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Grian Chatten – Chaos for the Fly

Rezensiert von am 3. Juli 2023

       

Es kam ihm am Strand bei Dublin, dreißig Kilometer vom kulturellen Hotspot Irlands entfernt, machte Grian Chatten einen ganz gewöhnlichen Spaziergang. Seine Augen streiften ein naheliegendes altes Casino und irgendwann blieb er einfach vor den aufschäumenden Wellen stehen – der Moment war die Geburtsstunde: “I just stood there and looked at them and I heard the whole fucking thing. Every part of it, from the chord progressions to the string arrangements.

Vielleicht war ja wieder die majestätische Aura des Ozeans schuld: Schon die Doors wurden schließlich einst am Strand geboren als Jim Morrison Studienkollegen Ray Manzarek die Zeilen zu seinem Gedicht “Moonlight Drive” vorsang und Manzarek den verschrobenen Poeten in vollkommener Begeisterung zur Gründung einer neuen Rockband überredete.

Grian Chatten, seines Zeichens Frontman und Sänger der Post Punk Band Fontaines D.C. hat genau den umgekehrten Weg eingeschlagen – die Liebe zur Poesie und Geist von Morrison hat er aber auch diesmal auf “Chaos for the Fly” gebannt. Ganze drei Alben in vier Jahren hatte die irische Band zuvor schon abgeliefert und es sogar zu einer Grammy Nominierung geschafft – das war bei vier Jungs die sich beim Gedichte rezitieren in den örtlichen Pubs getroffen sicher nicht unbedingt der Masterplan. Statt eingängiger Refrains und Melodien haben Fontaines D.C. die düsterne Romantik von Joy Division ins 21. Jahrhundert geholt, ihr bissiges instrumentales Zusammenspiel bereits auf dem extrem gefeierten Debüt ziemlich on point gehabt und dann gab es da noch diesen Mann mit der Stimme zum Niederknien.

Ein bisschen Morrisey, einen Hauch Morrison, eine Prise Damon Albarn und einen Kopf voll mit hunderten Jahren irischer Literatur und Gedichtstexten – so kann man die Präsenz von Chatten und seiner düster-einehmenden Stimme vielleicht beschreiben. Bei aller Liebe für seine Band – dieser Mann schreit auch einfach danach, eine Soloplatte rausbringen zu müssen.

Yesterday, I met you and the feeling’s gone. You can baby me, but you won’t baby long

“Chaos for the Fly” beginnt dabei erfrischend anders als Fontaines D.C.’s Platten: Da ist eine vertraut-optimistische Akustikgitarre, ein bisschen hauchender Gesang und man fühlt sich wie in ein irisches Märchen versetzt. Irgendwann setzt jedoch auch der Drumbeat ein – spätestens hier werden Assoziationen zu Thom Yorke geweckt. “Chaos for the Fly” schafft es immer wieder das nostalgische Gefühl für längst vergangene Zeiten mit modernen Sounds zu kombinieren. “Last Time Every Time Forever” beschwört die sehnsuchtsvolle Melancholie der Smiths über einen walzerartigen 3/4 Takt der und bohrt sich als schräger Ohrwurm ins Hirn, “Bob’s Casino” klingt mit seinen Streichern und gedämpften Beat gar nach einem verschollenen Nancy Sinatra Duett aus den 50ern. “Salt Thrower off a Truck” bedient sich dann ziemlich deutlich bei irischer Folklore und der großartige Closer “Season for Pain” wirkt mit seinen Beatle-esquen Harmonien als hätte Yoko Onno ein altes Lennon-Juwel neu ausgegraben. Der Klebstoff, der das alles zusammenhält ist wie eh und je die Stimme Chattens. “Chaos for the Fly” geht mit seiner Instrumentierung sparsam um, aber setzt so genau die richtigen Akzente um auch sein anderes großes Talent glänzen zu lassen:

The fool dies at the altar in a smile says, “I’m moving to America
You won’t see me for a while”
If I get the ferry over, will the fairies follow me?
Will they throw me to the sea?
We’ll see

Depressionen, Angstzustände, Nostalgie, Charakterliche Veränderungen – das unentwegte Touren mit Fontaines D.C. hat beim 28 jährigen seine Spuren hinterlassen – Chattens Texte leben von ihrer Mehrdeutigkeit und könnten genauso gut von verbitterten irischen Kleinstadtbewohnern handeln. In “Bob’s Casino” beschreibt zum Beispiel die Perspektive eines älteren Mannes der sein Leid leise in Alkohol und dem Glücksspiel begräbt, der traurige Text steht in starkem Kontrast zur fast euphorischen Musik. Und immer zieht sich die Suche nach mehr Unabhängigkeit durch die Tracks auf “Chaos for the fly” – sei es beim Verlassen eines alten Freundes oder der Fahrt ins große Ungewisse mit einer Fähre voller Feen zu den Staaten.

I enjoyed writing from that character’s perspective because I feel like I’m expressing something. I’m not saying that I am that character. But the character has a good chance of winning sometimes within me. The more I write about it and express it, then maybe the less chance that character has of taking over.

über den Song “Bob’s Casino”

“Chaos for the Fly” ist wie ein musikalisches Polaroid aus dem 19. Jahrhundert das irgendwie trotzdem klingt als könnte es nicht besser in diese Zeit passen, oder einfach in jede. Zwar hat das Album wenig von der Durchschlagskraft seiner Hauptband, dafür strotzt Grian Chattens Solo-Debüt vor einfallsreichen Texten, originellen Arrangements und lullt einen irgendwie in Sekunden ein, man kann die Feen die Chatten mit seiner Stimme beschwört fast sehen – und wenn man mal wieder Inspiration braucht, vielleicht sollte man dann einfach mal an den Dubliner Strand fahren, vielleicht trifft man da ja auch zufällig den Chatten wie er sein nächstes Album vom Ozean empfängt.


Label: Partisan Records
Veröffentlicht am: 02.06.2023
Interpret: Grian Chatten
Name: Chaos for the Fly
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