Glanz Null – Apsilon
Rezensiert von Laura Schildheuer on 25. Juli 2026
Das Kind, das fällt und von niemandem aufgefangen wird, wird zum Leitmotiv des Konzeptalbums “Glanz Null” von Apsilon. Zwei Jahre nach dem Erfolg seines ersten Albums “Haut wie Pelz”, veröffentlicht der Berliner Rapper sein zweites Album, und wie:
“Glanz Null” ist keine reine Fortsetzung des vorherigen Albums. Zwar bleibt der Vibe, aber die Klangwelt und auch der Blick ändern sich. Apsilon richtet ihn stärker nach Innen und gibt tiefe Einblicke in seine Gefühlswelt. Es geht nicht darum, radiotaugliche Hits aneinanderzureihen, sondern darum, ein Bild zu zeichnen. Das Bild des Kindes, das mit der harten Realität konfrontiert wird und den Glanz in seinen Augen verliert. Der verloren gegangene Glanz wird zum Mantra des Albums und die wiederkehrenden Bilder (“Glanz”, “Diamanten”, “Augen”…) verknüpfen die Songs miteinander und fügen sie zu einem Gesamtbild. Sprachaufnahmen tauchen immer wieder auf und verbinden lose Gedanken zu einer Geschichte. Auf den verlorenen Glanz folgen Depressionen, Verzweiflung, Wut und zu guter Letzt ein Stückchen Hoffnung. Hoffnung auf einen Neuanfang; die Möglichkeit, bei Null zu beginnen.
Der erste Track des Albums startet direkt mitten in die Suche nach einem Ausweg, nach einem Weg hier raus.
Es muss ihn doch geben ya einen Weg hier raus / ich muss ihn nur sehn / ein Weg hier raus
Raus aus einer Realität, die selbst längst ihren Halt verloren hat. Einer Realität, die ihren Glanz verloren hat:
Alles zerfällt ya meine Straße auch / die Leute fressen sich langsam auf / meine Brüder sind drauf / müde und taub / die Menschen werden kleiner / die Panzer werden größer
Zwischen depressiver Starre und Eskapismus sucht Apsilon nach einem Weg hinaus, um sich und die Menschen um ihn herum aus der momentanen Wirklichkeit zu retten.
In Kaputte Diamanten (feat. Berq) breitet sich die Melancholie des Albums weiter aus. Es ist das erste Feature des Albums, wobei Berqs Gesangs-Melodik einen deutlichen Gegensatz zu den Rap Parts darstellt. Zu Beginn singt Berq Kaputte Diamanten in dein’n Augen / Sag wer hat dir dein Glanz geklaut?
Diese Frage zieht sich durch das gesamte Album. Die Leichtigkeit des Lebens geht verloren und die harte Wirklichkeit prallt auf einen nieder.
Nachbar insolvent springt aus dem siebten Stock / Kopf zu doll gefickt nein ist nicht mal ein Schock
Die Diamanten in den Augen sind kaputt und haben ihren Glanz verloren, aber wertlos sind sie nicht. Passend zu der sich ausbreitenden melancholischen Stimmung und dem Weltschmerz, der immer mehr Einzug in die Wirklichkeit hat, schließt der Song mit den Worten: Weißt du, je mehr da draußen alles untergeht, hab ich das Gefühl, dass in mir etwas untergeht
Die Melancholie breitet sich in Titan weiter aus. Apsilon singt Ich bin kein Titan / in deiner Welt / bin ich nicht mal ein ganzer Mensch und passend dazu tanzt er im Musikvideo zwischendurch ohne Kopf und Hände.
Mit Glanz folgt der vielleicht experimentellste Song des Albums. Der Song sticht durch die unkonventionelle Produktion mit Vocal Chops heraus. Mit verzerrter Stimme legt er langsam los mit den Worten Es war doch nicht immer so. Vielleicht hat man einfach mit anderen Augen auf die Welt geguckt. Mit einem anderen Glanz
Der Glanz der Kindheit, der verloren gegangen ist, wird zum zentralen Thema des Songs. Apsilon rappt davon, wie die Träume der Kindheit verschwinden und das Leben nicht mehr das Gleiche ist. Und wieder geht der Glanz in den Augen verloren. Den Abschluss bildet die Konfrontation mit der harten Realität:
Als Kind hab ich mich immer gefragt, ob ich irgendwann auf den Mond fliegen werde, wie die ganzen Leute im Fernsehen. Heute frag ich mich manchmal, ob ich auf jemanden schießen würde, wenn es sein muss
Anschließend folgt mit Sommermärchen der Höhepunkt des Albums. Die Erzählung des Songs startet am 9. Geburtstag von Apsilon am 4. April 2006. Während der kleine Arda (Apsilons richtiger Name) voller Vorfreude auf die anstehende Fußball-WM ist:
Doch ich will ein weißes Trikot, und zwar das von Ballack / viele schöne Flaggen ja die Welt zu Gast bei Freunden für einen Sommer alle glücklich, alle sind jetzt Deutsche
existiert eine parallele Realität, denn am gleichen Tag wird Mehmet Kubasik in Dortmund vom NSU erschossen.
Apsilon zeigt, wie das Sommermärchen zum Albtraum wird und wie zwei Realitäten gleichzeitig existieren können. Während die einen sich freudig in den Armen liegen, trauern die anderen gemeinsam um das neunte Opfer des NSU, Halit Yozgat. Der Sommer 2006 wird zum Kernmoment des jungen Arda, der mit den Ungerechtigkeiten der Welt konfrontiert wird. Was folgt ist ein Sprung ins Jahr 2025 und ein fiktives Gespräch mit Gimse Kubasik, der Tochter von Mehmet Kubasik:
sie lächelt wieder doch / diesmal fehlt der Glanz in / ihren Augen ich guck in kaputte Diamanten
Mit Sommermärchen erzählt Apsilon eine Geschichte, die erzählt werden muss. Eine Erinnerung, die weitergetragen werden muss, von Mensch zu Mensch. Und genau das gelingt ihm mit einer Wucht, die in der heutigen Zeit wichtiger ist als je zuvor. Apsilon wird, wie schon nach Titeln wie “Koffer” und “Baba”, zum Sprachrohr der postmigrantischen Gesellschaft und bringt die Realität migrantischer Menschen auf den Punkt wie kein anderer.
Mit Rennen (ft. Summer Cem) nimmt das Album wieder Tempo auf. Sowohl textlich als auch musikalisch. Der Beat wird wieder schneller und unterstreicht damit die Line Du musst immer schneller laufen als die andren / Wie schnell muss ich renn’n / damit die Sonne nie untergeht
Doch egal, wie schnell sie rennen, die Dunkelheit ist ihnen immer auf den Fersen. Die beiden Rapper reflektieren im Track ihren jeweiligen Weg und Apsilon rechnet dabei mit der Musikindustrie ab: Ausgeladen werden bei nem Festival, weil man seine Fresse aufmacht für Palästina. Bucht ma eure Indie-Rapper, bucht ma’ eure Druffis die auf Feministen machen für ein bisschen Pussy
Er kritisiert die Szene dafür, Haltung zwar zu vermarkten, aber nur, wenn es keine Geschäftsbeziehungen gefährdet.
Ähnlich weiter geht es in Keiner von euch. Der vermutlich bekannteste Song, dadurch, dass Apsilon den Vizekanzler Lars Klingbeil direkt anspricht und ihn bittet Abstand zu halten
Bitte sag mal Vizekanzler / warum folgst du mir auf Insta / halt mal lieber bisschen Abstand
Im Song kritisiert Apsilon Symbolpolitik und grenzt sich klar ab von Politker*innen, großen Medienhäusern und einer Öffentlichkeit, die migrantische Perspektiven feiert, solange diese nicht unbequem werden. Der Song ist eine klare Provokation und schafft Distanz zu einem
bestimmten Teil seiner Fans, während gleichzeitig Nähe zu den anderen aufgebaut wird: Gott sei Dank bin ich keiner von euch / draußen mit meinem Bruder fahr den Renault wie ein Royce / schwör auf meine Mutter, ich werd keiner von euch. Er verteilt eine Absage an falsche Zugehörigkeit und performative Solidarität. Die Anspannung des Textes spiegelt sich auch musikalisch in den eher düsteren Beats wider, die fast schon wütend wirken.
Die beiden Tracks Ufo und Berg, die darauffolgen, schlagen hingegen eher wieder ruhigere Töne an und wenden sich nach Innen. Der verlorene Glanz gipfelt in Depressionen und Einsamkeit. Der Berg wird sowohl zum Symbol für Freiheit als auch für Einsamkeit.
Ghibli Freestyle (ft. Levin Liam) lockert die Stimmung wieder, der Beat gewinnt an Geschwindigkeit und Levin Liam fügt sich wie selbstverständlich in den Rhythmus des Albums.
Das überraschendste Feature des Albums ist wohl Ikkimel. Auf dem Track Souvenir (ft. Ikkimel) zeigt Ikkimel, die sonst eher für ihren Fotzenrap bekannt ist, eine neue Seite ihrer Kunstperson. Deutlich weniger auf die Fresse, stattdessen verletzlich. Das Ende des Tracks deutet einen Wandel an, während es zu Beginn noch heißt,
je mehr da draußen untergeht, hab ich das Gefühl, dass in mir etwas untergeht
heißt es nun
je mehr da draußen alles untergeht, desto mehr hab ich das Gefühl da draußen muss alles untergehen
Sowohl bei Mann im Schloss als auch bei Letzter Mensch verknüpft Apsilon persönliche Gefühle von Traurigkeit und Einsamkeit mit gesellschaftlichen Umständen. Gleichzeitig zeigt sich in Letzter Mensch ein Funken Hoffnung durch die Verbindung zu anderen Menschen in einer kaputten Welt
du bist mein letzter Menschen / du hälst meine Hände hier am Ende der Welt / uns bringt hier nicht mehr um / der Himmel über uns ist längst kaputt
Diese Hoffnung trägt sich auch in den letzten Track des Albums Null. Der Track startet mit der Line Und irgendwie glaub ich alleine schaff ich das nicht und betont damit nochmal die Wichtigkeit von Beziehung. In Null dreht sich alles um den Nullpunkt, den Punkt, an dem alles am Boden ist und der Glanz endgültig verschwunden ist.
Die Realität der Welt schlägt mit einer Wucht auf Apsilon:
mein Glanz, diese Welt hat ihn geraubt mit jedem Menschen der mich anlügt, mit jedem Krieg den sie verkaufen, mit jeder Bombe auf ein Haus, mit jeder Depression in meinem Umfeld wegen leeren Konten, hohen Mieten, hohen Preisen
Doch Apsilon sieht darin auch eine Schimmer Hoffnung: Alles auf Null, draußen wird es langsam hell. Mit der aufsteigenden Helligkeit am Horizont und der vorsichtigen Hoffnung, nochmal neu zu beginnen, endet das Album.
Mit Glanz Null beweist Apsilon wieder, warum er das Sprachrohr einer postmigrantischen Gesellschaft ist. Ungeschönt beschreibt er das Leben und die Realität vieler migrantischer Menschen. Das Album will kein bequemer Wohlfühl-Rap sein, sondern Menschen mit der unbequemen Wahrheit konfrontieren. Es will provozieren und kritisieren und dabei ganz bewusst gehört werden. Apsilon schafft es mit dem Album gesellschaftliche Gewalt, depressive Gefühle und verlorenes Vertrauen einzufangen, ohne dabei in einem Gefühl der Resignation, der Unmöglichkeit zu enden. Vielmehr birgt das Ende einen kleinen Schimmer Hoffnung, darauf, dass jemand da ist, wenn man fällt und vielleicht im richtigen Moment die Arme ausstreckt.
Label: Apsilon (Self Published) Veröffentlicht am: 23.07.2026 Interpret: Apsilon Name: Glanz Null