IDLES – Crawler

Rezensiert von am 15. November 2021

       

Voll auf die Fresse! Dieses Motto scheint sich schon immer als zentrales Motto durch den Punk zu ziehen. Auch die IDLES haben sich auf ihrem vergangenen Album ULTRA MONO an diese goldene Grundregel des Punk gehalten und das kam gut an. Platz 1 für das Album in Großbritannien und eine ausverkaufte Tour. Doch dann kam der nächste Lockdown. Die Tour musste abgesagt werden und IDLES Sänger und Songwriter Joe Talbot saß zu Hause und war auf einmal intensiver mit seinen Gefühlen konfrontiert. Diese Gefühle mussten natürlich kanalisiert werden. Herausgekommen ist dabei das vierte Studioalbum der Band aus Bristol mit dem schönen Titel CRAWLER. Denkt man nun aber, dass dieses Machwerk genau da weiter macht, wo ULTRA MONO aufhört, so hat man falsch gedacht. Zwar warten  auf dem Album an so mancher Stelle immer noch die rohen wütenden Punk-Songs die den innerlichen Frust einfach heraus lassen, aber vielmehr stechen auf dem Album die ruhigen, melancholischen Post-Punk-Songs heraus, in denen die IDLES dieses mal auch ihre gefühlvolle Seite, untermalt von größerer musikalischer Breite, zeigen. Rund um die Themen Traumata, Todesängste, Selbsthass und Rauschzuständen entsteht so ein beeindruckendes Album was dem sonst rohen Punk eine gefühlvolle Note aufdrückt. 

Bereits beim Hören des ersten Tracks wird man Zeuge des Stilwandels der IDLES. Der Song mit dem Namen MTT 420 RR schafft eine ruhige aber treibende Atmosphäre die irgendwie bedrohlich wirkt.  Die Textzeilen “It was Februrary. I was cold, but I was high” leiten das Album ein. Schaut Man auf den Hintergrund des Songs wird auch klar warum diese bedrückende Atmosphäre. MTT 420 RR ist ein Motorradmodell, mit dem Sänger Joe Talbot fast einen fatalen Unfall verursacht hat und nun über seine eigene Sterblichkeit und das Glück noch auf dieser Erde zu sein reflektiert. Der folgende Track The Wheel steht dazu fast im Kontrast und ist einer dieser wütenden Songs wie man es von den Idles gewöhnt ist. Joe Talbot lässt hier mit seiner kräftigen Stimme seinem Frust freien Lauf. The Wheel bezieht sich dabei auf die Alkoholsucht seiner Mutter, die er als Kind jeden Tag miterleben musste und die sich dabei wie ein Rad immer weiter gedreht hat, ohne, dass es ein entkommen gab. When The Lights Go Out als dritter Song ist musikalisch genau der gute Mix aus den beiden Tracks zuvor. Etwas treibender als MTT 420 RR aber auch nicht so aggressiv wie The Wheel. Es wird eindrucksvoll die Thematik eines Menschen aufgemacht, der sich im Club mit Tanzen und Alkohol in einen Rauschzustand begibt. Dabei fühlt sich dieser Mensch wie ein “Narzisst auf einem Bäckerstuhl” (grafisch unten dargestellt) 

So fühlt sich IDLES Sänger Joe Talbot Quelle: John Ashton (1834) Chap-Book of the 18th Century 

Der nächste Song Car Crash sticht vor allem wegen dem Lo-Fi-Effekt auf der Stimme des Sängers heraus. Der Effekt wird dabei im Laufe der Strophe immer heftiger, ehe der Refrain diesen Effekt mit der Textzeile “Smash, I’m a Car Crash” auflöst. Als nächstes folgt mit The New Sensation quasi ein Hasstrack auf den englischen Politiker Rishi Sunak der in der Pandemie die KünstlerInnen finanziell vernachlässigen wollte und stattdessen vorschlug alle Leute in diesem Bereich sollten sich neue Jobs suchen. Dementsprechend schwingt auch hier wieder eine ordentliche Portion Wut mit. Stockholm Syndrom nimmt diese musikalische Stimmung auf. Talbot selbst sagt er wollte diesen Song wie eine aggressiven Spielmannszug klingen lassen. Dabei geht es um die Unart andere Leute etwas aufgrund ihrer Drogensucht zu verurteilen. Insgesamt bleibt der Song im Albumkontext aber etwas unauffällig.

Dagegen sticht die folgende Nummer The Beachland Ballroom doch sehr stark hervor.  Hier greifen die IDLES auf einen ¾-Takt zurück, was für Punk eigentlich ein absolutes No Go ist. Stattdessen kommen hier Elemente des Souls in die Musik. Und auch der Text selbst scheint ungewöhnlich fröhlich angehaucht und handelt vor der Wiederkehr zu Normalität nach einem schweren Trauma. So sorgt dieser Song für erfrischende Abwechslung auf dem Album. Der Track Crawl! erinnert dann schon wieder eher an Lo-Fi Indierock a la Black Keys oder The Strokes. Dabei ist der Song eine echte Mutmachhymne, die animieren sollen immer weiter zu machen, auch wenn man kriechen muss um weiter zu kommen. In einer ähnlichen Thematik ist auch das Lied Meds gelagert. Es geht um den Prozess zur Rückkehr zur Normalität, wobei nicht jeder auf Teufel komm raus mit Medikamenten normalisiert werden soll, der das nicht möchte. In diesem mitreißendem Post-Punk-Song taucht sogar überraschenderweise ein Saxophon auf. 

Was dann folgt ist wohl als definitives Highlight des Albums zu betrachten. Zuerst leitet das Intro Kelechi, welches an einen verstorbenen Freund Talbots erinnern soll, in den Song Progress übrig. Und hier zeigen die IDLES nochmal komplett neue Seiten. Mit Progress wartet eine überragende Post-Rock-Ballade mit leichten Noise-Elementen in der am Anfang nahezu komplett auf Rhythmuselemente verzichtet wird, bis irgendwann nach zwei Minuten ein Bass in die Nummer schallt, der dem Song eine funkige Note verleiht. Thematisch ist der Song ein Mantra, dass dem Sänger helfen soll, zu realisieren, dass er sich in einem Kreis der Selbstzerstörung befindet. Damit auch ja niemand denkt die IDLES seien zahm geworden, reißt einen das 30 Sekündige Interlude Wizz schon wieder radikal aus der verträumten melancholischen Stimmung, indem sie Hardcore-Punk liefern wie Black Flag es nicht besser hätten machen können. Dabei zitiert Joe Talbot Textnachrichten seines alten Drogendealers. Ein klassischer Track der Band wartet dann als vorletztes mit King Snake auf die HörerInnen. Wobei sich dieser Song darum dreht ein kleines unbedeutendes Nichts zu sein und das dieses Gefühl ziemlich befreiend ist. Auch dank des Titels The End leitet die Band mit dem letzten Song das Ende der Platte ein. Auch wenn sich die Probleme Talbots durch die Platte ziehen so zieht er am Ende das Fazit “In spite of it all, life is beautiful”. Dabei nehmen diese Lyrics Bezug auf einen Tagebucheintrag von Leo Trotzky, der wusste, dass er wohl bald ermordet werden würde und der seiten letzten Tage nutze um nochmal die schönen Seiten seines Lebens zu rekapitulieren. 

Insgesamt liefern die IDLES mit CRAWLER ein tolles Album ab, was den eingefleischten Punk Fans genug Material liefert wie man es von den IDLES kennt. Auf der anderen Seite macht die Band auch viele neue musikalische Fässer auf die einen schon jetzt gespannt darauf machen, was wir wohl als nächstes von der Band erwarten können.

rezensiert von Moritz Meyer.


Label: Partisan Records
Veröffentlicht am: 12.11.2021
Interpret: IDLES
Name: Crawler
Online: Zur Seite des Interpreten.


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