagaku Moyo! Sieht man sich das Coverbild an, bekommt man direkt eine äußere Vorstellung der Insel. Die primär in orange, blau und grün getauchte Insellandschaft ist in einen gepunkteten Rahmen gefasst und wirkt wie ein Gemälde, das stilistisch an eine Mischung aus Jugendstil und Comic erinnert. Davor steht ein dick gepolstertes grün-weiß gemustertes Vintagesofa. Vielleicht befinden wir uns in einem Museum! Kikagaku Moyo lädt zu ihrer Klangausstellung ein.

Eine geometrische Klangausstellung, die mit Daydream Soda beginnt

Unter dem Sofa liegen verstreut Orangen. Da wir nun schon in der Ausstellung gelandet sind: Wie wäre es, aus diesen kurzerhand frischen Orangensaft zu pressen und die satten Farben des Bildes in sich aufzusaugen? Erklingt der siebte Titel des Albums Daydream Soda, bleibt einem wohl keine Wahl! Der Titel ist ganz ruhig gehalten, die beiden auffällig konstanten Elemente sind das durchgängige Pochen des Schlagwerks im Hintergrund und das leichte Hintergrundrauschen. Es ist, als spürte man den Puls der Inseln, an denen man auf dem ruhigen Wasser langsam vorüberplätschert. Der Saft wirkt so erfrischend wie die entfernten und sehr melodiösen Klänge der Sitar, die in verlässlichen Abschnitten zu einem herüberwehen und angenehm in den Ohren perlen. Es ist auch ein bisschen so, als würden die Sonnen über den Inseln aufgehen. Es gibt nämlich gleich zwei, eine linkerhand und eine rechterhand, von denen blaue Wasserfälle hinter orangefarbenen Blumen heruntersprudeln! Auch im Cover verstecken sie also ihren Bandnamen: Kikagaku Moyo, auf japanisch so viel wie geometrische Formen! Das einzige was nicht gespiegelt ist, sind die weißen Vögel, die in eine Richtung davonfliegen. Vielleicht sind sie gerade aus Richtung der Tokyo Bay zu den magischen Gewässern rund um Kumoyo Island gelangt. Zu diesen führt nun auch ihre Ausstellung. Mal schauen, was für geometrischen Formen sie vorbereitet haben! Diese finden sich im Klang, Musikvideos gibt es zu den meisten Titeln des Albums (noch) nicht. Ist auch nicht entscheidend. Die verlässlichen, rhythmischen Patterns in der Musik basteln ein ganz eigenes Gerüst, was man sich somit auch am besten anhand des Klangs vorstellen kann.

Nach Tokyo ins Studio von dort aus nach Kumoyo Island

Der Song Meu Mar ist ein Cover des brasilianischen Pop und Bossa Nova Künstlers Erasmo Carlos. Anders als die Lyrics haben sie den portugiesischen Titel übernommen, der übersetzt Mein Meer bedeutet. Als Cover befindet sich offensichtlich der gesamte Song noch etwas außerhalb der Tiefen der fantastischen Gewässer rund um Tokyo. In diesem Song schweben wir noch über der – doch wohl realen – Tokyo Bay. Dort hat die seit einigen Jahren in Amsterdam ansässige Band ihr aktuellstes und insgesamt fünftes Album aufgenommen. Nahm die Pandemie ihnen vorerst die Möglichkeit, weiterhin Konzerte zu spielen – wie zum Beispiel in Europa vor ausverkauften Hallen – nutzen sie die Zeit, um etwas längerfristig in ihre Heimat zurückzukehren. Aus der Wolkenlandschaft über Tokyo kann man die Tsubame Studios in Tokyos Stadtteil Asakusabashi erblicken. Von dort aus starteten sie, die Welt mit ihren acid-gefärbten, psychedelischen Klängen einzunehmen.

C: Jamie Wdziekonski

Hört man rein, wird schnell klar, dass diese Einordnung lange nicht ausreicht: um technisch gesehen eine Einordnung zu wagen, lässt sich ihre Musik am ehesten als einen psychedelischen Mix aus klassischer indischer Musik, Krautrock, Folk und 70er-Jahre-Rock greifen. Während Cardboard Pile und Field of Tiger Lillies ihres neuen Albums eindeutig rockige Elemente aufgreifen, ist das Album auch durch traditionelle japanische Musik wie Minyofolk beeinflusst. Diesen kann man vor allem im albumeinleitenden Song Monaka herauszuhören. Auch hier wird also direkt zu Beginn deutlich, dass sie sich auf ihrem Album eingehend mit ihrer Heimat befassen. Monaka ist übringens eine japanische Waffelsüßigkeit. Kikagatu Moyo lässt regelrechte Sound-Landschaften entstehen, die einen in die Weite japanischer Fantasiewelten entführt und auch der eigenen Fantasie keine Grenzen setzt.

Japanische Sagen und Mythen erwachen zum Leben

Track neun Yayoi Iyayoi nutzt – mehr als die meisten anderen Titel des Albums – Worte, um von der Insel zu erzählen. Obwohl viele Titel in englischer Sprache sind, singen sie meistens auf japanisch. Für die Lyrics ließen sich die Bandmitglieder von alten Gedichtbänden und Naturbüchern inspirieren. Dank sei den Bücherschränken und Second Hand Läden, die offensichtlich noch richtige Schätze bergen! Mit dem Song verwandelt Kikagaku Moyo die kunstvolle Insel in einen beinahe real anmutenden Ort. Wer weiß, vielleicht existiert er ja wirklich? Je länger man das Album hört, desto eher stellt man sich die Frage, ob es nur ein Tagtraum – wie vorhin gedacht – ist, oder nicht doch die Sagen und Mythen zur Realität geworden sind. Vielleicht gibt es auch Sagen, in denen man wiedergeboren werden kann. Das jedenfalls thematisieren sie in ihrem neuesten Musikvideo zu Gomugomu.

Mit kunstbegeisterten Ohren ab auf der Maison Silk Road!

Dieses Bild fängt man vor allem ein, wenn man das Album von hinten hört. Auf der Maison Silk Road – wie der letzte Song auf dem Album passenderweise heißt – spaziert man langsam aber sicher in dieses schwebende Nichts, was sich vor einem befindet. Nach knapp zwei Minuten Song verschwinden auf einmal die vielen Stimmen im Hintergrund und weichen einem gleichmäßigen Plätschern. Entweder die anderen Personen sind gegangen oder man selbst. Komplett auf die Insel. So lässt sich diese seidene Straße ebenfalls verstehen. Als Zusammenfassung des gesamten Albums, oder dann passenderweise eigentlich des AlbumKONZEPS. Will man sich vollkommen in diesem schwerelosen, flimmernden Sound verlieren, ist meine persönliche Empfehlung: Den letzten Song zuerst hören. Man könnte sogar meinen, die Musiker:innen geben einen versteckten Hint darauf: sehr ähnliche in sich ruhende, aber dennoch belebte und fetzige Akustikgitarren-Motive finden sich in ihrem Song Entrance. Dieser befindet sich auf ihrem Album Masana Temples, welches die Band 2018 veröffentlichte und steht bezeichnenderweise direkt zu Beginn.

Der Titel Maison Silk Road unseres dieswöchigen Albums der Woche Kumoyo Island stellt außerdem schon die malerischen ruhigen und weiten Flächen vor, die charakteristisch für das gesamte Album stehen. Mein persönlicher Ausstellungstipp: Wenn man sich von der geometrischen Kunstausstellung verzaubern lassen will, am besten befreit von anderen Blicken und Urteilen so unkonventionell wie die gesamte Musik von Kikagaku Moyo – nämlich durch den Hintereingang. Mit ihren Farben, Details und verlässlich eingesetzten Pinselstrichen und Motiven haben sie eine umfangreiche Bildergalerie ganz im Stile ihres eigenen Psychedelic Rock geschaffen, die auf und durch ihre ganz eigene Weise verzaubert. Einzige Voraussetzung: kunstbegeisterte Ohren!


Label: Guruguru Brain
Veröffentlicht am: 06.05.2022
Interpret: Kikagaku Moyo
Name: Kumoyo Island
Online: Zur Seite des Interpreten.


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